Bedingt pflegebereit

Im Sommer 1994 trat unser Kollege seinen Zivildienst an – 15 Monate als Pfleger in einer Reha-Klinik in Ostwestfalen. Was hat sich dort mittlerweile verändert? Und wie hat der Job ihn verändert? Eine Rückkehr .

15 Monate als Pfleger in einer Reha-Klinik in Ostwestfalen
15 Monate als Pfleger in einer Reha-Klinik in Ostwestfalen

Menschen sterben hier manchmal. Zwei waren es damals, der eine brach zusammen nach der Stuhlgymnastik, das Herz wollte nicht mehr, die Ärzte brachten es nicht wieder zum Schlagen. Der andere legte sich abends in sein Bett und wachte nicht mehr auf. Wir hatten mit den Leichen nichts zu tun, Holger war bei ihnen, bis sie abgeholt wurden, und erledigte, was nötig war. Holger war der, der alles leicht aussehen lassen konnte, und er war der, der morgens zu den schweren Fällen ging, um sie zu waschen und anzuziehen – zu denen, zu denen sonst niemand gerne ging. Denen mit den Windeln und mit den Kathetern und der Demenz. 25 Jahre ist das jetzt her, ich war Zivildienstleistender in der Reha-Klinik Bad Hopfenberg am nördlichsten Rand von Ostwestfalen. In diesem Sommer kehrte ich dorthin zurück, für zwei Wochen zog ich noch einmal das Weiße an, um als Pfleger zu arbeiten. Um zu erfahren, was sich verändert hat. Und um mich zu erinnern, wie der Zivildienst mich verändert hat.

Holger ist nicht mehr da, er hat die Klinik im vergangenen Jahr verlassen. Es sei ihm wohl alles irgendwann zu viel geworden, sagte Schwester Barbara, die Pflegedienstleiterin, die mich ein paar Wochen vor meinem erneuten Dienstantritt durch die Klinik führte. Das meiste hatte sich nicht verändert: der dicke, grüne Teppich im Foyer, die Tischdecken und der Nippes, die schweren, dunklen Möbel, die helle Pflegestation im Erdgeschoss und die übrigen Stockwerke für die Patienten, die kaum Pflege brauchen und die für ihre Zeit in der Klinik in Zimmern wohnen, die an Hotelzimmer erinnern. Die Etage für die Anwendungen, wo die alten Moorwannen stehen, die Ergotherapie-Räume, die Massageabteilung. Ein Stockwerk tiefer Speisesaal und Schwimmbad. Je länger ich durch das Gebäude geführt wurde, desto mehr fiel mir wieder ein. Der Geruch des Alters, die Erschöpfung nach mehreren Tagen Frühschicht, das Gefühl, zum ersten Mal etwas Sinnvolles zu tun.

Der erste Tag, Montag, 8. Juli 2019, Dienstbeginn um 13 Uhr: Ich bin zu früh. Damals habe ich mit dem Auto von zu Hause bis zum Parkplatz der Klinik zehn Minuten gebraucht. Heute brauche ich zwanzig und fahre um Viertel nach zwölf los, vielleicht weil ich älter bin, älter und langsamer, wahrscheinlich aber wegen der Nervosität. Als ich aus dem Auto steige und zum Eingang der Klinik gehe, stolpere ich über meine eigenen Füße.

Der erste Tag im August 1994. Als ich mit einer Mischung aus Schüchternheit und Arroganz meinen Dienst antrat und als es erst einmal nur darum ging, nicht zusammenzubrechen. Wie einfach es mir die anderen gemacht haben, vor allem Holger, der mich lobte und beleidigte, was bei ihm dasselbe war. Wie unbeholfen ich bei allem war. Wie viel Angst ich hatte. Angst, Fehler zu machen, die Patienten falsch anzufassen, Angst davor, dass ich etwas kaputt machen könnte. Vor allem Angst davor, dass ich diese 15 Monate nicht schaffe, weil mich nichts in meinem Leben auf diese Arbeit vorbereitet hatte. Ich verstand nichts von dem,was man mir erklärte, ich verlief mich in dem Haus. Wenn mich Patienten etwas fragten, wusste ich keine Antwort. Wie sollten diese Monate rumgehen, ohne dass jemand zu Schaden kommen würde?

Im Umkleideraum treffe ich Tahir, wir haben zusammen Spätdienst. Tahir, zu dem ich vor 25 Jahren Herr Fetaj gesagt habe, begrüßt mich, als sei ich nur im Urlaub gewesen. Er ist mittlerweile Rentner, aber er arbeitet einfach weiter, weil sie ihn lassen. Es mache ihm immer noch Spaß, sagt er und zuckt mit den Schultern. Ich ziehe mich um und befestige mein Namensschild an der Brusttasche.

