In der Giftfalle: Ohne Pestizide brechen Ernten der Bauern ein

Ein Verbot von Pestiziden würde das Wasser schützen. Dafür gingen die Ernten der Bauern stark zurück, auch im Biolandbau, sagen Experten.

Eine Landwirtschaft ohne Giftstoffe, das wollen zwei Initiativen, die bereits heute, ein Jahr vor der Abstimmung, die Emotionen hochkochen lassen. Wasserfachleute warnen vor dem wachsenden Problem mit verunreinigtem Trinkwasser in der Schweiz. «Für uns Versorger wird es immer schwieriger, sauberes Wasser bereitzustellen», sagt André Olschewski, Vizedirektor des Vereins des Gas- und Wasserfaches. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen hätte ein Verbot chemischer Pestizide Folgen für die Produktion von Lebensmitteln. Diese würde sinken, wenn nur noch Biospritzmittel erlaubt wären. Denn ein Biobetrieb produziere rund 25 Prozent weniger als ein gleich grosser konventioneller Betrieb, sagt Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau. Mehr Früchte mit Flecken müssten aussortiert werden. Beim Bioraps gibt es alle vier bis sechs Jahre einen Totalausfall, weil ein ökologisches Mittel gegen den Rapsglanzkäfer fehlt.

Was geschieht, wenn Bauern weniger chemische Mittel einsetzen, zeigt sich bereits jetzt. So hat das bundeseigene Kompetenzzentrum für Agrarforschung festgestellt, dass Lagerkrankheiten zunehmen. «Die Mikrobiologie aussen am Apfel verändert sich», sagt dessen Leiterin Eva Reinhard. Würde man nur noch Biomittel zulassen, könnte es zudem zu mehr Resistenzen gegen Keime kommen. «Je breiter die Palette an Wirkstoffen, desto geringer das Resistenzrisiko.»

Biobauern wären von einem Verbot, je nach Auslegung der Initiativen, ebenfalls betroffen. Denn auch sie benutzen Mittel, die alles andere als harmlos sind. Kupfer etwa schwächt das Wurzelwachstum und schadet Bodenorganismen. «Bio ist leider auch nicht überall perfekt», sagt Niggli. Ein Verbot biologischer Pflanzenschutzmittel würde insbesondere den Obst- und Rebbau einbrechen lassen.

Die Zukunft unseres Landes wird in diesen Tagen nicht nur in Bundesbern, sondern auch in der Provinz entschieden. Auf Äckern, Feldern oder Obstplantagen. Und so ist es von Bedeutung, dass Stefan Anderes jetzt mit Mundschutz und Handschuhen hantiert. Der Apfelbauer aus Egnach hat den ehemaligen Kuhstall seines Vaters zu einer Art Chemielabor umfunktioniert. An diesem sonnigen Junimorgen bekommen seine Bäume die nächste Behandlung. Heute will Stefan Anderes Pilzsporen und Raupen töten.

3,2 Kilo Affirm gegen Schädlinge wie den Apfelwickler, 2 Kilo Captan gegen den Apfelschorf und 0,2 Kilo Stroby gegen den Mehltau. Ausrechnen, abwägen, rüsten, wie Anderes es nennt, als würde er einen Gemüseeintopf zubereiten und keinen toxischen Cocktail. Jeder Handgriff sitzt, schliesslich ist Anderes ein Profi. Und es eile ja auch, sagt er: In den letzten Wochen ist so viel Regen gefallen wie schon lange nicht mehr. Beste Bedingungen für Läuse oder Pilze, die auf nassen Blättern keimen und seine Kulturen angreifen, bevor überhaupt grosse Äpfel daran hängen. Einige Jungbäume sind von Blattläusen befallen. Zudem gab es im Kanton Thurgau Fälle von Feuerbrand.

