DIE KRAFT DER KLEINEN

Schmetterlinge, Käfer, Bienen leisten Enormes für die Natur. Doch viele sind vom Aussterben bedroht. Höchste Zeit, ihnen üppig blühende Wiesen zurückzugeben.

Manchmal liegen Himmel und Hölle dicht beieinander. Im Münchner Norden trennt die Welten ein Erdwall, gerade mal zwei Meter hoch. Nirgendwo lässt sich besser erleben, was im Reich der Insekten ist. Oder besser: Was nicht mehr ist. Mit zwei Sätzen hat Jan Christian Habel den kleinen Kamm erklommen, sein Blick wandert nach links auf einen brachliegenden Maisacker, eine Agrarwüste, wie sie überall in Südbayern zu finden ist. Sperrgebiet für jeden Schmetterling. „Die Artenvielfalt ist im freien Fall, wir haben den Kipppunkt bereits überschritten“, stellt Habel ohne große Gefühlsregung fest. Er ist Biogeograf an der Universität Salzburg, kein Eiferer. Soll sich jeder seine eigene Meinung bilden.

Dann blickt er nach rechts, in die sogenannte Dietersheimer Brenne. Ein Distelfalter flattert dort in eine Wiesenlandschaft, die sich bis zur Isar erstreckt und als bajuwarische Savanne durchgehen könnte: Krüppeleichen lassen abgestorbene Äste wie Arme zur Seite baumeln, Kreuzenzian und weißer Mauerpfeffer wurzeln auf Rohboden. Für die Schmetterlinge ist die Dietersheimer Brenne eines der letzten Refugien in Südbayern, für Habel die perfekte Vergleichsfläche: Er will wissen, wie stark die Intensivlandwirtschaft den Tagfaltern zusetzt. Weil diese äußerst sensibel auf Veränderungen in der Umwelt reagieren, eignen sie sich als Warnsignal für die gesamte Insektenwelt. Also verglich Habel im vorigen Sommer Wiesen in naturnahen Gebieten wie der Brenne mit Wiesen inmitten von Ackerlandschaften. 21 Flächen marschierte er mit seinem Klemmbrett ab und machte bei jedem Tagfalter einen Strich neben der entsprechenden Art auf seinem Feldblatt. Das Ergebnis der Studie, die im Februar im Fachblatt Insect Conservation and Diversity erschien: Auf den Wiesen inmitten von Ackerflächen fanden sich zwei Drittel weniger Schmetterlinge als auf den Wiesen in Naturschutzgebieten. Und nur halb so viele Arten. „Überall, wo gespritzt wird, geht die Zahl der Individuen und Arten massiv zurück“, sagt Habel. „Mindestens ebenso wichtig wie die Flächen an sich ist, was drum rum passiert.“ Hunderte Schmetterlingsarten sind in Bayern mittlerweile verschwunden, ergab 2016 eine Art Volkszählung für die nach den Käfern artenreichste Insektenordnung. „Die meisten in den letzten zwei Jahrzehnten“, sagt Habel.

Selbst in Naturschutzgebieten finden sich immer weniger Schmetterlinge. Habel klingt, als gehe es um die letzten Jahre der Dinosaurier, als er von „sukzessiven Aussterbeprozessen“, „Restlebensräumen“ und „leeren Schutzgebieten“ spricht. Er schließt mit den Worten: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Schmetterlinge aus ihnen verschwinden.“ Das Artensterben, vor der eigenen Haustür vor allem ein Insektensterben, ist somit endgültig Teil der deutschen Lebensrealität geworden. Das Drama der Natur spielt nicht nur in Grönland, wo Eisbären um Lebensraum und Nahrung ringen, und auch nicht allein in Afrikas Nationalparks, wo Nashörner längst per Hand gezählt werden.

28 Prozent aller Arten bedroht
Schon im Herbst 2017 veröffentlichte ein Forscherteam um den Niederländer Caspar Hallmann die „Krefeld-Studie“, die sich auf langjährige Freilandzählungen von Insektenkundlern unter anderem aus Krefeld bezog. Mehr als 25 Jahre lang hatten die Experten Mücken, Bienen oder Fliegen in Fallen gefangen und deren Gesamtmasse gewogen. Das Ergebnis war dramatisch: Um rund drei Viertel nahm die Biomasse aller Flieger in diesem Zeitraum ab – wohlgemerkt in Naturschutzgebieten.

2018 stufte der Bericht des Weltrats für Biologische Vielfalt 28 Prozent aller Arten in Europa und Zentralasien als bedroht ein, bei Wildbienen und Tagfaltern trifft dieser Status etwa jede zehnte Spezies. Die Deichhummel, puscheliger Sympathieträger der Insektenwelt, könnte in den nächsten Jahren für immer verschwinden. Vor wenigen Jahren traf man sie noch von Norwegen bis zum Alpenrand an. Wie schlecht es zum Beispiel um die Tagfalter Europas bestellt ist, lässt sich recht genau nachvollziehen: Daten aus 22 europäischen Ländern zeigen bei 17 typischen Wiesenschmetterlingen,dass deren Bestände von1990 bis 2015umetwa ein Drittel eingebrochen sind.Und die Rote Liste gefährdeter Arten liest sich wie ein Abschied auf Raten vonallem,wassummt,brummt oder krabbelt: 44 Prozent aller erfassten Insektenarten schwinden über die Jahrzehnte still dahin,unter den Grillen und Zikaden sind es 52 Prozent, unter den Köcherfliegen gar 96 Prozent.Der in dieserWoche in Paris veröffentlichteWeltbericht zur Biodiversität kommt zum Ergebnis, dass die Artenvielfalt heute mindestens zehn bismehrereHundert Mal so schnell zurückgeht wie im Schnitt in den letzten zehn Millionen Jahren(siehe KastenSeite 31).

