Die Macht der Biologie

Wie viel Zeit sollten kleine Kinder in der Kita verbringen? In der »Frankfurter Allgemeinen« habe ich den Bericht von Erzieherinnen gelesen, die klagen, dass selbst Einjährige immer öfter einen Achtstundentag hätten. Wir würden ständig über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sprechen, statt zu fragen, was Kinder brauchen. Ich fühlte mich ertappt. Meine Frau und ich arbeiten beide Vollzeit. Wir bringen unsere Kinder um acht Uhr zur Kita und holen sie gegen 17 Uhr ab. In der »FAZ« stand, dass Kinder, die zu lange in der Kita seien, mehr Zuwendung brauchten. Einige hätten nach acht Stunden einen starren, ins Leere gerichteten Blick. Ich versuche, mich damit zu beruhigen, dass unsere Kita doppelt so viele Erzieher beschäftigt, wie das normalerweise üblich ist.

Eine Kollegin will wegen des Artikels künftig die »FAZ« meiden, wie sie auf Twitter bekannt gab. Sie sei die Plädoyers fürs Hausfrauenleben leid. Außerdem habe sie keine Lust auf das »ganze schlechte Gewissen«, das ihr die Zeitung mache. Das fand ich aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens funktioniert nach meiner Erfahrung die Verbesserung des Familienlebens durch Ausblendung unangenehmer Wahrheiten nur bedingt. Zum anderen ist in dem Artikel an keiner Stelle die Rede davon, dass Frauen länger zu Hause bleiben sollten. Wenn überhaupt, dann wird dafür plädiert, dass beide berufstätige Eltern ihre Arbeitszeit kürzen.

Offenbar geht die Kollegin davon aus, dass Mütter in Bezug auf die eigenen Kinder ein schlechteres Gewissen haben als Männer. Das bestätigt meine Beobachtung, dass Frauen nicht in allen Belangen so emanzipiert sind, wie sie es gern wären. Immer kommt einem die Biologie in die Quere. Man kann das auch in Sorgerechtsstreitig – keiten beobachten. Wenn es darum geht, bei wem der Nachwuchs bleiben soll, argumentieren selbst in der Wolle gefärbte Feministinnen so, als wäre das Band zwischen Mutter und Kind etwas Heiliges. Die Familienministerin Franziska Giffey hat vorgeschlagen, bei Trennungen die Unterhaltszahlungen anzupassen. Bislang sind Männer voll unterhaltspflichtig, auch wenn ihre Kinder viel Zeit bei ihnen verbringen. Wer weniger als 50 Prozent der Zeit die Kinder betreut, der zahlt. Das sei nicht mehr zeitgemäß, erklärte Frau Giffey, woraufhin ihr Protest entgegenbrandete. Von der Biologie zum Geld ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.