Gegen solche Bedrohungen steht Stefan Anderes eine Palette an chemisch-synthetischen Pestiziden zur Verfügung. Nun fordern aber zwei Volksinitiativen, diese radikal zu dezimieren oder ganz zu verbieten. Zudem sind da all diese schreienden Zahlen, die das Bild der sauberen Heidi-schweiz ins Gegenteil verkehren: 60 Prozent der Insektenarten sind gefährdet und 40 Prozent der einheimischen Vögel, dreimal mehr als im Rest der Welt. Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste: Im Mittelland sind selbst Biofelder mit Insektiziden kontaminiert. Und im Südtirol, der Apfelplantage Europas, sind Kinderspielplätze belastet. Die Generation Greta hat den Klimanotstand in die Politik gebracht. Jetzt wird der Pestizidnotstand ausgerufen.

Am Donnerstag hat der Nationalrat die beiden Pestizid-initiativen beraten, nächstes Jahr kommen sie vors Volk. Doch der Abstimmungskampf hat längst begonnen, zumal die Anliegen grosse Zustimmung finden. Das Volk habe den agrarpolitischen Schlendrian satt, hiess es jüngst in der NZZ: Selbst die Mehrheit der Fdp-basis will den Einsatz von Pestiziden reduzieren, wie eine interne Befragung zeigt. Besonders diskutiert wird die Trinkwasser-initiative. Sie fordert unter anderem, nur jene Bauern mit Direktzahlungen zu unterstützen, die auf Pestizide und den prophylaktischen Einsatz von Antibiotika verzichten. Damit wirft sie eine ebenso einfache wie logische Frage auf: Sollen wir eine Landwirtschaft finanzieren, die unsere Natur schädigt und dazu noch gesundheitliche Risiken birgt?
Natürlich nicht, lautet die spontane Antwort. Aber ganz so einfach ist es nicht in diesem Kampf, in dem die vermeintlich Guten den Bösen gegenüberstehen, die Biolandwirte den konventionellen Bauern, Organisationen wie Vision Landwirtschaft dem Bauernverband. Und letztlich ist es auch ein Kampf der Agrarindustrie, die mit anspruchsvollen Konsumenten ein Milliardengeschäft macht.

Kollaterales Massensterben
Es ist nach zehn Uhr morgens. Stefan Anderes will vorwärtsmachen. Er muss, wie er sagt, später seien zu viele Nützlinge unterwegs. Schlechtes Gewissen? «Nein», sagt er, während er den Spritztank mit 365 Liter Wasser auffüllt, in denen die Mittel aufgelöst werden. Die dritte Füllung an diesem Morgen für 22 000 Obstbäume auf 8,3 Hektaren. «Es ist eine Frage des Masses und der sachgerechten Handhabung», sagt Anderes und betont, dass er schon vor zwei Tagen habe spritzen wollen. Aber dann zog der Wind auf, und der kann beim Pflanzenspritzen so fatal sein wie ein undichter Öltank im Meer. Die sogenannte Abdrift könnte die Tröpfchen dahin tragen, wo sie auf keinen Fall landen dürfen: auf Blumen, in Bächen oder im nahen Bodensee. Sie könnten Bienen vergiften, die daraufhin verenden. Sie könnten über die Kanalisation in Bäche gelangen und dort Kleinstlebewesen schädigen. Mit anderen Worten: Sie könnten zu dem kollateralen Massensterben beitragen, das lange nichts Skandalöses war in diesem Land.

Natürlich mache er sich ständig Gedanken, – «Soll ich spritzen, ist es wirklich nötig?» –, sagt Anderes; so wenig wie möglich, lautet die Maxime. Er scheint sich wie die meisten Bauern als Opfer zu sehen. Opfer der Medien und Opfer eines Marktes, an dessen Ende ein gnadenloser Konsument steht.

