Fussball: Bei jedem vierten Match kommt es zu Gewalt

Zum ersten Mal in der Geschichte des Schweizer Fussballs hat die Polizei alle Zwischenfälle an den Spielen der beiden höchsten Ligen und des Cups erfasst. Jetzt liegt das Reporting dazu vor: Letzte Saison ist es bei jedem vierten Match der Super League zu einem Gewaltvorfall gekommen. Vor allem in den Zügen während der An- und Abreise der Fans ereigneten sich Zwischenfälle. «Viele Züge sind rechtsfreie Zonen», sagt Markus Jungo, Leiter der Polizeilichen Koordinationsstelle Sport, die für das Reporting verantwortlich ist. «Da ist die Situation katastrophal.» So würden Fans während der Durchfahrt durch die Bahnhöfe brennende Fackeln und Knallpetarden auf die Perrons und in die Fussgängerunterführungen werfen.

Bundesrätin Viola Amherd will die Fussballklubs stärker in die Pflicht nehmen: «Man muss mit den Klubs das Gespräch suchen und ihnen deutsch und deutlich sagen: Ihr habt auch eine Verantwortung», sagt sie im Interview mit der «NZZ am Sonntag». Man könne das Problem nicht auf den Staat abschieben.

Der Match am Sonntag, 12. Mai, bleibt manchem länger in Erinnerung, als ihm lieb ist. Es steht 0:4, das Spiel zwischen Luzern und GC ist längst entschieden. Da klettern Zürcher Hooligans über Metallzaun und Stacheldraht, welche die Tribüne vom Spielfeld trennen. Sie bauen sich am Rand des Rasens auf, beschimpfen die Gc-spieler – vermutlich auch mit rassistischen Äusserungen – und verlangen, das diese ihnen die Leibchen und Hosen abgeben. Angesichts des Mobs bricht der Schiedsrichter den Match ab; die Kantonspolizei rückt aufs Spielfeld vor. Und heute ermittelt die Luzerner Staatsanwaltschaft wegen Nötigung, Rassendiskriminierung und Sachbeschädigung gegen drei Gc-fans und gegen Unbekannt, wie Sprecher Simon Kopp sagt.

Der Spielabbruch war Tiefpunkt einer Saison, in der es immer wieder zu Ausschreitungen kam. In welchem Umfang das der Fall war, zeigt jetzt eine Auswertung des ersten Reportings der Polizeilichen Koordinationsstelle Sport der Schweiz. Vergangene Saison gab es in der Super League, der höchsten Liga, 180 Matches. Bei 44 davon kam es zu Vorfällen mit Gewaltanwendungen, wie Markus Jungo sagt. Das ist ein Anteil von rund 25 Prozent. Jungo leitet die Koordinationsstelle, die der Kantonspolizei Freiburg angegliedert ist.

Alles in allem wurden im Reporting 404 Spiele der beiden höchsten Fussball-ligen und des Cups beurteilt, und zwar mit einem Ampel-system. Total erhielten 68 Spiele die Bewertung rot; das bedeutet, dass es in irgendeiner Form zu Gewalt kam. Für den Bericht wurden nicht nur Vorfälle vor, während und nach dem Match bewertet, sondern auch solche auf der Anreise und Abreise. Die Details des Reportings werden in zwei Wochen veröffentlicht.

«Katastrophale» Situation
Bereits jetzt zeigt sich aber, dass es vor allem in den Fan-zügen, welche die SBB zur Verfügung stellen, zu grossen Problemen gekommen ist. «Viele Fan-züge sind rechtsfreie Zonen», sagt Markus Jungo. «Da ist die Situation katastrophal.» Die Fans würden Drogen konsumieren, Sachbeschädigungen und Gewalttätigkeiten begehen und aus nichtigen Gründen die Notbremse ziehen. «Das machen sie zum Beispiel, weil sie sich mit verfeindeten Fans auf offenem Feld zu Schlägereien verabredet haben.»

Daneben stellt die Polizei aber auch ein anderes Phänomen fest: «Fans werfen während der Durchfahrt durch die Bahnhöfe brennende Fackeln und Knallpetarden auf die Perrons und in die Fussgängerunterführungen», erklärt Jungo. «Aus diesem Grund mussten die SBB mancherorts sogar die Perrons sperren. Hätten sie das nicht getan, wären Unbeteiligte gefährdet worden.

Die SBB selbst geben auf Fragen zum Thema keine Auskunft. Sprecher Oli Dischoe verweist lediglich darauf, dass die Bahnpolizei nur noch wenige Fan-züge begleite und stattdessen die Sicherheit an den Abfahrts- und Ankunftsbahnhöfen erhöhe. Zurzeit arbeitet eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Polizei, der Liga, der Klubs, der Fanarbeit und der Bahn Massnahmen gegen die Probleme in den Fan-zügen aus.

Schliesslich zeigt das Reporting, dass Fans an 76 Prozent aller beurteilten Fussballmatchs Fackeln, sogenannte Pyros, zünden. Das Sprengstoffgesetz verbietet das. Die Verantwortlichen der Klubs, Polizei und Staatsanwaltschaft setzen in diesem Bereich vor allem auf die Videokameras in den Stadien. Damit versuchen sie, diejenigen Fans zu identifizieren, welche die Pyros abbrennen. Gelingt die Identifizierung, werden die Täter verzeigt. Die Wirkung der Massnahme ist allerdings begrenzt: Erstens gelingt in vielen Fällen die Identifizierung nicht, weil sich die Fans vermummen. Zweitens vergeht oft sehr viel Zeit, bis ein Täter bestraft wird. Und drittens sind die Strafen verhältnismässig tief.

Fackeln mit dem Caterer
Kein Thema sind systematische Kontrollen von Fans an Stadioneingängen. «Pyros werden auf ganz unterschiedliche Art und Weise in die Stadien geschmuggelt, unter anderem über Catering-anbieter», sagt Roger Schneeberger, Generalsekretär der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren. «Da nützen die schärfsten Zutrittskontrollen nichts.»

Mehr verspricht sich Schneeberger davon, dass die Behörden Massnahmen anordnen, die das sogenannte Hooligan-konkordat vorsieht. «Einzelne Bestimmungen des Konkordats werden zu selten angewendet», sagt er. Das gelte in erster Linie für die Meldeauflage. «Dies aber ist eine sehr effiziente Massnahme.»

Mit einer Meldeauflage kann die Polizei eine Person dazu verpflichten, sich vor, während und nach einem Match auf einem Polizeiposten zu melden. Damit ist gewährleistet, dass diese einem bestimmten Spiel nicht beiwohnen kann.