Die rechte Welle surfen

Social Media Eine umfassende Datenanalyse zeigt, dass die AfD alle anderen Parteien auf Facebook bei Weitem hinter sich lässt. Experten wittern dubiose Hilfe.

Trevor Davis ist beunruhigt, wenn er auf seinen Bildschirm schaut. Der US-Amerikaner, unter anderem Forschungsprofessor an der George-Washington- Universität, analysiert seit Jahren politische Kampagnen in sozialen Netzwerken als Wissenschaftler und politischer Aktivist. Doch ein Phänomen wie die AfD hat er noch nicht gesehen: »Das ist gigantisch und macht mir wirklich Angst«, sagt Davis. In einer umfangreichen Analyse hat der Forscher untersucht, wie aktiv deutsche Parteien auf Facebook sind. Die AfD sticht dabei in einem Maße heraus, wie es Davis sich nicht hätte vorstellen können. Während die Partei in Umfragen derzeit zwischen 11 und 15 Prozent liegt, bestellt sie das Feld auf Facebook fast allein: Dort entfallen seit Oktober rund 85 Prozent aller weiterverbreiteten Beiträge deutscher Parteien auf die AfD. Die verbleibenden 15 Prozent dieser »Shares« teilen sich SPD, Grüne, Linke, FDP und Union, davon gehen nur jeweils 2 bis 3 Prozent an die Volksparteien SPD und CDU/CSU.

Ein Share auf Facebook bedeutet, dass ein Nutzer einen Post, etwa ein Foto, mit seinen Freunden teilt. Shares gelten in der Welt der sozialen Netzwerke als harte Währung, denn sie bedeuten im Regelfall, dass einem Nutzer eine Aussage nicht bloß gefällt, sondern dass er sich damit identifiziert und sich hinter sie stellt, indem er sie verbreitet. Es sind typische AfD-Botschaften, die sich so den Weg in die Köpfe sehr vieler Menschen bahnen: »Syrer dürfen ihre Zweitfrauen nachholen!« oder »Terrorzelle aufgedeckt – Islam ist friedlich und offene Grenzen sind toll. Wir ertragen diese Lügen nicht mehr.« Davis’ Daten, die der SPIEGEL ausgewertet hat, geben erstmals eine Übersicht über Tausende Facebook-Accounts politischer Parteien in Deutschland. Denn diese pflegen nicht nur jeweils eine Seite in dem sozialen Netzwerk, sondern Hunderte – von der Bundespartei über die Landesverbände bis hin zu Ortsgruppen und Kreisverbänden. Hinzu kommen die persön – lichen Accounts von Politikern. Sie alle hat Davis zusammengetragen und in einer Datenbank gespeichert. Schon hier zeigt sich ein leichter Vorsprung der AfD: Rund 1500 Seiten betreibt die Partei auf Facebook, rund 1400 die SPD, gut 1000 die Union.

Trevor Davis fürchtet, dass die AfD in den Umfragen zur Europawahl massiv unterschätzt sein könnte, auch weil die Wahlbeteiligung traditionell eher niedrig ist. Der Social-Media-Experte Martin Fuchs, der sich seit Jahren mit den Internetmethoden der AfD befasst, teilt diese Sorge nicht: »Nach meiner Einschätzung ist die Reichweite der Partei im Netz stabil und übersetzt sich nicht zwangsläufig in einen Wahlerfolg. « Trotzdem habe Davis mit seiner Analyse grundsätzlich recht, sagt Fuchs. Er nennt die AfD die »erste Facebook-Partei des Landes«. Sie habe ihre gesamte Struktur mithilfe des sozialen Netzwerks aufgebaut. »Die Logik und die Funktionsweise der AfD orientiert sich an Facebook. Damit unterscheidet sie sich elementar von anderen politischen Akteuren.« Doch was ist das Geheimnis des AfDErfolgs auf Facebook? Einige Faktoren liegen nahe: Emotional besetzte AfD-Lieblingsthemen wie Migration oder Kriminalität erzeugen deutlich mehr Reaktionen als Posts zur Finanz- oder Kulturpolitik. Auf politische Ereignisse reagiert die AfD oft schneller als andere Parteien. Und sie fordert mehr Engagement ihrer Anhänger, indem sie mehr Fragen stellt, dazu aufruft zu kommentieren, zu teilen.

Davis’ Datenanalyse liefert noch weitere Erklärungen für den Erfolg der AfD. Über ihre Nutzerkonten setzt die Partei eine gigantische Zahl von Foto-Posts ab. Durchschnittlich mehr als 4000 pro Woche waren es seit Oktober. Zum Vergleich: Andere Oppositionsparteien wie die Linke oder die FDP schaffen meist nur mehrere Hundert Foto-Posts in der Woche, nur in Ausnahmefällen über 1000. Aber 4000? »Das hat das Niveau einer US-Präsidentschaftskampagne im Endspurt«, sagt Davis. »Die Hyperaktivität der AfD-Seiten allein würde ausreichen, um den Online – diskurs und das Meinungsbild zu beeinflussen«, warnt die Extremismusforscherin Julia Ebner vom Londoner Institute for Strategic Dialogue. »In Kombination mit der besonders starken Verwendung von Bildern, die Wut erzeugen, und Schmutzkampagnen gegen politische Gegner gelingt es der Partei, beinahe ein Monopol auf Online-Stimmungsmache aufzubauen. « Das sei gefährlich, denn Negativkampagnen könnten insbesondere unentschlossene Wähler beeinflussen, so Ebner.