«Wie erkläre ich meiner Familie, dass die Ernte Pilzkrankheiten oder Schädlingen zum Opfer fällt?», sagt der Jungvater, während er in die Traktorkabine steigt, die ihn vor der Dusche schützt. Er könne sich keine Zufallsproduktionen leisten. «Ohne chemische Mittel riskiere ich riesige Ertragseinbussen», sagt Anderes und fährt los. Weit kommt er aber nicht. Auf der anderen Strassenseite hat er einen Platten.

Ertragsausfälle, Importzunahmen, Wirtschaftsfeindlichkeit – die Argumente des Egnacher Apfelbauern sind auch diejenigen des Schweizer Bauernverbands, der rund 800 000 Franken für den Abstimmungskampf gegen die beiden Pestizid-initiativen budgetiert hat. Es erstaunt nicht, warum ausgerechnet er, Stefan Anderes, 37, sympathisch wie seine Frau Tamara, ein gutes Aushängeschild für die Gegenkampagne ist.

Ralph Hablützel
«Je gesünder die Pflanzen, desto weniger Hilfsmittel – das ist die Zukunft der Landwirtschaft.» Auf der Website Trinkwasserinitiativenein.ch erklärt er in einer Videobotschaft, warum er seine Pflanzen vor Krankheiten «schützt». Anderes ist auch Teil der umstrittenen Bezahlstudie, die der Bauernverband bei der Berner Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Auftrag gegeben und als repräsentativ kommuniziert hat. Befund: Sechs von elf Betrieben würden bei einer Annahme aus dem Direktzahlungssystem aussteigen und wie bisher produzieren. Die Trinkwasser-initiative würde folglich am Ziel vorbeischiessen.

Auch Stefan Anderes würde auf Subventionen verzichten und weiterhin chemische Pestizide einsetzen wie das Insektizid Affirm. Im Landi-prospekt heisst es unter anderem: Sehr gute Wirkung gegen Schädlinge. Gefährlich für Wasserorganismen. Auflagen: maximal zwei Behandlungen pro Saison, 50 Meter Abstand zu Oberflächengewässern, 100 Meter Abstand zu Biotopen, giftig für Bienen, darf nicht mit blühenden Pflanzen oder Honigtau in Verbindung kommen. Also hat Anderes vorher gemäht und da, wo die Bäume wurzeln, auf dem sogenannten Baumstreifen, Glyphosat gespritzt. Ja, den Unkrautvernichter, der dem Chemiekonzern Bayer Millionenklagen beschert hat. «Umgekehrt müsste ich immer wieder hacken, was sich wieder negativ auf meine Co2-bilanz auswirkt.» All das sei eben viel komplexer, als man mitunter meine, erklärt Anderes ganz offen, schliesslich habe er nichts zu verbergen. Er orientiert sich ganz genau anden« Pflanzen schutz empfehlungen für den Erwerbsobstbau» von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für Agrarforschung, und kombiniere immer «das Beste aus biologischen und chemischen Mitteln».

Er will nicht der Umweltzerstörer sein, den die Pestizidgegner in ihm sehen. Es ist die Angst vor Missernten, die ihn begleitet wie die Schädlinge die Apfelbäume. Und je mehr Zeit man zwischen seinen Kulturen verbringt, die festgezurrt in Reih und Glied stehen wie Soldaten, in bis zu 240 Meter langen Zeilen, desto mehr hat man das Gefühl, mitten in einem Krieg zu sein. Aus allen Himmelsrichtungen können die Feinde kommen. Hagel, Mäuse, Krankheiten, viel zu viele, um sie alle aufzuzählen. Mit Sicherheit sind die schön roten Äpfel, die wir gedankenlos in Einkaufskörbe legen, Produkt eines Dauerbehandelns, das mit Natur nicht mehr viel zu tun hat. Aber: Wie schädlich ist das für uns Menschen?

