Nächster Abflug 2033

Von einer Landung zu sprechen, wäre falsch. Der Anflug missriet, der Bremsfallschirm klemmte, das unbemannte Raumschiff «Mars 2» zerschellte irgendwo zwischen rostroten Felsen und mit ihm ein putziger Schlitten, der die Umgebung hätte erkunden sollen. Immerhin ging die sowjetische Sonde in die Geschichte ein – als erstes von Menschen gemachtes Objekt auf dem Mars. Das war am 27.November 1971. Natürlich hat man Fortschritte gemacht. Bis heute erreichten 14 irdische Geräte den roten Planten, darunter 1997 die Sonde «Pathfinder », deren ferngesteuertes Wägelchen etwa 100 Meter zurücklegte und prächtige Bilder nach Hause schickte. Doch Unfälle passieren immer wieder, etliche Versuche scheiterten schon unterwegs. Vor zwei Jahren erging es der bisher letzten Sonde, «Schiaparelli», gleich wie der ersten: Sie stürzte auf den Mars. Dieser Tage jährte sich Neil Armstrongs Besuch auf dem Mond zum 49.Mal, doch eine bemannte Mars-Mission scheint weiter unerreichbar. Warum? Weil es sehr weit ist, sehr gefährlich und sehr teuer. Und weil es wenig mit einer Reise zum Mond zu tun hat.

Das zeigt sich schon daran, dass man nicht jederzeit losfliegen kann. Die Erde und der Mars müssen in einer günstigen Konstellation zueinander stehen. Der Abflug sollte so geplant werden, dass man genau dann auf den Mars trifft, wenn er uns auf seiner elliptischen Bahn am nächsten kommt. Dadurch verkürzt sich die Reisezeit von 125 auf unter 100 Tage – nur für den Hinflug, versteht sich. Eine solche Konstellation tritt nur alle 15 Jahren auf. Kommenden Freitag wäre es wieder so weit. Der Mars nähert sich uns auf 58 Millionen Kilometer. Doch dieses Zeitfenster bleibt ungenutzt, weil keine Mission bereitsteht. Die Raumfahrer peilen nun die nächste Chance im Jahr 2033 an. Gefragt, ob das machbar sei, sagte Nasa-Direktor Jim Bridenstine kürzlich: «Leicht wird es sicher nicht. Aber es liegt nicht ausserhalb des Möglichen.»

Noch nie ist ein Raumschiff gebaut worden, mit dem Menschen zum Mars und vor allem wieder zurückfliegen könnten. Die bis heute stärkste Rakete war die Saturn V für die Mondflüge Ende der sechziger Jahre, aber selbst die würde nicht reichen. Die Hoffnungen ruhen derzeit auf der Firma SpaceX des Tesla-Chefs Elon Musk. Sein neuestes Modell, «Big Falcon Rocket», soll Passagiere und grosse Lasten tragen können. Erster Testflug: frühestens 2020. Mit kleineren Raketen könnte es ebenfalls klappen, sofern man vom Mond statt von der Erde aus startet. Das bringt den Vorteil, dass nicht zuerst die Erdanziehungskraft überwunden werden muss, man kommt mit viel weniger Schubkraft und Treibstoff aus. Die Amerikaner begeistern sich derzeit für diese alte Idee. Allerdings müssten sie dafür nach langer Zeit auf den Mond zurückkehren, um dort ein Mars-Raumschiff zusammenzubauen. In 15 Jahren ist das kaum zu schaffen. Oder aber man schickt zunächst kleinere, unbemannte Frachter los, um all das Material über dem Mars abzuwerfen. Fest steht, dass es viel Material sein wird. Der Unterschied zur Mond-Mission von 1969 liegt nämlich darin, dass man auf dem Mars nicht einfach eine Fahne einstecken und wieder abfliegen kann. Armstrong verbrachte nur 21 Stunden auf dem Mond, zweieinhalb davon ausserhalb seiner Landefähre. Nach acht Tagen stand er bereits wieder auf der Erde. Beim Mars hingegen muss man sich darauf einstellen, über zwei Jahre unterwegs zu sein. Zwischen dem Hinund Rückflug von je drei Monaten gilt es, eineinhalb Jahre auf dem Mars auszuharren, bis die Himmelskonstellation wieder passt.