Medienwissenschaftler Davis hat auch analysiert, wie sich die Flut der Facebook- Bilder der AfD zusammensetzt. Dafür hat er rund 10000 Foto-Posts aus dem März und April 2019 untersucht. In etwa 90 Prozent der Fälle teilt die Partei einfache Fotos, etwa solche, die Zeitungsartikeln anhängen. Beim Rest nutzt sie speziell erstellte Fotocollagen, in AfD-Blau gehalten, mit dem Parteilogo versehen und meist mit ebenso kurzen wie eingängigen Botschaften: »Zu viele Flüchtlinge: Deutsch ist nicht mehr das Sprachvorbild!«, heißt es. Oder: »Deutsche Steuerzahler finanzieren ihre eigene Enteignung«. Ihre Reichweite steigert die AfD auch, indem sie Fotocollagen mehrfach postet. Ein Bild zu einer angeblichen Schulhofschlägerei setzte die Partei zum Beispiel auf mehr als 16 Facebook-Seiten ab, ein anderes über Muslime in der Bundeswehr auf mindestens 9 Seiten. Insgesamt dominiert das Thema Flüchtlinge, aber auch zu den »Fridays for Future«-Demos und den Dieselfahrverboten postet die Partei jetzt ständig. »Die AfD produziert Hunderte Foto-Posts am Tag«, sagt Davis. »Wer macht diese ganze Arbeit?« Die AfD will diese Frage nicht beantworten. Ein lange angefragter Besuch im Newsroom der Bundestagsfraktion wird erst zugesagt, findet dann aber doch nicht statt. Der Parteipressesprecher verspricht, sich um einen Termin mit einem der Social- Media-Experten zu kümmern. Bis Redaktionsschluss klappte auch das nicht.

Dafür gibt sich der AfD-Sprecher überrascht: »Machen wir denn da so viel mehr als die anderen?« In der Parteizentrale säßen nur drei Personen, die sich um die sozialen Netzwerke kümmerten. Dazu gebe es noch »ein paar Freelancer«, etwa Leute, die Grafiken bauten, und einen, der animierte Kurzfilme produziere. Den Erfolg der Partei im Internet erklärt der AfD-Sprecher damit, dass die Menschen in den sozialen Netzwerken eben »weniger den Mainstream wollen, den die Medien immer veröffentlichen«. Bei seiner Partei finde man »Material ohne redaktionelle Bearbeitung«, die AfD sei die »Stimme des Volkes«. Plausibler ist eine andere Erklärung für den AfD-Erfolg. Ein Abgeordneter berichtet, dass einige Mitarbeiter bis zu einem Dutzend Seiten gleichzeitig betreuten, auch die von Kreisverbänden. »Wir wissen, dass die AfD auf eine große Zahl von Menschen zurückgreifen kann, die sich und ihren Ansichten Gehör verschaffen wollen, auf diese Gelegenheit regelrecht gewartet haben«, sagt auch Experte Fuchs. Die AfD nutze dieses »Heer von Helfern« und unterstütze es mit Anleitungen, Textbausteinen und Bilddatenbanken.

Die Hilfe scheint nicht nur aus Deutschland zu kommen. Davis hat in den AfDPosts zahlreiche Bilder gefunden, die aus russischen Fotodatenbanken stammen. Er fragt sich daher, ob die Partei Hilfe aus Moskau erhält. Der AfD-Pressesprecher weist das zurück, zumindest was die Seiten angehe, die die Geschäftsstelle betreut. Über andere könne er nichts wissen. In Sicherheitskreisen hält man das Szenario für denkbar. Eine Unterstützung der AfD passt nach Ansicht von Fachleuten in Moskaus strategische Erwägungen, die westlichen Demokratien zu destabilisieren, indem extreme Kräfte gestärkt würden. Erst vor einigen Wochen hat der SPIEGEL enthüllt, wie eng die Beziehung Russlands zu manchen AfD-Politikern sind (15/2019). Der Wissenschaftlerin Ebner fällt an den von Davis gesammelten Daten auf, dass AfD-Inhalte künstlich verstärkt würden von Accounts, die entweder falsch oder gar halb automatisiert aussehen. Anders sei das unrealistisch starke Pro-AfDEngagement von angeblichen Facebook- Nutzern aus Ländern wie der Türkei und Ägypten nicht erklärlich. Solche Social- Media-Strategien, die sich »am Rande des Zulässigen« bewegten, sind laut Ebner »ein Phänomen, das wir auch bei rechtspopulistischen Parteien im Ausland verstärkt beobachten«. Eine Facebook-Sprecherin sagt, dass es ein Team von Spezialisten gebe, um Hinweisen nachzugehen, »die auf missbräuchliche Verhaltensweisen hindeuten«. Hierzu zähle zum Beispiel koordinierte Wahlbeeinflussung aus dem In- und Ausland. »Wenn wir Verstöße gegen unsere Regeln feststellen, gehen wir konsequent dagegen vor«, so die Sprecherin. Am Ende könnte es eine Mischung von lebendigen Anhängern und digitalen Automaten sein, die der AfD die Lufthoheit auf Facebook sichern. Eines wäre sie damit sicher nicht: die »Stimme des Volkes«.