Kretschmer und Dulig sind Sympathieträger in Sachsen

LEIPZIG. Ministerpräsident Michael Kretschmer kommt vom politischen Spitzenpersonal in Sachsen am besten an. Der Cdu-politiker erreicht in der neuen Lvzumfrage im Durchschnitt eine 2,4 und kann damit seine 2,7 aus der Juni-erhebung auf einen neuen Spitzenwert verbessern. Als Grundlage dient eine Skala von 1 (sehr sympathisch) bis 6 (sehr unsympathisch). 56 Prozent der Befragten halten den seit Ende 2017 regierenden Kretschmer mindestens für „sympathisch“(Noten 1 und 2), nur acht Prozent stellen ihm die schlechtesten.

Prozent Ablehnung – damit erreicht auch er neue Bestmarken in der Lvz-umfrage. Dulig liegt weiterhin deutlich über den Umfragewerten seiner Partei, die aktuell bei 8 Prozent in Sachsen steht. Dahinter verbessern sich die Grünen-spitzenkandidatin Katja Meier und die Freien Wähler mit Cathleen Martin leicht auf 3,2, auch Rico Gebhardt (Linke) und Holger Zastrow (FDP) steigern sich auf 3,3. Dagegen sinkt Jörg Urban (AFD) in der Wählergunst und zählt mit André Poggenburg sowie Frauke Petry (Die Blauen) zu den Sympathie-verlierern.

Das ergab eine Lvz-umfrage, für die vom 8. bis 15. August 2019 genau 700 repräsentativ ausgewählte Wahlberechtigte aus ganz Sachsen befragt wurden. Die Interviews erfolgten durch die Leipziger IM Field Gmbh in Kooperation mit dem Marktund Meinungsforscher Dr. Andreas Czaplicki, der die Studie leitete.

Im Detail hat die Lvz-umfrage einige bemerkenswerte Ergebnisse ergeben. So wird Kretschmer sowohl von zwei Drittel der Spd-anhänger als auch von mehr als jedem zweiten Afd-wähler positiv gesehen. Bei Letzteren liegt der Cduregierungschef sogar noch knapp vor Urban, der insgesamt unter den eigenen Leuten den geringsten Rückhalt aufweist und sogar etwa jedem fünften Afd-sympathisanten noch unbekannt ist.

Zudem fällt auf, dass der Linke-spitzenmann Gebhardt mit der Grünen-kandidatin Meier in der jüngsten Gruppe (18 bis 29 Jahre) am stärksten punktet. Zwar haben hier auch Kretschmer und Dulig durchaus gute Werte, doch allgemein gilt für das Duo: Je älter die Befragten sind, desto bessere Noten erhalten beide. Das gilt auch für Afd-chef Urban, der im Gegensatz zu den anderen bei Frauen ebenso wenig wie bei Akademikern überhaupt nicht landen kann und auch bei Cdu-anhängern durchfällt – das kann wiederum als Signal für die Zeit nach der Landtagswahl verstanden werden. Auch der Fdp-vorsitzende Zastrow kommt bei Männern deutlich besser an. Insgesamt weist die Freie-wähler-spitzenkandidatin Martin, nach der erstmals gefragt wurde, über alle Parteien hinweg eine relativ große Schnittmenge und nur geringe Ausschläge bei der Bewertung auf.

Am Mittwochabend lieferten sich die Kandidaten der sechs aussichtsreichsten Parteien für die Landtagswahl in Dresden einen verbalen Schlagabtausch. Unter den Besuchern waren auch rund 80 Lvz-leser, die von der Debatte angenehm überrascht gewesen sind.

Bildung ist die Nummer eins. Auch beim Wahlforum zur Sachsen-wahl im Dresdner Kongresszentrum. Das hat das Publikum am Mittwochabend so entschieden. Bei der Abstimmung, über welches Thema zuerst diskutiert werden sollte, votierten die Zuschauer, vor allem Leser der LVZ, der Freien Presse und der Sächsischen Zeitung, ganz klar für Bildung.

