Niederländer wollen Briten zum Brexit winken

Wenn die Briten am 31. Oktober die Europäische Union verlassen, wollen ihnen viele Niederländer vom anderen Ufer der Nordsee ein freundliches Goodbye zuwinken. An einer Brexit-party im Badeort Wijk aan Zee unweit von Amsterdam bekundeten bis gestern Abend auf Facebook knapp 61 000 Nutzer Interesse; fast 9000 gaben an, mitmachen zu wollen. „Das soll ein schöner Abschied von einem guten Freund werden, der sich auf ein spannendes, aber vielleicht nicht besonders schlaues Abenteuer einlässt“, sagte der Initiator Ron Toekook (52) der niederländischen Nachrichtenagentur ANP.

Bei der Party unter dem Motto „Gezellig op het strand de Brexit kijken“(etwa: „Gemütlich am Strand dem Brexit zuschauen“) soll es Spezialitäten aus Euländern geben – etwa niederländische Fritten, französischen Wein und deutsches Bier. Für eine passende Musikauswahl gab es auf Facebook bereits etliche Vorschläge – darunter Titel wie „Go Your Own Way“von Fleetwood Mac, „I Want To Break Free“von Queen, „London Calling“von The Clash und „Hello“von Adele mit der Liedzeile „Hello from the other side“.

Die Briten ihrerseits wollen ab 1. September an den meisten Eu-sitzungen in Brüssel nicht mehr teilnehmen. Das Land werde die Union ohnehin zum 31. Oktober verlassen und wolle, wie von Premierminister Boris Johnson angekündigt, die Zeit seiner Mitarbeiter im nationalen Interesse sinnvoller einsetzen, erklärte gestern die britische Regierung.

Die Eu-sitzungen seien unglaublich arbeitsintensiv, erläuterte Brexit-minister Stephen Barclay. „Ab jetzt werden wir nur noch zu Treffen gehen, die wirklich wichtig sind, was unsere Anwesenheit auf weniger als die Hälfte verringert und Hunderte Stunden einspart.“Das werde Ministern und Beamten mehr Zeit zur Vorbereitung des Brexits und zum Ergreifen künftiger Chancen geben. Offizielle Begründung ist, dass sich die Eu-gremien schon jetzt meist mit der Zeit nach dem Brexit-termin befassen.

LONDON. Die schrille Stimme überschlägt sich fast, als die Politikerin auf der Bühne dem Publikum entgegen schreit: „Himmel Herrgott, wenn wir uns von diesem Haufen hätten regieren lassen, dann hätten wir in Dünkirchen aufgegeben.“

Dieser Haufen, damit meint Ann Widdecombe die EU. Und mit Dünkirchen zückt die mittlerweile ins Europaparlament eingezogene Abgeordnete der Eufeindlichen Brexit-partei die emotionale Trumpfkarte, die zuverlässig bei Hardlinern funktioniert: Zweiter Weltkrieg.

In einer Rede im beschaulichen Städtchen Peterborough im Osten Englands beschwor Widdecombe den Geist des Widerstands der Briten, ihren Mut und ihren Stolz. In Dünkirchen, im Mai 1940, hatten die Briten sich Hitler und überhaupt dem Unrecht der ganzen Welt widersetzt. Britische Soldaten waren damals von der deutschen Wehrmacht eingekesselt, Premier Winston Churchill appellierte an das Volk, bei der Rettung der Landsleute zu helfen, und in einer beispiellosen Solidaritätsaktion setzte neben Kriegsschiffen eine Armada aus privaten Fischerbooten, Jachten und Segeljollen über den Ärmelkanal und evakuierte hunderttausende Soldaten. Es war ein Moment des Zusammenhalts in der Krise, bis heute spricht man von den „feinsten Stunden“in der Geschichte des Königreichs.

Nun ist wieder Krise. Diesmal geht es gegen die EU. Viele Briten sehen sich zwar erneut isoliert – aber einmal mehr auf der Seite des Rechts. Und keine politische Kraft bringt diese Haltung mit solchem Schwung zum Ausdruck wie die BrexitPartei.

„Es gibt ein Muster der Aufstände in der Geschichte“, belehrte Widdecombe ihre fassungslosen Kollegen im Eu-parlament. Immer wieder hätten sich „Unterdrückte gegen die Unterdrücker“gewandt. So sei es auch jetzt wieder. Großbritannien wolle sich nicht mehr bevormunden lassen und werde deshalb schnellstmöglich die EU verlassen.

Erstmals seit dem Krieg ist wieder von einer möglichen Knappheit bei Nahrungsmitteln auf den britischen Inseln die Rede. Die Regierung von Premierminister Boris Johnson tut das natürlich als Panikmache ab. Insgeheim aber scheint der Exzentriker Johnson die Kulisse des Dramatischen, die ihn nun umgibt, ein Stück weit zu genießen: Mit pathetischen Durchhalteparolen und Anspielungen auf Krieg und Nachkriegszeit rückt der Premier sich selbst in die Nähe seines großen Vorbilds Churchill.