Im Übergaberaum erklärt uns die Frühschicht, was sie getan hat und was wir zu tun haben. Patientennamen, Behandlungsmaßnahmen, Medikamentenänderungen. Ich verstehe kein Wort, höre zu, mache mir Notizen, trinke Kaffee, mein Herz schlägt schneller. Dann gehen Tahir und ich mit Schwester Barbara auf Station, und ich versuche vor allem, nicht im Weg rumzustehen. »Na komm«, sagt Schwester Barbara zu mir. »Lass uns eine Aufnahme machen.« Wir gehen in das Zimmer 1A16, ein Patient, der von seiner Frau begleitet wird während der Reha. Der Mann ist schwach, erst machte das eine Bein Probleme, dann das andere. Er würde gerne wieder mit seiner Frau tanzen, so wie damals, der Tanztee am Sonntag. Schwester Barbara fragt ihn, ob er alleine essen kann, sich selbstständig wäscht und anzieht, dann tippt sie Zahlen in einen Laptop, und am Ende hat das Programm aus den Antworten den sogenannten Barthel-Index errechnet. Mit diesem Index werden die Alltagsfähigkeiten von Patienten erfasst. 100 Punkte bedeuten, dass der Patient keine Hilfe braucht, ein Barthel von null bedeutet absolute Pflegebedürftigkeit. Der Laptop von Schwester Barbara ermittelt einen Barthel von 80. Während Schwester Barbara mit den beiden redet, räume ich ihre Sachen in die Schränke, das Ehepaar hat gepackt, als wären sie auf einer Kreuzfahrt mit Sportprogramm – Kleider, Sakkos, Jogginghosen. Nach einer halben Stunde bin ich fertig, auf dem Stationsflur kommt mir Doktor Stroband entgegen. Stroband erschien mir vor 25 Jahren alt. Heute steht er vor mir, groß, schlank, gebräunt, die grauen Haare zurückgekämmt. »Ich hörte davon. Du bist also wirklich wieder hier«, sagt er und reicht mir die Hand. »Sie auch.« »War nie weg.« Wir grinsen uns an. Damals wollte mich Doktor Stroband überreden, Medizin zu studieren, Journalismus, das sei doch Quatsch. Tatsächlich schwankte ich, wie man halt so schwankt, wenn man 19 Jahre alt ist und dachte, man wisse, wer man werden wolle.

Wir gehen zurück zum Behandlungszimmer, und ich merke, dass mein Schritt sicherer wird, dass ich anders gehe, mich anders bewege, als habe der Körper eine Erinnerung, eine Erinnerung daran, wie man sich als Zivi in einer Klinik verhält. Mit einer selbstverständlichen Lässigkeit, Kopf hoch, leichtes Tempo. Ich bringe Neuanreisende auf ihre Zimmer, schleppe Wasserkisten. Ich bringe die, die nicht selbstständig laufen können, in den Speisesaal, und denen, die nicht in den Speisesaal können, bringe ich ihr Essen aufs Zimmer. Kein Patient fragt mich, ob ich neu sei, ich trage Weiß, ich bin einer der Pfleger, vielleicht hatte ich nur ein paar Tage frei. Anders als die Angestellten wissen die Patienten nicht, dass ich Journalist bin, deswegen sind die Namen der Patienten in diesem Text geändert.

Das Abendessen hat sich in den vergangenen 25 Jahren nicht geändert, es gibt Brot, Wurst, Käse. Ich sitze zusammen mit einer Ärztin aus Tunesien, die ein Praktisches Jahr absolviert, mit Edina, einer Krankenschwester aus Serbien, die zur Probe arbeitet, um, wenn alles gut läuft, in Deutschland bleiben zu können, und mit Dos, einem Chirurgen aus Kasachstan, der in Deutschland nicht als Chirurg arbeiten kann. Anstatt zu operieren, schiebt er Rollstühle und zieht Strümpfe an. Dos ist Bufdi. Bufdis sind unsere Nachfolger, so nennt man die, die den Bundesfreiwilligendienst absolvieren. Mit den Bufdis, sagt Schwester Barbara, habe man den Wegfall der Zivis kompensieren können, das sei nicht das Problem. Aber andere Probleme seien größer. Es gebe zu wenig examinierte Pflegekräfte, und die wenigen, die es gebe, könnten sich ihre Jobs aussuchen. Und sie suchten sich Jobs aus, in denen sie nicht im Schichtdienst arbeiten müssen, in denen sie nicht mit zu alten, zu kranken Patienten zu tun haben. Denn die Patienten werden immer älter und deshalb kränker, und in den Krankenhäusern werde zu oft und zu schnell operiert, und die alten und kranken Patienten würden zu schnell entlassen, um Platz zu schaffen für neue zu alte und kranke Patienten. Und mit diesen entlassenen Patienten müssten dann die Pflegeeinrichtungen irgendwie zurechtkommen, obwohl das wenige Personal nicht gut genug ausgebildet sei, um zu tun, was nötig wäre. Nach dem Essen beginnt die Strumpfrunde: Tahir drückt mir den Laufzettel in die Hand, darauf stehen die Namen aller Patienten, die abends Hilfe brauchen beim Strümpfeausziehen und morgens beim Strümpfeanziehen. Es gibt eine Menge Strümpfe in so einer Klinik: normale Strümpfe, Stützstrümpfe, Kompressionsstrümpfe, kurze und lange. Eine Stunde bin ich unterwegs, an manchen Strümpfen brauche ich nur zu ziehen, andere erfordern Kraft, an ein paar verzweifle ich. Eine Patientin fragt mich, ob ich neu sei, ich antworte, ich sei nur länger weg gewesen. Ich sage ihr nicht, wie lange, und ich sage ihr auch nicht, dass ich vor 25 Jahren, an meinem ersten Tag, nicht in der Lage war, den Patienten die Strümpfe anzuziehen, nicht richtig jedenfalls. Mir fehlte die Technik, aber vor allem fehlte mir Mut. Der Mut, mit den Patienten zu reden, sie anzufassen, ihnen zuzuhören, der Mut, mich um sie zu kümmern.

