«Das könnte eine Revolution werden»

pfi. · Seine Augen leuchten, wenn es um technische Themen geht. Marc Bürki fordert seit einem Vierteljahrhundert mit FintechIdeen die Bankenwelt heraus. 1996 gründete der Elektroingenieur die erste Finanzplattform in der Schweiz. 2001 ging er mit der SwissquoteBank an den Start, der ersten reinen OnlineBank der Schweiz. Bis heute sind über ein Drittel ihrer Angestellten ITSpezialisten. Doch vieles, was einst eine Pioniertat war, ist inzwischen auch andernorts zum Standard geworden. Bürki konzediert im Interview mit der Der Spiegel, dass die grosse Disruption im Bankgeschäft bisher nicht stattgefunden hat und die Bäume auch bei Swissquote nicht in den Himmel wachsen. «Die Schweizer Banken halten mit der Entwicklung Schritt und sind gut positioniert.» Swissquote müsse sich deswegen immer wieder neu erfinden.

Bürki ist überzeugt, dass FintechBanken wie die seine international expandieren müssen. Swissquote ist unter anderem bereits in London, Dubai und Hongkong aktiv. Um uneingeschränkten Zugang zum EUMarkt zu haben, hat die Bank nun auch ein kleines Luxemburger Institut gekauft. Eine neue Tochtergesellschaft soll in Singapur Vermögensverwaltern eine technologisch attraktive Handelsplattform bieten. Als Zukunftstrends sieht Bürki Veränderungen im Zahlungsverkehr und den verstärkten Einsatz von RoboAdvisory, Big Data und künstlicher Intelligenz.

Seit 2017 können in der Schweizer Bank auch Kryptowährungen gehandelt werden, wobei Bürki viele als reine Spekulationsobjekte betrachtet. Für vielversprechender hält er die Idee, über das Internet Produkte und Dienstleistungen auszutauschen, ohne dass dabei traditionelle Zahlungsmittel zum Einsatz kommen. Dem Projekt Libra von Facebook und weiteren grossen Konzernen billigt Bürki deshalb grosses Potenzial zu. «Im RetailZahlungsverkehr und im Bereich Micropayment könnte das durchaus eine kleine Revolution werden», sagt er.

Herr Bürki, Sie sind ein Schweizer Fintech-Pionier, der die traditionellen Banken herausfordert. Allen Untergangsszenarien zum Trotz dominieren diese das Finanzgeschäft aber weiterhin.

Als wir vor gut zwanzig Jahren begannen, war das Internet ein neues Medium und eher etwas für Geeks. Damals hat noch niemand daran geglaubt, dass es die Wirtschaft revolutionieren würde. Das kam später. Zugegebenermassen haben sich die traditionellen Banken aber gut geschlagen. Sie haben ein viel breiteres Angebot als die Newcomer, die jeweils nur einen kleinen Bereich des Finanzgeschäfts abdecken. Das macht es schwierig, die traditionellen Finanzhäuser anzugreifen. Nur mit Zahlungsdienstleistungen werden die sogenannten Neobanken jedenfalls kaum je Geld verdienen. Deshalb müssen sie ihre Produktepalette verbreitern, das bedingt aber eine teure Bankinfrastruktur.

Soeben hat Facebook angekündigt, zusammen mit zahlreichen anderen grossen Unternehmen die eigene Kryptowährung und Blockchain Libra lancieren zu wollen. Wird das den weltweiten Zahlungsverkehr und das Finanzsystem revolutionieren?
Facebook und die 27 Partner im LibraProjekt haben, was viele anderer Kryptowährungen nicht haben: eine zwei Milliarden schwere Community. Auch wird Libra eine neue auf Open Source basierende Blockchain benützen und somit die Transaktionskosten auf fast null herunterbringen. Es gilt noch regulatorische Fragen zu klären, aber im Retail-Zahlungsverkehr und im Bereich von Micropayment könnte das durchaus eine kleine Revolution werden. Ob es das ganze Finanzsystem revolutionieren wird . . . sehr wahrscheinlich nicht.

Was war vor zwanzig Jahren Innovation?
Auf Technologie zu setzen. Sie gab uns die Möglichkeit, in ein Geschäftsfeld einzudringen, das von eher konservativen Anbietern dominiert wurde, aber auch hart umkämpft war.

