Bachfreunde aus 44 Ländern in Leipzig

LEIPZIG. Mit der h-moll-messe beendeten gestern Abend der Tölzer Knabenchor und das Pariser Ensemble Opera fuoco das Leipziger Bachfest 2019. Die 158 Veranstaltungen, die sich seit dem 14. Juni um den „Hof-compositeur Bach“drehten, erreichten rund 73000 Besucher. Das ist weniger als die 79 000 im Rekordjahr 2018, in dem wegen des spektakulären Kantaten-rings deutlich mehr Karten im Angebot waren. Aber mehr als in den Jahren vor dem Amtsantritt des Bachfestintendanten Michael Maul.

Der hat Leipzigs wichtigstes Musikfestival weiter internationalisiert. So kamen allein aus den USA 1300 Ticket-käufer, gut 700 aus den Niederlanden und jeweils über 500 aus Japan und Frankreich.

Allgegenwärtig, bestens gelaunt und mit Entertainer-qualitäten ist es Maul gelungen, den Charakter des Bachfestes weniger elitär zu gestalten und dabei dennoch die künstlerischen und wissenschaftlichen Ansprüche nicht zurückzuschrauben.

„Besonders freut mich“, sagte er gestern, „dass die internationale Bach-gemeinde aus mindestens 44 Ländern die neuen Konzertplätze am späten Nachmittag sowie die Kammermusiken und Nachtkonzerte gut angenommen hat. Das Bachfest hat nun über alle zehn Tage hinweg einen überaus international anmutenden Festspielcharakter und bietet für Besucher mehr Anlass denn je, länger in der Bach-stadt Leipzig zu verweilen.“

Künstlerisch dominierte am zweiten Festival-wochenende der kleine Kantaten-ring: 17 Weimarer Kantaten Bachs in vier Konzerten und mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Ansätzen musiziert. Diese Konzerte in der Thomaskirche, der Nikolaikirche und in der Schlosskapelle in Weißenfels erreichten eine Auslastung von 92 Prozent. Das Bachfest 2020 wird von der 1900 gegründeten Neuen Bachgesellschaft mit veranstaltet, es steht unter dem Motto „Bach – We Are Family“und erwartet vom 11. bis zum 21. Juni mehr als 40 Bach-chöre, -Vereinigungen, -Gesellschaften und -Festivals von sechs Kontinenten.

Der Kantaten-ring war der Sensationserfolg des Bachfestes 2018: die besten Kantaten Bachs von den besten Interpreten – so subjektiv in der Auswahl, so begehrt und bejubelt im Ergebnis. Weil das keineswegs abzusehen war, gibt es in diesem Jahr am zweiten Festival-wochenende das Ganze in abgespeckter Version: vier Konzerte mit Kantaten, die Bach in und für Weimar schrieb, wo er für den herzoglichen Hof zum ersten Mal in seinem Leben regelmäßig, monatlich nämlich, große geistliche Werke zu komponieren hatte.

Jung war er da, enthusiastisch, experimentierfreudig und kompositionstechnisch bereits verblüffend abgebrüht. Und weil die Weimarer Hofkapelle erstens fett besetzt war und zweitens ausgezeichnet, konnte der spätere Thomaskantor hier in die Vollen gehen. Folglich stammen einige der Kantaten, die so ziemlich jeder aufzählt, wird nach den besten gefragt, aus der Weimarer Zeit.

Hier ist die Schnittmenge zwischen großem und kleinem Kantaten-ring also groß. Bei den Interpreten indes ist sie es nicht. Denn während im letzten Jahr die Granden der Zunft, die Gardiners, Suzukis und Koopmans, die Sache unter sich ausgemacht haben, zielte Bachfest-intendant Michael Maul in diesem Jahr darauf ab, die ganze ungeheure Vielfalt der Möglichkeiten abzubilden, mit denen Musiker sich dem unerschöpflichen Kosmos von Bachs Kantatenwerk nähern.

Den Auftakt machten am Freitagabend in der ausverkauften Thomaskirche die Leipziger Heimatkräfte: die Thomaner und das Gewandhausorchester unter der Leitung von Thomaskantor Gotthold Schwarz. Im Kaleidoskop der Bachwelten stehen sie für die Koordinaten „Großer Knabenchor“und „Modernes Orchester“– und stilistisch für „wie früher“, zu einer Zeit, als aufführungspraktische Überlegungen das Musizieren in Leipzig noch nicht verkomplizierten. Tatsächlich entfaltet Gotthold Schwarz in den drei Kantaten, mit denen er den Weimarer Zyklus beginnt und die allesamt zum Prachtvollsten gehören, was Bach in diesem Genre schuf, ein Klangbild, das völlig anders gerät als das, mit dem er eine Woche zuvor am selben Ort das Bachfest 2019 eröffnete. Aber da standen ihm mit dem Freiburger Barockorchester auch erstklassige Spezialisten der historischen Aufführungspraxis zur Verfügung.

