Heldin und Hassfigur

Es ist vier Tage her, seit Isaac, Fréderic und ihre Freunde mit der »Sea- Watch 3« von Kapitänin Carola Rackete unten im Hafen der italienischen Insel Lampedusa angekommen sind. Sie können kaum fassen, dass sie wirklich hier sind. Die Sonne geht unter, die Hitze ist etwas erträglicher geworden, sie sitzen auf den Stufen der Kirche San Gerlando. Gerade ist eine Nachricht auf einem ihrer Smartphones angekommen, kurz nach 21 Uhr an diesem Dienstag. Sie lautet: »Carola libera«. Carola ist frei. Carola Rackete, die 31-jährige deutsche Kapitänin des Rettungsschiffs »Sea- Watch 3«, die zur Gegenspielerin des italienischen Innenministers Matteo Salvini wurde – und zur Symbolfigur für eine liberalere Flüchtlingspolitik. Die Migranten, die vor der Kirche stehen, sehen in ihr einfach nur die Frau, ohne die es keiner von ihnen nach Europa geschafft hätte. Sie jubeln, als sie die Nachricht ihrer Freilassung erfahren. »Carola Rackete hat unser Leben gerettet. Ohne sie wären wir alle tot«, sagt Fréderic Samassi. Er ist 24 Jahre alt, stammt aus der Elfenbeinküste. Drei Jahre habe er in Libyen verbracht, sagt er, die meiste Zeit in Gefängnissen, in denen er Schreckliches sah. Nun hat er das Ziel erreicht, das er vor Augen hatte, als er 2016 seine Heimat Elfenbeinküste verließ: Europa.

Wie die meisten hier hat er fast 17 Tage auf der »Sea-Watch 3« verbracht, im Zentrum eines europäischen Dramas. Samassi erzählt, wie ihre Barkasse zwei Tage nach dem Ablegen in Libyen leckschlug und langsam Wasser eindrang. Wie sich das Rettungsschiff näherte, wie sie bei hohem Wellengang hinauf an Bord kletterten. »Die Crew gab uns Wasser, wir waren fast verdurstet «, sagt Isaac Hagan, 21, aus Ghana, dann Essen, Kleidung, Medizin, »sie haben uns wie Brüder und Schwestern behandelt«. Carola Rackete, die Kapitänin, versprach, sie in einen sicheren Hafen zu bringen. Aber die Tage verstrichen, die Lage wurde verzweifelter, es stank an Bord. Nachts sahen sie die Lichter von Lampedusa, einige wollten ins Wasser springen und hinüberschwimmen. »Das wäre Selbstmord gewesen«, sagt Hagan. Er berichtet von der Verzweiflung an Bord, bevor Carola Rackete die italieniitalienische Hafenblockade durchbrach. Sie wurde damit zu einer Figur der Zeitgeschichte: zur europäischen Heldin für die einen, zur Hassfigur für die anderen. Als er hörte, dass sie verhaftet worden war, habe er geweint, sagt Hagan. Ähnlich wie Greta Thunberg in der Klimabewegung zum Star aufstieg, wurde Carola Rackete in diesen Tagen zur Ikone im Ringen um die Flüchtlingspolitik. Sie wurde berühmt in Videos, in denen sie kühl und bestimmt die Lage an Bord schilderte und ankündigte, trotz Verbots nach Lampedusa zu fahren. Ihre Worte »Ich bringe sie jetzt in Sicherheit« gingen um die Welt. Zugleich sammelte sich in sozialen Netzwerken Hass gegen eine Frau, die Italiens Innenminister Salvini als »Gesetzlose« abkanzelte, als »reiche Deutsche«. Sie habe diese öffentliche Rolle niemals angestrebt, sagt Rackete im Gespräch mit dem SPIEGEL, es sollte »nicht um Einzelpersonen wie mich« gehen (s. Seite 15).