SANIERUNGSSTAU
Der Startschuss für die Debatte kam von einem Vater zweier schulpflichtiger Kinder aus Leipzig. Per Film-einspieler beklagte Klaus Hauschild (35), Softwareentwickler und Elternbeiratsmitglied, den Sanierungsstau an Leipziger Schulen. Der Moderator dieser Runde, Lvz-chefredakteur Jan Emendörfer, reichte das Problem weiter an Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Der gab sich staatsmännisch und verwies darauf, dass sich Land und Kommunen in Sachen Bildung die Verantwortung teilen und die Baulast bei den Kommunen liegt. Er räumte ein, dass in den Leipziger Schulen vieles im Argen liegt. „Deshalb bin ich froh, dass der sächsische Landtag mit dem Doppelhaushalt ein Schulhausbau-paket verabschiedet hat, um im Wesentlichen in Leipzig, Dresden und Chemnitz den großen Sanierungsstau zu beseitigen und neue Schulen zu bauen.“Er verwies damit, ohne alle Zahlen zu nennen, auf das 310-Millionenpaket zur Schulsanierung in den Großstädten und das 179-Millionen-paket zum Schulhausbau im ländlichen Raum für 2019/20. Seine 60 Sekunden Redezeit im streng getakteten Zeitregime waren schon um.

LÄNGER GEMEINSAM LERNEN
Spd-spitzenkandidat Martin Dulig machte eine neue Bildungsbaustelle auf. „Wir haben einen inneren und einen äußeren Sanierungsfall“, sagte er und legte nach: „In der vierten Klasse zu entscheiden, ob ein Kind auf das Gymnasium oder auf die Oberschule geht, ist zu zeitig. Es heißt deshalb: längeres gemeinsames Lernen.“Schule im 21. Jahrhundert sei nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern sie müsse auch soziale und ethische Kompetenzen vermitteln. Die grüne Spitzenfrau Katja Meier war da völlig seiner Meinung, nannte Bildungsgerechtigkeit ein Ziel. Es gehe darum, „die Schülerinnen und Schüler nicht nach der vierten Klasse auseinanderzureißen“. Die einzige Frau auf dem Podium forderte einen „besseren Betreuungsschlüssel in den Kitas und eine gute Bezahlung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“.

Beim längeren gemeinsamen Lernen wurde die Phalanx mit Rico Gebhardt, dem Spitzenmann der Linken, weiter geschlossen. Er verwies auf den Volksantrag mit 50 000 Unterschriften für Gemeinschaftsschulen. Er forderte die CDU auf, „ihre Scheuklappen abzulegen, wenn es um das längere gemeinsame Lernen geht“. Dann bekannte er, dass seine Zwillinge gerade eingeschult wurden, und zwar in eine neugebaute Schule in Dresden. Emendörfer kommentierte: „Wir halten fest: Ein junger Vater aus der Opposition sagt: Es war nicht alles schlecht.“Der Saal reagierte amüsiert.

FÜNF PARTEIEN EINIG
Auch Holger Zastrow, Spitzenmann der FDP, äußerte seine Sympathie für das längere gemeinsame Lernen. Schon aus seiner Ost-erfahrung heraus. Dann ruderte er aber ein wenig zurück. „Ich glaube aber, dass das neue sächsische gegliederte Schulsystem auch Vorteile hat.“Die gesamte Schulstruktur über den Haufen zu werfen, halte er nicht für sinnvoll.

Jörg Urban, Spitzenkandidat der AFD, lobte wie Kretschmer und Dulig, dass das Land den Kommunen zusätzliche Mittel für die Schulsanierung bereitgestellt hat. Dann bekundete der Fraktionschef, dass auch die AFD für längeres gemeinsames Lernen ist, und zwar bis zur achten Klasse. Damit hatte er alle Vorredner noch übertroffen. „Wir wollen mit dem längeren gemeinsamen Lernen die Oberschulen stärken und die Bildungsempfehlung verbindlich machen, damit wirklich nur die Kinder aufs Gymnasium gehen, die am Ende studierfähig sind“, so Urban. Er verwies auf den Bedarf an Facharbeitern.

SÄCHSISCHES BILDUNGSSYSTEM
Der Cdu-spitzenkandidat, der sich nun einer Phalanx aus fünf Parteien gegenüber sah, wich nicht von seiner Position. „Wir haben vor 30 Jahren ein eigenes Bildungssystem aufgebaut, dabei das Beste aus der DDR behalten und anderes hinzugefügt, wir haben Kopfnoten, Zentralabitur, und sind damit sehr erfolgreich.“Er verwies auf Pisa und den jüngsten Bildungsmonitor der Initiative Neue soziale Marktwirtschaft, der Sachsen Bestnoten erteilte. Der Begründungszwang, ein solches System zu ändern, sei natürlich anders, so der Vater zweier Kinder, „als bei Bremen, das das Bildungsniveau ungefähr von Mexiko hat“.