Kurz vor dem Ende der Schicht sitzen Tahir und ich im Übergaberaum. Er redet von damals, als ich Zivi war, zusammen mit meinem Freund Björn. Wie gut wir damals gewesen seien, die besten, die hier jemals waren. Wahrscheinlich stimmt das nicht. Wahrscheinlich erinnert sich Tahir nur gern selbst an eine Zeit, als er 25 Jahre jünger war. Um 21 Uhr bin ich zu Hause. Mein Rücken tut mir weh, ich bin erschöpft, ich schreibe Björn eine Nachricht, wir haben uns lange nicht gesehen. Er ist in der Gegend geblieben, hat geheiratet, eine Tochter, am Wochenende wollen wir einen Frühdienst gemeinsam machen, unseren allerletzten.

Damals, nach dem Abitur, kam es uns so vor, als drückte jemand auf die Pausetaste unseres Lebens. Wir durften nicht hinaus in die Welt und werden, was wir werden wollten. Wir mussten tun, was der Staat von uns verlangte: Entweder 12 Monate Bundeswehr – oder 15 Monate Zivildienst, erst danach, so sahen wir das damals, wären wir frei. Kaum einer, den ich kenne, entschied sich für die Bundeswehr. Die meisten verweigerten, sie trugen bei der Musterung ihre Bedenken gegen den Dienst an der Waffe vor, außerdem mussten wir schriftlich begründen, warum wir den Wehrdienst nicht mit unserem Gewissen vereinbaren konnten. In diesen Briefen kamen fast immer Großväter vor, die im Krieg waren und die uns mit Geschichten von der Front, von Kugelhageln und Kriegsgefangenschaft in unserem Beschluss bestärkt hätten. Tatsächlich haben Großväter geschwiegen, und wir haben nicht gefragt. Unsere Entscheidung für den Zivildienst entsprang nicht der tiefsten Überzeugung unserer pazifistischen Herzen – zur Bundeswehr zu gehen war einfach das Uncoolste, was wir uns vorstellen konnten. Uniform tragen, sich anschreien lassen, mit Vollidioten ein Zimmer teilen, durch Schlamm robben, Befehle ausführen, Unmengen Bier trinken, peinliche Kopfbedeckungen. Björn und ich verweigerten, machten Abitur, schliefen danach ein paar Wochen, als hätten wir die härteste und schlimmste Prüfung unseres Lebens bereits hinter uns, und meldeten uns schließlich zum Dienst. Wir hatten ja keine Ahnung.

Der zweite Tag, Dienstag, 9. Juli 2019, Dienstbeginn um 13 Uhr: Im Übergaberaum werden schlechte Witze erzählt, die natürlich gut sind, es wird schlechter Kaffee getrunken, der natürlich fantastisch schmeckt, und wie nebenbei geht es um die Dinge des Tages. Alles wird besprochen, es gibt keine Mails, keine schriftlichen Nachrichten, man redet. Über Frau Thielking, deren Insulinwerte verrücktspielen und die der Diabetes fast blind gemacht hat. Über Frau Raumers, die heute angereist ist, im Rollstuhl sitzt und der ein wenig der Mut abhandengekommen ist. Über Frau Dobinski, die die Sache mit der Stuhlprobe falsch verstanden hat und der Schwester Papiertücher überreichen wollte. Über Frau Stellbrink, die verlegt wurde, weil man sich hier einfach nicht mehr um sie kümmern konnte.

Nach der Besprechung unterhalte ich mich mit Marc. Marc war bis vor einem Jahr Bufdi. Als sein Dienst zu Ende war, ist er einfach geblieben. Er arbeitet jetzt als Hilfspfleger, bis er weiß, was er vom Leben will. Er hat die Schule kurz vor dem Abitur verlassen, seitdem taumelt er ein bisschen. Wir kümmern uns um die Neuanreisen, füllen die Vorräte an Pflastern und Mullbinden auf, holen Wasserkisten aus dem Keller. Tahir erzählt, dass er sich eine Wohnung im Kosovo gekauft hat, dort ist er aufgewachsen, bis er in den Siebzigerjahren nach Deutschland kam, kein Wort verstand und anfing, Fernsehen zu schauen, so lange, bis er Deutsch konnte. Deshalb weigert er sich, mit Edina serbisch zu sprechen. Sie müsse die Sprache üben, jeden Tag, denn die Handgriffe, das Wissen, das sei das eine – aber mit den Patienten zu reden, ihnen zuzuhören, sie zu trösten, das sei das andere, und das andere sei wichtiger.