Warum hat denn die immer wieder heraufbeschworene grosse Disruption im Bankgeschäft noch nicht stattgefunden? Weil die Entwicklung evolutionär verläuft. Die grossen Banken schlafen nicht. So haben sie ihr Internetangebot laufend erweitert. Die grossen Reiche sind im Finanzgeschäft noch nicht untergegangen und würden es nur, wenn die Bankmanager nicht einsehen, dass sich die Welt ändert, und sie es verpassen, ihre Infrastruktur zu erneuern. Die Schweizer Banken halten mit der Entwicklung Schritt. Sie sind gut positioniert.

Ist denn Swissquote ein Disruptor? Ihr Geschäft wächst aber nur noch wenig. In den Anfangsjahren erzielten wir hohe Wachstumsraten. Wir wollten aber immer aus eigener Kraft expandieren, und das benötigt Zeit. Grundsätzlich ist es schwierig, im Finanzgeschäft schnell zu wachsen, weil ein Unternehmen dafür zuerst eine aufwendige Infrastruktur erstellen muss. Zudem ist es unerlässlich, früher oder später eine Auslandspräsenz aufzubauen. Die Aktie von Swissquote hat sich in den vergangenen zwölf Monaten ähnlich schlecht entwickelt wie die etablierten Bankentitel. So gesehen, ist Swissquote keine Tech-Firma.

Bei solchen Betrachtungen kommt es immer auf den Zeitraum an. Allerdings muss ich zugeben, dass Swissquote kein Startup-Unternehmen mehr ist, dessen Aktienwert sich in kurzer Zeit vervielfacht hat. Dafür haben wir aber ein stabiles Geschäftsmodell, gleichzeitig bauen wir immer noch unsere Infrastruktur aus. Wir glauben auch, dass unsere Bewertung steigen wird, wenn wir als Firma breiter aufgestellt sein werden. Dafür erweitern wir auch unsere Auslandspräsenz.

Nach der Ankündigung Ihrer letzten Quartalszahlen ist der Aktienkurs regelrecht eingebrochen. Ja, das stimmt, der Kurs ist zuerst von 35 auf 70 Franken geklettert und hat sich dann fast halbiert. Da war wohl einiges an Spekulation und Short-Selling im Spiel. Eingebrochen sind wir, nachdem wir Rekordzahlen publiziert und gleichzeitig gesagt hatten, dass wir dieses Jahr etwas weniger Gewinn erzielen würden, weil wir in Singapur und andernorts in unsere Expansion im Ausland investieren wollten.

Das Ausland hat doch nicht auf eine Schweizer Online-Bank gewartet. Ja, aber wir haben im Ausland bereits Kunden. Unsere Dienstleistungen sind gut, und die Marke Schweiz hilft uns, in fremden Märkten Fuss zu fassen. Neu wollen wir auch das Geschäft mit institutionellen Kunden forcieren, demnächst in Singapur. In der Schweiz gibt es zwar im internationalen Vergleich relativ viele Aktionäre, es ist aber ein kleiner Markt. Rund eine Million Menschen besitzen Aktien. Und nur rund 40% von ihnen handeln regelmässig selber Wertschriften.

Swissquote begann als reine Handelsplattform. Wird sich das Unternehmen zunehmend zu einer Universalbank entwickeln, um wieder höhere Wachstumsraten zu erzielen?
Das ist unser Ziel. Wir wollen unsere Dienstleistungen schrittweise ausbauen, denn das wünschen unsere Kunden. Eine solche Expansion kostet allerdings viel Geld, und man tritt gegen eine sehr starke Konkurrenz an, in der Schweiz nicht nur gegen global tätige Finanzkonzerne, sondern auch gegen die Kantonalbanken.

Was will denn Swissquote besser machen als diese Anbieter?
Das ursprüngliche Rezept war einfach: Wir konnten dank dem Internet einen niedrigeren Preis offerieren als die Etablierten. Das war der Einstieg ins Geschäft. Zudem haben wir Schnittstellen zu allen technischen Plattformen geschaffen. Junge Firmen müssen immer offen sein für Partner.