NACH DER WAHL
Wenn die potenziellen Koalitionspartner der CDU für längeres gemeinsames Lernen sind, wird das dann nach der Wahl verbindlich, fragte der Moderator. Dulig ließ keinen Zweifel daran, dass dies ein zentrales Thema für die SPD sei. Das müsse ins Schulgesetz. „Wir brauchen da Verbindlichkeit.“Auch Katja Meier, deren Grüne gute Chancen aufs Mitregieren haben, plädiert für mehr Freiraum. „Lehrerinnen und Lehrer sollen gemeinsam mit den Eltern entscheiden können, ob eine Gemeinschaftsschule eingerichtet wird“, sagte sie. Gebhardt verwies darauf, dass es das Gemeinschaftsschulmodell in Thüringen schon gibt. „Wir wollen das Schulsystem nicht auf den Kopf stellen, aber eine zusätzliche Option.“Holger Zastrow warnte dagegen davor, herumzudoktern. Damit ließ er vieles offen. Es hat sich herausgestellt, dass die Kinder im ländlichen Raum etwas ruhiger und strukturierter sind.

LEHRER ALS DAS A UND O
Die Spielregeln sahen vor, dass nur eine Dreiergruppe aus Kretschmer, Gebhardt und Zastrow das Thema weiterdiskutierte. Der CDU-CHEF verwies auf die Durchlässigkeit des sächsischen Schulsystems und nutzte die Chance, um eine Lanze für die Lehrer zu brechen. Sie seien das A und O. Er schloss ausdrücklich die Kita-erzieher mit ein. Zastrow nahm den Ball auf und übte zugleich Selbstkritik, dass auch die FDP, als sie mitregierte, zu wenig unternommen hätte in Sachen Lehrer. Für Gebhardt spielt auch die Bezahlung eine Rolle. „Warum soll ein Grundschullehrer in Sachsen für 1000 Euro weniger arbeiten, wenn er in Baden-württemberg für seine gleiche Arbeit besser bezahlt wird?“, wirft er ein.

VERBEAMTUNG DER LEHRER
Die Verbeamtung der Lehrer sieht Gebhardt als falschen Weg. „Da müssten wir ja auch in der Pflege die Leute verbeamten, weil dort Fachkräfte fehlen.“Kretschmer ließ sich nicht aus der Reserve locken, Zwei, drei Jahre werde man noch auf Kante fahren in Sachen Lehrer. Danach werde sich auch die Fokussierung auf Dresden und Leipzig ändern. „Es spricht sich langsam rum, dass der ländliche Raum viel mehr Chancen hat“, ist er zuversichtlich. „Es hat sich herausgestellt, dass die Kinder im ländlichen Raum etwas ruhiger und strukturierter sind“, sagt er und erntet Beifall. Das gelte auch für die Erwachsenen. Zustimmung im Saal. Dulig räumte ein, dass die Verbeamtung aus Konkurrenzgründen erfolgte. Seine Tochter sei Lehrerin, daher wisse er, dass aber vor allem die Wertschätzung ein ganz entscheidender Fakt sei.

BILDUNG FÜR FLÜCHTLINGE
Leser Martin Johannes Range aus Annaberg-buchholz fragte, ob die Bildungspolitik im Bereich der Zuwanderer versagt, weil die freien Bildungsträger nur an Teilnehmerzahlen gemessen werden. Jörg Urban bestätigte, dass keine Erfolgskontrolle stattfinde. Das dürfe nicht sein. „Wir sagen als AFD ganz klar: Menschen, die als Bürgerkriegsflüchtlinge zu uns kommen, haben temporären Schutz und sollen nach Ende des Bürgerkrieges zurück in ihre Heimat.“Daher empfahl er, die Flüchtlinge in ihrer Heimatsprache zu unterrichten. Sofort kam Protest vom Spitzenkandidaten der Linken. „Sie grenzen also Menschen von vorn herein aus, nur weil sie eine andere Sprache sprechen“, wandte Gebhardt ein. Auch Katja Meier von den Grünen ließ das nicht stehen: „Der Schlüssel für Integration ist Sprache, und dass Menschen in Ausbildung und Arbeit kommen.“Gong.