Trinkwasser in Gefahr
Die Kantonslaboratorien untersuchen jedes Jahr über 2500 Lebensmittel auf Pestizide. In den letzten Jahren stellten sie in knapp 10 Prozent davon Rückstände fest, die über dem gesetzlichen Grenzwert liegen. Bei den Schweizer Produkten liegt die Quote bei 6,5 Prozent. Allerdings ist dieser Wert nur bedingt aussagekräftig, zumal vor allem Produkte untersucht werden, die Grenzwerte erfahrungsgemäss überschreiten. Peperoni aus Nicht-eu-ländern zum Beispiel oder Küchenkräuter. Insgesamt beurteilen Behörden das Gesundheitsrisiko durch Pestizidrückstände auf essbaren Lebensmitteln als gering.

Anders ist die Situation beim Trinkwasser: André Olschewski, Vizedirektor des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfaches, setzt sich für einen besseren Schutz des Trinkwassers ein, das aus dem Grundwasser gepumpt wird und unaufbereitet aus den Hähnen fliesst. Er fordert strengere Zulassungsverfahren für Pestizide und gezielte Anwendungsverbote, sowohl für die Landwirtschaft als auch für Private. «Für uns Versorger wird es immer schwieriger, sauberes Wasser bereitzustellen», sagt Olschewski. Er ist der Ansicht, dass bei den Zulassungsprozessen die Bedürfnisse der Landwirtschaft im Gegensatz zum Umweltrisiko zu stark gewichtet würden. Eva Reinhard, die ehemalige Vizedirektorin des Bundesamts für Landwirtschaft, erklärte 2017 im «Kassensturz», dass manchmal auch Stoffe im hohen Risikobereich zugelassen würden, um Erträge zu sichern. Die Schweiz müsse weiterhin in der Lage sein, frisches Obst und Gemüse zu produzieren, sagt Reinhard heute. Sie leitet mittlerweile das Agrarforschungsinstitut Agroscope.

Olschewski kann diese Zulassungspolitik nicht nachvollziehen. Er sagt: «Die Tragweite der Thematik ist noch nicht in den Köpfen angekommen.» Als aktuelles Beispiel nennt er den Fall in der Ostschweiz, der diese Woche bekannt wurde. Ein Abbauprodukt des Pestizids Chlorothalonil, das im Grund- und Trinkwasser weit verbreitet vorkommt, scheint gefährlicher zu sein als ursprünglich angenommen: Es handelt sich um die erbgutverändernde Chlorothalonil-sulfonsäure. In rund 40% der untersuchten Proben hat das Interkantonale Labor in der Ostschweiz Rückstände dieses Stoffes nachgewiesen. Es ist davon auszugehen, dass der Bund diesen demnächst aus dem Verkehr ziehen wird. Als Folge davon werden rund 5 bis 10 Prozent der Schweizer Wasserversorgungen Handlungsbedarf haben. Beziehungsweise die Kantonschemiker, die dafür zu sorgen haben, dass die Konzentrationen so bald wie möglich unter 0,1 Mikrogramm pro Liter sinken. Sie müssen Zulassungsfehler ausbügeln, die sich nicht so schnell beheben lassen.

Denn problematisch ist laut Olschewski auch, dass die Stoffe langsam ins Grundwasser sickern und Jahre darin bleiben. Atrazin zum Beispiel, ein Mittel gegen Unkraut, wurde vor 17 Berater sind hierzulande für Syngenta im Einsatz. Sie begleiten ihre Bauern durchs Jahr, hören sich ihre Sorgen an.

über zehn Jahren verboten, ist aber nach wie vor im Grundwasser. Was also heute als unkritisch eingestuft wird, kann morgen zum Problem werden und für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre eines bleiben. Als grosse Hypothek bezeichnet Olschewski auch die Abbauprodukte. Sie entstehen in chemischen Prozessen, bilden Cocktails, die schwer zu erforschen sind und daher oft erst zu einem späteren Zeitpunkt als riskant eingestuft werden. «Es ist keine Panikmache», sagt Olschewski. «Wir haben in der Schweiz ein wachsendes Trinkwasserproblem.» Insbesondere in intensiv bewirtschafteten Landwirtschaftsgebieten wie dem Mittelland, wo fast 70 Prozent der Grundwasserfassungen belastet seien. Es muss sich also etwas ändern. Aber wie?

