Ich fühle mich zu jung für das Ende als Trainer

Leipzigs Coach verrät vor dem Pokalfinale, wie er die Bayern schlagen will – und
überrascht damit, dass er länger Trainer bleiben möchte

Der Spiegel: Herr Rangnick, RB Leipzig kann im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern an diesem Samstag der erste Verein aus den neuen Bundesländern werden, der nach dem Mauerfall vor 30 Jahren einen Titel gewinnt. Ist das ein zusätzlicher Anreiz? RALF RANGNICK (60): Es ist natürlich ein Unterschied, ob man wie Bayern München zum 22. oder als RB Leipzig zum ersten Mal im Pokalfinale steht – und das nur zehn Jahre nach der Gründung. Natürlich würde ein Sieg auch unsere Anhänger extrem stolz machen. Wenn man bedenkt, dass wir noch ein so junger Klub sind, dann haben wir in dieser Zeit schon sehr viel erlebt und eine tolle Entwicklung genommen. Unser Erfolg wirkt sich auch auf das Selbstbewusstsein der Menschen in der Stadt und der Region aus. Eine größere Bühne für jeden Spieler, jeden aus dem Trainerstab und den Klub kann es nicht geben.

Sie selbst erleben das Endspiel in Berlin zum dritten Mal … Ich habe meinen Spielern schon vor dem Achtelfinale gesagt, dass Berlin etwas ganz Spezielles ist. Die Stimmung in der Stadt ist durch die zahlreichen Anhänger beider Mannschaften wirklich einmalig. Und auch im Olympiastadion wird mit unseren 25000 Fans eine besondere Atmosphäre herrschen.

Bei den Bayern herrscht durch die Trainerdiskussion rund um Niko Kovac große Unruhe. Sind die Münchner dennoch Favorit? Laut Wettquoten wahrscheinlich schon. Aber wenn wir unser Spiel annähernd perfekt auf den Platz bekommen, sehe ich uns mit sehr guten Außenseiter-Chancen. Wir sind in dieser Saison der einzige Verein, der auf dem Weg ins Finale drei Bundesligisten ausgeschaltet hat. Dass wir dort verdient stehen, ist daher keine Frage. Wahrscheinlich werden uns am Samstag deutschlandweit so viele Menschen wie noch nie die Daumen drücken.

Warum? Weil außer uns in Deutschland nur ein Verein noch mehr polarisiert, und das ist der FC Bayern.

Wie empfinden Sie es als Trainer, aber auch als Sportdirektor, dass Niko Kovac keine Job- Garantie erhält? Niko Kovac ist nun mit den Bayern in seinem ersten Jahr Deutscher Meister geworden und hat zudem noch die Chance auf das Double. Vor diesem Hintergrund halte ich es grundsätzlich für respektlos, wenn permanent darüber spekuliert wird, ob ein Trainer überhaupt bleibt oder von einem anderen ersetzt wird.

Kovac war Trainer der zweiten Mannschaft, als Sie Sportdirektor in Salzburg waren. Er hat sich hervorragend entwickelt. In Frankfurt hatte er schon super Arbeit geleistet. Diese Saison bei den Bayern war nicht einfach.

In der Bundesliga haben Sie vor zwei Wochen 0:0 gegen Bayern gespielt. Wie wollen Sie die Münchner jetzt knacken? In dem Spiel haben wir wenig zugelassen. Defensiv war das richtig gut. Aber offensiv können wir es besser – und das wollen wir im Pokalfinale auch zeigen. Wir brauchen selbst mehr Ballbesitz, um uns zu erholen. Mit Kevin Kampl steht uns dafür dann ein starker Passspieler wieder zur Verfügung.

Der FC Bayern wollte Sie 2017 als Sportdirektor. Reizt es Sie, Trainer der Bayern zu werden? 2017 haben wir uns mit RB in unserem ersten Bundesliga-Jahr für die Champions League qualifiziert. Zu dem Zeitpunkt stand ich für keinen Verein zur Verfügung – egal, welcher es gewesen wäre. Ich gehe auch jetzt davon aus, dass ich bei RB bleibe. Wie mein Aufgabengebiet dann ab der nächsten Saison aus sieht, werden wir noch gemeinsam besprechen.

Wird das Finale Ihr letztes Spiel als Trainer? Bei RB möchte ich tatsächlich nicht mehr Trainer sein, weil das bedeuten würde, dass mein Nachfolger Julian Nagelsmann ab dem Sommer erfolgreich arbeitet. Dass ich irgendwann noch mal woanders Trainer bin, kann und möchte ich nicht ausschließen. Dafür fühle ich mich noch zu jung und zu fit.

Schlaucht der Trainer-Job mehr als der des Sportdirektors? Der Job des Trainers ist intensiv und herausfordernd. Wenn man aber Rahmenbedingungen hat, in denen sich Spieler entwickeln können, macht die Arbeit Spaß. Wenn du dann auch noch häufiger gewinnst als verlierst, macht es natürlich noch mehr Freude.