Das war nie anders, und es wird auch nie anders werden. Reden, zuhören, verstehen. Damals, vor 25 Jahren, war es manchmal nicht einfach zwischen uns Zivis und einigen Patienten. Da gab es alte Männer, die im Krieg gewesen waren und aus diesem Krieg nie richtig zurückgekommen sind. Die uns Zivis mit Verachtung strafen wollten. Für die wir Drückeberger waren, Vaterlandsverräter. Einer fragte mich mal, als ich ihm die Windeln wechselte, warum ich nicht dienen würde. Ich fragte ihn, was er denn denke, was ich gerade tue, und er sagte, dass das keine Arbeit für einen deutschen Mann sei. Holger sagte dann, wir sollten nicht mehr zu denen gehen. Er werde das erledigen.

Der dritte Tag, Mittwoch, 10. Juli 2019, Dienstbeginn um 6 Uhr: Ich fahre durch den stillen ostwestfälischen Morgen, die Sonne geht irgendwo auf, ich ertrage das Radioprogramm nicht um diese Uhrzeit.

Um Viertel vor sechs bin ich in Weiß, gehe zur Übergabe vom Nachtdienst zum Frühdienst. Jemand ist in der Nacht gestürzt, nichts Schlimmes. Die Diabetes-Werte von Frau Thielking spielen immer noch verrückt, die Medikamente von Frau Raumers wurden neu eingestellt. Dann die Strumpftour. Der Geruch morgens in den Zimmern, vor allem in den Zimmern der Männer, die nicht duschen, die nicht lüften – auf nüchternen Magen eine Herausforderung. Um halb acht bringe ich meine Patienten zum Frühstück, trinke meinen vierten Kaffee, schaue Schwester Kata neidisch hinterher, die zum Rauchen auf die Terrasse geht. Vor 25 Jahren habe ich noch geraucht, die Zigarettenpausen gaben der Schicht eine Struktur, sie waren kleine Fluchten, absurderweise eine Art Luftholen. Fast alle meine Kolleginnen und Kollegen rauchen, im Übergabezimmer liegen ihre Zigarrenschachteln, Big Box, als müsse man vorbereitet sein auf schwere Zeiten.

Um kurz vor neun hat Schwester Barbara schlechte Laune. Sie sitzt über dem Dienstplan des kommenden Monats, sie muss die Arbeit verteilen und weiß nicht, wie, es ist Urlaubszeit, ganze Tage sind bisher unterbesetzt, fast jede Schwester, jeder Pfleger hat einen Haufen Überstunden angesammelt, anders sei es nicht zu schaffen.

Ich bringe zwei Neuanreisen auf die Zimmer und begleite Frau Thielking zu ihren Anwendungen. Die Handgriffe sitzen, der Gang ist sicher, die Sprache von damals ist zu mir zurückgekommen, so als habe man ein Gedächtnis, in dem Abläufe gespeichert sind, Wörter, Fähigkeiten, von denen ich nicht wusste, dass ich sie noch besitze. Sie waren nie weg. Und doch werde ich sie nach zehn Tagen nicht mehr brauchen. Ich bin kein Krankenpfleger, ich war nie einer, und ich werde auch nie einer sein. Nur weil ich für die Dauer von zwei Wochen diesen Job noch einmal mache, habe ich keine Ahnung von dem Leben eines Krankenpflegers. Ich bin eher wie ein Schauspieler, der sich zur Vorbereitung einer Rolle für ein paar Tage aus seinem Leben verabschiedet. Als Daniel Day-Lewis in Gangs of New York einen Metzger spielte, arbeitete er zuvor in einer Metzgerei, aber er blieb ein Schauspieler, der einen Metzger spielt. Ich sitze im Schwesternzimmer und schreibe in mein Notizheft. Dass das Alter, die Gebrechen, der Verfall – dass all das vor 25 Jahren sehr weit weg war, so weit, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Und jetzt sind diese Dinge 25 Jahre näher an mich herangerückt. Die Patienten sind mir näher als damals, ich bin ihnen näher gekommen. Und dennoch nennen sie mich »junger Mann«, so wie damals. Bin ich das in ihren Augen noch? Damals sagten die Patienten manchmal, ich hätte ja mein Leben noch vor mir, und darin schwang immer ein bisschen Bedauern, ein wenig Wehmut mit. Manchmal auch Neid. »So wie Sie würde ich auch gerne noch durch die Gegend rennen! « Und vielleicht war es auch ein bisschen Theater, wenn wir versucht haben, unsere Aufgaben mit Schwung und Lässigkeit zu bewältigen. Wir standen auf einer Bühne und führten den Patienten vor, wozu Jugend in der Lage war.

Noch eine Sache notiere ich: Wenn die Schwestern und Pfleger über die Ärzte reden, dann nur mit dem Nachnamen, sie bekommen kein »Doktor«, kein »Herr«, kein »Frau« davor spendiert. Die Patienten hingegen immer. Vielleicht ein sprachlicher Versuch, ihre Würde aufrechtzuerhalten. Um 13 Uhr sitze ich im Übergaberaum, und heute ist es an mir, dem Spätdienst zu berichten, wie es in der Früh war. Schwester Barbara ergänzt, korrigiert.