Es ist dieselbe Woche, dieselbe Saison, dasselbe Land, nur ein anderer Betrieb, in dem ein hochgewachsener Mann mit Strohhut durch seine Apfelkulturen schlendert, als wäre er in den Toskanaferien und nicht an seinem Arbeitsort, dem Bungerthof im zürcherischen Dättlikon. Vor einem Baum geht er in die Hocke und zeigt auf Blätter, die eingerollt sind und gelbe Ränder haben. «Schauen Sie», sagt er und dreht eines davon um. Dort lebt ein braunes, ekliges Etwas. «Blattläuse.» Er zuckt mit den Schultern und geht weiter, als würden diese Viecher seine Bäume nicht aussaugen wie Vampire.

Ralph Hablützel, Biobauer und Agrarrebell, 57, verkörpert eine pestizidfreie Landwirtschaft, wie sie sich die Initianten der Pestizidinitiativen vorstellen. Er verwendet keine umweltschädlichen Mittel. Entgegen der landläufigen Annahme kommt auch die Biolandwirtschaft nicht ohne Hilfsstoffe aus, die vereinzelt auch alles andere als harmlos sind. Kupfer zum Beispiel, so etwas wie die Allzweckwaffe der Biobauern gegen Pilzkrankheiten von Obst- und Weinbaukulturen. Hablützel lässt es weg. Freiwillig. Damit gehört er zu einer Minderheit der Minderheit. In der Schweiz gibt es 50 000 Landwirtschaftsbetriebe, rund 7000 davon sind bio und nur die wenigsten so bio wie Hablützel, der von sich sagt: «Ich bin 100 Prozent pestizidfrei».

Jetzt zeigt er auf Äpfel, die erst nussgross sind und teilweise Schorfflecken haben. Eine Existenzkrise hat Hablützel trotzdem keine. Im letzten Jahr hatte er wie die meisten Apfelbauern er einen extremen Ertrag. Weil die Bäume «alternieren», eine Saison weniger Früchte haben, die nächste wieder mehr, sei es auch der natürliche Verlauf der Natur, jetzt 40 Prozent weniger zu haben. So eine grosse Rolle spiele es nicht, sagt er. Hablützel lebt zwar hauptsächlich von Äpfeln, produziert aber auch Wein, Most, Kompott und allerlei andere Dinge, um von Wetterkapriolen weniger abhängig zu sein. Diversifizierung lautet seine Strategie. Und Direktverkauf. Jetzt genügt es ihm, auf Käfer zu zeigen, Schmetterlinge oder Bienen. «Da lebt alles!», ruft er mit Begeisterung in der Stimme.

Marienkäfer gegen Blattlaus
An dieser Stelle darf man nicht überbewerten, dass Hablützel die Krabbelviecher «Freunde» nennt, wie es Esoteriker tun. Er ist gelernter Maschineningenieur, der als Informatiker Karriere gemacht hat, bevor er sich vor 14 Jahren zum Obstfachmann umschulen liess und mit seiner Frau diesen Betrieb kaufte. Er will mit der Natur leben, mit den Nützlingen und Schädlingen, den Guten und den Bösen, zwischen denen Pestizide noch nicht unterscheiden können und bisweilen alle dahinraffen.

Auf dem Bungerthof ist es wie in einem Wimmelbild voller Insekten, während man in Egnach eher nach ihnen suchen muss. Zwischen Stefan Anderes und Ralph Hablützel liegen ohnehin Welten, obwohl ihre Betriebe nur 81 Autokilometer voneinander entfernt und ungefähr gleich gross sind. Anderes baut hauptsächlich beliebte, aber anfällige Sorten wie Gala an, Hablützel setzt auf weniger prominente, aber resistentere Sorten wie Topaz oder Ariane. Anderes spricht von Pflanzenschutz, Hablützel von Gift. Anderes setzt mit 300 bis 350 Tonnen Äpfel pro Jahr auf Menge, Hablützel mit 30 Tonnen auf Qualität, wobei für ihn sogar ein Schorffleck ein Merkmal dafür ist. Klingt schön und gut. Aber rechnet sich das auch?

