Die Älteren haben oft das Sagen

Simon Sumbert, 21 Jahre, studiert Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Freiburg, auf dem Titelbild links. »Ich freue mich gerade sehr: Vor einer Woche wurde ich in den Stadtrat von Freiburg gewählt, ich bin das jüngste neue Mitglied. Unser Bündnis heißt ›Junges Freiburg‹ – wir vertreten die Interessen der jungen Menschen. In der Vergangenheit hatte ich oft das Gefühl, dass meine Altersgenossen und ich von den anderen Parteien nicht ernst genommen werden. So geht es mir auch bei den ›Fridays for Future‹, bei denen ich regelmäßig mitlaufe. ›Ihr seid die Zukunft‹, heißt es dauernd. Und dann werden unsere Anliegen trotzdem kleingeredet. Wenn wir selbst in den Stadtrat einziehen, dachten wir, wird uns das nicht mehr so schnell passieren. Ich würde aktuell nicht in eine der traditionellen Parteien eintreten. Dort haben oft die Älteren das Sagen, das nervt mich. Es war schon merkwürdig, mein eigenes Gesicht auf Wahlplakaten zu sehen. Ein bisschen, wie wenn man beim Friseur zu lange in den Spiegel schaut, irgendwann war ich von mir selbst genervt.

Bei der Europawahl habe ich meine Stimme den Grünen gegeben. Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind mir wichtig, genauso der Umgang mit Geflüchteten. Ich habe ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft gemacht, und es macht mich traurig, wenn ich höre, wie unwürdig einige konservative und nationalistische Politiker über diese Menschen sprechen. Wenn sie sagen, Seenotrettung im Mittelmeer sei ein Verbrechen, macht mich das wütend. Die Grünen stehen in dieser Frage für Humanität und Mitgefühl. Trotzdem bin ich unsicher, ob ich richtig entschieden habe. Wenn die Grünen jetzt so groß werden, rücken sie vermutlich immer weiter in die Mitte, um möglichst viele Wähler zu erreichen. Nicht, dass die irgendwann werden wie die CDU.«

»Vom Lehrer motiviert«
Josy Zülke, 18 Jahre, auf dem Titelbild Zweite von links, war vor zwei Monaten erstmals bei »Fridays for Future«. Sie besucht die zwölfte Klasse einer Schule in Berlin. »Mein Lehrer im Biologie-Leistungskurs hat uns motiviert, an den Demos teilzunehmen. Er hat uns schon vor Jahren erklärt, wie CO²-Emissionen und Klimawandel zusammenhängen, das hat mich sehr beeinflusst. Wir haben ein Plakat gemalt: ›Schule schwänzen kann man verkraften, Klimawandel eher nicht so.‹ Die Parteien kümmern sich nicht genug um den Klimaschutz. Ich habe das Gefühl, wenn wir Jugendlichen nicht für unsere Zukunft kämpfen, tut es niemand. Es ist das erste Mal, dass ich mich engagiere, auch das erste Mal, dass ich demonstrieren gehe. Mir ist wichtig, dass jeder, der etwas verändern will, bei sich selbst anfängt. Ich versuche, weniger Plastikmüll zu verursachen, ordentlich zu recyceln und weniger Fleisch zu essen. Die Freitagsdemos können etwas verändern, wenn wir Jungen das konsequent durchziehen. In eine Partei einzutreten kann ich mir nicht vorstellen, nicht mal bei den Grünen. Ich bin sonst nicht so an Politik interessiert.«