Doch der Fall »Sea-Watch« und Carola Rackete hat die Widersprüche der EU-Migrationspolitik offengelegt – und den Blick auf die brutale Realität im Mittelmeer gelenkt: Die EU lässt Migranten ertrinken und verfolgt eine Politik, wie sie vor wenigen Jahren nur Rechtspopulisten zu fordern wagten. Die EU hat ihre Seenotrettung in diesem Frühjahr komplett eingestellt, sie überwacht das Meer nur noch aus der Luft. Sie kooperiert zudem mit der libyschen Küstenwache, die ihre Suchzone seit 2017 ausgeweitet hat. Die Schiffe der Libyer fangen Migranten vor ihrer Küste ab und bringen sie zurück ins Bürgerkriegsland. Dort werden sie in Lager gesteckt, in denen viele gefoltert und vergewaltigt werden, manche werden als Soldaten missbraucht. Gleichzeitig werden private Seenotretter wie Carola Rackete in Italien und Malta kriminalisiert, Häfen bleiben für ihre Schiffe geschlossen, Helfer werden angeklagt. Laut einer ARD-Umfrage finden fast drei Viertel der Deutschen, dass Flüchtlinge aus Seenot gerettet werden sollten und dass ihre Rettung nicht juristisch verfolgt werden dürfte. 63 Prozent finden es falsch, dass die EU ihre Seenotrettung eingestellt hat.

Die Realität ist, dass kaum noch private Rettungsschiffe im Mittelmeer unterwegs sind. Waren früher mal bis zu zwölf Schiffe mehr oder weniger gleichzeitig unterwegs, patrouilliert nun an vielen Tagen überhaupt kein Rettungsschiff mehr zwischen Europa und Nordafrika. Aktuell sind es nur einzelne, wie die »Alan Kurdi« der deutschen Organisation Sea-Eye. Nach wie vor will kaum ein Mittelmeerstaat Gerettete aufnehmen: Laut Bundesinnenministerium gab es in diesem Jahr bereits sechsmal Gezerre darum, welcher EU-Staat wie viele Flüchtlinge von einem Rettungsschiff aufnimmt – im Fall des Schiffs von Carola Rackete gehören dazu Frankreich, Portugal, Finnland, Luxemburg und Deutschland. Europa ist von einer gemeinsamen poli – tischen Antwort auf die Migrationsfrage weiter entfernt denn je. Ein stilles Einverständnis gibt es nur darüber, den Milizen in Libyen die Drecksarbeit zu überlassen. Für die EU zählt offenbar vor allem Abschreckung. Wie sie wirkt, steht etwa im letzten Halbjahresbericht der EU-Mittelmeeroperation »Sophia«.

Die Migration über die zentrale Mittelmeerroute sei binnen eines Jahres um 83 Prozent gesunken, heißt es in dem vertraulichen Bericht, der dem SPIEGEL vorliegt. Das liege auch an der Unterstützung für den Aufbau der libyschen Küstenwache. 325 ihrer Mitglieder habe man ausgebildet. Die »abschreckende Präsenz« habe zum Rückgang des Schmuggels von Menschen, Waffen und Öl geführt, schrieb der Operationskommandeur, der italienische Konteradmiral Enrico Credendino, im Januar an die EU. Die »reduzierte Präsenz von NGO-Schiffen« lasse die libysche Küstenwache zudem »effektiver handeln«. Wenn man die Zahlen betrachtet, war die EU erfolgreich. Sie hat es geschafft, die Migration zu begrenzen. Es wagen aber nicht nur weniger Migranten die Überfahrt als früher – von denen, die es versuchen, kommen auch mehr ums Leben: mehr als doppelt so viele wie vor drei Jahren. Doch es gibt immer noch viele Menschen, die das nicht akzeptieren wollen. Menschen wie Carola Rackete.

