Die letzte Prinzessin

Aus Moctezumas Lieblingstochter wurde in der Gesellschaft des spanischen Hochadels »Dofia Isabel«. Sie überlebte fünf Ehemänner und kämpfte gemeinsam mit dem sechsten für ihre Rechte.

Die Königstochter war kaum 13 Jahre alt, da hörte ihre Welt auf zu existieren. Eben noch speiste Tecuichpoch von goldenen Tellern, trug ein smaragdbesetztes Diadem und ließ sich von ihrem Hofstaat auf einer Sänfte tragen. Nun gehörte sie selbst zu den Unterworfenen, angewiesen auf ein wackeliges Boot, das sie und ihren Mann Cuauhte— moc retten sollte. Es war im August 1521, als die beiden ihre Heimatstadt Tenochtitlan im Schutz der Nacht verließen — auf der Flucht vor spanischen Angreifern. Cuauhtemoc war der letzte aztekische Herrscher von Tenochtitlan. Und seine junge Frau war die Tochter seines Vorver— gängers Moctezuma II.

Eigentlich sollte Tecuichpoch das Fortbestehen ihrer Dynastie sichern. Genau wie ihr Reich fiel die Prinzessin jedoch in die Hände des Eroberers Hernán Cortés. Der Spanier reagierte mit Härte auf den Fluchtversuch: Er trennte das Paar und nahm die junge Frau in seinen Haushalt auf. Ihren Ehemann ließ er wenige Jahre später nach einer angeblichen Verschwörung hinrichten. Spanische Chronisten verbreiteten im Nachhinein, Moctezuma persönlich habe Cortés 1520 am Sterbebett gebeten, seine Lieblingstochter in Obhut zu nehmen. Doch die Überlieferung diente wohl eher dazu, Cortés’ grausames Vorgehen vor der Nachwelt zu rechtfertigen. Tecuichpoch, geboren um 1509, kam eine gesellschaftliche Schlüsselrolle zu. Moctezumas älteste Tochter wurde schon jung mit hochrangigen aztekischen Adeligen verrnählt. Cuauhtemoc war bereits ihr dritter Ehemann — auch die beiden anderen hatten ihr Leben in der Zeit des Abwehrkampfes gegen die Spanier verloren. Dass aztekische Machthaber Hochzeiten im Kindesalter arrangierten, war üblich — die Ehen wurden aber nicht immer gleich vollzogen. Die oft viel älteren Männer respektierten die Jugendlichkeit ihrer Braut. Offenbar war Tecuichpoch noch Jungfrau, als sie an Cortés’ Hof kam.

Es gelang ihr, sich in der Gesellschaft Spaniens zu etablieren, unter Adligen galt sie als gute Partie. Diesen Status nutzte sie, um das Erbe ihres Vaters zu verteidigen. Grundsätzlich kam dem aztekischen Adel das Recht zu, frühere Privilegien und Besitzungen bei der spanischen Krone vorzutragen und Entschädigung einzuklagen. Es waren langwierige, aber keineswegs aussiehtslose Prozesse — die Azteken- Prinzessin rang bis zu ihrem Tod mit der spanischen Gerichtsbarkeit, durch sämtliche Instanzen.

Anfangs war sie nicht einmal in der Lage, sich in ihrem neuen Umfeld verständlich zu machen. Sprache und Schrift der Eroberer waren ihr unbekannt. Ihre zarten Sandalen und fließenden Baumwollgewänder musste sie eintauschen — die »dama« von Stand trug Schnürstiefel und steife Mieder. Darüber hinaus war sie gezwungen, ihren Göttern abzuschwören. Franziskanermönche bekehrten sie zum Christentum und tauften sie auf den NaNamen Isabel. Obwohl sie den eigenen Namen verlor, blieb ein Hinweis auf ihre Herkunft gewahrt: Als Vertreterin der höchsten aztekischen Nobilität stand ihr der Titel »Dofia« zu.

Die Konquistadoren schenkten den ursprünglichen Herrschaftsstrukturen Mexikos durchaus Beachtung — ihnen lag vor allem daran, den aztekischen Adel unter Kontrolle zu bringen. Ein gängiges Mittel waren dabei Eheschließungen zwischen Eroberern und adeligen Aztekinnen. Eine mexikanische Königstochter war deshalb auch für spanische Notabeln attraktiv. Ihr erstes Kind erwartete sie allerdings unvermählt, Vater von Leonor Cortés Moctezuma war Cortés. Weil der spani— sche Anführer bereits verheiratet war, gab er Dofia Isabel nun einem seiner am höchsten dekorierten Offiziere zur Frau: Alonso de Grado. Doch der verstarb kurz darauf.

Mit Mitte zwanzig war Dofia Isabel vierfache Witwe. Im Rang einer spanischen Hofdame lebte sie nahe der alten Hauptstadt Tenochtitlan, hatte aber weiterhin kein Eheglück. Von ihrem fünften Ehemann Pedro Gallego de Andrada wurde sie schwanger; noch vor der Geburt segnete der Gatte das Zeitliche.

Gatte Nummer sechs war Juan Cano de Saavedra, mit ihm blieb Isabel bis zu ihrem Tod um 1551 verheiratet; das Paar hatte fünf Kinder. Er unterstützte sie im Kampf um Entschädigung für ihre ge— raubten Ländereien. 1547 schrieben die Eheleute sogar einen Beschwerdebrief an König Carlos I.

Dofia Isabel erlebte nicht mehr, dass ihr Rechtsstreit von Erfolg gekrönt war. Die Einnahmen aus den ihr zugesprochenen Gütern wurden ihren Nachfahren zuteil. Manche von ihnen stiegen bis zu »Granden« auf — und führten den Stammbaum der Moctezuma bis in die heutige Zeit in Spanien fort.