LETZTE HOFFNUNG FUßFESSEL

Das Urteil zum tödlichen Bootsunfall auf dem Wörthersee ist rechtskräftig. Der prominente Manager, der beim Unglück alkoholisiert war, muss für neun einhalb Monate hinter Gitter – es sei denn, er bekommt die Fußfessel.

Der 46-jähriger Niederösterreicher hat eine beachtliche Karriere als Topmanager in der Medienbranche hinter sich – und auch aktuell bekleidet er dort einen Führungsjob. Wie es mit dem weitergeht, ist derzeit offen – denn am Dienstag wurde der Manager am Oberlandesgericht (OLG) Graz wegen grob fahrlässiger Tötung rechtskräftig zu neuneinhalb Monaten unbedingter Haft verurteilt. Das OLG hatte das Ersturteil des Landesgerichts Klagenfurt aus dem Vorjahr, gegen das sowohl der Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft berufen hatten, bestätigt. Wegen der langen Verfahrensdauer wurde die Freiheitsstrafe aber um zwei Wochen reduziert, da das schriftliche Urteil erst vier Monate nach Prozessende ergangen war. Der prominente Medienmanager hatte am 2, Juni 2017 als Lenker eines 335 PS starken Sportbootes auf dem Wörthersee in alkoholisiertem Zustand einen Unfall verursacht, bei dem einer der vier Passagiere – ein enger Freund des Verurteilten – durch die Schiffsschraube zu Tode kam. Und eine feuchtfröhliche Herrenrunde ein schreckliches Ende nahm. Der dreiköpfige Richtersenat des OLG unter Vorsitz von Karin Kohlroser wies die Darstellung des Managers zurück, wonach das Unfallopfer ihm vor dem Unglück ins Lenkrad gegriffen, er nicht entgegen den Vorschriften den Retourgang eingelegt habe und er überdies selbst ins Wasser geschleudert worden sei. Dabei hatte Anwalt Alexander Todor-Kostic in seinem Plädoyer nochmals zu untermauern versucht, weshalb aus der Sicht des Beklagten das Gutachten des Schifffahrtsexperten Hermann Steffan „nicht plausibel“ und „mangelhaft“ gewesen sei.

Vergebliche Berufung
Er kritisierte die Methodik das Sachverständigen und bezeichnete die „Rekonstruktion“ als „nicht valide“. Es bedürfe einer Simulation des Unfalls; das reine Vermessen reiche nicht aus: Die durchgeführten Versuchsfahrten hätten „nichts mit dem tatsächlichen Manöver“ zu tun. Zudem seien gewisse Parameter nicht einbezogen und Beweise außer Acht gelassen worden. Der Unfall sei „ein besonders tragischer Fall mit einer Verkettung von unglücklichen Umständen, die zum Tode führten“, so Todor-Kostic. Oberstaatsanwältin Nicole Dexer sah hingegen das Urteil des Erstgerichts als „nicht zu beanstanden“ an. Der Sachverständige, der die Unfallversion des Managers als technisch ausgeschlossen bezeichnet hatte, habe den „Hergang lückenlos erklärt.“ Weitere Beweisaufnahmen würden keine neuen Sachverhalte bringen; die Strafhöhe sei zudem „fallkonkret zu milde“ ausgefallen. Interessantes Detail am Rande: Das Verfahren gegen den Schiffsführer, der im Auftrag des Bootseigners während der gesamten Fahrt mit an Bord war, wurde abgetrennt und wird gesondert verhandelt. Dieser war in der ersten Instanz zu drei Monaten bedingt verurteilt worden. Dessen Anwalt, Georg Schuchlenz, bewertet den Ausgang des Berufungsverfahren als „positiv“, da dadurch „die richtige Verantwortung meines Mandaten inhaltlich grundsätzlich bestätigt wird“. Denn der Skipper hatte zu den Fahrmanövern vor dem bzw. rund um den Unfall anders ausgesagt als die beiden anderen Freunde des Verurteilten.

