Chefs im Unrecht

Die Anzahl der Fälle und die Kosten im Bereich Organhaftpflicht sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Ein Grund: Prozessfinanzierer erwarten ansprechende Renditen.

Executives bei der UBS (mehrfach), bei der Credit Suisse und bei Google hatten sich gegenüber Angestellten sexuell übergriffig gezeigt. Gemäss einem Bericht der «SonntagsZeitung» gibt es alleine dazu in der Schweiz jährlich rund 1100 Fälle (oft kommt es aus unterschiedlichen Gründen nicht zu einer Anklage). Hinzu kommen die grossen Datendiebstähle: Die Hotelkette Marriott musste genauso wie die US-Krankenkasse Anthem, die Plattform Ebay oder die Bank JP Morgan Datendiebstähle melden. Die Kosten der einzelnen Fälle: zwischen mehreren zehntausend Franken bis zu tiefen Milliardenbeträgen. Nach den ersten Reaktionen – Rauswurf der mutmasslichen Täter bei Übergriffen, Abdichten der IT-Schwachstellen bei Hacker-Attacken – stellt sich bei betroffenen Firmen oft die Frage: Wozu hat man denn eine Directors & Officers (D&O)-Versicherung abgeschlossen, die verspricht, finanzielle Schäden in solchen Fällen zu decken?

Mehr Organhaftpflichtfälle
Tatsächlich sind die D&O-Fallzahlen in den vergangenen zwei Jahren gegenüber den Vorjahren massiv gestiegen, wie aus einer Auswertung der Marktforschungsfirma Cornerstone Research hervorgeht: Alleine 2018 waren es in den USA rund 400 Fälle, bei denen diese Policen beansprucht wurden. In den «ruhigen» Jahren nach 2005 waren weniger als 200 Fälle registriert worden. Gemäss einer Analyse des Beratungsunternehmens Nera Research lag die Schadensumme 2018 durchschnittlich bei 13 Millionen Dollar – ebenfalls deutlich höher als in den Vorjahren.

Auch bei Zurich Insurance, einem der grossen globalen Anbieter in diesem Bereich, verzeichnete man in den vergangenen Jahren eine starke Zunahme der Schadenhöhe um 83 Prozent. Im Fall von Wells Fargo, einer grossen US-Retailbank, bei der es zu massenhaften Fälschungen um fiktive Konten gekommen war, wurden beispielsweise 240 Millionen Dollar ausbezahlt. In dieser speziellen Konstellation hatten die Aktionäre die Chefs im Namen der Bank, die ihnen gehört (viele Führungskräfte vergessen das), verklagt. Höhere und häufigere Auszahlungen betreffen einen globalen Prämienpool, den die Analysten von Morgan Stanley auf rund 15 Milliarden Dollar weltweit veranschlagen. Gemäss einer Übersicht der US-Versicherung Chubb sind die Prämien indes nicht gestiegen. Gemäss Branchenschätzungen waren die D&O-Linien in den vergangenen Jahren defizitär, weil man die gestiegene Belastung nicht antizipiert hatte und unter-reserviert war. Erste Versicherungen wie die britische Hiscox, die in den USA im Firmengeschäft sehr aktiv ist, haben deshalb ihre Aktivitäten beim Verkauf von D&O-Policen deutlich reduziert.

Keine Zunahme trotz «Me Too» «Die Anzahl Organhaftpflichtansprüche ist klar zunehmend», bestätigt Axa-Sprecherin Nicole Horbelt für den Schweizer Markt. «Wir sehen eine Verdreifachung in den vergangenen sechs Jahren.» «Wir haben in unterschiedlichen Märkten einen Anstieg der Fälle festgestellt», sagt auch Luca Ravazzolo, Global Underwriting Officer im Bereich Commercial Insurance bei Zurich Insurance. «Grund war eine Zunahme des Aktivismus gegen Firmenleiter, in Kombination mit einem höheren Bewusstsein, dass man mit der D&O-Police auch Verantwortlichkeiten von Führungskräften oder der Firma angehen kann.» Hinzu kam eine Ausweitung der abgedeckten möglichen Ansprüche. «In der Schweiz hingegen blieb die Anzahl der D&O-Ansprüche und der Fälle, die sich gegen Firmenchefs richteten, in den vergangenen Jahren relativ stabil », so Ravazzolo weiter.

