DEUTSCHE IN AFRIKA

In Südwesten des afrikanischen Kontinents gibt es 1883 noch weites Land ohne Kolonialherren. Der BremerTabakgroßhändler Adolf Lüderitz und sein Geschäftspartner Heinrich Vogelsang sehen dort ihre Chance, in großem Stil Gebietsansprüche zu erwerben. Vogelsang kauft einem Häuptling vom Volk der Mama eine ganze Bucht ab, für 200 alte G.ewehre und 100 britische Pfund. Der Umfang des Vertragsgebiets wird durch »geografische Meilen« definiert. Es ist ein übler Trick, denn der Verkäufer hat die englische Meile mit rund 1,6 Kilometern Länge im Sinn. Lüderitz und Vogelsang beharren aber darauf, dass im Vertrag die deutsche Meile gemeint sei, die fast 7,5 Kilometer misst. Das aus dem schmutzigen Deal hervorgehende »Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika« ist schließlich anderthalb mal so groß wie das Deutsche Reich.

»MIT GRAUSAMKEIT«
Nach zwei Jahrzehnten deutscher Herrschaft kommt es in Südwestafrika zur Rebellion. Die einheimischen Herero zerstören die Büros der Kolonialvewvaltung‚ jagen das Personal aus den Bahnstationen und vertreiben viele Farmer. Nach einigen Monaten trifft aus dem Deutschen Reich Verstärkung für die 750 Soldaten der Schutz— truppe ein, den Oberbefehl übernimmt Generalleutnant Lothar von Trotha, ein ebenso erfahrener wie brutaler Offizier. 1 »Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik«, sagt von Trotha. Sein Feldzug artet in einen Völkermord aus. Nachfahren der Opfer verlangen bisher vergebens vom deutschen Staat Entschädigung.

»PLATZ AN DER SONNE«
Für das deutsche Weltmachtstreben findet der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 die Formulierung, die zu einem geflügelten Wort werden sollte: »Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren PIaü an der Sonne.« In Südwestafrika vertritt Theodor Leutwein von 1895 an für ein Jahrzehnt die Interessen des Kaiserreichs. Dem Gouverneur scheint es zu gelingen, mit den Herero ein gutes Einvernehmen herzustellen, bis er vom Aufstand überrascht wird. Wie tief das Gefühl der Demütigung bei den unterdrückten und ausgenutzten Menschen reicht, die in seinem »Schulzgebiet« leben, hat er nicht bemerkt.

GLOBALE GESCHÄFTE
Deutsche Kaufleute gehören zu den treibenden Kräften beim Aufbau des deutschen Kolonialreichs. Der einflussreichste von ihnen ist der Hamburger Reeder und Handelsunternehmer Adolph Woermann. Auf vielen Ebenen versteht es Woermann, die wirtschaft— lichen Interessen zu vertreten, die auch seine eigenen sind. Er wird zum Präses der Hamburger Handelskammer gewählt, siizt als Abgeordneter in der Hamburger Bürgerschafl und im Berliner Reichstag. Mit einer Reihe von Stammesführern in Kamerun schließt Woermanns Familienuntemehmen 1884 einen Vertrag ab, der zur Einrichtung eines deutschen »Schutzgebiets« führt.

ERTRÄUMTE GRÖSSE
Die Verträge, die dem deutschen Kolonialreich in Ostafrika zugrunde liegen, tragen oft nur Kreuzzeichen als Unterschriften. Aber anders als die einheimischen Anführer weiß der promovierte Historiker Carl Peters genau, was er tut. Durchsetzungsstark, gerissen und auch grausam verschafft sich Peters die Rückendeckung der kaiserlichen Regierung in Berlin, um sich seinen Traum von historischer Größe zu erfüllen. Zwar wird er 1897 aus dem Kolonialdienst entlassen, weil er als Reichskommissar am Kilimandscharo zwei Afrikaner hatte hängen lassen. Aber er bleibt populär und erhält ab 1914 eine jährliche Pension — »in Würdigung seiner großen Verdienste um Deutsch—Ostafrika«.