Nico Semsrott noch unter dem Motto »Weil ich mir egal bin«

Der Unterhaltungskünstler Nico Semsrott, 33, hat bei der Europawahl eines der beiden Mandate für die Satirepartei »Die Partei« er – rungen. Das andere ging an Martin Sonneborn, 54. Sonneborn hat »Die Partei« im Jahr 2004 mit ein paar Mitstreitern im Dunstkreis der Zeitschrift »Titanic« gegründet. 2,4 Prozent der Stimmen holte »Die Partei« nun bundesweit bei den Wahlen fürs Europäische Parlament. Unter den Wählern, die jünger als 30 Jahre sind, brachte sie es zur viertstärksten Kraft hinter den Grünen, der Union und der SPD, noch vor den Linken. Semsrott selbst sagt bei einem Telefonat am Dienstag nach der Wahl, das er aus Brüssel führt, wo er gerade die Lage erkundet: »Ich bin ein lebendes Mahnmal für die vergessene Jugend in Europa.«

Und so überraschend der Erfolg der »Partei« ohnehin ist – noch erstaunlicher dürfte sein, wie sehr Satiriker gerade die europäische Politik verändern: Beppe Grillo und seine Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, Jón Gnarr, der die isländische Hauptstadt Reykjavík als Bürgermeister regierte. Wolodymyr Selenskyj, der neue ukrainische Präsident ist immerhin ein Serienstar, Marjan Šarec, der Ministerpräsident Sloweniens, ebenfalls ein Comedian – wie im Grunde ja auch Donald Trump. Antipolitiker sind gerade beliebte Politiker, und Humor ist eine scharfe Waffe. Oder wie Semsrott 2017 für sich warb: »Liebe Nichtwähler, wenn’s euch egal ist, wer im Bundestag sitzt, wäre es dann nicht schön, von jemandem vertreten zu werden, dem’s egal ist, dass er im Bundestag sitzt?«

Auf der Bühne trägt Semsrott stets einen dunklen Kapuzenpulli. Die Augenlider auf halbmast, die Gesichtszüge bleiern, die Körperhaltung schlaff, so trägt er vor, was er über eine traurige Welt und seine meist depressive Grundstimmung zu berichten hat. Er selbst nennt sich einen »Demotivationstrainer«. Zunächst bei Poetry-Slam-Wettkämpfen, dann auf Kabarettbühnen und seit 2017 als wiederkehrender Gast der »heute-show« im ZDF hat sich Semsrott ein großes Publikum erspielt, das hingerissen seinen Vorträgen folgt. Seine Monologe sind fast immer Katastrophenberichte. Einem erstmals vor sieben Jahren vorgestellten Programm gab er den Titel »Freude ist nur ein Mangel an Information«. In der Rolle eines weisen, maulwurfsgrummeligen Eremiten kombiniert Semsrott die Schilderung von privaten Miseren – darunter Studienabbruch, Hilf – losigkeit im Liebesleben und eine durch keine Therapie kurierbare Schwermut – mit der Schilderung einer pathologischen Gesellschaft. Den Leistungsdruck des Kapita lismus, die mediale Über – forderung, vor allem aber die Dauererregung der Rechtspopulisten und ihrer Anhänger kontert der Entertainer Semsrott mit maxi maler Lethargie.

Sein bislang grandiosester Streich ist ein YouTube-Video, in dem er mit fast schon komatöser Seelen – ruhe das Weltbild der AfD zerlegt, indem er diverse AfD-Parolen vorträgt und sie durch Zuspitzung entzaubert. »Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist die Islamisierung des Abendlandes«, heißt es in diesem Video, das seit August 2016 mehr als 2,6 Millionen Mal angeklickt wurde. Das Paradoxe am scheinbar völlig ehrgeizfreien Spiel des Satirikers Semsrott, der lieber nicht Comedian genannt werden will (»Satire muss wehtun. Alles andere ist belanglos, also Comedy.«), ist der aufklärerische Ehrgeiz, den er als Bühnenheld wie als Politiker offenbart. Seine Arbeit als Komiker beschreibt er so: »Die Figur, die ich spiele, weiß zwar, dass alles schon verloren ist, aber sie setzt sich trotzdem zur Wehr. Weil sie die Arschlöcher und das Böse nicht gewinnen lassen will.« Über seine Pläne für die Abgeordnetenzeit in Brüssel sagt er: »Vielleicht gehe ich am Ende enttäuscht raus aus der Politik. Mein Vorteil ist, dass ich schon enttäuscht reingehe.«

