Mitspielen, gegensteuern, knallen lassen

Man hatte damals Angst. Angst davor, dass der tänzelnde Horrorclown in Stars & Stripes aus dem Fernseher rausspringt, die „Alternative Nation“ verlässt und plötzlich im Jugendzimmer steht. „Firestarter“ hieß der The-Prodigy- Song, der Keith Flint, eigentlich als Tänzer ins Boot geholt, Anfang 1996 zum Gesicht der Band machte und gleichzeitig deren Bild auf ewig veränderte.

Aus den Elektronikern mit abgezirkeltem Wirkungskreis wurde der erste Dance- Act für Rockfans. Und das lag eben nicht nur an den Sounds Liam Howletts, der durchaus maskuline, gitarreninduzierte Härte transportierte, sondern auch an diesem Kerl, der da seine Parolen spuckte. Piercings. Eine Frisur zwischen Mayday und Ronald McDonald. Keith Flint war eine Ikone. Einer, der uns etwas zu sagen hatte, vor allem folgende Botschaft, die so wichtig war für die Neunziger: Kann schon sein, dass MTV die Stars macht. Man kann da aber gleichzeitigmitspielen und gegensteuern.

Man muss es halt knallen lassen. So wurde der eher unglückliche Junge aus dem englischen Essex, der erst The-Jam-Fan und dann Acid-House-Jünger war, Rockstar. Einer, der enorme Bühnenpräsenz besaß, aber auch einen Look, an dem sich ein paar Jahre später die harten Kids bedienten. Die, die Limp Bizkit mochten, Linkin Park oder Korn. Dabei wäre es verkürzt, Flint nur als Performer zu sehen: Es existiert ein ganzes Soloalbum von ihm, aufgenommen mit Youth – veröffentlicht wurde es dann doch nicht, aber als Promo verschickt, die Tracks geistern durchs Netz. Knapper Gitarrenrock, riffstark, eigen, gar nicht schlecht. Bei Discogs notiert es mit 400 Dollar, und wie so oft wünscht man sich, dass die Leute sich vielleicht vor Flints Tod dafür interessiert hätten. Der Tänzer, Sänger, Shouter, Künstler ist am 4. März in seinem Haus in Essex gestorben.