In Hambühren in Niedersachsen, Ortsteil Ovelgönne, sitzt Ekkehart Rackete in seiner Gartenschaukel und versucht, das alles zusammenzubringen: die Kapitänin aus den Nachrichten und Carola, seine Tochter, die immer noch ein Zimmer zu Hause hat, in dem weißen, einstöckigen Einfamilienhaus. Igelweg, Dachstal und Hasenheide heißen die Straßen hier, die meisten Nachbarn in der Siedlung haben ihren Rasen akkurat gestutzt, bei den Racketes herrscht Wildwuchs. Ekkehart Rackete, 74 Jahre alt, der seinen Nachnamen tatsächlich wie »Rakete « spricht, trägt ein blaues T-Shirt zu blauen Shorts. Einst diente er als Zeitsoldat und arbeitete dann in der »wehrtechnischen Industrie«, jetzt ist er Rentner. Fragt man ihn, wie seine Tochter darauf komme, einem Mann wie Matteo Salvini die Stirn zu bieten, antwortet er: »Das ist halt so ihre Art.« Nach dem Abitur entschied sich Carola Rackete für ein Nautikstudium. Warum, wisse er nicht so genau, sagt ihr Vater. »Carola hat immer gewusst, was sie wollte, und das hat sie dann eben durchgesetzt.« Widerstände gebe es für seine Tochter nicht, sagt Rackete. »Deswegen auch das Faible für Eisbrecher.« Wenn sie bei einem ihrer Jobs aus dem Polargebiet mit dem Satellitentelefon bei ihren Eltern anrief, schwärmte sie von drei Meter dicken Eisschichten, die sie durchbrechen musste.

Eine Bekannte erzählte Carola Rackete 2015 von der Organisation Sea-Watch. Inzwischen hat sie an sechs Missionen teilgenommen, 2016 gleich als Kapitänin. Schon damals habe sie Leben gerettet, sagt Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer. Rackete habe die Rettungsregeln ignoriert und spontan Flüchtlinge an Bord genommen, statt sie in Rettungsinseln zu setzen. Zu dem Einsatz, der sie berühmt machte, kam Rackete durch Zufall. Ein Kollege hatte Sea-Watch abgesagt, deshalb sprang Rackete als Kapitänin ein.

Am Samstag ihrer Abreise aßen die Eltern gemeinsam mit ihr zu Mittag. »Wir haben uns gewundert«, erinnert sich Racketes Mutter. »Eigentlich hatte sie gesagt, dass es ihr bei ihrem ersten Einsatz als Kapi – tänin zu viel Verantwortung gewesen sei.« Die Eltern sagen, sie hätten nicht versucht, Carola von ihrer Idee abzubringen, obwohl sie natürlich wussten, dass Italien keine Seenotretter mehr in die Häfen lassen will. Es falle ihm schwer, seine Tochter politisch einzuordnen, sagt Vater Rackete, linksliberal sei sie, aber keinesfalls militant. Aufschluss gibt Carola Racketes Beitrag im Buch »Neuland«, in dem Sea-Watch-Aktivisten Erlebnisse schildern. Sie beschreibt darin, wie sie zu der Organisation kam. »Wenn ihr überhaupt niemand anderen finden könnt, der besser qualifiziert ist, dann werde ich es machen«, habe sie gesagt. Tatsächlich habe sich dann niemand gefunden, der »gleichzeitig blöd oder verrückt genug war, die Verantwortung zu übernehmen für einen Einsatz, den man nicht kennt und auch nicht einschätzen kann«. Sie argumentiert in dem Text, dass es eine EU-Marinemission zur Seenotrettung brauche – oder zumindest mehr Ressourcen für die privaten Retter; dazu die Möglichkeit, Asylanträge in Botschaften im Ausland zu stellen. Der Text klingt pragmatisch, so wie sie auch im Gespräch betont rational wirkt – ein Gegenbild zu den Eiferern in einer Debatte, in der gefühlt fast nur noch geschrien wird.

In Europa will kaum eine Regierung die Verantwortung übernehmen für die unmenschlichen Verhältnisse auf dem Mittelmeer. Und natürlich sind die Regierenden in einer schwierigen Lage: Die meisten Wähler wollen nicht, dass Menschen ertrinken, aber auch keine Politik der offenen Grenzen, wie manche Flüchtlings – aktivisten sie fordern. Die Härte im Mittelmeer ist weniger das Ergebnis eines Masterplans als die Folge eines Versagens: Die EU kann sich seit Jahren auf keine gemeinsame Politik einigen. Auf keine neuen Regelungen zur Verteilung von Flüchtlingen, zum Grenzschutz. Das siebenteilige Asylpaket steckt im Rat der Mitgliedstaaten fest, eine Einigung liegt in weiter Ferne.