Auf der Terrasse legt Hablützel einen Kostenvergleich auf den Tisch, der auch vom Zürcher Bauernverband verwendet wird: Während konventionelle Bauern mit 30 Tonnen Äpfeln 1200 Franken Gewinn machen, verdient Hablützel mit derselben Menge rund 50 000 Franken. Weil er kaum Arbeitsaufwand hat, weniger in Maschinen oder Pestizide investiert und daher auch höhere Preise verrechnet. Für ihn geht die Rechnung nur deshalb auf, weil er sich in jener Nische von Konsumenten eingerichtet hat, die in Zeiten von Flugscham nicht auch noch beim Biss in den nächsten Apfel ein schlechtes Gewissen haben wollen.

Trotzdem kann Hablützel Vollgasbauern, wie er sie nennt, gut verstehen. Bis vor wenigen Jahren ist er selbst einer gewesen, der so

Der Gala-apfel ist der meistverkaufte Apfel, eine hochempfindliche Frucht, jeder Baum wird pro Saison rund 20-mal mit Pestiziden geduscht.

zuverlässig gespritzt hat, wie die Jahreszeiten kamen und gingen. «Eigentlich habe ich gegen das Umweltgesetz verstossen», sagt Hablützel. Das Ausführen von Chemikalien sei im Grunde nur nach dem Bestimmen der Schadschwellen erlaubt, nach dem Einsatz von biologischen Mitteln, als letzte Massnahme und nicht als Routine, wie viele meinen. Aber in der Ausbildung, sagt Hablützel, sei das kaum ein Thema gewesen. Zudem habe er das System lange nicht hinterfragt, auch aus Angst, die Ernten könnten vor die Hunde gehen.

Hablützel spricht die Wissenslücke an, die von einer milliardenschweren Agrarindustrie gefüllt wird. Wer wirklich etwas von Pestiziden verstehen will, muss ein halber Chemiker sein. Alle anderen sind von den vielen Produkten und Wirkstoffen überfordert. Deshalb lassen die Firmen Berater auf die Höfe ausschwärmen. Zum Beispiel Syngenta, eines der grössten Agrarunternehmen der Welt, 13,4 Milliarden Franken Umsatz, entstanden aus der Agrarsparte von Novartis und heute im Besitz eines chinesischen Chemiegiganten. Wenn Syngenta ein neues Mittel entwickelt, budgetiert die Firma zwölf Jahre Forschung und bis zu 300 Millionen Franken. Kein Wunder, unternimmt sie einiges, damit ihre Produkte «appliziert» werden, wie sie es nennt.

Dafür ist unter anderem Peter Aeberhard zuständig, der in einem weissen Skoda mit Firmenlogo durch den Kanton Bern fährt, die Gummistiefel stets im Kofferraum für den Einsatz im Feld. Aeberhard war selbst Landwirt. Inzwischen läutet bei ihm das Telefon, wenn irgendwo bei einem seiner 200 Kunden ein Käfer oder ein Pilz gesichtet wird, worauf er Anweisungen gibt, wie das Problem mit dem geeigneten Mittel zu beheben sei. Aeberhard legt Wert darauf, dass von Pflanzenschutzmitteln die Rede ist und nicht von Pestiziden. «Wir schützen die Pflanzen, wir sorgen dafür, dass sie gesund sind.»

