Deckungen für Ausserirdisches

Mit der Kommerzialisierung des Raketengeschäfts steigt auch die Nachfrage nach Versicherungsschutz.

Das Geschäft mit Weltraum-Versicherungen begann bereits 1965 mit dem kommerziellen Intelsat-1-Kommunikationssatelliten. Wissenschaftliche oder militärische Missionen hoben davor (und oft noch danach) unversichert ab – wenn die Trägerrakete versagte, mussten die eingesetzten Mittel abgeschrieben werden. Und auch die ersten Astronauten waren, gemessen an heutigen Massstäben, miserabel versichert: Konventionelle Lebensversicherungen wollten und konnten die berechneten Risiken nicht mit vernünftigen Preisen versichern. Hinterbliebene wären mit speziellen Mitteln von den Raumfahrtagenturen entschädigt worden.

Lloyd’s of London war die erste Anlaufstelle für solche kaum kalkulierbaren Risiken. Bis Anfang der 1980er Jahre waren Risiken bis zu 100 Millionen US-Dollar pro Start versicherbar. Bei sehr teuren Satelliten lohnte sich sogar die Rettung: 1984 finanzierte Lloyd’s den 14. Flug einer US-Raumfähre, um die beiden teuren Satelliten Palapa-B2 und Weststar VI zu bergen. Beide wurden auf der Erde überholt und später wieder ins All geschickt.

Nur Hardware wird entschädigt Inzwischen ist der Versicherungsschutz fester Bestandteil des zunehmend kommerziell betriebenen Satellitengeschäfts: Als beispielsweise Ende 2016 der israelische Amos-6- Satellit beim Fehlstart des SpaceXTrägersystems verloren ging, erhielt der Besitzer, die Firma Space Communications, von unterschiedlichen Risikoträgern Entschädigungsleistungen: Space Communications hatte eine «All Risk»-Police erworben, bei der über ein Lloyd’s-Konsortium sämtliche Risiken abgedeckt waren. Entschädigt wurden, wie bei solchen Fällen üblich, die Baukosten im Umfang von 196 Millionen US-Dollar zuzüglich die während der mehrjährigen Projektdauer aufgelaufenen Kapitalkosten von noch einmal 10 Millionen US-Dollar. Einen Teil des Schadenbetrags übernahmen, wie später bekannt wurde, die Investoren eines ILS. Nicht entschädigt wurden (und werden) entgangene Einnahmen oder allfällige Unterbrüche der Geschäftstätigkeiten an anderen Stellen (was in den Policen als «Business Interruption » bezeichnet wird).

All-Risiko-Policen decken alle möglichen Schäden, inklusive Design- Fehlern, die man erst dann bemerkt, wenn die Nutzlast im All ist. Sie decken die Schäden vor dem Start (wenn beispielsweise ein Unwetter die Startrampe, die Trägerrakete und den Satelliten beschädigt), während des Starts und im All ab. Auch die Testphase am Boden ist dabei abgedeckt. Dem gegenüber stehen gemäss dem Broker Aon spezielle Deckungen, die lediglich die Startphase abdecken. Typische Käufer sind die Firmen, welche die Trägerraketen herstellen und starten (lassen). Der Start bildet die gefährlichste Phase eines Weltraumunternehmens; durchschnittlich 5,6 Prozent der Abschüsse sind Fehlschläge. Daneben gibt es noch die Policen, welche die Betriebszeit des Satelliten im All absichern. Gemäss Aon sind diese vergleichbar mit einer Art Lebensversicherung, die jährlich erneuert wird und bei der dementsprechend auch der «Gesundheitszustand » des Satelliten regelmässig überprüft wird. Diese Policen greifen erst nach dem Abschuss ins All, wenn die ersten Tests gezeigt haben, dass der Satellit voll funktionsfähig den Orbit erreicht hat.

Ein weiterer Typ von Policen deckt die Schäden ab, die dann entstehen können, wenn Trümmerstücke ausgedienter Raketen oder Satelliten die Erdoberfläche erreichen und Schäden anrichten. Das Uno-Weltraumgesetz von 1967 schreibt vor, dass das Land, in dem die Rakete gestartet wurde, für diese Schäden verantwortlich ist. Einzelne Länder wie die USA und Australien haben Deckungsgrenzen bei 500 bis 600 Millionen US-Dollar. In Europa sind Beträge zwischen 20 Millionen US-Dollar (in den Niederlanden) und 60 Millionen US-Dollar (in Frankreich) üblich. Erst in Ausarbeitung sind die Policen, die dannzumal für Weltraumtouristen und die sie begleitenden Crews angewandt werden. Als Underwriter treten hier in der Regel spezialisierte Personenversicherungen auf – und nicht etwa die Risikoträger, welche die Policen für die Raketen verkaufen.

