Ein Formular schützt vor Zwangsheiraten

Oft sind es Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien, denen Zwangsheiraten drohen. Die betroffenen jungen Frauen stammen aus einer Vielzahl von Ländern. Sie würden für eine Vermählung in ihre frühere Heimat verschleppt, sagt Anu Sivaganesan, die Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat.

Ihr Kompetenzzentrum hat zusammen mit der Stadtberner Fremdenpolizei eine Massnahme getroffen, um bedrohte Frauen zu schützen: Seit einem Jahr haben sie ein Formular im Internet aufgeschaltet. Damit können bedrängte Frauen eidesstattlich erklären, dass sie sich nicht vermählen wollen, wenn sie in ihre frühere Heimat reisen, beziehungsweise, dass sie die Schweiz nicht oder nicht in Begleitung gewisser Personen verlassen wollen. Bis jetzt habe ihre Fachstelle Kenntnis von 92 abgegebenen Deklarationen, sagt Sivaganesan. In Bern hätten 6 junge Frauen das Dokument eingereicht, sagt Alexander Ott, der Vorsteher der Fremdenpolizei. Weil die Formulare auch bei anderen Institutionen eingegeben werden können, dürfte die Zahl der eidesstattlichen Erklärungen deutlich über 100 liegen.

Das Formular sei nur eine von mehreren Vorkehrungen gegen Heiratsverschleppungen, betont Sivaganesan. Wichtig sei auch die Vernetzung mit Organisationen in den Ländern, in denen sich das Problem stelle. Die Fachfrau erwähnt etwa Eritrea, Somalia, die Türkei, Kosovo, Mazedonien, Syrien, Afghanistan und den Irak. Aus den irakischen Kurdengebieten stammten die prekärsten Fälle, die der Fachstelle zugetragen würden. Auch deshalb, weil dort Kinderheiraten gang und gäbe seien, sagt Sivaganesan. «Wir berieten erst letzte Woche eine Betroffene, die im Alter von zwölf Jahren in ihrem Herkunftsland zwangsverheiratet wurde.» Es handelt sich dabei laut Sivaganesan meist um traditionelle Hochzeiten. Um die brachiale patriarchalische Gewalt gegenüber Kindern zu stoppen, müssten auch in der Schweiz zusätzlich Vorkehrungen getroffen werden, fordert die Expertin. Sie erwähnt etwa eine erhöhte Sensibilisierung von Behörden, Arbeitgebern und Schulen sowie einen besseren Schutz für Gefährdete. Seit 2016 registriert die Fachstelle mehr Kinderheiraten. Diese Entwicklung halte an, sagt Sivaganesan. Sie stellt fest: «Oft reisen Familien mit den Kindern in Nachbarstaaten ihrer früheren Heimat, um von dort ihr Herkunftsland zu erreichen und den Nachwuchs zu vermählen.»

Sorgen bereiten Sivaganesan die derzeitigen politischen Bestrebungen von SVP-Parlamentariern, in der Schweiz den Primat der Ziviltrauung abzuschaffen. Vorstösse der Nationalräte Claudio Zanetti und PierreAndré Page zielen darauf ab. «Sollten religiöse Vermählungen künftig auch ohne zivile Heirat zulässig werden, hätte dies fatale Folgen», sagt die Juristin warnend. Die Handhabe, um erzwungene Ehen zu erkennen und dagegen vorzugehen, würde laut Sivaganesan wesentlich beeinträchtigt.

Zwangsheiraten bereiten den Behörden zusehends Sorgen, wie Alexander Ott von der Stadtberner Fremdenpolizei einräumt: «Solche illegalen Ehen werden zu einem sehr komplexen Problem.» Die Zusammenarbeit mit der Fachstelle Zwangsheirat bewähre sich, die eidesstattliche Erklärung sei ein weiterer Schritt zur Bekämpfung der unfreiwilligen Vermählungen. Weitere Städte und Kantone seien daran interessiert, das Formular bei ihren Behörden einzuführen. Alexander Ott hält fest, das Ziel sei ein schweizweit vernetztes System, um gegen Zwangsheiraten vorzugehen.