das album steht für einen wendepunkt in meinem leben

Kurz nach Fertigstellung des erfolgreichsten Albums ihrer Geschichte flog Cure-Keyboarder Lol Tolhurst aus der Band. Im ME-Interview erzählt er von seiner damaligen Alkoholsucht, seinen Beitrag zu DISINTEGRATION und über die tatsächlichen Gründe seiner Desintegration.

Welche Gefühle löst das 30. Jubiläum von DISINTEGRATION bei dir aus? Grundsätzlich erinnern sich natürlich alle Beteiligten auf unterschiedliche Weise an so lange vergangene Dinge. Bei mir kommt erschwerend hinzu, dass meine Sucht mich damals fest im Griff hatte, wodurch die Erinnerung getrübt ist. Allerdings lebe ich nun beinahe ebenso lange nüchtern wie das Album alt ist. Heute bin ich davon überzeugt, dass das Zusammentreffen von Kreativität und Zerstörung in so geballter Form ein so monumentales Album überhaupt erst möglich gemacht hat. Aber während der Produktion hat sich die ganze Welt für mich tatsächlich ein bisschen so angefühlt wie eine Desintegration.

Der Titel war Programm?
Man kann im Grunde alle Cure- Alben wie Tagebucheinträge hören, aber auf keines trifft das so sehr zu wie auf DISINTEGRATION. In meinem damaligen Zustand muss ich für die anderen unerträglich gewesen sein, schon deswegen war die Atmosphäre vergiftet. Aber auch sonst war das Verhältnis aller Mitglieder untereinander auf einem Tiefstand angelangt.

Waren Drogen und Alkohol im Studio so allgegenwärtig, wie behauptet wird? Ist der Papst katholisch?
Hast du rückblickend eine Erklärung, warum du so abgestürzt bist? Das würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Ich habe meine Gefühle und Gedanken diesbezüglich ausführlich in meinem Buch („Cured: The Tale Of Two Imaginary Boys“ – Anm. d. Aut.) beschrieben.

Auf den ersten Cure-Alben hast du Schlagzeug gespielt, später bist du ans Keyboard gewechselt. Wie hat sich dein künstlerischer Input über die Jahre verändert?
Es gibt eine direkte Verbindung zwischen meiner Krankheit und meiner künstlerischen Teilhabe: Je kranker ich war, desto weniger habe ich zur Musik beigetragen.

Was hast du gedacht, als Roger O’Donnell dir für die Konzerte der damaligen Zeit als zweiter Keyboarder zur Seite gestellt wurde?
Damals haben wir so ziemlich jeden Ton bei den Konzerten live gespielt. Nachdem KISS ME KISS ME KISS ME ein extrem keyboardlastiges Album war, brauchten wir für die Tour also einen zusätzlichen Musiker, um das umsetzen zu können. Als es später mit mir immer weiter bergab ging, nahm Roger natürlich eine deutlich prominentere Rolle ein.

Worin bestand dein tatsächlicher Beitrag zu DISINTEGRATION, so es denn einen gab?
Der Song „Homesick“ wurde nahezu eins zu eins von meinem Demo übernommen, das war’s mehr oder weniger. Im Rückblick ein durchaus passend betitelter Beitrag, darüber kann ich sogar lachen.

Kurz nach DISINTEGRATION warf dich Robert schließlich aus der Band. Was führte letztlich zum finalen Bruch?
Die 64000-Dollar-Frage! Auch wenn es immer wieder heißt, dass dieser eine Tag beim finalen Mix von DISINTEGRATION der Auslöser war, denke ich heute, dass sich diese Entwicklung über Monate angebahnt hatte. Eine langsame Desintegration unserer Freundschaft. Mit den üblichen Verdächtigen Stolz, Angst, Missgunst und Egozentrik in der vordersten Reihe.

Robert Smith ist dein ältester Freund, gemeinsam mit Michael Dempsey habt ihr The Cure gegründet. Wie konnte so eine Freundschaft überhaupt zerbrechen? Wir waren damals noch keine 30 und wussten wenig über die Welt, als der Erfolg uns in diese Ausnahmesituation brachte. Wären wir älter und erfahrener gewesen, hätte uns das vieles erspart.

1994 hast du Robert Smith und euer Label Fiction Records auf Nachzahlung von Tantiemen und das Urheberrecht an dem Namen The Cure verklagt – und den Prozess verloren …
Mein Ärger über den Rauswurf führte zu unglücklichen Entscheidungen. Mit dem Wissen von heute würde ich anders handeln.

DISINTEGRATION brachte den endgültigen Durchbruch der Band. Robert war allerdings auch schon die Popularität, die ihr zuvor bereits erreicht hattet, nicht geheuer – konnte er sich über den späteren Erfolg freuen?
Nach meiner Erfahrung hat Robert immer dann gegengesteuert, wenn die Dinge zu bequem wurden. Er ist ein Mann, der die konstante künstlerische Herausforderung braucht.

Ungeachtet aller Probleme: Gibt es etwas an DISINTEGRATION, das dir besonders am Herzen liegt?
Das Album steht symbolisch für den vielleicht wichtigsten Wendepunkt in meinem Leben, dafür bin ich rückblickend sehr dankbar.

Ihr habt euch längst versöhnt. Siehst du Robert und die anderen noch manchmal? Von Zeit zu Zeit. Mit den meisten Leuten aus dem Cure-Universum stehe ich kontinuierlich in Kontakt. Nur Perry Bamonte habe ich komischerweise seit 30 Jahren nicht mehr gesehen.