Psychische Probleme
Doch der Mensch hat keinerlei Erfahrung darin, lange in einer engen Rakete eingesperrt zu sein, geschweige denn auf einem unwirtlichen Planeten zu überleben. «In solchen Situationen geht es um psychologische und soziologische Aspekte. Plötzlich kann es eine Rolle spielen, welche Farbe die Wand in einer Raumkapsel hat», sagt der Schweizer Andreas Vogler. Als Mitglied der Weltraumarchitekten des American Institute of Aeronautics and Astronautics beschäftigt er sich mit der Frage, wie man auf einer Langzeitmission leben könnte. Zwar habe man Teams für Experimente wochenlang in Versuchsanlagen isoliert, sagt Vogler. «Aber ein Astronaut könnte depressiv werden, oder jemand stirbt. Wie die Menschen unter Stress oder Angst wirklich reagieren, wissen wir erst, wenn sie sich tatsächlich auf eine solche Reise begeben.» Erreichen die Astronauten den Mars heil, geht es erst richtig los. Selbst wenn sie unterwegs fleissig trainieren, steigen sie wegen der Schwerelosigkeit mit geschwächten Muskeln aus. Doch sie müssen sich sofort daranmachen, Schutz zu suchen. Es ist kalt, die Temperatur schwankt extrem von minus 120 bis plus 20 Grad. Die Schwerkraft entspricht im Vergleich zur Erde etwa einem Drittel. Die Luft besteht vor allem aus Kohlenstoffdioxid. Häufig treten Staubstürme auf. Die kosmische Strahlung – energiereiche Teilchen, die aus dem All geflogen kommen – bleibt ein ernstes Problem. Marsianer müssen ein höheres Krebsrisiko in Kauf nehmen, die Gesundheitsschäden können zum Tod führen. Dennoch bezweifelt niemand, dass sich Kandidaten finden liessen.

In der neuen Heimat gibt es viel zu tun: eine Höhle graben oder Wohnmodule bauen, möglichst aus Mars-Gestein, im Gewächshaus Früchte und Gemüse anbauen, gefrorenes Wasser aufspüren und in Wasserstoff und Sauerstoff aufspalten, um den Tank für den Rückflug zu füllen. All das wollte man übrigens schon lange in einer permanenten Mond- Station üben. Nur gemacht hat man es nie. Überhaupt kommen ausserirdische Vorhaben selten über Träumereien hinaus. Seit den fünfziger Jahren stellten verschiedene Länder mehr als 60 konkrete Pläne vor. Was ihnen gemein ist: Jedes Mal sollten in 10 bis 20 Jahren Menschen auf dem Mars landen. Keiner davon wurde je umgesetzt. Das liegt auch am Geld. Die Schätzungen beginnen bei 25 Milliarden Franken, andere rechnen mit 400 Milliarden. Gigantische Kosten und schier unlösbare technischen Probleme – beides bedrohte einst auch die Apollo-Mission. Erst John F.Kennedy brachte den Durchbruch. Als der US-Präsident im Mai 1961 forderte, dass das Land sich vornimmt, noch in diesem Jahrzehnt einen Menschen zum Mond und sicher zurück zu brinbringen, da wusste eigentlich niemand, wie das klappen sollte, selbst die Ingenieure der Nasa nicht. Doch der Russe Juri Gagarin war kurz davor als erster Mensch durchs All geflogen, und der Sputnik-Schock von 1957 wirkte nach. Die Amerikaner waren in ihrem Stolz verletzt und setzten alles ein, was sie an Geld und Ideen hatten. Acht Jahre nach Kennedys Rede stand Armstrong auf dem Mond. Es war ein politisches Projekt, die Willensleistung einer Nation im Kalten Krieg.

Ein Wettlauf wie damals würde die Motivation für eine Mars-Mission anheizen. Aber wer sollte antreten? Die USA wollen, je nach Präsident, mal mehr, mal weniger. Die Russen scheinen kaum interessiert. Die Europäer schicken lieber Roboter statt Menschen. Ob die Chinesen ihre grossen Pläne im All umsetzen können, muss sich erst zeigen. Sicher mischen Privatfirmen künftig mit, aber allein schafft das auch Milliardär Musk nicht.

Der Traum von einer Kolonie
Warum sollen Menschen überhaupt zum Mars reisen? «Das ist eine gute Frage», findet Kathrin Altwegg, Weltraumforscherin an der Universität Bern. «Aus Abenteuerlust? Profilierungssucht? Machtgier? Wirklich gute Gründe gibt es meiner Ansicht nach nicht.» Sie bleibt skeptisch, insbesondere was einen Start im nächsten Zeitfenster betrifft: «Eine bemannte Mars- Mission im 2033 müsste wahrscheinlich seit zehn Jahren in Entwicklung sein.»

Die Gegner bemannter Flüge finden, auch ein Roboter könne Gesteinsproben nehmen. Doch beim Mars steht ohnehin oft nicht die Wissenschaft zuvorderst. Die Vision einer Kolonie schwingt stets mit. Falls es gelingt, eine Infrastruktur aufzubauen, in der Menschen eineinhalb Jahre überleben können, stellt sich tatsächlich die Frage, warum man diese Basis aufgeben und zurücklassen sollte. Leute wie Musk träumen von einer «Zwei- Planeten-Spezies». Und vom Terraforming. Dabei manipuliert man einen Planten so, dass er bewohnbar wird. Konkret müsste man die Atmosphäre verdichten, den Sauerstoffgehalt steigern, und die Oberfläche aufheizen – was mittels Treibhauseffekt bekanntlich funktioniert. Beim Mars dürfte es etwa 600 Jahre dauern, bis er zur zweiten Erde wird. Wer weiss, vielleicht sind wir bis dann froh darum.