Der vierte Tag, Donnerstag, 11. Juli 2019, Dienstbeginn um 6 Uhr: Ich habe Rückenschmerzen, die rechte Wade tut mir weh. Der Kaffee schmeckt mir immer besser. Die Nachtschicht berichtet, dass eine Patientin auf ihrem Zimmer geraucht habe. Sie ist Alkoholikerin, wahrscheinlich auch schmerzmittelabhängig, sie könne nicht bleiben. Ein anderer Patient habe berichtet, er sei von seiner dementen Frau vergiftet worden, wohl aus Versehen, wie er meinte. Die Strumpfrunde dauert länger als sonst, ich habe Probleme, meine Patienten pünktlich in den Speisesaal zu bringen, meine Laune ist schlecht. Ich unterhalte mich mit Thorsten, er macht gerade eine Weiterbildung, um Pflegedienstleiter zu werden. Thorsten war drei Jahre nach uns Zivi in Hopfenberg, er hat Schreiner gelernt, aber für diese Arbeit, sagt er, sei er zu groß. Er ist mit Holger befreundet seit seiner Zivildienstzeit. Er sagt, er könne verstehen, warum Holger nicht mehr konnte, nicht mehr wollte.

29 Jahre war Holger Pfleger in Bad Hopfenberg. 29 Jahre im Schichtdienst, zum Schluss war er Stationsleiter. Heute steht er an einer Maschine, geregelte Arbeitszeiten, mehr Geld, Brückentage, er geht auf die 60 zu. Als ich mit ihm telefoniere, ein paar Wochen nach meinem erneuten Dienst, sagt er, es sei an der Zeit gewesen, an sich selbst zu denken. Holger dachte damals nie an sich selbst. Er schmiss sich rein in diesen Job, aber irgendwann begann der Job ihn rauszuschmeißen. »Ich konnte das alles mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren.« Es seien zu viele Patienten geworden, Patienten, die in einer Reha-Klinik eigentlich nichts verloren hätten. Und im Team seien sie irgendwann zu wenige geworden, die Arbeit sei nicht mehr zu schaffen gewesen, jedenfalls nicht so, wie er diese Arbeit versteht. »Wenn du selber das Gefühl von Hilflosigkeit hast, obwohl es doch eigentlich deine Aufgabe ist, zu helfen, dann muss sich das so schnell wie möglich ändern.« Ich frage ihn, ob es ihm fehlt, der Job, die Patienten. »Natürlich«, sagt er. Und es klingt so, als werde noch ein »aber« kommen.

Der fünfte Tag, Freitag, 12. Juli 2019, Dienstbeginn um 13 Uhr: Auf der Pflegestation herrscht an diesem Nachmittag eine gewisse Aufgeregtheit, denn am Abend hat Schwester Barbara zu sich in den Garten geladen, ein Grillfest, ich solle nach dem Spätdienst noch vorbeikommen. Die Feste von Bad Hopfenberg. Die meisten endeten im Klinik-Schwimmbad oder mit dem Frühdienst. Ich verspreche zu kommen und nehme mir vor, nach einer Stunde zu gehen.

Vor 25 Jahren gab es nur zwei Tage, an denen die Neuanreisen kamen, am Dienstag und am Donnerstag. Mittlerweile kommen sie jeden Tag, heute sind es besonders viele. Männer um die 50 sind am schlimmsten. Sie sind meist unselbstständig, sie wollen wissen, wo man rauchen kann und warum der Handyempfang so schlecht ist. Manche wollen, dass wir ihre Sachen in die Schränke räumen, obwohl sie dazu selbst in der Lage wären. Sie verlangen nach einem zweiten Kissen, einer anderen Decke und sind mit der Größe ihres Fernsehers unzufrieden. Ich bin froh, als ich um halb sechs meine Patienten zum Essen bringen kann, vor den Fahrstühlen staut es sich zu den Mahlzeiten immer, weil auch die, die Treppen steigen können, lieber den Fahrstuhl nutzen. Ich stehe mit Frau Raumers davor und warte. »Ich habe zu Hause einen Hund.« »Ach. Wie heißt der denn?« »Vier Jahre.« Um halb neun komme ich bei Schwester Barbara an. Die Gäste sitzen auf der Terrasse, auf den Tischen stehen Bierfässchen, daneben liegen Big-Box-Zigarettenschachteln, aus Lautsprechern ertönen die Lieder des Best of Abba-Albums. Das halbe Klinikpersonal ist da, sie reden, lachen, rauchen und trinken. Ich setze mich an einen Tisch dazu, den Gesprächen kann ich nicht folgen, es geht um vergangene Partys, um Fehltritte von Ärzten, um Gerüchte. Nichts, was in diese Geschichte gehört. Als ich gehen will, hält mir jemand ein Tablett hin mit gefüllten Schnapsgläsern. Ich frage, was denn da drin sei. »Wodka Nimm 2.« »Entschuldigung?« »Ein Nimm-2-Bonbon, Wodka drauf, fertig. Was trinkt ihr denn in Berlin?«

Der sechste Tag, Samstag, 13. Juli 2019, Dienstbeginn um 6 Uhr: An der Tür der Klinik steht Björn. Wir haben uns aus den Augen verloren, aber für einige Jahre war es eine große Freundschaft. Unser gemeinsamer Zivildienst war der Höhepunkt, besser konnte es nicht werden, vielleicht war es deshalb danach vorbei. Wir nehmen uns zur Begrüßung ungelenk in den Arm.

