Die Mauer in den Köpfen

Katholiken und Protestanten leben trotz Friedensabkommen noch immer getrennt in Nordirland. Der Brexit schürt nun die schlummernden Spannungen

Die Garvaghy Road ist an diesem Sonntag ziemlich menschenleer. Diskret flattern irische Trikoloren von den Laternenpfählen; sie signalisieren, dass hier die Katholiken von Portadown wohnen, jener nordirischen Stadt, wo vor über zweihundert Jahren der protestantische OranierOrden gegründet wurde. Carmel Robinson, eine lokale Journalistin, weiss, wo die Einheimischen sind: «Die Nationalisten haben sich nach Donegal abgesetzt.» Portadowns Katholiken seien in die Republik Irland geflohen. «Während der Paradensaison sind die Kneipen hier leer», fügt sie hinzu, und meint natürlich nur jene Kneipen, die von Katholiken frequentiert werden.

Boykott von Läden Es ist der Sonntag der alljährlichen OranierParade zur anmutigen Pfarrkirche von Drumcree. Polizeiinspektor Leslie Badger hat mit vier Kolleginnen eine symbolische Abschrankung auf der kleinen Strasse errichtet. Seit zwanzig Jahren werden die Oranier daran gehindert, durch die Garvaghy Road zu marschieren. Badger erklärt: «Weil die Parade durch einen nationalistischen Teil von Portadown führen würde und die Bewohner nicht einverstanden sind.»

Die Oranier formulieren ihren Protest, dann beten sie kehlig das Vaterunser und singen «God Save The Queen», bevor sie rechtsumkehrt machen. Wie jedes Jahr. Der Meister des Distrikts Portadown, Darryl Hewitt, bestätigt, dass Katholiken und Protestanten hier immer noch getrennt lebten. «Drumcree ist ein Symbol dafür», sagt er. «Die Spannungen werden nicht nachlassen, bis diese Paradenfrage gelöst ist.» Robert Oliver, an dessen oranger Schärpe eine Plakette stolz «Deputy County Grand Lecturer» verkündet, begründet das Verbot mit «der grösseren Gewaltandrohung ». Der GarvaghyAnwohnerverein werde von «finsteren Elementen » gesteuert, meint er.

Breandán Mac Cionnaith, seit Jahrzehnten der Sprecher jener Anwohner, erinnert daran, dass die konfessionellen Spannungen in Portadown bis ins 19. Jahrhundert zurückreichten. 1912 sei ein Katholik während einer Parade von Protestanten erschossen worden, weiss er. Was er wohlweislich nicht erwähnt: Er selbst hatte in den achtziger Jahren eine sechsjährige Haftstrafe verbüsst, weil er im Namen der katholischen Terrorgruppe IRA das Stadtzentrum von Portadown bombardieren wollte. Dieses Stadtzentrum wird unverändert von protestantischen Geschäften dominiert. Die Journalistin Carmel Robinson erzählt, zahlreiche Katholiken mieden diese Geschäfte. Dieser Boykott war ursprünglich ein Protest gegen die DrumcreeParaden in der Mitte der neunziger Jahre. Sie spricht von «unsichtbaren Schranken» in Portadown, die von Katholiken nicht überquert würden.

Ein grünes T-Shirt reicht Zwist und Bitterkeit sitzen tief. Auch zwanzig Jahre nach dem Friedensschluss teilen die beiden Konfessionsgruppen Nordirlands im Alltag wenig. Die meisten Sportarten werden getrennt betrieben, im geselligen Leben bleibt man unter sich. Und das wird sich so rasch nicht ändern: Nur 7 Prozent aller Kinder besuchen «integrierte» Schulen.

Der bevorstehende Brexit schürt Spannungen. Nordirland stimmte mit 56 Prozent dagegen. Eine neuere Befragung ergibt gar 69 Prozent, die in der EU bleiben möchten, was weitgehend ein katholisches Anliegen ist. Selbst die irische Wiedervereinigung wird als Option nun erwogen. Und so scheint es sinnträchtig, dass die nordirische Grenze – dereinst die einzige Landgrenze der EU mit dem britischen Staat – in den letzten Tagen zum Brennpunkt der Brexitverhandlungen geworden ist. Die EU beharrt auf einer rechtsgültigen Garantie, dass diese Grenze wie heute unsichtbar bleibe. Theresa May ist einverstanden, doch ihre neue Patentlösung, die sie am Freitag in Belfast präsentierte, ist eine Mogelpackung, die von der EU abgelehnt wird. Die irische Regierung und die EU beharren darauf, dass es ohne eine solche Garantie kein Scheidungsabkommen und folglich keine Übergangsfrist geben könne. May lässt durchblicken, dass sie von ihrer eigenen Partei gestürzt werde, wenn sie weitere Zugeständnisse mache.

Es droht der vertragslose Zustand ab Ende März 2019. Diese Aussicht weckt in Nordirland Ängste. Zollposten an der Grenze wären Zielscheiben für Splittergruppen der IRA. Diese lassen derzeit ihre Muskeln spielen. Sie werden beschuldigt, im Juli Krawalle in Derry angezettelt zu haben. Sie schikanierten die Bewohner des Fountain Estate, der letzten protestantischen Exklave auf dem westlichen Ufer des Flusses Foyle. Nun wird erwogen, die sieben Meter hohen Gitterzäune, die das Quartier und seine rund 350 Bewohner einfrieden, zu erhöhen. Spannungen und Ungewissheiten über die Zukunft führen in Nordirland letztlich immer zu Reibereien zwischen Katholiken und Protestanten.

Sichtbare Beweise dieser unveränderten Segregation bilden die 106 «Friedensmauern», die in Belfast, Derry, Lurgan und Portadown noch immer Katholiken von Protestanten trennen. Die vergitterte Türe, die das Fountain Estate mit der historischen Altstadt von Derry verbindet, wird jeden Abend um 21 Uhr versperrt. Ein hässlicher Zwischenfall mag stellvertretend für das Konfliktpotenzial an der Basis stehen. Anfang Juli bauen «Loyalisten» – das sind junge, oftmals handgreifliche Protestanten – riesige Scheiterhaufen aus Holzpaletten. Diese werden in der Nacht auf den 12. Juli, dem alljährlichen Höhepunkt der OranierParaden, in Brand gesteckt.

Auch in Portadown werden Scheiterhaufen errichtet. Dieses Jahr attackierten Loyalisten einen jungen Mann, der mit Frau und Kind seine Einkäufe besorgt hatte und an einer Ampel halten musste. Er wurde aus dem Auto gezerrt und spitalreif geprügelt. Inspektor Badger bestätigt, das Opfer habe ein Leibchen der irischen RugbyMannschaft getragen. Obwohl Nordirland und die Republik im Rugby gemeinsam antreten, genügte die grüne Farbe des Trikots, um den Träger zum Katholiken zu machen. Distriktmeister Hewitt hatte sich über Sabotageakte gegen Scheiterhaufen bitter beklagt und von «Attacken auf die protestantische Kultur» gesprochen – den verprügelten Katholiken jedoch erwähnte er nicht.