Kinder der Apokalypse

Es kann einem viel einfallen zu Greta Thunberg. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch verglich die Klima-Demos mit dem Einzug Jesu in Jerusalem, Greta in der Rolle von Jesus Christus. Andere feiern sie als eine neue Jeanne d’Arc, stark in ihrer Schwäche, weise in ihrer Naivität.

Demonstrationen können Spaß machen, sie können Feste der Ekstase sein, manchmal auch Exzesse der Gewalt, aber dieses Bild zeigt keine Fröhlichkeit, keine Lust an der Rebellion oder der Gewalt, sondern eher einen Moment der Verzweiflung, der Angst und Ohnmacht, der existenziellen Bedrohung: Diese Welt muss gerettet werden, unbedingt und absolut und sofort. 25000 Menschen nahmen im März an dieser Demonstration teil, es war ein machtvoller Auftritt, aber herrje, es waren ja nur Kinder. Jetzt jedoch, nach diesem europäischen Wahlsonntag, wirkt dieses Foto anders – als Prophezeiung und Mani – festation einer neuer Protestbewegung, die mit großer Wucht und Schnelligkeit das Parteiensystem durcheinanderwirbelt und deren Radikalität größere Antworten fordert als irgendeine CO²-Steuer oder ein mühsam in der Großen Koalition beschlossenes Klimaschutzgesetz.

Es gibt ein Bild von Rudi Dutschke, das 1968 bei einer Vietnamdemonstration in Berlin aufgenommen wurde. Dutschke trägt einen Helm in der einen Hand, in der anderen lustigerweise eine Aktentasche, als ob der Wortführer der Studenten nach der Revolution noch ins Büro müsste. Er läuft vorweg, angriffslustig, hinter ihm die Reihen der jungen Männer, es sind fast ausschließlich Männer, die sich unterhaken. Man hört sie geradezu laut rufen auf diesem Foto: Ho, Ho, Ho Chi Minh. Ein Foto, das Geschichte erzählt, vom Aufbruch und vom radikalen Umbau einer Gesellschaft, es ist die Geschichte von der Neuerfindung eines Landes. Das Dutschke-Foto erzählt: So war das damals im Februar 1968.

Und so ist das nun im Frühjahr 2019. Die Analogie zu 1968 ist noch relativ frisch. Alte Fahrensmänner des Protests wie der Ur-Grüne Ralf Fücks, er ist Jahrgang 1951, war also erst 17, als die Straße erobert wurde, sehen die Ähnlichkeiten. Er betreibt heute einen Thinktank in Berlin und war einer der Ersten, die sich an 1968 erinnert fühlten. Und es waren Hamburger Aktivisten von »Fridays for Future«, die sich vor ein paar Wochen selbst als Nachfolger der 68er-Generation ausriefen. Eigentlich gehört es zur Folklore dieses Landes, ein neues 68 auszurufen, wann immer eine Generation junger Leute auf die Straße geht. Das war so bei den Protesten gegen die Atomkraft und bei den Friedensdemonstrationen der Achtzigerjahre, auch wenn die eher ein Ausläufer der 68er waren. Oder bei der Attac-Bewegung, die in den Nullerjahren gegen die Globalisierung und den Kapitalismus aufbegehrte, aber genauso schnell wieder vergessen wurde wie die »Occupy«-Bewegung, die nach der Finanzkrise entstanden war. Die Suche nach den Nachfolgern von 68 ist Ausdruck eines Wunschdenkens, einer Hoffnung, dass sich endlich etwas tut. Wahrscheinlich gibt es eine Art inneren Drang, die Geschichte als Abfolge von Generationen zu erfassen, als einen sich immer neu aufladenden Konflikt der Jungen gegen die Alten. Aber als sich im ver – gangenen Jahr der Protest von 68 zum 50. Mal jährte, blieb es seltsam still. Keine Feier der Revolte mehr und auch kein großes Klagen über eine Jugend, die anscheinend nichts will und nichts tut.

Millennials nennt man die Generation der jüngeren Leute, die ab den frühen Achtzigerjahren geboren wurden. Sie haben nicht den besten Ruf. Sie galten als ambitionslos, als ein wenig narzisstisch in ihrer angeblich dauerhaften Selbstbespiegelung und vor allen Dingen als desinteressiert an politischen Prozessen und Engagements. Es gibt auch schon eine Nachfolgegeneration, Generation Z wird sie genannt oder auch iGen. Das sind die Jahrgänge ab Ende der Neunzigerjahre. Es ist die erste Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, und auch sie hatte bislang keinen besonders guten Leumund: Teenager, die den ganzen Tag am Handy daddeln oder Selfies auf Insta – gram posten.

