Auslaufmodell Deutschland

Verwöhnt und behäbig geworden von Jahren des Erfolgs, riskiert das Land, in die zweite Liga der Wirtschaftsnationen abzusteigen. Es fehlt an Innovationen und Mut zu Reformen, jetzt drohen die USA auch noch mit Zöllen gegen die deutsche Autoindustrie.

Wow, was waren das für Jahre! Ein zweites Wirtschaftswunder, eine goldene Dekade. Aufschwung, Aufschwung, Aufschwung. Deutschland, das war in den vergangenen Jahren: eine Wohlstands – maschine. Nie zuvor gab es so viele Arbeitsplätze. Nie zuvor wurde so viel exportiert. Die Löhne stiegen und stiegen. Der Staat ertrank fast in seinen Steuereinnahmen. Ein blühendes Land, der schnurrende Motor Europas. Vom Boom profitierten nicht nur ein paar Reiche. Das real verfügbare Einkommen der Deutschen ist seit Anfang der Neunzigerjahre um fast ein Fünftel gewachsen. Die Zahl der Arbeitslosen lag im April bei 2,2 Millionen – der niedrigste Wert für diesen Monat seit der Wiedervereinigung. Es waren fette Jahre, tatsächlich. Doch sie sind, wie es aussieht, bald vorbei. In den vergangenen Wochen jagte eine Alarmmeldung die nächste: Das deutsche Wachstum fiel zuletzt fast auf null, die Auftragslage der In – dustrie brach ein, die Gewinnwarnungen der Unternehmen kletterten auf einen neuen Höchststand. Und der Bundesfinanzminister stellt die Nation auf etwas ein, was sie kaum noch kennt: aufs Sparen.

Die Konjunktur trübt sich ein, wie das im Ökonomendeutsch so schön heißt. Das muss erst einmal nichts Schlimmes bedeuten. Auch nach einer Rezession, so hoffen viele Politiker, werde sich Deutschland schon berappeln, aufstehen und weiterrennen, so war es doch zuletzt immer, oder nicht? Einerseits stimmt das. Andererseits kommt in diesen Tagen in fast jedem Gespräch mit Konzernchefs, Topmanagern und Unternehmensstrategen früher oder später die gleiche besorgte Analyse: Wir Deutschen sind längst nicht mehr so gut, wie wir glauben, das deutsche Modell ist so nicht zukunftsfähig. Offen reden darüber die wenigsten, vor allem nicht die Manager der börsennotierten Konzerne, aber die Stimmung ist überall zu spüren: angespannte Nervosität, Sorge, nur selten Optimismus. »Im Ausland wird ›Made in Germany‹ zunehmend entzaubert«, warnt Wolfgang Reitzle, langjähriger BMW-Chef und heute Aufsichtsratschef des Industrieriesen Linde. »Zu vieles läuft verkehrt bei uns oder zu langsam, wir verlieren in wich – tigen Zukunftsfeldern den Anschluss. Deutschland fällt zurück, und wenn wir uns jetzt nicht anstrengen, werden wir im Wettbewerb mit den USA, China und Korea kaum bestehen können.« Ähnlich besorgt klingt der Chef des Bundesverbands der Industrie, Dieter Kempf: Deutschland habe zwar erfolgreiche Jahre hinter sich. »Doch das Umfeld wird rauer, die Konkurrenz härter. Es braucht einen selbstbewussten wirtschaftspolitischen Neustart, damit Deutschland seinen Platz in der Welt behauptet und wir das Wohlstandsniveau für die Zukunft sichern.«

Die Vorboten der Krise sind nicht zu übersehen. Fast alles, was einmal den Stolz der sogenannten Deutschland AG ausmachte, steckt knietief im Schlamassel. Volkswagen schlägt sich immer noch mit den Folgen der Dieselkrise herum. Der Bayer-Konzern, gerade noch das wertvollste deutsche Unternehmen, taumelt seit der Übernahme von Monsanto. Die Deutsche Bank ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Kriselnde Unternehmen gab es immer, kriselnde Branchen auch. Dass aber so viele gleichzeitig abgestürzt sind, kann kein Zufall sein. Deutschlands traditionelle Wirtschaft hat sich zu lange auf ihr Erfolgsmodell der Vergangenheit verlassen – und die Zukunft vernachlässigt. Gleichzeitig wuchs nichts Neues nach. Die Liste der größten börsennotieren Tech-Konzerne der Welt wird beherrscht von Unternehmen, die erst in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind, sie stammen aus den USA und aus China. Ein deutsches Unternehmen ist nicht dabei. Die er – folgreichste deutsche Gründung der Nachkriegszeit, SAP, findet sich erst auf Rang 18. Und auch die ist schon fast 50 Jahre alt.

Das alles muss sich schnell ändern, sonst droht das Hochlohnland Deutschland zerquetscht zu werden zwischen den Übermächten China und den USA, die sich in den nächsten Jahren eine Schlacht um die ökonomische Vorherrschaft liefern werden. Das erste Opfer dieser Auseinandersetzung ist die Globalisierung, der Wachstums – motor der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten. Im Ausland hat man die deutsche Krise, den allmählichen Niedergang eines ökonomischen Superstars, längst im Blick. Der britische »Economist « sieht »das goldene Zeitalter « zu Ende gehen und warnt, es sei Zeit, sich um Deutschland zu sorgen. Das US-Wirtschaftsmagazin »Bloomberg Businessweek « widmete Deutschland vor wenigen Wochen eine deprimierende Titelgeschichte. Der deutsche »Nachkriegswohlstand droht zu enden, und niemand scheint vorbereitet, etwas dagegen zu tun«, schrieb das Magazin. Die Atmosphäre im Land fühle sich an »wie die letzten Tage einer Ära«. Und der Ökonom Ashoka Mody von der amerikanischen Elite-Universität Princeton, zuvor lange Europa-Direktor beim IWF, prophezeit der Wirtschaftsna – tion Deutschland den Abstieg in die zweite Liga.