„Schädliche Neigung“
Nach knapp 20-minütiger geheimer Beratung des OLG-Senats begründete Richterin Kohlroser das Strafausmaß mit ausführlichen Verweisen auf die 40-seitige schriftliche Urteilsverkündung. Dabei bekräftigte auch sie, dass es „keine Bedenken am Gutachten“ gebe – und erwähnte neben den widersprüchlichen Zeugenaussagen auch zwei „einschlägige Verwaltungsstrafen“ des Verurteilten aus den Jahren 2015 und 2016 wegen Schnellfahrens und Nichteinhaltens des Sicherheitsabstands. Für die Richterin eine „schädliche Neigung“: „Das sind ebenfalls Sorgfaltsverstöße und ein Erschwernisgrund.“ „Entscheidend“ für das Gericht sei aber „das Nachtatverhalten des Angeklagten“ gewesen, betonte Kohlroser. Der Medienmanager habe nämlich bei der Polizeieinvernahme unmittelbar nach dem Unfall nicht davon gesprochen, dass ihm sein Freund ins Lenkrad gegriffen habe. Diese Verantwortung kam erst am nächsten Tag. „Die allgemeine Lebenserfahrung zeigt aber, das Erste, was man in so einem Fall zu den Beamten sagen würde, ist: ‚Der hat mir ins Lenkrad gegriffen, und deshalb ist das passiert‘.“ Es handle sich daher um eine „zurechtgelegte Rechtfertigung“. Bei der Strafhöhe habe das Erstgericht „Augenmaß bewahrt“. Aus generalpräventiven Gründen sei eine teilbedingte Haftstrafe nicht möglich. Es brauche ein Signal an die Allgemeinheit, dass solche groben Sorglosigkeiten Folgen haben, sagte Kohlroser: „Das ist vergleichbar mit tödlichen Verkehrsunfällen.“ Der Medienmanager gestand in seinem Schlusswort „eine moralische Schuld“ ein, weil er beim Unfall „alkoholisiert war und sich das nicht gehört“; im juristischen Sinne schloss er sich aber den Ausführungen seines Anwalts an. Es gehe ihm um das, „was tatsächlich passiert ist“. Was im Gutachten stehe, könne man „nicht so stehen lassen, weil meine Kinder die Wahrheit kennen sollen“. Der Unfallhergang des Sachverständigen sei „völlig an den Haaren herbeigezogen“, so der Verurteilte. Den Angehörigen des Todesopfers wurde ein Trauerschmerzensgeld von je 1.000 Euro zugesprochen. Da der 46-Jährige der Witwe bereits die Hälfte der Überführungs-, Begräbnis- und Anwaltskosten sowie ein Trauerschmerzensgeld – in Summe 25.300 Euro – überwiesen hat, wurde der Zuspruch für die Witwe aufgehoben. Weitere Ansprüche, insbesondere jene für ihre beiden kleinen Kinder, muss die Witwe zivilrechtlich geltend machen. Im Vorfeld der Berufungsverhandlung war von Schadenersatzforderungen von je 250.000 Euro die Rede. Der Anwalt der Witwe will diese Summen nicht kommentieren, sagt aber: „Die berechtigten Ansprüche werden natürlich weiter verfolgt.“ Vorzugsweise außergerichtlich.

„Kann damit leben, aber schwer“
Der nunmehr rechtskräftig Verurteilte, der gesellschaftlich und politisch sehr gut vernetzt ist, hofft jetzt, dass er seinen Job weiter behält. Voraussetzung dafür wird wohl die Fußfessel sein. Und da dürften seine Chancen nicht schlecht stehen. In einer ersten Stellungnahme nach der Berufungsverhandlung sagte er zu News: „Ich kann mit dem Urteil leben, wenn auch nur schwer.“ Immerhin sei das Verfahren nun zu Ende, das „sehr belastend für die Familie“ gewesen sei. Hinsichtlich zivilrechtlicher Ansprüche seien bereits Gespräche geführt worden, die nun vertieft werden sollen, so der Manager.