Nun scheint es dagegen, als wolle er ganz bewusst am anderen Ende der Bachexegese nach dem Rechten sehen. Voll und sämig, satt und rund, philharmonisch und mehr als nur ein bisschen selbstgefällig mahlt sich das Gewandhausorchester durch die herrlichen Monumental-kantaten „Der Himmel lacht! Die Erde jubilieret“, „Erschallet ihr Lieder“und „Ich hatte viel Bekümmernis“. Und Schwarz nimmt diesen üppigen und trägen Strom wohlgefällig entgegen. Entweder, weil er weiß, für welche Ästhetik er hier einzutreten hat im Weimarer Kantaten-ring. Oder weil er ohrenfällig machen will, dass auch er perspektivisch ein Spezial-ensemble braucht. Dass er sich am Pult nennenswert um instrumentale Transparenz, um Fluss, um dynamische Binnenproportionen, um artikulatorische Feinheiten bemühte, das kann man kaum behaupten. Das ist schon einigermaßen verwunderlich. Denn erstens liegt ihm derlei sonst sehr am Herzen, und zweitens wäre auch beim Gewandhausorchester weit mehr abrufbar, bemühte er sich nur ernsthaft darum.

Für sich genommen müssen sich die Musikerinnen und Musiker jedenfalls nichts vorwerfen lassen. Souverän prunken die Trompeten, sinnlich singt die Oboe, und der große Johann Sebastian steckt so tief in den Genen dieser Musiker, dass das Ergebnis auch dann noch bemerkenswert ist, wenn man sie einfach machen lässt. Nur waren sie aufführungspraktisch und stilistisch unter Herberg Blomstedt und Riccardo Chailly auch schon einmal sehr viel weiter.

Sei’s drum. Drei Weimarer Kantaten stehen auf dem Programm. Das kommt von cantare – singen. Und vokal geht in der drückend heißen Thomaskirche die Sonne auf an diesem Freitagabend. Weil die Thomaner mit großem Besteck all ihre Stärken auszuspielen wissen: die Reinheit ihres Klangs, die Präzision ihrer wortgezeugten Artikulation, ihre Reaktionsschnelle, das Timbre, das nur ein großer Knabenchor zu erzeugen vermag und kein anderes Ensemble auf dem Erdenrund. Überdies sind die großen Prunk-chöre dieser drei Kantaten, mit denen Bach sich hörbar für Höheres in Stellung brachte, dankbares Futter für virtuose Kehlen. Und wenn Gotthold Schwarz, der sich ja wie erwähnt nicht weiter mit dem Orchester aufhält, sie vokal durchformt, anspitzt, in Schwung bringt und die Affekte zum Leuchten, dann fällt es schon ziemlich schwer, sich dieser Art des Singens zu entziehen.

Bei den Solisten verhält es sich nicht anders. Allen voran beeindruckt der Glocken-tenor Wolfram Lattkes. Seine Höhe, seine Diktion, die virtuose Geschmeidigkeit seiner Fiorituren, die Klarheit seiner Phrasie- rung machen ihn im Prinzip zum perfekten Bach-tenor. Er muss nur aufpassen, dass die sprachliche Deutlichkeit nicht auf Kosten der Musik geht, dass er buchstabiert, statt Bögen zu ziehen. Denn sein Legato ist zu schön, als dass er es vernachlässigen dürfte. Dorothee Mields klingt ganz oben ein wenig spitz, ist aber ansonsten die barocke Sopranwonne selbst. Keine Einwände bei Susanne Langners warmem Alt und Andreas Wolfs kernigem Bass. Allesamt singen sie so sinn- lich wie inhaltlich, so schön wie lauter.

Und allesamt würden sie auch in einem instrumentalen Umfeld bestehen, das etwas weniger nach „wie früher“klingt. Ob das dann der internationalen Bach-gemeinde ebenso gut gefiele, ist eine ganz andere Fra- ge. Die alte Üppigkeit, die man kaum sonst- wo in dieser Qualität geboten bekommt, sie ist in der Thomaskirche jedenfalls für gewaltigen Jubel gut.