Was bedeutet das technisch?
Wir haben Softwareinstrumente, mit denen Vermögensverwalter ihre Kunden zentral betreuen und sie an internationale Börsenplätze anschliessen können.

Die Plattformökonomie macht diese Vermögensverwalter und Bankberater aus Fleisch und Blut nicht überflüssig? Die Idee, dass es eines Tages nur noch die Technologie und die Endkunden geben wird, ist absurd und hat sich überholt. Gewisse Kunden haben schlicht keine Zeit, sich um Geldfragen zu kümmern. Oder sie haben keine Lust, weil sie lieber andere Interessen verfolgen. Neu ist allerdings, dass die Endkunden die Aktivitäten ihres Vermögensverwalters stärker kontrollieren möchten. Und dafür gibt es mittlerweile Instrumente. Anders als früher haben die Banken keinen Informationsvorsprung mehr. Das ist für mich die grosse Internetrevolution.

Swissquote beschäftigt rund 700 Mitarbeiter. Sind Sie jetzt eine etablierte Gesellschaft oder immer noch ein Startup? Bei uns herrscht immer noch der Geist einer Jungfirma – ich bin einer der Ältesten im Unternehmen. Und wir versuchen, diesen Spirit zu erhalten.

Wie machen Sie das?
Das geschieht fast zwangsläufig. Der Grossteil unserer Angestellten ist sehr jung, rund 30 Jahre alt. Für viele ist es die erste Stelle nach dem Studium. Weil wir nicht so hohe Löhne bezahlen können wie die Grossunternehmen, verlassen uns die meisten nach einer gewissen Zeit wieder. Pro Jahr verlieren wir rund 20% von ihnen. Das ist viel, im Durchschnitt liegt die Fluktuationsrate bei den Schweizer Firmen eher bei 10%.

Alle fünf Jahre erneuert sich unser Unternehmen gleichsam von selbst. Wir bilden junge Ingenieure im Banking aus. Die Ausbildung ist so gut, dass unsere talentierten Mitarbeiter früher oder später eine Offerte von einer anderen Firma erhalten. Das ist keine einfache Situation, wir können sie aber nicht ändern. Wir können nicht ein Discounter sein und gleichzeitig überdurchschnittliche Löhne bezahlen.

In Gland in der Westschweiz baut Swissquote derzeit ein Bürogebäude für 1000 Mitarbeiter. Viele Banken haben ihre hiesige Belegschaft reduziert und dafür diejenige in Polen oder Indien vergrössert. Warum machen Sie das nicht auch so? Wir beschäftigen 700 Personen, davon sind rund ein Drittel IT-Fachkräfte. Und in der Ukraine arbeiten noch einmal rund 150 Informatiker für uns, sie sind jedoch bei einer Drittfirma angestellt. Dann haben wir seit neuerem kleine Teams in Spanien und Portugal.

In der Ukraine? Machen Ihnen die politischen Spannungen dort keine Sorgen? Wir haben unsere Beziehungen ins Land schon vor einigen Jahren geknüpft, und es funktioniert ziemlich gut. In der IT gibt es eine Art West-Ost-Graben. In der Sowjetunion waren die Fachkräfte hochspezialisiert, und die Entwicklung geschah gleichsam durch Aneinanderreihung dieser Fachkräfte. Diese Tradition wirkt in der Ukraine nach. Dort findet man Spezialisten für ganz enge Fachbereiche. Im Westen dagegen sind die IT-Generalisten zu Hause. Die von der ETH ausgebildeten Ingenieure zum Beispiel haben eine sehr breite Basis. Was die IT betrifft, befindet sich die Produktionsmaschine deshalb im Osten, während die Kreativität eher im Westen zu Hause ist.

Wird es weitere Verschiebungen geben bei der geografischen Verteilung ihrer Angestellten?
Wir benötigen so viele ETH-Ingenieure wie möglich. Leider ist deren Zahl beschränkt, weshalb wir unsere Standorte in Portugal und Spanien ausbauen werden. Dort ist das Niveau der IT-Fachleute ähnlich hoch wie in der Schweiz. Wenn wir aber umfangreiche Projekte in kurzer Zeit durchpeitschen müssen, setzen wir auf die Ukraine. Natürlich könnten wir dafür auch nach Indien gehen; aber die Ukrainer sind uns vertrauter.

