Familienferien auf dem Balkan

Beim Besteigen der Fähre in Ancona haben sich die Söhne noch lustig gemacht über die «Fake-marken», die die Albaner ihrer Meinung nach häufig tragen. Während der Überfahrt nach Durrës waren sie schwer beeindruckt vom Gemeinsinn und der Fröhlichkeit der Albaner, die auf dem Weg in die Sommerferien in ihrer Heimat die halbe Nacht gefeiert haben. In Albanien angekommen, haben die beiden nur noch gestaunt, angesichts der weltweit wohl einmalig hohen Dichte an – gebrauchten – Mercedes- und Bmw-karossen sowie der Villen im Zuckerbäckerstil, mit der sich die Reichen hier gerne ein Denkmal setzen.

Sei es eine mehrtägige Wanderung durch die Alpen, eine ausgedehnte Velotour durch die Schweiz oder – wie in unserem Fall – ein Roadtrip mit dem Auto durch den Balkan: Für mich gibt es keine intensivere und schönere Erfahrung im Verbund der Familie, als gemeinsam eine Reise zu unternehmen. Es fängt schon mit der Planung an: Während Monaten herrscht Vorfreude, und es darf darüber spekuliert werden, ob der Pool in der gebuchten Unterkunft wirklich so toll ist, wie er aussieht. Auf der Reise gilt es Abenteuer zu bestehen und familiäre Herausforderungen zu meistern, etwa den Koller, der aufkommen kann, wenn man während Wochen ständig auf kleinstem Raum zusammen ist. Zurück zu Hause lässt sich noch lange von den Erfahrungen zehren und in den gemeinsamen Erinnerungen schwelgen.

Auf unserer grossen Reise durch den Balkan sind wir nach Albanien, Mazedonien, Montenegro und Kroatien inzwischen in Sarajevo angelangt; Belgrad steht uns noch bevor. In Albanien sind wir während eines heftigen Gewitters beinahe von der Strasse gespült worden, und in Gesprächen mussten wir den Schock überwinden, der uns traf, als wir später an einem Motorradunfall mit tödlichem Ausgang vorbeikamen. Nachdenklich wurde es, als unsere Söhne in der Warteschlange vor dem kroatischen Zoll vorschlugen, jeder müsse jetzt die herausragenden positiven und negativen Eigenschaften des andern auflisten. Zu meiner Person nur soviel: Papa verliere praktisch nie die Nerven – aber wenn, dann richtig, befand der Ältere. Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich diese Feststellung zu bewerten habe.

Geradezu rührend war, was die beiden als Souvenir nach Hause nehmen wollten: eine klassische Balkanfrisur. Ermöglichen sollte diesen Wunsch ein Coiffeur im Pensionsalter, der sein Geschäft in einer Box am Strassenrand im Zentrum des mazedonischen Ohrid betrieb. Der Mann war zunächst etwas unsicher, weil er nach eigenem Bekunden sonst nie so junge Kunden hat. Schliesslich rasierte er den beiden mit der Maschine dann doch eine scharfe Stufe rund um den Kopf ins Haar und darunter bis auf den Schädel alles weg – die Jungs waren glücklich, der Coiffeur ebenso. Und der Zufall wollte es, dass wir den Final der Fussball-wm ausgerechnet in Kroatien verfolgen durften, im Land des Aussenseiters im grossen Endspiel. Wie erlebten eine Nation im Freudentaumel Geradezu rührend war, was die beiden als Souvenir nach Hause nehmen wollten: eine klassische Balkanfrisur.

und machten die erstaunliche Erfahrung, dass die Kroaten erst dann so richtig zu feiern begannen, als das Spiel verloren war. Wir Schweizer hätten uns wohl in der gleichen Situation in erster Linie ob der verpassten Chance gegrämt.

In den Ländern des Balkans lahmt die Wirtschaft. Und auch die Narben der schrecklichen Bürgerkriege der neunziger Jahre sind nicht zu übersehen, zum Beispiel in den zerschossenen Gebäudefassaden in Mostar oder den Kriegsgräbern mitten in den Wohnquartieren von Sarajevo. Und doch hat man das Gefühl, die Region entwickle ein neues Selbstbewusstsein jenseits der alten Stigmata.

Wir haben auf unserem Roadtrip durch diesen kulturell und historisch reichen und wunderschönen Teil Europas jedenfalls grosszügige und freundliche Menschen kennengelernt, ein Gespür für Geschichte entwickelt und unseren Teamgeist in der Familie geschärft. Die Erfahrung des Balkans ist eine Erfahrung fürs Leben.