Als wir in Weiß den Besprechungsraum betreten, fängt Tahir an zu lachen. Was sieht er? Woran erinnert er sich? Wir trinken Kaffee, hören uns die Übergabe der Nachtschicht an und beginnen die Strumpfrunde. Björn ist fast schüchtern, zunächst bleibt er im Türrahmen stehen, und als ich ihn frage, ob er auch mal will, lehnt er dankend ab. Björn und ich hatten ein Ritual, wenn wir die Patienten in den Speisesaal gebracht hatten und alleine mit dem Fahrstuhl wieder nach oben fuhren. Der Beastie-Boys-Hit Sabotage war der Soundtrack unseres Zivildienstes, und wenn sich die Fahrstuhltüren geschlossen hatten, sprangen wir in die Luft, zupften einen imaginären Bass und brüllten »I can’t stand it, I know you planned it / I’mma set it straight, this Watergate / I can’t stand rockin’ when I’m in here / Cause your crystal ball ain’t so crystal clear / So while you sit back and wonder why / I got this fuckin’ thorn in my side / Oh my god, it’s a mirage / I’m tellin’ y’all, it’s sabotage.« Aber als wir es diesmal wieder wagen, stellen wir fest, dass wir den Text vergessen haben.

Wir sitzen auf der Terrasse, vor uns Felder, dahinter die Weser, auf der anderen Seite das Lahder Kraftwerk. Vor 25 Jahren haben wir hier geraucht und die Welt dafür verflucht, dass wir bleiben mussten, während die Frauen, mit denen wir Abitur gemacht hatten, in die wir verknallt waren, die uns in heimlichen Momenten geküsst hatten, längst woanders waren. In Münster, in Konstanz, auf irgendwelchen Universitäten, wo sie ältere Jungs kennenlernten, sich verknallten und sie in nicht mehr ganz so heimlichen Momenten küssten. Sie waren bereits in unserer Zukunft angekommen. Wir waren in der Gegenwart gefangen. Ich wollte Journalist werden, Björn wollte Jura studieren, wir träumten von einem Leben jenseits von Ostwestfalen. Aber noch gehörten wir dem Staat, der es als unsere Pflicht ansah, unseren Dienst an der Gesellschaft zu leisten. Nach und nach ahnten wir, was dieser Dienst tatsächlich war: eine 15-monatige Lektion in Demut. Denn als wir unseren Dienst antraten, im August 1994, waren wir arrogante 19-Jährige, die dachten, nur weil sie ein mittelmäßiges Abitur in der Tasche hatten, würde die Welt auf sie warten .Aber die Welt wartete nicht. Wer wartete, waren die Patienten, damit wir uns um sie kümmerten. Ich frage Björn, ob er sich noch an unsere ersten Wochen erinnern kann. Als wir zum ersten Mal morgens in das Zimmer einer Patientin gingen, die zu schwach war, um in der Nacht auf die Toilette zu gehen. An den Geruch in den Zimmern. An die Schmerzen der Patienten, wenn sie gestürzt waren. An die Scham der Patientinnen, wenn wir sie wuschen. An unsere Hilflosigkeit, wenn wir nicht wussten, was das Richtige ist. Daran, dass wir nach einem Monat dachten, wir würden das nicht durchhalten, völlig undenkbar. Björn sagt, er könne sich an alles erinnern, aber auch daran, dass es irgendwann nicht mehr um uns ging, sondern um etwas anderes. Dass etwas kippte. In die richtige Richtung. Dass einem der Geruch nichts mehr ausgemacht hat. An die Dankbarkeit. An die Notwendigkeit. An das Gefühl, das wir hatten, wenn ein Patient im Rollstuhl zu uns kam und nach drei Wochen durch die Klinik ging. An die stolze Erschöpfung, wenn eine Schicht vorbei war. Daran, wer wir waren, als unser Dienst begann, und daran, wer wir waren, als unser Dienst endete. Denn auch wir kamen als eine Art Patienten in diese Klinik, unsere Gebrechen waren Schnöseltum und Selbstüberschätzung. Es mangelte uns an Empathie. Vor allem aber hatten wir Angst: Angst vor der Welt außerhalb eines Gymnasiums und unserer Kinderzimmer. Diese Angst haben wir uns natürlich niemals eingestanden, aber sie prägte die ersten Wochen unseres Zivildienstes. An manchen Abenden hielten wir uns für unfähig, für untauglich, aber wir machten weiter, weil es keine andere Möglichkeit gab. Und mit jedem Tag wurden wir etwas fähiger, etwas tauglicher, nicht nur für den Dienst, sondern für alles, was uns danach erwarten würde.