In den vergangenen Monaten hat Swissquote stark auf Kryptowährungen gesetzt. Diese gelten als Spekulationsobjekte, die erst noch viel Energie fressen. Da muss ich Sie korrigieren: Wir haben nicht auf Kryptowährungen gesetzt, sondern sahen darin schlicht eine Innovation, bei der man dabei sein muss – so wie Swissquote sehr früh das Robo-Advisory in die Angebotspalette aufgenommen hat. Swissquote will nicht nur eine Kryptobank sein, zumal das Geschäft nur 2% des Umsatzes ausmacht. Allerdings haben wir ein wenig unter der Euphorie gelitten, welche die Kryptowährungen ausgelöst haben. Die Umsätze schwollen an, nur um dann wieder stark zu schrumpfen.

Gewisse Banken bieten den Handel mit Kryptowährungen aus Furcht vor Geldwäscherei gar nicht an. Haben Sie keine Angst vor einem Rufschaden? Nein, in der ersten Phase konnten die Kunden ja noch keine Kryptowährungen transferieren, sondern sie nur mit herkömmlichem Geld erwerben. Mittlerweile haben Investoren die Möglichkeit, Kryptowährungen über Swissquote zu transferieren. Dafür müssen sie aber strenge Regeln befolgen, und wir haben in Absprache mit der Finma klare Überwachungsprozesse implementiert.

«Ich sehe zwei Trends: zum einen Anbieter, die Zahlungen auslösen oder das Robo-Advisory betreiben. Zum anderen das Thema Big Data.»

Haben Kryptowährungen denn eine grosse Zukunft?
Bestimmt nicht alle von ihnen. Es ist allerdings eine gute Idee, über das Internet Produkte und Dienstleistungen auszutauschen, ohne dass dabei traditionelle Zahlungsmittel zum Einsatz kommen. Was darüber hinaus geht, ist aus heutiger Sicht Spekulation. Der Wertzuwachs, den die Bitcoins 2018 erfahren haben, war ohnehin absurd.

Welche Innovationen zeichnen sich für Sie jenseits der Kryptowährungen ab? Ich sehe zwei Trends: zum einen Anbieter, die Zahlungen auslösen oder das Robo-Advisory betreiben. Zum anderen das Thema Big Data. Die Analyse von Daten sollte es ermöglichen, an den Börsen eine bessere Performance zu erzielen. Beide Trends befinden sich noch in der Anfangsphase, werden den Banksektor aber stark verändern.

Wenn immer mehr Banken Big Data betreiben, wird es dann nicht immer schwieriger, eine höhere Rendite als der Gesamtmarkt, also Alpha, zu erzielen? Big Data kann man verschieden nutzen, und die Algorithmen sind auch von unterschiedlicher Qualität. Als wir mit Robo-Advisory begannen, war das einfach nur ein gut entwickeltes Ingenieurprodukt. In einem zweiten Schritt geben wir nun dem Algorithmus die Möglichkeit, sich mit künstlicher Intelligenz selber zu optimieren. Bisher haben wir bei diesen neuen Instrumenten erst an der Oberfläche gekratzt. Vielleicht gibt es in der Zukunft tatsächlich kein Alpha mehr, davon sind wir aber noch weit entfernt.

Sie sind 58 Jahre alt – Zeit, um an die Nachfolge zu denken. Wann verkaufen Sie die Firma?So spät wie möglich. Ich bin ein glücklicher Aktionär und Unternehmer. Ich spüre keinen Druck.

Ein Handwechsel ist aber eine Variante? Als Gründer eines börsenkotierten Unternehmens kann man eine solche Transaktion nie ausschliessen. Mein Mitgründer Paolo Buzzi und ich besitzen 25% an Swissquote. Das verschafft uns eine gewisse Kontrolle, aber keine uneingeschränkte. Wir haben keine Absicht, einen Käufer zu finden. Die Arbeit macht uns immer noch Spass.

Ein Grossunternehmen könnte Swissquote schnell mit mehr Kapital ausstatten. Sie könnten dann rascher expandieren. Das würde helfen, wir können aber auch aus eigener Kraft expandieren. Das dauert zwar etwas länger, man verliert dabei aber auch nicht die Kontrolle.