Solche Sätze sagt Semsrott in schneller Folge, ohne dass man ihm irgendeine Mühe anmerkt. Er ist in Hamburg aufgewachsen, hat nach dem Abitur tatsächlich ein Studium abgebrochen und diverse Praktika, unter anderem bei DER SPIEGEL , absolviert. Mit seinen Poetry-Slam-Auftritten, für die er bejubelt und preisgekrönt wurde, sei er »in eine Karriere reingescheitert«, wie er das ausdrückt. Der Erfolg der Partei »Die Partei« habe damit zu tun, glaubt Semsrott, »dass viele der jüngeren Wähler sich einfach nicht von den anderen Parteien repräsentiert fühlen«. Aber eben auch mit dem Auftreten der »Partei«-Kandidaten und ihren Wahlwerbespots, in denen zum Beispiel ein Höchstwahlalter für Senioren gefordert wird. Für einen ihrer Spots zur EU-Wahl hatte »Die Partei« der Flüchtlingshilfs organisation Sea-Watch den Sendeplatz freigeräumt, damit sie Bilder eines im Mittelmeer ertrinkenden Jungen zeigen konnte. Semsrott formuliert es so: »Wir machen ernste Politik, die manchmal auch Lust bereitet.«

Mit hörbarem Stolz berichtet er von einer Studie, die ihm unter allen deutschen EU-Parlamentskandidaten die größte Reichweite und den größten Impact bescheinigt habe, was Instagram, Twitter oder YouTube angehe. »Wir haben eine an die Zeit angepasste Kommunikation. Wir sind unterhaltsam. Man guckt sich unsere Sachen freiwillig an, man schickt sie an Freunde weiter.« Die Leitartiklerfloskel, dass der Erfolg der »Partei« ein Zeichen von Politikverdrossenheit sei, bringt Semsrott in Rage. »Das Wort ist falsch. Die Leute sind parteienverdrossen, aber politisch so interessiert und engagiert wie sonst was.« Er selbst staune, sagt Semsrott, wie viele Bürger in den vergangenen zwei Jahren im Kampf um den Hambacher Forst und gegen die schärferen Polizeigesetze, gegen die Klimakatastrophe und gegen rechts den Weg auf die Straße gefunden hätten. »Das ist doch beeindruckend, wie sehr diese Zivilgesellschaft on fire ist«, findet der Satiriker. »Große Teile der deutschen Bevölkerung sind politischer als die Politiker selbst.«

Regelrecht wütend mache ihn die Leidenschaftslosigkeit der Mächtigen in Berlin, die zum Beispiel in der Bundespressekonferenz demonstriert werde, sagt Semsrott. »Wie unglaublich langsam unsere Politiker ihre Debatten führen! Wie unfassbar zäh über erneuerbare Energien oder die mörderische Grenzpolitik der EU geredet wird!« Ein unter den Fans längst berühmter Satz der Bühnenfigur Semsrott, die sich nur schwer zu irgendeiner Aktion aufraffen kann, lautet: »Jede Entscheidung ist der Tod von Milliarden Möglichkeiten.« An der Wählerentscheidung, Sonneborn und ihn nach Brüssel zu schicken, gibt es eines, was den Politiker Semsrott, wie er sagt, »aufrichtig deprimiert«. »Die Partei« wird mit zwei männlichen Abgeordneten ins EU-Parlament einziehen, eine erst auf Listenplatz drei gesetzte Kandidatin namens Lisa Bombe hat es knapp nicht geschafft.