Bei Zurich sieht man keine Zunahme der D&O-Ansprüche in Folge der «Me Too»-Bewegung. Ravazzolo: «Es gab indes jeweils einzelne Wellen von Ansprüchen aufgrund von Verhaltensproblemen in einzelnen Industrien wie den Libor-Zins-Manipulationen, der Subprime-Krise, der Finanzkrise oder der Staatsverschuldungskrise, die jeweils zu einem Anstieg der Bankrott-Fälle geführt hatten.» Gemäss Horbelt sind die Schadensummen aufgrund des Grossschadenspotenzials stark vom Einzelfall abhängig; die Bearbeitung von Organhaftpf lichtansprüchen nehme meistens mehrere Jahre in Anspruch. Am meisten verbreitet seien die Konkursfälle. Darüber hinaus gebe es eine Vielzahl weniger oft vorkommender Gründe. Einen «Me Too»-Effekt erkennt man in der Schweiz nicht. «Deshalb ist eine Aussage zur Schadenentwicklung in diesem Sinne nicht möglich», so Horbelt.

Anhaltender Preisdruck
Im KMU-Segment sind gemäss Axa die Prämien stabil, nachdem sich das Prämienniveau in den vergangenen Jahren laufend gesenkt hatte. «Im Segment der international tätigen Grosskonzerne ist das Prämienniveau wieder steigend», weiss Nicole Horbelt, «das trifft vor allem dann zu, wenn US-Risiken mitversichert werden. » «Bis vor 12 bis 18 Monaten gab es bei D&O-Versicherungen einen generellen Rückgang der Prämien», ergänzt Ravazzolo. Dieser Trend war seit 2010 spürbar. Inzwischen haben sich die Verhältnisse verändert. Das betrifft vor allem die grösseren und exponierteren Fälle bei öffentlich gelisteten Industriefirmen aus den Bereichen Pharma, Biotech, Life Science, Hightech, Medien und Finanzdienstleistern. Bei den kleineren Firmen, die nicht in den USA präsent sind, bei privat gehaltenen Unternehmen und bei Firmen aus weiteren Segmenten gibt es laut Luca Ravazzolo dagegen keine Stabilisierung der Prämien. «In der Schweiz, wo wir eine relativ stabile Situation bei den Ansprüchen haben, entwickeln sich auch die Prämien stabil, ausser wenn es um die Deckung der exponiertesten Risiken geht», weiss der Experte.

Laut Ravazzolo gibt es ein höheres Interesse für D&O-Policen bei kleineren Firmen, die sich zuvor nicht um solche Deckungen gekümmert hatten. Diese kleineren Unternehmen würden oft Policen-Bündel kaufen, bei denen nicht nur die Schäden im Rahmen der D&O-Versicherungen, sondern weitere, nicht-traditionelle Schäden gedeckt sind. «Generell kaufen alle grösseren gelisteten Firmen D&O-Policen.» Es gab indes bei den grösseren Käufern eine Verschiebung: Die gekaufte Deckung ist etwa gleich geblieben, mit einer höheren Nachfrage nach Zusatzdeckungen für einzelne Personen.

Das mag auch an einer immer häufigeren Konstellation liegen: Gemäss Luca Ravazzolo klagen immer öfter die Aktionäre gegen die Chefetagen oder einzelne Top-Manager von Firmen, wenn diese Entschädigungen für stark gefallene Aktienpreise verlangen. «Darüber hinaus sehen wir aber auch mehr Untersuchungen und Anklagen, bei denen Firmen gegen ihre eigenen Chefs klagen, sowie eine Zunahme der Untersuchungen, die von Regulierungsbehörden eingeleitet werden und bei denen Strafzahlungen und Bussen gegen Firmen ausgesprochen werden.» In einzelnen Ländern klagen auch die Firmen-Liquidatoren, wenn es zu einem Bankrott gekommen war. «Die Kombination dieser Trends hat auch dazu geführt, dass es immer höhere Auszahlungen in Zusammenhang mit der Deckung der Kosten für die Verteidigung bei Prozessen oder für die Abklärungen während der Untersuchungszeit gibt», so Ravazzolo.

Finanzierer erwarten ansprechende Renditen
Und es gibt eine Ausweitung der Deckungsbreite der Haftpflichtversicherungen, die zunehmend auch die Auslagen vor Prozessbeginn, rechtliche Beratungsausgaben, Zivilprozesskosten sowie die Kosten der Verfolgung decken. All das schlägt sich laut Ravazzolo in höheren Auszahlungen nieder: «Bei kleineren Schadensummen unter einer Million US-Dollar steigen diese aufgrund von Features wie Vor-Schaden-Reduzierungskosten, regulativen Untersuchungsauslagen, den internen Beträgen für eine Untersuchung sowie den rechtlichen Beratungskosten.» Hinzu kommen zeitlich längere Untersuchungen sowie intensivere und längere Prozesse. Und gemäss Ravazzolo gibt es auch eine Zunahme der aussergerichtlichen Einigungen vor allem ausserhalb der USA. Diese werden zunehmend teurer, weil die Finanzierer von D&O-relevanten Prozessen eine gewisse Erwartungshaltung bezüglich der Rendite der eingesetzten Gelder haben. Die Tiefzinssituation sowie die Suche nach Renditen macht also auch vor diesem Geschäft nicht halt.