Von wegen Ungeziefer
Dass erst in den vergangenen Jahren die Sorgeumden Artenbestand eine breite Öffentlichkeit erfasst hat, mag auch mit der schwachen Lobby der Vertriebenen zu tun haben. Stechmücken,Fliegen,Schaben oder Ameisen gelten dem Menschen als lästiges Ungeziefer. Die kleinen Panzertierchen lösen eher einen Fluchtreflex als einen Beschützerinstinkt aus,siehtmanvon Sympathieträgern wie den Honigbienen oder Marienkäfern ab.

Dabei sind sie auchfür den Fortbestand des Menschen essenziell. Und dies nicht nur,weil Insekten dieBödenkultivierenundTotes aus Pflanzen- und Tierreich zu fruchtbarem Humus recyceln. Sie dienen Vögeln, Reptilien und zahlreichen Säugetieren als Futter. Selbst wer wirtschaftliche Interessen verfolgt, tut gut daran, die Krabbler für ihre Feld-,Wald- und Wiesenarbeit zu ehren. Sie sind es, die Nutzpflanzen bestäuben. Weltweit könnten bis zu einer halbenBillion EuroanErtragsverlusten drohen, wenn die kleinen Außendienstler ihr Tagwerk bald einstellen müssten.Lebensmittelkönnten teurerwerden. Das Artenschwinden schadet vor allem den Ärmsten, die auf Eigenanbau angewiesen sind. „Der Rückgang an natürlicher Vielfalt und an Leistun Leistungen durch Ökosysteme trifft vor allem die elf Prozent der Menschheit, die unter Nahrungsmangel leiden und so arm sind, dass sie sich die grundsätzlich verfügbaren Lebensmittel nicht leisten können“, warnt der Göttinger Agrarökologe Teja Tscharntke.

Stellte man sich das Ökosystem als Pyramide vor, so ruhte ihr Fundament in vielerlei Hinsicht auf dem Rücken der Kleinsten. Tragen zukünftig noch weniger von ihnen diese Last, droht eine Destabilisierung mit unabsehbaren Folgen. Die Lebensgrundlage auch des Menschen wird somit auf Feldern und Wiesen verhandelt. Es sind viele Faktoren, die den Insekten sukzessive den Garaus machen. Und es ist nicht allein der Klimawandel. Er mag auch in Mitteleuropa seinen Einfluss auf die Vegetation haben, etwa indem sich die Blühzeiten nach vorn verschieben. Das Artensterben erklärt er nur zum Teil, denn das ist in den gemäßigten Breiten vor der eigenen Haustür eher feldgemacht, da sind sich Wissenschaftler einig. Immer mehr Straßen und Wohnsiedlungen versiegeln Lebensräume. Hecken – Kleinstädte der Kleinen – verschwinden im Zuge der Landschaftsplanung. Vielfach gemähte Vorgärten rauben den Krabbeltieren Nahrung und Schutz. Forstwirte befreien Wälder von Totholz und Gestrüpp – und damit von lebenswichtigen Nistplätzen. Doch nichts durchtrennt alle Lebensadern der Insekten nachhaltiger als der großflächige Anbau. „Die Landwirtschaft macht allein schon von der Fläche her am meistenaus“, sagt Josef Settele, einer der Hauptautoren des aktuellen Weltbiodiversitätsberichtes. Die Insekten trifft dabei der schleichende Verlust lebenswichtiger Strukturen ebenso wie die Intensität, mit der die meisten Äcker bewirtschaftet werden: Monokulturen mit Mais bieten nur noch wenigen Tieren Lebensraum. Diese werden spätestens von schweren Fahrzeugen oder der neuesten Generation an Pestiziden getötet.

Bauern wie Martin Neheider, 30, aus Mammendorf bei München fühlen sich ihrerseits zu Unrecht an den Pranger gestellt von immer mehr Umweltschützern. Mit Mastrindern, Kartoffel- und Getreideanbau verdient Neheider sein Geld. Er steht an einem sonnigen Morgen in seiner Arbeitskluft auf seinem Hof, im Hintergrund blöken seine Rinder, und sagt: „Es ist nicht nur die Landwirtschaft schuld. Jeder Einzelne trägt durch sein Tun und Lassen zum Insektensterben bei, das beginnt schon beim Kauf verramschter Lebensmittel im Supermarkt.“ Denn auch der Konsument stimmt an Supermarktkassen über den Artenschutz ab. Wer sich aufs Billigfleisch stürzt, sollte nicht nur die armen Tiere hinter der bearbeiteten Wurst bedenken. Das auch in Deutschland an Schlachtvieh verfütterte billige Sojakraftfutter stammt nicht selten von Anbauflächen, für die der Regenwald in Brasilien oder Argentinien weichen musste. Der Griff zu pflanzlichen Lebensmitteln ist somit mehr als ein Statement gegen die Massentierhaltung.