In welchem Job sind Sie besser? Ich mache beides gerne. Am Ende geht es aber vor allem darum, was das Beste für den Verein ist und bei welcher Aufgabe ich auch das Gefühl habe, im Sinne des Klubs mehr bewirken zu können.

Mit Paderborns Markus Krösche stößt ein neuer Manager dazu. Wie wollen Sie RB in Zukunft helfen: als Sportdirektor in Leipzig oder als Koordinator für alle Red-Bull-Standorte weltweit? Wir haben uns über die künftige Struktur ausgetauscht, aber noch keine finale Entscheidung getroffen. Es stellt sich ja auch die Frage, wie RB Leipzig in den nächsten Jahren die Lücke zu Bayern und Dortmund verkleinern kann. Wir wollen und können keine Gehälter wie die beiden Vereine zahlen. Also bleibt nur, dass wir uns strategische Vorteile verschaffen. Und in diesem Zusammenhang ist die grundsätzliche Frage, ob man das Aufgabenfeld als Sportdirektor so wie bisher belässt, oder ob ich mich zusätzlich noch mit in die globalen Themen einbringe. Wenn wir uns schneller weiterentwickeln wollen, dann könnte das durchaus Sinn machen.

2011 haben Sie den Pokal mit Schalke durch ein 5:0 gegen den MSV Duisburg gewonnen, die Mannschaft aber erst zum Finale von Felix Magath übernommen. Wäre der Sieg jetzt mehr wert, weil Sie RB aufgebaut haben? Damals haben manche sogar gemeint, ich dürfte den Pokal noch nicht mal anfassen. Ich habe mich damals tatsächlich nur verhalten gefreut. Aber nicht, weil ich daran keinen Anteil hatte, sondern weil mir klar war, dass wir Zweitligist Duisburg schlagen werden.Das Thema „verdient“ sehe ich persönlich auch etwas anders.

Und zwar? Ich bin mir sehr sicher, dass ich mit Hoffenheim 2011 ins Finale eingezogen wäre, wenn ich aufgrund der Umstände des Wechsels von Luiz Gustavo in der Winterpause dort nicht hätte aufhören müssen. Cottbus im Viertelfinale und Duisburg im Halbfinale hätten wir mit großer Wahrscheinlichkeit bezwungen. Aber allein von der Ausgangsposition her kann man das Pokalfinale 2011 nicht mit dem jetzt vergleichen.

2005 hatten Sie mit Schalke das Pokalfinale gegen Bayern 1:2 verloren. Der bitterste Moment Ihrer Karriere? Wir waren Tabellenfünfzehnter, als ich die Mannschaft von Jupp Heynckes übernahm. Dann sind wir bis auf Platz eins geklettert und letztlich Vizemeister geworden. Im Finale war Bayern besser. In dieser Saison zweimal Zweiter geworden zu sein war außergewöhnlich gut. Aber natürlich ist man dann dennoch enttäuscht, wenn man einen Titelgewinn so knapp verpasst hat.

Lothar Matthäus’ Wechsel von Gladbach stand vor dem Pokalfinale 1985 fest. Im Elfmeterschießen schoss er dann übers Tor. Bayern holte den Pokal. Darf Timo Werner am Samstag einen Elfer schießen? Bei Timo hat in den vergangenen Wochen die Formkurve deutlich nach oben gezeigt. Wenn es während des Spiels einen Elfmeter gibt, sind Emil Forsberg und Marcel Halstenberg unsere beiden Schützen, die das unter sich ausmachen. Im Elfmeterschießen wäre Timo ein Kandidat. Er hat schon genügend verwandelt, weshalb dann nicht auch im Finale? Und grundsätzlich wäre ich mir nicht so sicher, dass er tatsächlich bei den Bayern landet.

Warum? Wenn sich die Bayern bei Timo absolut sicher wären, hätten Sie sich schon offiziell bei uns mit einer Anfrage gemeldet. Alles andere wäre untypisch für die Bayern, zumal wir einen guten Draht zu ihnen haben. Unsere Position hat sich nicht verändert: Wir wollen nicht, dass er ohne eine Verlängerung ins letzte Vertragsjahr geht. Er bekommt in diesem Sommer die Freigabe, wenn ein Verein kommt, der bereit ist, eine marktübliche Ablösesumme zu zahlen.

Besteht die Gefahr, dass Werner in diesem Spiel gehemmt oder überdreht ist? Nein, die sehe ich nicht. Er lebt davon, dass er die richtigen Bälle bekommt, um seine Schnelligkeit und Abschlussstärke auszuspielen. Timo ist nicht der Spielertyp, der sich den Ball schnappt und fünf Gegenspieler ausdribbelt.