Die Bundesregierung hat Italien über Jahre mit den Migranten alleingelassen. Vor zwei Jahren äußerte Angela Merkel bereits ihr Bedauern darüber, dass die EU und auch Deutschland die Grenzstaaten nicht genügend unterstützt hätten. Daran hat sich seither kaum etwas verändert. Weil die Lage so kompliziert ist, hoffen Brüssel und Berlin immer noch darauf, dass die nordafrikanischen Staaten das Migrationsproblem für sie lösen: Bereits unter Horst Seehofers Vorgänger entwickelte das Innenministerium den Plan, die aus Seenot Geretteten nicht mehr nach Europa zu bringen, sondern etwa nach Tunesien, Marokko, Algerien oder Ägypten – dort könnten sich die Vereinten Nationen erst mal um die Flüchtlinge kümmern. Doch die afrikanischen Staaten denken gar nicht daran, Europa das Problem abzunehmen.

Wer verstehen will, wie sich die heutige EU-Migrationspolitik auswirkt, sollte sich den Fall von Umar anschauen, einem Mann aus dem Sudan, dessen richtiger Name nicht genannt werden darf. Kurz bevor seine Geschichte von Flucht, Folter und Tod begann, so erzählt Umar, habe er einen Tag des Glücks erlebt: am 20. Juli 2016, dem Tag seiner Hochzeit mit Hala, seiner Frau. Über hundert Gäste seien in ihr Dorf in Dschanub Kurdufan gekommen. Die Geldgeschenke, die die beiden bekamen, legten sie für ihr neues Leben beiseite. Für die Schlepper. Sechs Wochen später machten sie sich auf den Weg nach Libyen und Europa.Umar wusste damals noch nicht, dass sie dafür fast ein Jahr brauchen würden und dass seine Frau sterben würde. Er wusste nicht, dass seine Geschichte am Ende dazu dienen würde, die Politik der EU und die Machenschaften der libyschen Küstenwache zu offenbaren. Umar, ein großer Mann, erzählt seine Geschichte in Paris, im Büro des SPIEGEL. Er will auch deshalb davon berichten, weil er Teil eines Verfahrens ist, das der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag wegen der Zustände in Libyens Gefangenenlagern eröffnet hat. Nationale Strafverfolger in Europa haben bereits Aktenzeichen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Libyen angelegt. Seit Anfang Juni wird die Brüsseler EUZentrale in Den Haag angeklagt. Dahinter steht ein Team aus Juristen um die Pariser Anwälte Omer Shatz und Juan Branco. Kern ihres 241-seitigen Schriftsatzes ist der Vorwurf, die EU sei mitschuldig an den Verbrechen in Libyen, da sie mit der Küstenwache Libyens zusammenarbeite, die in Seenot geratene Flüchtlinge mit foltere, missbrauche, umbringe.

Schlepper organisierten die Reise von Umar und Hala, im September 2016 durchquerten sie die Sahara in einem Pick-up, eineinhalb Tage fuhren sie, ohne anzuhalten. Dann übergaben sie die sudanesischen an libysche Schlepper, die sie in ein Lager steckten und voneinander trennten. Im Lager lebten sie in Containern mit wenig Tageslicht. Umar wusste nicht, wo seine Frau ist, wie es ihr geht. Er hörte, dass die Flüchtlingsfrauen von den Bewachern vergewaltigt würden, oft, so erzählten ihm andere Gefangene, würden betrunkene Wachen die Frauen vor Zuschauern missbrauchen, um sie zu demütigen. Er selbst sei geschlagen worden, und nicht nur das. Mehr will er nicht sagen. Nach zwei Wochen wurden Umar und Hala als Arbeitskräfte an einen Bauern verkauft, weil sie kein Geld hatten, um sich auszulösen. Umar sagt, seine Frau sei in Tränen ausgebrochen, wenn sie er – zählen sollte, was ihr im Lager wider – fahren war. Schon damals, im Januar 2017, berichtete die deutsche Botschaft in Niger an das Bundeskanzleramt und mehrere Ministerien in Berlin über Libyens Flüchtlings – lager: »Authentische Handyfotos und -videos belegen die KZ-ähnlichen Verhältnisse. « Weiter heißt es in dem Papier, »Exekutionen nicht zahlungsfähiger Mi – granten, Folter, Vergewaltigungen, Erpressungen sowie Aussetzungen in der Wüste« seien an der Tagesordnung.

