DIE DIAGNOSE Kurz vor knapp

Ein Mann hat Schmerzen in Gesäß und Oberschenkel. Deshalb soll er eine Hüftprothese bekommen. Doch der wahre Grund liegt woanders

Zu Fuß und draußen, das war das Leben des 70-Jährigen. Bis er mir vor ein paar Jahren unglücklich am Schreibtisch gegenübersaß. Der leidenschaftliche Wanderer klagte über Schmerzen in der rechten Pobacke und im hinteren Oberschenkelmuskel. Die Beschwerden traten nur beim Laufen auf – und das tat der Mann, der Mitglied eines Wandervereins war, mehrmals die Woche. Als die Schmerzen schlimmer wurden, musste er das Wandern schweren Herzens aufgeben. Stattdessen begab sich der rüstige Herr auf die Suche nach dem Auslöser. Er fragte mehrere Ärzte um Rat. Ein Mediziner vermutete eine Schleimbeutelentzündung im Hüftgelenkskopf. Ohne zusätzliche Untersuchungen spritzte er dem Patienten mehrmals ein lokales Betäubungsmittel in das Gelenk, um die Schmerzen zu lindern. Ohne Erfolg. Andere Ärzte tippten auf bakterielle Gelenkentzündung oder Verschleiß, ja sogar auf eine Hüftkopfnekrose. Bei dieser schweren Knochenerkrankung wird der Hüftknochen nur noch unzureichend durchblutet, demineralisiert und immer instabiler. Das Knochengewebe stirbt ab, der Hüftkopf wird zerstört. Doch keine Vermutung bestätigte sich. Der Patient blieb ohne eindeutige Diagnose, niemand konnte ihm helfen. Nach drei Monaten kam ein Arzt auf die Idee, sich das Hüftgelenk von innen anzusehen. Er veranlasste eine Röntgenaufnahme vom Becken, der Hüfte und der Lendenwirbelsäule. Er wollte einen Bandscheibenvorfall ausschließen. Alle Wirbelkörper im Lendenwirbelbereich waren unauffällig, ein Bandscheibenvorfall war nicht zu entdecken. Zwar erschienen der Hüftkopf und die -pfanne abgenutzt. Angesichts des Alters des Patienten war das aber ein normaler Befund. Ansonsten zeigte das Röntgenbild, dass die Gefäße in den Beinen teilweise verkalkt waren.

Der Arzt hatte den Verdacht, dass eine Arterie im Bein verschlossen sein könnte Mittels Tastuntersuchung prüfte er, ob der rechte Fuß durchblutet war. Er konnte den Puls am Fuß gut spüren und verwarf seine Vermutung. Es vergingen zwei Jahre. Der Patient litt zunehmend unter den Beschwerden beim Laufen und war ab und an depressiv. Er hatte sich mittlerweile mit der Erklärung „Verschleiß im Hüftgelenk“ abgefunden. Da er aber gern wieder wandern wollte, stimmte er zu, sich ein künstliches Hüftgelenk einsetzen zu lassen. Nur um vor der OP wirklich alles Mögliche getan zu haben, vereinbarte er noch einen letzten Termin in unserem Gefäßzentrum. Wir führten erstmals eine komplette Gefäßdiagnostik durch: Die körperliche Untersuchung war unauffällig, die Haut am rechten Fuß erschien nicht fahl, und die Beine und Füße hatten auf beiden Seiten die gleiche Temperatur. Mit dem Stethoskop konnte ich aber ein deutlich leiseres Strömungsgeräusch an der rechten Leiste wahrnehmen: ein erster Hinweis auf einen Gefäßverschluss. Dann führte ich eine spezielle Ultraschalluntersuchung durch. Damit kann ich erkennen, ob Gefäße eingeengt, verkalkt oder erweitert sind. Auch der Blutfluss lässt sich messen. Danach folgte eine CT-gesteuerte Gefäßuntersuchung, auch sie kann krankhafte Vorgänge im Gefäß sichtbar machen.

Schnell war klar: Die innere rechte Beckenarterie war komplett verschlossen. Das Gewebe wurde nicht mehr durchblutet. Das erklärte die Schmerzen, die bis in die Hüfte und den Oberschenkel ausstrahlten. Der Puls am rechten Fuß ließ sich deswegen tasten, weil noch genug Blut über andere Becken- und Beinarterien hinunterfloss. Das hatte den Arzt zuvor in die Irre geführt. Der Patient hatte ein Gefäßproblem, seine Hüftknochen waren völlig in Ordnung! Er sagte die Hüft-OP sofort ab. Stattdessen wurde er in unserer radiologischen Abteilung behandelt: Die Kollegen weiteten die innere Beckenarterie und legten eine Gefäßstütze ein. Die Schmerzen verschwanden sofort. Heute wandert der Mann wieder ausgiebig und glücklich. Solch ein Fall ist keinesfalls selten: Ich schätze, dass etwa jede zehnte künstliche Hüfte umsonst eingesetzt wird, weil eigentlich ein Gefäßproblem hinter den Schmerzen steckt.