»Weißt du noch, dass es uns damals verboten war, zu laufen?«, fragt mich Björn. »Anordnung der Geschäftsführung. Wir durften nicht laufen. Nur gehen. Und bei einem Notfall etwas zügiger. Und das mit diesen Sandalen. Turnschuhe waren ja auch verboten.« Und dann fielen uns Namen von Patienten ein, von Ärzten, die nur kurz hier gearbeitet hatten, wir erzählten uns kleine Geschichten von früher, die jetzt auf dieser Terrasse immer größer wurden, immer unglaublicher. Dieser eine Frühdienst, zu dem wir direkt von einer Party kamen, im Taxi, die McDonald’s- Tüte noch in der Hand. Wie wir uns einmal gegenseitig Kochsalzlösung in die Oberarme spritzten, weil wir dachten, es sei doch sinnvoll, wenn wir das könnten.

Der siebte Tag, Montag, 15. Juli 2019, Dienstbeginn um 6 Uhr: Alles scheint heute Morgen schneller zu gehen. Das Aufstehen, das Duschen, das Anziehen – sogar die Strumpfrunde bringe ich in aberwitzigem Tempo hinter mich. Dann, nachdem die Patienten vom Frühstück wieder oben sind, stehe ich im Zimmer von Frau Raumers, und sie drückt mir zehn Euro in die Hand. »Für Sie«, sagt Frau Raumers, und ich bin zunächst gerührt und auch ein bisschen stolz, aber als ich aus ihrem Zimmer gehe, fühle ich mich wie ein Betrüger. Ich habe mir diese zehn Euro ergaunert, unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen. Kurz überlege ich, ob ich Frau Raumers die zehn Euro wiedergebe und ihr alles gestehe. Dass ich kein Pfleger bin, sondern ein Journalist, der hier vor 25 Jahren Zivi war und nur für eine Geschichte zurückgekommen ist. Der in drei Tagen verschwindet und nie wiederkommt. Der dann an seinem Schreibtisch sitzt, Magazine plant, Reportagen redigiert, Texte schreibt. Der für diese Arbeit mehr Geld bekommt als Schwester Barbara, vielleicht sogar mehr als Stroband. Der diese zehn Euro nicht annehmen kann, weil er sie nicht verdient hat. Aber ich gehe nicht zurück in das Zimmer, ich gehe zu Schwester Barbara und gebe ihr die zehn Euro. »Von Frau Raumers«, sage ich. »Für uns.«

Heute ist der erste Arbeitstag einer Schwesternschülerin und eines Krankenpflegerschülers. Sie werden von Thorsten mit den legendären Worten begrüßt: »Wir sitzen, ihr rennt, herzlich willkommen.« Ich renne auch, Neuaufnahmen, Wasserkisten, später sitze ich im Behandlungszimmer, ich bin alleine, wechsle Verbände, lege neue Pflaster an, Kompressionsstrümpfe. Ich soll schauen, ob eine Narbe nässt, und mal nachfragen, wo denn die Medikamente bleiben. Im Nebenzimmer sitzt Schwester Barbara über dem Dienstplan, er ist immer noch nicht fertig. Sie fragt mich, an welchen Wochenenden im August ich Zeit hätte. Es ist nur teilweise ein Scherz.

Der achte Tag, Dienstag, 16. Juli 2019, Dienstbeginn um 6 Uhr: Bei der Übergabe erfahren wir, dass Herr Springer auf unsere Station verlegt wurde. Ich kenne Herrn Springer von der Strumpfrunde, er wirkte immer fit, schaffte bis auf die Strümpfe alles alleine. Aber in der Nacht sei sein Blutzucker explodiert, er habe am Abend Marmelade wie aus Eimern gegessen, erzählt man sich. Nachdem ich den fantastisch schlechten Kaffee ausgetrunken habe, beginne ich die letzte Strumpfrunde meines Lebens. In jedem Zimmer bleibe ich länger, als ich müsste. Beim Begleiten der Patienten zum Frühstück lasse ich mir mehr Zeit als sonst. Ich scheine jede meiner Aufgaben genießen zu wollen, weil ich weiß, dass ich sie nie wieder tun werde. Als ich um halb zwei das Weiße ausziehe, habe ich das Gefühl, dass dieser Morgen zu schnell geendet hat.