Kleiner, homogener Pool Generell gilt das ganze Gebiet der Weltraumversicherungen als kleiner, aber homogener Pool von Risiken. Und auch wenn Lloyd’s weiterhin aktiv ist – es ist längst nicht mehr der einzige Risikoträger in diesem Geschäft. Allianz (über die «Global Corporate & Specialty»-Sparte), AIG, die XL Group (Teil von Axa), Munich Re sowie weitere Spezialisten wie die Atrium Underwriting Group, Elseco und der Broker Marsh & McLennan mischen ebenfalls mit. Gemäss Industrieanalysten wächst der Markt mit jährlichen Raten um 2,2 Prozent (für den Zeitraum bis 2022). Ab dann könnten die Karten neu gemischt werden, wenn private Betreiber wie VirVirgin Galactic oder SpaceX in den USA erstmals auf kommerzieller Basis und sehr regelmässig Menschen an die Grenze oder richtig ins All transportieren werden.

Diese Schätzungen zu den Wachstumsraten greifen möglicherweise zu tief: Denn gemäss den Analysten von Morgan Stanley sind Satelliten der Schlüssel für eine weltweite Abdeckung mit Internet. Grosse Plattformbetreiber wie Amazon sowie soziale Netzwerke wie Facebook oder Google sind stark daran interessiert, über eine nahtlose Abdeckung ihre Dienste auch in die hintersten Ecken der Welt zu bringen, die heute hinsichtlich der Abdeckung noch als weisse Flecken gelten. Breitbandkommunikation umfasst, je nach Szenario, zwischen 50 und 70 Prozent des weltweiten Umsatzpotenzials – der Rest entfällt auf das Militär, wissenschaftliche Missionen und die Erderkundung für kommerzielle Zwecke (Agrarwirtschaft, Bergbau, Rohölsuche). Längerfristig sind sogar spezielle Missionen für die Ausbeutung von Bodenschätzen auf dem Mond oder auf Asteroiden denkbar.

Mit der steigenden Bedeutung für die Kommunikation und für weitere Bereiche wachsen auch die Risiken. So gibt es spezielle Versicherungszyklen: Nach spätestens zwei Fehlschlägen bei Starts steigen typischerweise die Prämien, um dann gemächlich wieder zu sinken, wenn eine Reihe von Starts erfolgreich ist. Und auch im All lauern (versicherungstechnisch relevante) Risiken. Extreme Solarstürme könnten nicht nur die Stromnetze am Boden lahmlegen. Das Centre of Risk Studies der University of Cambridge hatte vor drei Jahren das Potenzial der versicherten Schäden auf 330 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Laut Analysten bilden solche Werte inzwischen lediglich die untere Grenze des möglichen Schadenrahmens. Denn wenn immer mehr Fahrzeuge mit und ohne Menschen über 5G- und GPSSatellitennetze gesteuert werden, vervielfacht sich der Schaden. Die Versicherungswirtschaft dürfte gemäss Analysten die direkten Schäden in dieser Höhe allenfalls verkraften. Allerdings bildet ein Solarsturm kein isoliertes, sondern ein globales EreigEreignis mit weiteren indirekten Auswirkungen – und die kumulierte Wucht einiger solcher Spezialereignisse könnte auch die privaten Erst- und Rückversicherungen an die Grenzen ihrer Risikotragfähigkeit bringen. Gemäss einem Szenario des Brokers Aon könnten sich einige Versicherungen in der ungemütlichen Lage wiederfinden, dass sie zwar ihre Kunden voll entschädigen müssen, aber den Selbstschutz über die Weitergabe einiger Risiken unterlassen hatten.

Schrott-Sammlung als Schadenprävention
Gemäss Schätzungen der Europäischen Weltraumagentur (ESA) gibt es im erdnahen All bis zu einer Höhe von 2000 Kilometern rund 900000 Trümmerstücke, die grösser als einen Zentimeter sind. Aufgrund der hohen Geschwindigkeiten entfalten bereits solche kleinen Körper eine ZerstöZerstörungskraft, die weit über die von konventionellen Kugeln aus Gewehren hinausgeht. Bereits ein Splitter mit einer Grösse von einem Millimeter wirkt im All gemäss ESA wie eine Handgranate.

Die Beseitigung des Weltraumschrotts aus dem All gilt als sehr junges und vielversprechendes Wachstumsfeld. Die jüngste Initiative ist die japanische Firma Astroscale, die bei Geldgebern im März dieses Jahres umgerechnet 102 Millionen US-Dollar eingesammelt hat. Astroscale arbeitet mit einem Verfahren, bei dem laut eigenen Angaben die Flugbahnen und die Bewegungen der Trümmerstücke zunächst synchronisiert werden, bevor sie in einem zweiten Schritt mit einer Art Supermagnet eingesammelt werden können. Offen ist, wie gut sich das Verfahren im All in der Praxis bewährt. Der erste Start ist für Anfang 2020 vorhergesehen.