Mehr als Dick und Doof

Mister Coogan, Mister Reilly, Sie stellen in „Stan & Ollie“ die legendären Komödianten dar, die gegen Ende ihrer Karriere durch das Großbritannien der Nachkriegszeit touren. Die beiden waren globale Superstars. Was, glauben Sie, machte sie so populär?

STEVE COOGAN: Viele Comedians, ich nehme mich da nicht raus, sind heute eher zynisch. Laurel und Hardy waren das nie. Sie strahlten Wärme und Herzlichkeit aus. Das wirkt in unseren Zeiten, in denen so viel Wut steckt und sich Leute anonym hinter dem Computer verstecken und andere trollen, fast wie eine Oase. Ihr Humor verletzte und spaltete nicht. Er einte. Das ist ihr größtes Vermächtnis.

JOHN C. REILLY: Heute reden wir von Trump in meiner Heimat und vom Brexit hier. Aber die beiden fanden die Antworten auf ihre Zeiten, als Amerika durch die große Depression ging und in Europa der Faschismus auflebte. Ihre Antwort war Empathie und Humanismus. Mit diesen ganz simplen Dingen: Du bist beim Essen mit deiner Frau, und plötzlich taucht dein Kumpel auf, deine Frau ist sauer, und daraus wird ein Spektakel. So was passiert immer und überall auf der Welt. Ihr Humor war wie eine universelle Sprache. COOGAN: In ihren Shows machten sie ja nie politische Anspielungen, es gibt kaum Referenzen zum Zeitgenössischen oder auf Präsidenten. Sie sprachen Dinge an, die alle Menschen betreffen. Im Prinzip waren die beiden wie Shakespeare zu seiner Zeit. Chronisten des Lebens.

Und beide hatten diese wunderbar angelsächsische Gabe, sich selbst zum Trottel zu machen.

COOGAN: Und exakt das entwaffnet das Publikum. Wenn Leute lachen, stellen sie niemals eine Bedrohung da. Wenn du einen Witz machst und dein Gegenüber sich darüber amüsiert, ist das – und wenn nur für einen kleinen Moment – ein humaner Akt. Laurel und Hardy machten die Leute einfach glücklich. Menschen aus allen Ländern, allen Schichten und mit den unterschiedlichsten Ansichten. Es gibt nicht viele Dinge, die das erreichen können.

John, Sie waren zurückhaltend, als man Ihnen die Rolle von Oliver Hardy anbot … REILLY: Ich bin ein bescheidener Mensch aus dem Mittleren Westen Amerikas, und ich halte mich nicht für einen großen Star. Ich denke, dass ich an Hardy nicht mal entfernt herankomme. Ich war mir schlicht nicht sicher, ob ich das schaffe. Aber nach einer Weile dachten Steve und ich: Wenn nicht wir, wer dann?

Stimmt es, dass Sie bis zu vier Stunden jeden Tag in der Maske saßen, bis aus Ihnen Hardy wurde?

REILLY: So war es. Und in der Zeit hielt ich manchmal Zwiesprache mit ihm: Hey,Dicker, hilf mir heute, bitte. Ich muss diesen Tanz hinkriegen oder diesen Gag.Manchmal hatte ich fast das Gefühl, als würden uns die beiden über die Schulter schauen.

Steve, hat es Ihnen geholfen, dass Stan Laurel genau wie Sie aus dem englischen Lancashire stammte?

COOGAN: Sehr sogar. Ich fühlte eine echte Nähe zu ihm. Johns ZurückhaltungbeiHardy kann ich nachvollziehen. Aber ichdachte: Klar, das wird ganz bestimmt nicht leicht. Ich müsste allerdings verdammt sein,wenn ich diese Rolle nicht annehmen würde.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

COOGAN: Ich guckte die Filme und las Biografien. Und natürlich das Buch über die britische Tour von 1953. Dann probten wir. Wochenlang. Und wir beide lernten uns besser kennen. Wir respektierten uns zuvor schon als Schauspieler, aber dieser Film erforderte mehr. Du musst vertrauen, und daraus wird im besten Fall eine Allianz.

Also wurden Sie Freunde?

COOGAN: Nein. (Beide müssen lachen.) REILLY: Natürlich wurden wir Freunde. Steve erlebte mich an den tiefsten Punkten und den höchsten Höhen. Und umgekehrt. Das verbindet. Und das ist, jenseits der Gage, ein schöner Bonus.

Der Film behandelt ein weitgehend unbekanntes Kapitel. Laurel und Hardy waren nahezu pleite. Sie hatten zwar über 100 Filme gedreht, waren aber an den Einnahmen nicht beteiligt. Und es war im Wortsinn die harte Tour: kleine Theater, bis zu 13 Auftritte pro Woche.

REILLY: Ich bin ein lebenslanger Fan der beiden. Aber ich hatte nicht die leiseste Ahnung davon, wie sie finanziell ums Überleben kämpften. Je länger ich darüber nachdenke, desto schöner ist es, dass ihnen die BritenundIrendieseChancegaben.Sie gingen dorthin, wo die Menschensie mit Liebeempfingen. COOGAN: Ich habe durch den Film eine Menge über die beiden gelernt. Dass Stan als Gehirn des Duos galt, ist ja allgemein bekannt. Aber dass er so detail- und arbeitsversessen war und Ollie eher Dolce Vita bevorzugte – das war neu für mich.

Hätten Laurel und Hardy heute noch eine Chance?

REILLY: Machen Sie Witze? Sie wären Giganten. Immer noch.Sie würden wunderbar in diese Zeit passen.Dubist heute fast gezwungen, einen Lackmustest zu bestehen, denn alles wird auf eine politische Ebene gedreht – links oder rechts. Das ist aber gar nicht unsere Aufgabe. Unser Job ist es,die Leute zusammenzubringen und zuunterhalten.Das haben die beiden perfekt beherrscht. COOGAN: Da gebe ich dir hundertprozentig recht. Du kannst heutzutage mit Zynismus zwar sehr schnell landen. Aber das ist auch bequem. REILLY: Vor allem hat es keinen Bestand.

Was also ist ihr Geheimnis?

COOGAN: Laurel und Hardy sind zeitlos. Zeitlos komisch.