An einem dieser verregneten Junitage ist er in Urtenen bei Bern unterwegs, zu Stefan Iseli, der das Spritzen zum Geschäft gemacht hat, indem er mit seiner Gps-gesteuerten Hightech-maschine für 16 regionale Bauernbetriebe Pflanzenschutzmittel auf deren Feldern verteilt. Und auf diesen Feldern sehen die Männer Dinge, die ihnen nicht gefallen: weggefressene Zuckerrübenpflanzen und sogar einen Kartoffelkäfer, ein schönes Tier mit weiss-braun gestreiftem Panzer, das im Verbund innert Tagen ein ganzes Feld dahinraffen kann. Man müsse, finden die beiden Männer, gelegentlich etwas unternehmen.

17 Berater sind hierzulande für Syngenta im Einsatz. Sie begleiten ihre Bauern durchs Jahr, hören sich ihre Sorgen an, verkaufen ihnen Saatgut und Pflanzenschutzmittel und erstellen fixfertige Spritzpläne, die für jede Woche von der Keimung bis zur Ernte aufführen, was genau in welcher Dosis versprüht werden soll. Und so kommt es zu der eigenartigen Realität, dass die Spritzmittelindustrie mitbestimmt, wann, wo und wie oft gespritzt wird.

Die Konkurrenz ist hart, man bemüht sich um Nähe und Vertrauen, zum Beispiel, indem man die Kunden zum Feldtag einlädt. Auf ihrem Versuchsfeld in Othmarsingen liess die Firma im Mai Braten mit Spätzli servieren, die Lehrlinge machten Popcorn, und bei einem Wettbewerb konnte man ein Sackmesser gewinnen, bevor dann die Berater mit den Bauern zu einem Postenlauf aufbrachen, um ihnen die neusten Produkte näherzubringen. Am Ende gab es einen Syngenta-messbecher mit einem Tomatensetzling zum Mitnehmen.

Was Aeberhard spürt, wenn er bei seinen Bauern vorbeischaut oder mit ihnen beim Zvieri sitzt, ist eine um sich greifende Verunsicherung. Die Schwiegertochter und die Enkelkinder würden kritische Fragen stellen. Ob das denn wirklich nötig sei, so viel Zeugs auf die Felder zu spritzen. Und der Detailhandel verlangt weiterhin makellose Produkte, legt aber fest, dass nicht mehr als drei oder vier Pestizide dafür eingesetzt werden.

Wie schizophren die Detaillisten zuweilen agieren, zeigt sich etwa beim Gala-apfel, dem meistverkauften Apfel der Schweiz. Er ist eine hochempfindliche Frucht, jeder Baum wird pro Saison rund zwanzigmal mit Pestiziden abgeduscht. Es gibt längst resistentere und ebenso wohlschmeckende Apfelsorten, die mit der Hälfte der Pestizide auskommen. Aber der Detailhandel schiebt weiterhin gerne den Gala-apfel zuvorderst in die Früchteauslage und preist ihn farbenfroh als kinderfreundliches Znüni an.

Manch ein Apfelbauer würde gerne umsatteln, andere Sorten, weniger Spritzen. Auch Aeberhards Kunden fragen nach Alternativen, nach biologischen Mitteln. Die Spritzpläne werden plötzlich weniger dicht.

Auf solche Spritzpläne hat sich auch Ralph Hablützel lange verlassen. Bis er sich vom «Vollgasspritzer» in den Biofundamentalisten verwandelt hat, den Pestizidbefürworter in ihm sehen. Und zwar an dem Tag, an dem er erfahren hat, warum seine Reben plötzlich deformierte Blätter hatten und schliesslich «verkrüppelt» waren. Der ganze Rebberg, die Ernte, jahrelange Arbeit, alles hin, weil er im Vorjahr ein einziges Mal Moon Privilege gespritzt hatte, das Pilzschutzmittel, das in den Schweizer Rebbergen Schäden in der Höhe von 80 Millionen Franken verursacht haben soll. Bayer, der Hersteller, leistete Schadenersatzzahlungen. Auch Ralph Hablützel wurde mit rund 9362 Franken entschädigt.

