Drahtseilakt ohne Netz

Das goldene Krönchen auf dem Zelt ragt an diesem Sommernachmittag schief in den blauen Himmel. Kurz vor der Vorstellung ist das Vorzelt des Circus Royal wie ausgestorben. Am Hotdog-Stand liegen ein paar schrumpelige Würstchen in einem Glasbehälter. Im Tunnel zu den Tribünenaufgängen riecht es modrig. Der Boden ist matschig, da und dort sind Holzpaletten ausgelegt. Im Chapiteau staut sich die Hitze. Die Zuschauerreihen sind praktisch leer, ein Handvoll Familien sitzen da und essen Popcorn.

Den Glanz sucht man beim Circus Royal zurzeit vergeblich. Wie vor einigen Tagen bekannt wurde, befindet sich der Betrieb im Konkurs. Mit einer neuen Firma will der alte Mitinhaber Oliver Skreinig den Circus Royal weiterführen (siehe Kasten). Ob er das Steuer herumreissen kann, steht in den Sternen. Denn in der Schweizer Zirkuslandschaft stehen einige Betriebe unter Druck. Das Unterhaltungsangebot in der Freizeit hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Artistische Sensationen kann man heute auf Youtube in der Endlosschleife sehen. Wie Studien zeigen, gehen Jugendliche weniger ins Kino oder ins Theater. Für viele Erwachsene zählt der Zirkus nicht mehr zum gehobenen Kulturangebot. Ohne Kind am Arm wird man belächelt. Es bleiben dem Zirkus oft noch die Familien.

Besorgt über Kostenanstieg
Der Zeitgeist nagt am Zirkus. Gleichzeitig, so berichten zahlreiche Zirkusfamilien, hätten die Kosten für den Betrieb in den vergangenen Jahren stark zugenommen. In der Manege lassen sich die Gastgeber nichts anmerken, der Frack sitzt, die Knöpfe glitzern. Doch «hinter dem Vorhang sind die meisten in Geldnot», sagt Zirkuspfarrer Adrian Bolzern. Das Geld sei die ewige Sorge der Branche. Die meisten kämpften gegen hohe Kosten. Diese seien in den vergangenen Jahren explodiert, berichten die Zirkusse. Ein paar Zahlen: Wie eine kurze Umfrage zeigt, kostet ein Spieltag heute zwischen 15 000 und 25 000 Franken. Die Platzmiete liegt pro Tag im Schnitt etwa bei 1000 Franken. Bauern, Gemeinden und städtische Betriebe wollen mehr Geld als früher. «Die Städte verlangt von uns allein für den Anschluss von Wasser und Strom im Jahr etwa 100 000 Franken», sagt Royal-Chef Oliver Skreinig. Früher habe man die Hydranten auf dem Zirkusplatz noch selber angeschlossen. Gleichzeitig beschäftigen Zirkusse wie Monti, Nock, Royal oder Stey zwischen 60 und 100 Angestellte. Und auch die Infrastruktur wird teurer.

Wie geht diese Rechnung auf? «Eben fast nicht», sagt Franziska Nock. Sie leitet mit ihrer Schwester in der siebten Generation den Familienzirkus Nock. Gleich wie zahlreiche Berufskollegen arbeiten die Nocks mit Sponsoren und Gala-Anlässen, um über die Runden zu kommen. Das Umfeld sei auch hier schwieriger geworden. Viele Firmen sparen bei ihren Ausgaben für Werbung und Veranstaltungen. Bei den meisten befragten Zirkussen klingt es ähnlich. «Wir schauen, dass wir viel selber machen», sagt Martin Stey, Direktor des Zirkus Stey. Er bestreitet die Pony-Nummer und mimt den Clown. Zudem bietet er Familientickets für 66 Franken.

Der Zirkus Monti ist seit 2015 nur noch vier anstatt der üblichen acht Monate auf Tournee. Den Entscheid habe man nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen gefällt, sagt Direktor Johannes Muntwyler. Man spiele lieber länger an einem Ort, als zweimal in der Woche alles auf- und abzubauen. Muntwyler setzt zusätzlich stark auf das Vermietungsgeschäft. Der Zirkus hat 2015 eine Zeltvermietung gekauft und stattet damit Veranstaltungen wie das Paléo-Festival oder das Arosa Humorfestival aus. Der Bereich laufe gut. Die Investition habe sich gelohnt.

Kein finanzielles Wagnis
Die meisten versuchen zudem, mit Wintervariétés die Kasse aufzubessern. Das Angebot ist zahlreich, das Fazit bei den meisten eher überschaubar. Einzig der Circus Monti will dieses Angebot ausbauen. Nock, der bis jetzt im Winter noch nichts anbot, wird ein neues Konzept lancieren. Details sind noch geheim. Der Spagat zwischen Zirkustradition und modernen Formen sei schwierig, sagt Franziska Nock.

Diesen Spagat scheuen viele. Zum einen, so scheint es, herrscht Ratlosigkeit. Der traditionelle Zirkus hat Jahrzehntelang funktioniert. Zum anderen fehlt es an Mut zum Neuen. «Eine radikale Modernisierung wäre ein zu grossen Wagnis», sagt Martin Stey. Gleich wie viele andere könnte man den finanziellen Schaden nicht tragen, wenn das Konzept nicht funktionieren würde.

Selbst beim Schweizer National- Circus Knie ist der Tenor nüchtern: «Mit der steigenden Unterhaltungsvielfalt ist es für den Zirkus heute schwieriger geworden », sagt Fredy Knie junior. Sein Zirkus komme aber «gut über die Runden». Die Zuschauerzahlen seien über Jahre stabil. Die Auslastung bei den Plätzen liege zwischen 75 und 85 Prozent. Davon können andere zurzeit nur träumen. Wenn nur 50 Leute im Zelt sässen, kratze das am Selbstvertrauen, sagt Zirkus-Seelsorger Adrian Bolzern. Ein «wunder Punkt». Seit Jahren sei es der gleiche «Chrampf» für viele – nur bekämen sie immer weniger dafür. Seiner Meinung nach sollten sie sich mehr für Kooperationen öffnen. Obschon die Schweizer Zirkusse historisch eng miteinander verbunden sind, «ziehen sie nicht am gleichen Strick».