Nach Monaten gelang es Umar und Hala zu fliehen. In Sabrata, an der Mittelmeerküste, vertrauten sie sich erneut Schleppern an. In einer Nacht bestiegen sie mit über 80 weiteren Flüchtlingen ein Fischerboot, um nach Italien überzusetzen. Nach einer Stunde kehrten die Schlepper auf dem Begleitboot um, kurze Zeit später näherte sich ein Boot der libyschen Küstenwache – darauf Männer mit Maschinengewehren. Zwei Uniformierte sprangen zu ihnen ins Boot, befahlen ihnen zurückzukehren. Vorfälle wie diese sind keine Seltenheit auf dem Mittelmeer zwischen Libyen und Italien. In Umars Fall gibt es keine Hinweise darauf, dass Europäer etwas damit zu tun hatten. Die Anwälte Shatz und Branco haben aber zahlreiche andere Fälle dokumentiert. Sie behaupten, dass das Seenotrettungskommando in Rom immer wieder zivile Rettungsorganisationen von in Seenot geratenen Flüchtlingsbooten wegdirigiere, um diese von der libyschen Küstenwache aufbringen – und zurück nach Libyen bringen zu lassen.

Nach ihren Dokumenten spielen sich abenteuerliche Szenen auf See ab: Mal drängten Boote der Küstenwache private Seenotrettungsschiffe ab, mal werden Flüchtlinge mit Waffen bedroht. Interna – tional bekannt wurde schon einmal ein Fall um Sea-Watch – im November 2017. Die libysche Küstenwache hielt ein Ret – tungsschiff stundenlang davon ab, rund 150 Passagiere eines in Seenot geratenen Flüchtlingsboots an Bord zu nehmen. Nach Stunden konnte das Sea-Watch-Schiff 59 Flüchtlinge retten. Mehr als 20 Menschen ertranken, darunter ein Kind. 47 wurden zurück nach Libyen gebracht, manche von ihnen berichteten von dramatischen Zuständen nach der erzwungenen Rückkehr nach Libyen. Sie seien in Zellen mit Hunderten anderen gefangen gehalten worden. Ähnlich erging es Umar und Hala, als sie nach Libyen in ein Lager zurückgebracht wurden. Es habe nur eine Tasse Wasser pro Tag zu trinken gegeben. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden bis Anfang Juni mehr als 2300 Menschen im Mittelmeer von der Küstenwache aufgegriffen und in Lagern unter »grässlichen Bedingungen« untergebracht. Erst als Umar und Hala Lösegeld zahlten, entrichtet von ihren Familien zu Hause, ließ man sie ziehen. Zwei Wochen später saßen sie wieder auf demselben Holzboot, auf dem sie schon einmal versucht hatten zu fliehen. Als Begleitboote zwei Dinghis und ein Boot der libyschen Küstenwache. »Es waren dieselben Männer in Uniform, die uns zuvor zurückgeschickt hatten «, sagt Umar. »Ich bin mir ganz sicher.« Wenn die Schilderung zutrifft, belegt sie den banditenhaften Charakter der libyschen Küstenwache: Nun arbeitete sie offenbar mit den Schleppern zusammen. Sie hätten sie in Richtung Italien begleitet – um vier Uhr morgens habe das Rettungsschiff »Aquarius« sie aufgegriffen und nach Sizilien gebracht.

Am 27. Juli 2017 waren sie endlich in Italien. Im Lager Trapani wurden sie von Ärzten untersucht. Hala sei schwanger gewesen, im vierten oder fünften Monat. Am zweiten Tag wurde sie krank und ins Krankenhaus eingeliefert – 48 Stunden später starb sie dort. Sie sei, sagt Umar, an Erschöpfung gestorben. Er hat sie auf Sizilien beigesetzt, in einem Grab ohne Namen. Er sagt, er werde diesen Ort sein Leben lang wiederfinden. Umar lebt jetzt in einer Flüchtlings – unterkunft in Paris, am 11. Februar hat er seinen Asylantrag gestellt. Nun wartet er auf dessen Bewilligung. Dann müsse er nur noch lernen, so sagt er, mit seiner Schuld zu leben. Die Frage ist, wer alles sonst noch schuld ist an dem, was Umar erlebt hat. Und warum Helfer wie Carola Rackete kriminalisiert werden sollen, wenn sie Menschen wie Umar aus dem Wasser ziehen.