Heute, drei Jahre später, erzählt er diese Geschichte nicht nur auf seiner Terrasse, sondern auch an Anlässen von Franziska Herren, der Initiantin der Trinkwasserinitiative. Zudem arbeitet er in einem 40-Prozent-pensum für Vision Landwirtschaft, eine Denkfabrik von Agrarexperten, die einen Systemwechsel fordern, weg von der Chemie, hin zu resistenten Pflanzen und Agrarökosystemen, die nachhaltig produktiv sind. So will Hablützel heute nicht bloss natürliche Granuloseviren gegen Apfelwickler auf seine Kulturen spritzen, sondern auch einen «Komposttee» aus Walderde, Zuckerrohrmelasse und Steinmehl. Das Gebräu wabert in einem Holzfass, das auf exakt 23 Grad erhitzt wird. «Nein, kein Hokuspokus», sagt Hablützel. Damit würden die Bodenorganismen angeregt und das System insgesamt resilienter gemacht. «Je gesünder die Pflanzen, desto weniger Hilfsmittel – das ist die Zukunft der Landwirtschaft», sagt er.

Aber ist eine Landwirtschaft ohne konventionelle Pflanzenschutzmittel überhaupt möglich? Und wie muss man sich die vorstellen?

Mythos Bio
Die Frage geht anUrsNiggli,Agr ar wissenschaft er und Direktor des Forschungsinstitutes für biologischen Land bauFIBL, das weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Es gibt die sogen annteFibl- betriebsmittel liste heraus, ein 117 Seiten starkes Buch, in dem alle zulässigen Biomittel aufgeführt sind. Darunter allerdings auch Stoffe wie Spinosad, ein natürliches Insektizid, das vom Bund als «bienengefährlich» eingestuft wird. Oder Kupfer, mit über 70 Tonnen eines der meistverkauften Spritzmittel gegen Pilzkrankheiten wie Schorf oder Mehltau. Kupfer reichert sich im Boden an, hemmt das Wurzelwachstum und schadet Bodenorganismen wie etwa Regenwürmern. Das gefällt Niggli nicht. Aber man müsse zum Wohl des Biolandbaus eben auch Kompromisse eingehen. «Kupfer können wir vermutlich erst in fünf Jahren mit rein pflanzlichen Mitteln ersetzen.»

Auch ein biologischer Betrieb könne in nächster Zeit nicht auf Pflanzenschutzmittel verzichten, ausser man habe als Bauer kein Problem damit, dass ein Teil der Ernte ausfällt. «Ein Verbot würde insbesondere den Obst- und Weinbau einbrechen lassen.» Vor allem Früchte müssten viel mehr importiert werden, Wein sowieso. Beim Raps kommt es inderBio landwirtschaft schon jetzt alle vier bis sechs Jahre zu einem Totalschaden, weil es gegen den Rapsglanzkäfer keinen effizienten Biowirkstoff gibt. So oder so produzierten Biobetriebe etwa 25 Prozent weniger als die konventionellen, sagt Niggli. Zudem sei FoodWaste ein Problem. Früchte mit Flecken müssten aussortiert werden. «Man darf den Konsumenten keine Märchen erzählen: Bio ist leider auch nicht überall perfekt.»

Damit ist das Stichwort gefallen: die Konsumenten. Im Gegensatz zu den grossen Fragen, wie das Pestizidproblem gelöst werden soll und wer schuld ist daran, sind sich bei diesem Thema auf einmal alle einig. die bauern, die Experten und sogar die Spritzberater: Wir, die Konsumenten, haben es in der Hand.

Wir, die gedankenlos einkaufen. Wir, die immer rotere Äpfel wollen. Wir, die Früchte mit Schorfflecken ins Regal zurücklegen. Wir, die etwas für die Sauberkeit des Trinkwassers tun könnten oder die Erhaltung der Vogelarten. Nicht bloss an der Urne, wenn die Initiativen zur Abstimmung kommen. Sondern mit dem Portemonnaie. Jeden Tag.