»Politik mit Satireansatz«
Hellen Siewert, 24 Jahre, studiert Computerlinguistik in Potsdam und arbeitet als Hilfskraft an einem Forschungszentrum für künstliche Intelligenz »Vor der Bundestagswahl 2017 habe ich zum ersten Mal von Der Partei gehört – und fand es sehr witzig, wie anders sie Poli – tik macht, mit Satire. Gut gefallen haben mir die Aktionen gegen die AfD, die ja hier in Brandenburg recht präsent ist. Auf Face – book haben Partei-Anhänger rechte Gruppen infiltriert und heimlich umbenannt, ›Heimatliebe‹ in ›Hummusliebe‹ zum Beispiel. Durch die Facebook-Posts und Videos von Martin Sonneborn, dem EU-Spitzenkandidaten, habe ich erfahren, wie der Alltag im Europaparlament funktioniert – und wie sehr er von Lobbyisten bestimmt wird, die überall auftauchen und Politiker beeinflussen möchten. Das war mir in dem Ausmaß nicht bewusst. Ich finde es toll, dass Sonneborn diese Einblicke gewährt. Europapolitik kommt mir sonst sehr abgeschottet vor. Im Oktober bin ich aus Neugier zu einem Stammtisch des Kreisverbands Potsdam gegangen, die lockere Stimmung und die witzigen Ideen haben mir gefallen. So hatte ich mir Politik nicht vorgestellt. Seitdem bin ich regelmäßig dabei und habe auch im Wahlkampf mitgeholfen, Plakate aufzuhängen. Auch wenn viele denken, Die Partei mache vor allem Späße und wenig ernsthafte Politik, finde ich sie wichtig: Durch den Satire ansatz bekommen Menschen Zugang zu politischen Diskussionen, die sich sonst wenig dafür interessieren. Das galt lange Zeit auch für mich. Ich hatte in der Vergangenheit das Gefühl, dass junge Menschen in der Gesellschaft eh nicht ernst genommen werden. Die Reform des Urheberrechts mit dem Artikel 13, inzwischen 17, ist so ein Beispiel. Viele junge Menschen haben über die sozialen Netzwerke ihre Bedenken geäußert und Argumente vorgebracht, die allesamt ignoriert wurden. Und bei den ›Fridays for Future‹-Demonstrationen heißt es dann, die jungen Leute sollten mal lieber in die Schule gehen. Das macht mich wütend – zumal die Bewegung von vielen Wissenschaftlern, insbesondere Klimaforschern, unterstützt wird.«

»Gegen Rassismus und ›-ismen‹«
Helen Fares, 24 Jahre, aus Leipzig studiert Psychologie und arbeitet als Moderatorin und Journalistin. »Ich habe Die Linke gewählt. Das ist für mich die einzige Partei, die Themen, die mir wichtig sind, in den Mittelpunkt stellt: Fluchtursachen bekämpfen durch den Stopp von Waffenexporten, die Seenot – rettung entkriminalisieren, sichere Flucht – wege schaffen und den schnellen Kohleausstieg in ganz Europa vorantreiben. Ich fühle mich von der Politik in Deutschland in einigen Punkten alleingelassen, ich denke da an Rassismus bei der Polizei. Aus Bayern und Sachsen gibt es viel zu oft Berichte über Racial Profiling und rassistisch motivierte Beleidigungen. Es enttäuscht mich, dass der SPIEGEL früher Titelstorys wie ›Mekka Deutschland‹, ›Blutiger Islam‹ oder ›Der heilige Hass‹ gebracht hat. Unterlegt von furchteinflößenden Bildern schüren solche Berichte ohne Rücksicht auf Muslime Ängste, Hass und infolgedessen Rassismus.

Dass jetzt in Sachsen so viele Menschen die AfD gewählt haben, macht mich betroffen, überrascht mich aber nicht. Ich verstehe, dass viele AfD-Wähler frustriert und deswegen empfänglich für Populismus sind. Ich bin Deutschsyrerin, studiere, arbeite, zahle Steuern. Ich fühle mich, umgeben von 25,3 Prozent AfD-Wählern in Sachsen, unwohl und missachtet, und ich habe vor allem eines: Angst. Wie soll sich also jemand fühlen, der nicht das Glück hatte, in Bezug auf Bildung und Sicherheit so privilegiert zu sein wie ich? Diese Menschen gilt es um jeden Preis zu schützen. Das versuche ich unter anderem durch Aufklärungsarbeit in den Instastorys auf meinem Instagramkanal, dem Podcast ›Deine Homegirls‹ und in Diskussionen im echten Leben. Gegen Unwissen, Ängste, Rassismus, Sexismus und andere ›-ismen‹ vorzugehen steht im Zentrum meiner Arbeit.«

