Martullo im Nahkampf

Ihre Wiederwahl in den Nationalrat ist gefährdet. Mit einer Charmeoffensive im Bündnerland versucht Magdalena Martullo-blocher Boden gutzumachen. Den Auftritt unter Gleichgesinnten geniesst die Svp-politikerin, für den Fall der Nichtwahl hat sie sich abgesichert.

Wir hätten gerne mit ihr gesprochen, die eine oder andere Frage direkt gestellt. Aber Magdalena Martullo-blocher hat keine Zeit. Seit Wochen schon. Sie führt jetzt Wahlkampf in Graubünden. Zum Beispiel in Sils im Domleschg am Freitagabend: Rikky G. singt «Ich möcht’ so gern Dave Dudley hör’n», Martullo geht von Tisch zu Tisch und begrüsst ihre Anhänger in «Beni’s Backroad Beiz». Die im Western-stil umgebaute Scheune im Industriequartier ist mit etwa achtzig Gästen gefüllt. Stumpen, Krumme und Kiel werden geraucht, hier und da fallen gezwirbelte Schnäuze und Cowboyhüte auf. Martullo posiert für Selfies, lacht und scherzt. Eine Nationalrätin zum Anfassen. Volksnah, freundlich, fröhlich.

Drei Tage zuvor in Bern, im Vorzimmer des Parlaments. Während der Session hat hier Martullos persönlicher Mitarbeiter sein provisorisches Büro eingerichtet. An ihn müsse man sich wenden, wenn man mit Frau Martullo reden möchte, sagen die Ratsweibelinnen. Bei allen anderen Parlamentariern übernehmen sie selbst die Vermittlung. Mit dem Assistenten im Vorzimmer schafft es Martullo, eine gewisse Teppichetagen-atmosphäre ins Bundeshaus zu zaubern. Damit hebt sie sich ab, ist keine Parlamentarierin wie alle anderen. Martullo unterstreicht ihre Rolle als Unternehmerin, jene Rolle, in der sie sich am besten gefällt. Das Nationalratsmandat hingegen ist ein Auftrag, den sie erfüllt, weil sie «muss»: der Schweiz, dem Volk und wohl nicht zuletzt ihrem Vater, Christoph Blocher, zuliebe.

In «Beni’s Backroad Beiz» empfängt am Freitag Christian Morf die Nationalrätin mit lobenden Worten. Er ist Präsident der Nachbargemeinde Fürstenau; Martullo ist zugleich seine Chefin bei der Ems-chemie. Zusammen würden sie jeweils auf Geschäftsreisen in die USA in Steakhäusern einkehren, erzählt Martullo. Jetzt freue sie sich, hier in dieser bodenständigen, guten Gesellschaft zu sein. Es ist ein Heimspiel für die Zürcherin, die ihren Wohnsitz nach wie vor in Meilen am Zürichsee hat, in Graubünden aber als grösste private Arbeitgeberin auftritt: Die Ems-chemie beschäftigt rund 1000 Angestellte im Kanton. Weltweit ist sie in über zwei Dutzend Ländern tätig. Sie beliefert die Autoindustrie, ihre Kunststoffe finden sich in Handys, Fahrzeugen und Verpackungen; der Konzern hat einen Wert von über 14 Milliarden Franken.

Die Nachrutsch-garantie der SVP
Der Einfluss als Arbeitgeberin und der Name Blocher haben vor vier Jahren entscheidend zur überraschenden Wahl der Ems-chefin zur Bündner Nationalrätin beigetragen. Diese beiden Faktoren sind es auch, die das politische Geschäft Martullos seither bestimmen. In der Wirtschaftskommission, wenn etwa Freihandelsabkommen zur Debatte stünden, «da kann Frau Martullo aus der Praxis informieren, ihre Erfahrungen einbringen, damit wir keine weltfremden Gesetze erlassen», sagt Parteikollege Thomas Matter. Und Fraktionschef Thomas Aeschi sendet auf Anfrage einen druckreifen Werbespot: «Magdalena Martullo hat vom ersten Tag an eine unglaubliche Schaffenskraft an den Tag gelegt, sie ist präsent, ihre Abwesenheitsquote ist tief, sie kann bei allen Themen mitreden.» Lob gibt es auch vom Bauernpräsidenten, Cvp-nationalrat Markus Ritter: «Frau Martullo ist zwischen den Anliegen für den Freihandel und der Landwirtschaft eine wichtige Brückenbauerin, die sich für machbare Lösungen einsetzt.»

Weniger begeistert tönt naturgemäss die politische Konkurrenz: Gehe es nicht gerade um Freihandel, sei Martullo nicht besonders sattelfest, sagt ein Mitglied der Wirtschaftskommission. Zu Beginn der Legislatur, als sie neu in Bern war, habe sie mitunter «selbstgefällig» gewirkt: «Sie erklärte uns die Welt, verstand aber überhaupt nicht, wie Politik funktioniert.» Lange habe sie sich den Empfehlungen des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse entlanggehangelt.

Ausser in der Europapolitik: Da wettert sie gegen das Rahmenabkommen, zieht über die Funktionäre jener Wirtschaftsverbände her, die sich für den Vertrag einsetzen, insbesondere der Economiesuisse – obwohl sie selbst im Vorstand den Rahmenvertrag nicht abgelehnt, sondern sich der Stimme enthalten hat.

Martullo entwickelt sich zur taktierenden Politikerin. Einer Politikerin, die jedoch mit deutlich weniger Talent gesegnet sei als ihr Vater: Sie habe niemals die thematische Breite, analytische Tiefe und strategische Weitsicht von Christoph Blocher, sagen Parlamentarier verschiedener Parteien unabhängig voneinander. Vom Charisma ganz zu schweigen: «Es ist nicht so, dass wir alle still werden, wenn sie ans Mikrofon tritt», frotzelt einer. «Das war bei Blocher anders.»