Und nun das – diese Jugend steht auf, und sie hat Galionsfiguren, in denen sich ihre Träume, Ängste, Wünsche bündeln: Greta Thunberg, die 16 Jahre alt ist, in nur wenigen Monaten weltberühmt wurde, vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos spricht, vom Papst empfangen wird, für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen ist und Hunderttausende junge Menschen mobilisiert. Luisa Neubauer, 23 Jahre alt, Mitinitiatorin der deutschen »Fridays for Future«-Demos, so schlau und rhetorisch geschickt, dass Berufspolitiker wie CDUWirtschaftsminister Peter Altmaier im Schlagabtausch (SPIEGEL 12/2019) nicht gut aussehen. Und dann Rezo, keine 30 Jahre alt, Informatiker und YouTuber aus Aachen, dessen Video »Die Zerstörung der CDU« über das Versagen der Volksparteien in der Klimapolitik kurz vor der Europawahl veröffentlicht und fast 14 Millionen Mal angeklickt wird. Es hat wohl dazu beigetragen, die Grünen zum Gewinner der Europawahl in Deutschland zu machen.

Rezo war Tage nach der Wahl verschwunden, der SPIEGEL hat ihn am Mittwoch aufgetrieben, einen jungen Mann, weich, klug, zurückhaltend, so seltsam das bei YouTube-Größen klingen mag. Er wirkt durch die Effekte des Netzes, die einem Menschen ohne Funktion und Titel über Nacht ungeheure Macht geben können. Mit einem Schlag gab er die CDU der Lächerlichkeit preis. Sie spricht weder die Sprache der Jugend, noch versteht sie die Kanäle, durch die diese Generation kommuniziert, sich organisiert. Die Effekte des Netzes sind es, die diese Generation so schnell so stark und mächtig machen wie keine zuvor.

Wenn die 68er den Aufstand gegen die Naziväter wagten, eine Rebellion gegen die autoritären Strukturen der Nachkriegszeit, gegen den Muff und den Kleingeist der Wirtschaftswunderjahre, und das alles auch ein Schrei war, nach Freiheit und mehr Demokratie und mehr Sex, wer genau sind dann die 2019er? Woher kommen sie auf einmal – kamen sie überhaupt so überraschend, wie es vielen scheint? Und können sie dieses Land, vielleicht den ganzen Westen, verändern?

Manchmal ist es nur eine Erkenntnis, die alles in Gang bringt. Ein kleiner Satz, ein kurzer Fakt, eine kühne Prognose. In diesem Fall lautet dieser Satz: Entweder die CO²-Emissionen sinken dramatisch bis 2030, oder die Welt wird nicht mehr zu retten sein. Der Meeresspiegel steigt jetzt schon, Extremwetter werden häufiger, Landstriche werden nicht mehr bewohnbar sein, Hunderte Millionen Menschen könnten in den Jahrzehnten danach ihre Heimat verlieren und sich auf die Flucht begeben.

Es ist ein ziemlich steiler Satz, er beruht auf Modellrechnungen einer höchst komplexen Wissenschaft. Die Frage ist natürlich, wie absolut dieser Satz ist und was man aus ihm macht. Es könnte auch eine Frage sein, wie sehr man auf den Erfindungsreichtum der Menschheit baut und der Idee von Fortschritt vertraut. Aber wahrscheinlich ist es das Recht der Jugend, radikal zu sein und in Panik zu verfallen. In elf Jahren geht die Welt unter.

Es gab 68er, die ernsthaft glaubten, in einem faschistischen Staat zu leben. Anders aber als die Altvorderen, die eher Kinder des Aufbruchs waren, sind die 19er die Kinder der Apokalypse, aufgewachsen in einem verrückten Jahrzehnt. Einem Jahrzehnt, das mit einer weltweiten Finanz – krise und Rezession begann. Einem Jahrzehnt, in dem die Flüchtlingskrise von 2015 einen rechten Populismus produzierte, eine Krise, die die Demokratien des Westens eher von innen als von außen bedroht. Einem Jahrzehnt, in dem ein neu gewählter amerikanischer Präsident sein Land in den Irrsinn treibt. Einem Jahrzehnt, in dem die sexuellen Gewalttätigkeiten eines amerikanischen Filmproduzenten einen neuen Feminismus erzeugte, der Männlichkeit als solche infrage stellt. Einem Jahrzehnt, in dem die digitale Technologie eine neue Art von Öffentlichkeit hat entstehen lassen, die neben viel Wissen und Information und Austausch auch Hass und Fake News und Empörung im Übermaß produziert.

Man muss weder besonders jung noch besonders alt sein, um das alles ziemlich beunruhigend zu finden. Angesichts der globalen, technologischen und gesellschaftlichen Umbrüche wäre es eher erstaunlich, wenn es das nicht gäbe, eine überall in der westlichen Welt vorzufindende Protestbewegung, die eher weiblich ist und links, eher jung und digital und feministisch, gegen Rassismus und für Gerechtigkeit. Jede Ära hat den Protest, den sie verdient.