Fremde Dorfkönige in den Alpen

Wenn Vitek will, steht alles still. Diese ungemütliche Erfahrung mussten die Einwohner von Crans-Montana am vergangenen 5. April machen. Da stellte Radovan Vitek, milliardenschwerer Grossinvestor im Walliser Ferienort, trotz Prachtwetter seine eigenen Bergbahnen ab. Es brauchte die Vermittlung von Staatsrat Christophe Darbellay, eine rasche Nachzahlung der Gemeinde und viel Frustrationstoleranz, bis die perplexen Skifahrer zwei Tage später wieder losbrettern konnten.

Die Episode mag ein Kuriosum im Schweizer Tourismus sein, sie wirft aber ein Schlaglicht auf ein Phänomen, das sich mittlerweile in vielen Ferienorten beobachten lässt: Die Alpen gelten zwar als Wiege helvetischer Unabhängigkeit – in der Praxis geben trotzdem häufig reiche Investoren aus dem Ausland den Ton an, von Vitek über Samih Sawiris bis zu Edmond Offermann (siehe unten). Sie besitzen Bergbahnen und/oder Luxushotels, wie etwa das neue Resort auf dem Bürgenstock. Mit dem Resultat, dass ein katarischer Staatsfonds bald zum zweitgrössten Arbeitgeber im Kanton Nidwalden wird. Und neuerdings kaufen sich ausländische Investoren vermehrt in 4-Sterne-Hotels ein. Ein jüngeres Beispiel für diesen Trend ist der saudische Investor Sami al-Angari, der im Februar vier Hotels des Berner Ferienvereins erwarb.

Gemeinden im Dilemma
Erleben wir also den Ausverkauf der Alpen, wie die Kritiker dieser Entwicklung monieren? Von solchen Schlagworten will die Branche nichts wissen. Der Präsident des Tourismus-Verbandes, Nationalrat Dominique de Buman, sieht in den ausländischen Investoren mehr Chancen als Risiken. Und auch der oberste Hotelier, Andreas Züllig, steht dem Engagement ausländischer Geldgeber wohlwollend gegenüber. Sie trügen zum Erhalt manch eines traditionsreichen Hauses bei, sagt er. Und fragt rhetorisch: «Wer wäre denn sonst bereit, zu investieren?» Damit spricht Züllig das Dilemma an, vor dem viele Berggemeinden stehen: Ein Grossteil ihrer Bahnen rentiert mehr schlecht als recht, und auch grössere Hotelrenovationen lassen sich nur selten aus dem Betriebsertrag finanzieren. Für Um- und Ausbauten braucht es also frisches Kapital, und dieses ist von Schweizer Investoren nur schwer zu bekommen. Entweder man heisst die ausländischen Geldgeber willkommen – oder man wird abgehängt.

Dass die Gemeinden lieber erstere Option wählen, ist für Thomas Egger, CVP-Nationalrat und Direktor der Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete, erstens logisch und zweitens nicht falsch. Er sagt, wichtig im Umgang mit ausländischen Investoren seien klare Spielregeln, der persönliche Kontakt und die Begleitung durch den Kanton. In einer solchen Konstellation könne sich, wie im Fall von Sawiris, eine Investition von aussen durchaus als der erhoffte Segen erweisen. Wenig Probleme gab es bisher auch dort, wo ausländische Branchenakteure die heimischen Bergbahnen übernommen haben, wie etwa in Savognin oder Samnaun. In Savognin jedenfalls gab fast am meisten zu reden, ob einer der Käufer ausgerechnet der Sohn des österreichischen Skiverbandspräsidenten sein müsse.

Und doch sind solche Geschäfte ein Risiko, wie sich etwa in Grimentz oder Leukerbad zeigte. Dort blieben von luxemburgischen und kasachischen Projekten nur Bauruinen übrig. Schwierig ist es meistens dann, wenn unklar bleibt, was die Investoren antreibt: Streben sie eine hohe Rendite an? Sehen sie sich als Gönner und Liebhaber der Region? Oder suchen sie eine Möglichkeit, Geld zu parkieren? In Aminona bei Crans-Montana ist bis heute unsicher, ob die russischen Investoren ihre geplanten Luxus-Resorts je bauen werden. Womöglich sind auch die Einheimischen an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig: Zumindest sagte der langjährige Journalist Luzius Theler kürzlich, in Saas Fee oder Crans-Montana gebe es durchaus auch finanzstarke Einwohner. Nur wüssten diese zu gut, dass sich Investitionen in Bergbahnen nicht lohnten.

Saas Fee brüskiert Mäzen
Müssen wir demnach froh sein, machen wenigstens die Ausländer ihr Portemonnaie locker? Der Walliser CVP-Ständerat Beat Rieder sieht es mit gemischten Gefühlen, «dass ausländische Investoren die halbe touristische Schweiz kaufen und womöglich noch die öffentliche Hand als Bürgen nehmen». Lieber wäre ihm, die Schweizer selber würden wieder stärker an ihren Tourismus glauben und investieren. Dazu wünscht sich Rieder einen Staatsfonds, aus dem die Gelder föderalistisch auf die Regionen verteilt würden. In Bern will das Kantonsparlament derweil von der Regierung wissen, «welchen Einfluss die immer grössere Zahl von ausländischen Hoteleigentümern » auf die Ferienregion Oberland hat. Und auf lokaler Ebene hat das Stimmvolk von Wildhaus (SG) kürzlich einem 21-Millionen Projekt von österreichischen Investoren den Stecker gezogen, während die Eigner der Bahnen im Saastal ihren Grossinvestor Edmond Offermann brüskierten. Wie heikel die Balance zwischen Geld und Unabhängigkeit sein kann, musste dabei der Ex-Skistar Pirmin Zurbriggen erfahren. Als Präsident der Bahnen von Saas Fee suchte er händeringend nach Geld für nötige Investitionen. Offermann hat solches, wollte damit aber die Aktienmehrheit übernehmen, was Zurbriggen widerstrebte. Der Clinch endete in seinem Rücktritt. Danach sagte er: «Ich wehre mich gegen den drohenden Ausverkauf der Heimat.