Auch innerhalb der SVP ist sie bisher nicht aus dem Schatten ihres Vaters getreten. Als Vizepräsidentin zählt sie zwar zum engsten Führungszirkel. Doch aus der Garde hinter dem unumstrittenen Chef Blocher, zu der etwa Fraktionschef Aeschi, Wahlkampfchef Adrian Amstutz und Parteipräsident Albert Rösti zählen, ragt sie nicht heraus. Sie erfährt auch keine Spezialbehandlung. «Sie ist ein Fraktionsmitglied wie alle anderen auch», sagt Aeschi. Und wer ein unkritisches Porträt über Martullo lesen möchte, der muss nicht etwa in der «Weltwoche» von Svp-nationalrat Roger Köppel blättern, sondern in der «Schweizer Illustrierten». Dort zeigt sie sich als Mutter ihrer drei Kinder, die auf einer Sesselbahn ihren Mann Roberto küsst. «Magdalena Martullo-blocher verliebt in Graubünden», lautet der zweideutige Titel, den ein Wahlkampfmanager nicht besser formulieren könnte.

In ihrer Kampagne inszeniert sich Martullo ganz als Bündnerin. Dabei scheut sie keinen Aufwand, denn die Ausgangslage ist heikel: Der SVP droht ein Sitzverlust, es könnte Martullo treffen (siehe Kasten). Der zweite Bisherige, Heinz Brand, startet aus einer privilegierten Situation: Er soll 2021 Nationalratspräsident werden und hat prominentere Parteikollegen auf seiner Liste. Also zieht sie von Herbstmarkt zu Brunch zu Alpaufzug. Unermüdlich, wie Vera Stiffler einräumt, die für die FDP mit dem Slogan «Die echte Bündnerin» antritt. Sp-spitzenkandidat Jon Pult stellt derweil fest: «Im Vergleich mit Martullo ist in Graubünden niemand präsent.»

Trotzdem wappnet sich die kantonale SVP für den Fall eines Sitzverlusts. So räumte Heinz Brand in der «Südostschweiz» ein, dass für das Szenario von nur noch einem verbleibenden Sitz eine Sonderregelung getroffen worden sei. Diese sieht so aus, dass bei einem vorzeitigen Rücktritt des oder der Gewählten nicht der zweitbeste Kandidat der gleichen Liste nachrücken würde, wie es das Wahlsystem vorsieht, sondern das Parteimitglied mit der absolut besten Stimmenzahl. Da Brand und Martullo je eine eigene Liste anführen, wäre das höchstwahrscheinlich jemand dieser beiden. Das hiesse, dass alle Nächstplatzierten auf jener Liste, die das Mandat errungen hat, auf die Annahme des Amts verzichten müssten – was im Fall ihrer Abwahl faktisch auf eine Nachrutsch-garantie für Martullo hinausläuft.

Diese referiert derweil in «Beni’s Backroad Beiz» über ihren Kampf in Bern für die Bündner. Etwa darüber, wie sie zuletzt für eine Lockerung des Wolfsschutzes gekämpft habe, «gegen die Unterländer». Ihr Mann jage in Graubünden; sie wisse, welchen Schaden der Wolf anrichte. Auch für Tourismus, Landwirtschaft und angemessene Wasserzinsen habe sie sich erfolgreich eingesetzt. Ihre Leistungsbilanz sei sicher nicht schlecht. «Aber von mir erwartet man auch mehr als von den anderen Bündnern in Bern», fügt Martullo an.

Wortbruch nach Handschlag
Als sie neu war in Bern, habe sie mitunter «selbstgefällig» gewirkt: «Sie erklärte uns die Welt, verstand aber nicht, wie Politik funktioniert.»

Was sie in Bern erreicht hat, beschreibt sie auch auf ihrer Website. Als einen ihrer Erfolge erwähnt Martullo die Unternehmenssteuerreform. Sie spricht ein Thema an, bei dem sie laut mehreren Quellen eine Slalomlinie fuhr. So berichtet Sp-fraktionspräsident Roger Nordmann von einer Begegnung mit Martullo im Bundeshaus in der ersten Jahreshälfte 2018. Dabei habe man über die Verknüpfung der Steuerreform mit der Teilsanierung der AHV gesprochen. «Per Handschlag versprach sie mir, sich in der Svp-fraktion für den Deal einzusetzen. Doch nur wenige Monate später stimmte sie in der Schlussabstimmung mit Nein», so Nordmann. «Einen solchen Wortbruch habe ich noch nie erlebt.» Martullos Nein lässt sich überprüfen: Sie lehnte die Unternehmenssteuerreform mit der AHVTeilsanierung im September 2018 im Parlament ab – jenes Geschäft, das sie heute als einen ihrer Erfolge aufzählt.

In Sils im Domleschg kämpft die Kandidatin nun um ihre politische Zukunft. Bereits wird Martullo als Svp-bundesrätin gehandelt, wenn Ueli Maurer zurücktritt. Dafür aber muss sie nun die Wiederwahl schaffen. Und so buhlt sie um die Herzen und Stimmen der Bündner: «Danke, dass ihr gekommen seid», verabschiedet sie sich kurz nach halb neun Uhr in «Beni’s Backroad Beiz». «Und wie gesagt: Am 20. Oktober richtig wählen. Richtig wählen!» Denn sie bezweifle, dass andere Kandidaten auch so gute Musik mitbringen würden. Rikky G. stimmt «Country Roads» an. Und draussen wartet Martullos Chauffeur.