Flüchtlinge kommen nun über Spanien

Einst führte die wichtigste Route für Flüchtlinge in Richtung Europa von Senegal der Atlantikküste entlang durch Mauretanien, die Westsahara und Marokko bis in die Gegend von Tanger. Dort, direkt an der Meerenge von Gibraltar, liegt Europa nur gerade 15 Kilometer entfernt. Doch Mitte der nuller Jahre vereinbarten Spanien und Marokko eine enge Zusammenarbeit in der Kontrolle der irregulären Einwanderung. Diese betraf sowohl Migranten aus Ländern südlich der Sahara wie auch junge Marokkaner, die nach Europa wollten. Diese Grenzsicherung funktionierte so gut, dass in den Jahren danach die westliche Route nach Europa an Bedeutung verlor.

Doch in letzter Zeit herrscht dort wieder viel Betrieb. Waren im ersten Halbjahr 2017 noch 6500 Migranten an der spanischen Küste angekommen, so sind 2018 bis Mitte Juli laut der Internationalen Organisation für Migration über 18000 Menschen nach Spanien gelangt – und weitere 3000 über die Exklaven Ceuta und Melilla. Das sind rund 3800 mehr, als im gleichen Zeitraum in Italien, dem bisherigen Hauptziel der Migranten, ankamen.

Die Gründe für diesen starken Zuwachs sind vielfältig. Eine wichtige Rolle spielen die Gefahren, die Flüchtlingen in Libyen drohen. Viele werden in Lager steckt und gefoltert. Auch der Versuch der EU, Flüchtlinge in Niger an der Einreise nach Libyen zu hindern, dürfte eine gewisse Wirkung erzielt haben. Das Gros der Migranten, die nun wieder die alte Route entlang der Atlantikküste benutzen, dürfte diesen Entscheid aber schon im jeweiligen Herkunftsland getroffen haben und nicht von Schleppern in Niger instruiert worden sein. Wichtiger ist sicher zudem die immer härtere Migrationspolitik der italienischen Regierung, die damit die Zahl der Ankünfte in Italien senken konnte. Zuletzt hat der neue Innenminister Matteo Salvini privaten Rettungsschiffen das Anlegen verboten, und er will dieses Verbot auch auf Schiffe der EU-Mission «Sophia» ausdehnen.

Viel einleuchtender als all das sind aber zwei Beobachtungen: Zum einen ist es für Angehörige vieler Staaten Westafrikas möglich, legal in Marokko einzureisen. Verglichen mit der Strecke quer durch die ganze Sahara nach Libyen ist diese Route geradezu komfortabel. Zum andern muss sich in Westafrika herumgesprochen haben, dass die Grenzen in Marokko seit kurzem wieder durchlässiger sind.

Dies dürfte mit den Unruhen im Norden Marokkos zusammenhängen, die vor allem im letzten Jahr die lokalen Sicherheitskräfte stark gebunden haben. Ausserdem ist der Druck von den vielen afrikanischen Migranten, die sich im Norden des Landes aufhalten und unbedingt nach Europa weiterreisen wollen, erheblich. Es ist denkbar, dass die marokkanische Regierung diese Migranten loswerden möchte.

Vor allem aber will Marokko Druck auf Spanien und die EU machen. Dafür gibt es starke Hinweise. Marokko öffne ab und zu bewusst die «Schleusen», um der spanischen Regierung seine unersetzliche Rolle in Sachen Grenzsicherung in Erinnerung zu rufen und nicht zuletzt auch auf Unterstützung im Konflikt um die Westsahara zu pochen, sagt der spanische Journalist und Experte Ignacio Cembrero.

Doch alles weist darauf hin, dass Marokko eine doppelte Strategie fährt und weiterhin auch eng mit Spanien zusammenarbeitet. So haben marokkanische Sicherheitskräfte vor kurzem zwei wilde Flüchtlingslager in Fes und Casablanca aufgelöst und die zumeist jungen Westafrikaner mit Bussen zwangsweise in weit entfernte Landesgegenden verfrachtet. Gleichzeitig wurden laut der marokkanischen Menschenrechtsorganisation AMDH 130 minderjährige Marokkaner, die sich in der Nähe von Melilla aufhielten, aufgegriffen und zu ihren Familien zurückgeführt. Diese Aktion erfolgte ohne Zweifel auf Wunsch von Spanien.