Der neunte Tag, Mittwoch, 17. Juli 2019, Dienstbeginn um 20 Uhr: Ich halte auf halber Strecke zur Klinik und steige kurz aus. Jetzt stehe ich auf einem kleinen Acker am nördlichen Rand von Ostwestfalen, wo die Landschaft noch ein bisschen langweiliger ist und sich die Menschen überhaupt keine Mühe geben, ihre Häuser schmuck aussehen zu lassen. Protestantisches Herzland, Paderborn, die Stadt, die katholischer ist als der Papst, liegt weiter südlich. Es ist einer dieser Abende, an denen ich in Berlin vielleicht essen gehen würde oder noch auf ein Getränk. Wo man zusammensitzt und versucht, so geistreich und gleichzeitig desinteressiert zu wirken, wie man das jahrelang geübt hat. Wo man über Dinge redet, von denen man glaubt, dass sie mit dem eigenen Leben zu tun haben – in Wahrheit sind sie aber völlig egal. Manchmal, wenn wir über unsere Arbeit reden, wie anstrengend manches sei, wie fehleranfällig, sagt einer dann, dass Journalismus immerhin keine Herzchirurgie sei. Niemand sterbe. Nachtschicht. Mit Schwester Andrea und Schwester Dagmar. Mit Dagmar habe ich bereits als Zivi zusammengearbeitet, sie ist eine resolute Frau, die gerne erzählt, viel raucht und einiges hinter sich hat. Mittlerweile macht sie nur noch Nachtschichten. Vor 25 Jahren haben Schwester Dagmar und ich über Weihnachten Nachtschicht gehabt, damals stellten wir uns irgendwann einen Fernseher ins Zimmer. Ich erinnere mich, dass im Haus alles ruhig war, zweimal machte ich Kontrollgänge, manchmal dösten wir nur ein wenig vor uns hin. Notfälle waren selten; wenn es doch mal klingelte, musste jemand aufs Klo oder wollte eine Schlaftablette.

Nachdem wir Kaffee getrunken haben, verteilen wir die Nachtmedikation. Danach schließe ich die Terrassentüren auf den einzelnen Stockwerken ab, die Sonne geht unter, es ist warm, in Gedanken bin ich woanders.Dagmar und Andrea haben sich etwas zu essen mitgebracht, daran habe ich nicht gedacht, ich trinke Kaffee gegen den Hunger. Frau Becker klingelt, sie müsse »groß«, sie hat einen Katheter, vorsichtig helfe ich ihr aus dem Bett, mit der linken Hand nehme ich den Beutel, bleibe neben ihr an der Toilette stehen, nach zwei Minuten habe ich den Verdacht, dass sie eingeschlafen ist. »Falscher Alarm«, sagt sie schließlich, und in Trippelschritten bringe ich sie zurück in ihr Bett.

Die Nacht ist unruhig, es klingelt oft, Patienten klagen über Schmerzen, sie bekommen Novalgin-Tropfen. Wenn Dagmar und Andrea zum Rauchen gehen, dann hoffe ich, dass es still bleibt. Zum ersten Mal fühle ich mich den Aufgaben nicht gewachsen, ich spüre Unsicherheit, Müdigkeit, die Nacht zehrt an mir, ich gehöre nicht hierher. Ich versuche mir Notizen zu machen – später werde ich erkennen, dass sie keinen Sinn ergeben. Ich male einen Schmetterling. Ich würde mich gerne hinlegen, aber das kommt mir falsch vor. Die Stunden ziehen sich, wir brühen schlechten Kaffee für die Frühschicht. Um halb fünf geht die Sonne auf, ich mache mich auf den Weg, um die Terrassentüren aufzuschließen. Das Morgenrot, die Vögel, die singen, die ersten Autos auf der B 61. Um fünf Uhr erwacht zaghaft das Haus, Patienten kommen aus ihren Zimmern, sie können oder wollen nicht mehr liegen bleiben, gehen spazieren, rauchen, die Reinigungskräfte beginnen ihre Arbeit. Die Frühschicht ist da, Übergabe, die Fakten der Nacht, meine Erschöpfung, der Wunsch zu schlafen.

Der zehnte Tag, Donnerstag, 18. Juli 2019, Dienstende: Um sieben Uhr lege ich mich ins Bett, um elf Uhr wache ich auf. Ich sehe meine Notizen durch. Dusche, trinke einen guten Kaffee, der mir nicht schmeckt. Um halb eins fahre ich in die Klinik. Ich räume den Spind leer, das Namensschild stecke ich in meine Tasche. Schwester Barbara umarmt mich, ich verabschiede mich von Tahir, von Stroband, ich sage Thorsten, er solle Holger von mir grüßen. Er soll ihm sagen, dass ich ihn vermisst habe. Oder habe ich es vermisst, 19 Jahre alt zu sein und all das zum ersten Mal zu tun? Und waren diese zwei Wochen wirklich das letzte Mal, oder kehre ich vielleiht doch einmal zurück? Wäre es vielleicht sogar richtig, wenn alle ehemaligen Zivildienstleistenden im Laufe ihres Lebens hin und wieder zurückkehren an den Ort, auf den sie nicht vorbereitet waren? Alle fünf Jahre für zwei Wochen. Pausetaste, Dienst, Überforderung, Erschöpfung, Rückkehr. Einmal raus aus dem Leben, in das man sich mittlerweile so verkrochen hat wie in das Zimmer seiner Jugend, bevor der Dienst begann. Ich gehe nicht zu den Patienten, vielleicht werden sie in ein paar Tagen fragen, wo ich denn sei, wahrscheinlich ist es ihnen aber völlig egal, weil hoffentlich jemand anderes bei ihnen ist und hilft, denn nur darum geht es. Ich verlasse die Klinik, zum letzten Mal, jetzt wirklich, ich kehre zurück in das Leben, das begann, als mein Zivildienst endete. Niemand ist gestorben.