Über solche Fragen und darüber, wie eine europäische Asylpolitik besser funktionieren könnte, macht sich seit Jahren Gerald Knaus Gedanken – er plädiert für einen pragmatischen Ansatz. Der Österreicher leitet in Berlin die Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative. Er hat maßgeblich am Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei mitgewirkt. Was es brauche, seien eine seriöse Debatte und realistische Ziele, sagt er. Letztere verfolge die EU seit Jahren nicht ernsthaft. Die Idee einer europaweiten Umverteilung nach Quoten habe nie eine Chance gehabt. Den ersten Schritt sieht er in einer »Koalition der Willigen«, die mit gutem Beispiel vorangeht. Knaus empfiehlt die Schaffung von »gemeinsamen Asylzentren, dort, wo Menschen ankommen, in denen die Menschenrechte respektiert werden und schnelle, faire Verfahren stattfinden können«. Das Ziel müsse sein, sagt Knaus, dass niemand, der keinen Schutz in der EU erhält, irregulär über das Meer kommt.

Sofort kooperieren könnten Deutschland, Frankreich, Spanien und Griechenland, die alle von irregulärer Migration betroffen seien. Ein EU-weites Verteilungssystem ohne eine Politik der Rückführungen von Asylzentren an den Außengrenzen sei hingegen nur im Interesse sehr weniger Staaten. Wenn ein paar der Willigen einmal demonstriert hätten, wie praktikabel europäische Asylzentren seien, würde das Beispiel schnell Schule machen, davon ist der Migrationsexperte überzeugt. »Die ersten Orte, an denen wir sofort schnelle Verfahren brauchen, sind die griechischen Inseln – und für die aus Seenot Geretteten Malta oder Korsika.«

Wie zynisch die Migrationspolitik in der Realität funktioniert, ist auf Lampedusa zu besichtigen, wenn die Kamerateams abgereist sind. Fast jeden Tag kommen Flüchtlinge auf Barkassen an, im Juni waren es in den ersten beiden Wochen mehr als 400, die es ohne Organisationen wie Sea-Watch hierhergeschafft haben. Salvatore Martello ist der linke Bürgermeister von Lampedusa. »Ich bin Fischer«, sagt er. »Wir Fischer haben einen Glaubens – satz: Wer in Seenot ist, muss gerettet werden. « Mehrfach hat er in den vergangenen zwei Jahren an die Regierung in Rom geschrieben, um Hilfe gebeten und Salvini auf seine Insel eingeladen. Eine Antwort hat er nie bekommen. »Lampedusa existiert für die italienische Regierung nicht«, sagt der Bürgermeister. Salvini mache mit den angeblich geschlossenen Häfen nur Werbung bei seinen Wählern. Martello hat bereits zwei maritime Friedhöfe im Ort, einer von 2018, der andere von 2019. Dort stapeln sich die abgewrackten Barkassen der Flüchtlinge, kleine Berge verlassener Boote, von denen jedes eine Fluchtgeschichte bezeugen könnte. »Das sollten sich diejenigen an – sehen, die glauben, dass keine Migranten mehr kommen«, sagt der Bürgermeister. Die Flüchtlinge der »Sea-Watch« haben Lampedusa am Donnerstag Richtung Sizilien verlassen. Dort können sie ihren Asylantrag stellen. Wie es danach weitergeht, weiß keiner von ihnen genau. Isaac Hagan aus Ghana möchte Profifußballer werden. Sein Freund Fréderic Samassi, der von sich sagt, dass Carola Rackete ihm das Leben gerettet habe, will erst zur Schule und dann studieren, sagt er. »Ohne Bildung ist man kein echter Mensch.« Und Carola Rackete? Sie ist immer noch auf Sizilien, anderthalb Stunden von Palermo entfernt, an einem geheimen Ort. Am Dienstag soll sie noch einmal vor Gericht auftreten. Danach will sie Italien verlassen – keinesfalls per Flugzeug: wegen des Klimaschutzes.