»Lachen, tanzen, feiern«
Sophie Thomas, 18 Jahre, auf dem Titelbild rechts, geht in Berlin zur Schule. Sie wurde am Tag nach dem Wahlsonntag volljährig. »Dass ich ausgerechnet am Tag nach der Europawahl 18 wurde, hat mich natürlich ziemlich geärgert. Ich wäre gern wählen gegangen, ich hatte auch die Programme verschiedener Parteien durchgelesen und den Wahl-O-Mat ausprobiert. Das Ergebnis hat mich nicht sonderlich überrascht, die Grünen waren bei mir ganz oben, danach die Linke. Nachdem ich auf einigen Demos von ›Fridays for Future‹ war und über YouTube viel erfahren habe, hätte auch ich die Grünen gewählt, wenn ich hätte wählen dürfen. Dass man erst ab 18 zur Wahl gehen darf, finde ich ungerecht – fertigt. Es geht doch um unsere Zukunft, warum werden 16-Jährige ausgeschlossen? Dass Jugendliche weniger vernünftig oder schlechter informiert sind, ist nicht wahr. Jede Nacht lässt unsere Schule alle Lichter an, das ganze Gebäude ist erleuchtet. Mich regt das total auf, das ist so unnötig! Dass Erwachsene bessere Entscheidungen treffen, ist also kein gutes Argument. Vielleicht nehmen die Erwachsenen uns nicht ernst, weil wir eine andere Form gefunden haben, Politik zu machen. Auf den Freitagsdemonstrationen wird gelacht, getanzt, gefeiert. Das heißt nicht, dass uns die Klimakrise weniger am Herzen liegt, aber warum sollte man beim Protestieren keinen Spaß haben dürfen?«

»Meine Mutter findet das toll«
Moritz Bayerl, 18 Jahre, besucht die zwölfte Klasse eines Gymnasiums in Köln. »Für mich war die Europawahl ein echter Lichtblick. Endlich konnte ich auch wählen gehen, mich ins politische Geschehen einbringen. Das versuche ich bereits bei der Landesschüler*innenvertretung, da kann man schon mehr bewegen als nur ein einzelner Schüler. Aber insgesamt ist es leider so, dass man als junger Mensch kaum ernst genommen wird. Bisher wurde immer gejammert, die Jugend sei so unpolitisch. Als wir dann auf die Straße gingen, bei ›Fridays for Future‹, sollten wir plötzlich doch lieber in die Schule. Aber wieso sollte ich zur Schule gehen, wenn ich weiß, dass es in ein paar Jahrzehnten keine Schulen mehr geben wird –wenn wir jetzt nicht auf die Straße gehen? Schülerinnen und Schüler werden systematisch benachteiligt, unser politischer Einfluss ist gering, weil nur ein Bruchteil von uns überhaupt wählen darf. Dass wir laut werden, wird jetzt von vielen unterstützt. Meine Mutter würde am liebsten gleich mitdemonstrieren, so toll findet sie das. Ich habe bei der Europawahl die Grünen gewählt, da sie klimapolitisch und sozial etwas bewegen wollen. Dass die CDU von jungen Menschen keine Ahnung hat, hat sich ja an ihrer Reaktion auf das Rezo-Video gezeigt. Ein elfseitiges PDF-Dokument – ernsthaft?! Das liest sich doch kein junger Mensch durch. Wir brauchen Politik, die uns zuhört und auf uns eingeht. Denn es ist unsere Zukunft, über die sie entscheiden. Da war ich von den Grünen auch ein wenig enttäuscht, als ich hörte, dass sie sich nicht entschlossen gegen einen Uploadfilter aussprechen. Viele unter 30 sind gegen Artikel 13, jetzt 17, und trotzdem wird er durchgesetzt. Ich hoffe, dass wir Schüler in Zukunft noch mehr bewegen können. Bei dem Rechtsruck, den es gerade in Europa gibt, ist es wichtig, einen Gegenpol zu bilden. Und das tun wir. In meinem Freundeskreis gibt es niemanden, der nicht gewählt hat.«