Mehr Westschweizer Mütter arbeiten Vollzeit

Eine unveröffentlichte Statistik fördert frappante Unterschiede zwischen den Regionen zutage.

In der Deutschschweiz ist sie eine Exotin: Deborah arbeitet 100 Prozent, so wie ihr Partner. Der zweijährige Sohn ist vier Tage die Woche in der Krippe, als einziger seiner Gruppe. Die anderen Kinder werden nur an zwei Tagen fremdbetreut. Dass ihr Familienmodell für Zürich unüblich ist, das bekommen die 35-jährige Westschweizerin und ihr Deutschschweizer Partner immer wieder zu spüren. «Möchtest du denn nicht mehr Zeit mit deinem Kind verbringen?», ist eine der häufig gehörten Reaktionen. Die meisten ihrer Deutschschweizer Freundinnen, sagt Deborah, arbeiteten 60 Prozent. Ihr Eindruck ist: «Die sozial akzeptierte Norm für Mütter in der Deutschschweiz liegt bei 60, allerhöchstens 80 Prozent.»

Deborahs Eindruck täuscht nicht. Nur 15 Prozent der arbeitenden Mütter in der Deutschschweiz wählen ein Vollzeitpensum. In der Romandie sind es 30 Prozent, und die italienischsprachige Schweiz liegt mit 26 Prozent dazwischen. Diese Zahlen gehen aus einer unveröffentlichten Statistik des Bundesamtes für Statistik (BFS) hervor, die auf der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung 2017 beruht.

Nun ist es nicht nur so, dass doppelt so viele Westschweizer Mütter Vollzeit arbeiten; in der Romandie ist auch die Mütter-Erwerbsquote minim höher, wie das BFS im Jahr 2016 festgestellt hat: Sie liegt bei rund 80 Prozent, in der Deutschschweiz bei 79 Prozent. Der Unterschied ist ausgeprägter (76,5 zu 72,5 Prozent), wenn man nur Mütter mit einem Kind unter 4 Jahren berücksichtigt. Am tiefsten ist die Quote mit 71 Prozent im Tessin.

Das Bild der arbeitsamen Westschweizer Mutter wird durch eine weitere Statistik bestätigt. Der Demograf Reto Schumacher, Co- Autor einer Studie zum Thema, untersuchte für jeden Kanton, wie viele Mütter von Kindern im Vorschulalter mehr als 50 Prozent arbeiten. Und stellte fest: In den vier rein französischsprachigen Kantonen liegt der Anteil bei über 50 Prozent, in den Deutschschweizer Kantonen hingegen zwischen 12 Prozent (Uri) und 46 Prozent (Basel-Stadt). Woher kommt dieser Mutterschafts- Röstigraben?

Eine Rolle spielen dürfte, dass Krippenplätze in der Deutschschweiz und im Tessin grösstenteils von den Eltern finanziert werden, während sich in der Westschweiz der Staat stärker engagiert, wie der Verband Kinderbetreuung Schweiz schreibt. Dieser Befund deckt sich mit einem Bericht des Bundesrates von 2015, in dem die Stadt Zürich mit dem Kanton Waadt verglichen wurde: Während Eltern in Zürich 66 Prozent der Kosten eines Krippenplatzes berappen müssen, müssen sie in der Waadt nur 38 Prozent übernehmen.

Höhere Krippenkosten mögen ein Faktor sein, es gibt aber auch kulturelle Unterschiede: Die Westschweiz steht unter dem Einfluss Frankreichs, wo Frauen traditionell weniger stark auf die Mutterrolle reduziert werden und es für Mütter üblich ist, zu arbeiten. Das französische Familienmodell propagiert gar, dass es dem Kind guttue, wenn es eine gewisse Distanz zur Mutter wahre und mit anderen Kindern sozialisiert werde. Im Gegensatz dazu steht die Mutter-Kind-Ideologie, wie sie im deutschsprachigen Raum verbreitet ist. Sie beruht auf der Auffassung: Je enger die Bindung zwischen Mutter und Kind ist, desto besser ist es für den Nachwuchs.

Nicht alle Romandes leben dem französischen Modell nach, und nicht alle Deutschschweizer Mütter sehen es als ihre Aufgabe an, ständig bei ihren Kindern zu sein. Corina ist Deutschschweizerin, Mutter zweier Kleinkinder und arbeitet 100 Prozent. Sie lebt seit vier Jahren in Genf und sagt, auch dort sei sie eine Exotin. Was ihr aber auffällt: Deutschschweizer empfänden es als Abschieben von Verantwortung, wenn sie ihr Kind in die Krippe gäben. «In der Westschweiz sind die Mütter hingegen überzeugt, dass sie ihrem Kind einen Gefallen tun.»