Tagein, tagaus bekräftigt Johnson derzeit sein Ziel, das Königreich am 31. Oktober aus der EU zu führen, „do or die“. Das ist die britische – und drastische – Variante von „komme, was wolle“.

Es geht nicht mehr um Fakten
Ebenfalls täglich gibt es derzeit Meldungen über Risiken auf diesem Weg. Die Wirtschaft könnte kollabieren, auch politisch droht Isolation. Doch Johnson bleibt ruhig und macht weiter, es ist seine Version von „Wir schaffen das“.

Warnungen aller Art wischt Johnson vom Tisch. Schuld sind stets andere. Britische Brexit-gegner zum Beispiel, die angeblich alles nur schwarzmalen. Und die Eu-vertreter in Brüssel, die auf die von Johnson abgelehnten Backstop-regeln pochen. Brüssel will auch in Zukunft einen freien Warenverkehr zwischen Irland und Nordirland garantieren – die Brexit-fans sehen das als unerhörte Bevormundung.

Geht den Brexiteers nicht auf, dass sie die Krise, gegen die sie sich jetzt mit so großer Geste stemmen, selbst verursacht haben? Warum schlagen sie die Fülle von ökonomischen Sachargumenten, die gegen einen Austritt aus der EU sprechen, einfach in den Wind?

Fachleute winken ab: Um Fakten geht es schon längst nicht mehr in Großbritannien.
„Dass Menschen statt auf rationale Argumenten zu hören auf das Emotionale ansprechen, ist ein Abwehrmechanismus“, sagt Ian Robertson, emeritierter Psychologieprofessor am Trinity College Dublin. „Das Bild von der Rolle im Zweiten Weltkrieg erlaubt es, ihre Sorgen zu unterdrücken und stattdessen dieser einfachen Erzählung zu folgen, nach der man nur als Volk an einem Strang ziehen muss und so harte Zeiten durchsteht.“

Emotionalität schlägt Rationalität: Es geht um wohlige Gefühle, ums Zusammenrücken und um neue Abgrenzungen. Viele Briten sehen sich plötzlich als Teil einer zusammengehörigen Bewegung, die, angeführt von der Regierung, im Chor ruft: „Packen wir es an.“

„Wir“– das sind in dieser Erzählung immer nur die Briten, niemals die Europäer. In der Ablehnung einer europäischen Identität, sagt der Psychologe Robertson, liege für viele Briten etwas Einigendes: Die Staatengemeinschaft der EU komme ihnen mittlerweile vor wie eine externe Bedrohung.

Solches Denken hat eine lange Tradition in Großbritannien. Es war an einem Dienstag, als Simon Richards zum Euskeptiker wurde. Der Brite erinnert sich noch gut an jenen Abend. Es war der 20. September 1988, und Margaret Thatcher erklärte dem Europakurs der Deutschen und Franzosen offiziell den Krieg. In ihrer unnachahmlich scharfen Art schimpfte die britische Regierungschefin, man habe auf der Insel den Staat nicht deshalb erfolgreich zurückgedrängt, „um ihn auf europäischer Ebene mit einem europäischen Superstaat wiedererrichtet zu sehen“. Simon Richards stimmte Thatcher schon damals rundum zu – und möchte die leidige Episode, der man nach Thatchers Rede noch weitere 30 Jahre zugesehen habe, endlich beendet sehen.

„Das Negative ist erfunden“
Wähler wie Richards würden es dem neuen Premier Johnson nicht verzeihen, sollte der die Scheidungsfrist noch einmal hinauszögern. Und so wächst derzeit im Lager der Brexit-fans nicht etwa die Kompromissbereitschaft, sondern der pure Trotz: bloß raus aus der EU, im Notfall ohne Deal.

Spielt es keine Rolle, dass in diesem Fall eine harte Grenze droht zwischen Nordirland und der Republik Irland – und damit neue Spannungen in einer Region entstehen, die nach langen und blutigen Konflikten mühsam beruhigt worden war? „Hier wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht“, winkt der Brite Richards ab, der im Südwesten Englands lebt. Es handele sich um einen bewussten Versuch der EU, die Dinge zu behindern.

Ist es den Brexit-fans auch egal, dass bei einem ungeordneten Austritt für das Königreich zunächst nur noch die Regeln der Welthandelsorganisation gelten und damit unter anderem automatisch Zölle eingeführt würden?

Ebenfalls geschenkt. „Wir fangen ganz von vorne an und können Abkommen mit Ländern auf der ganzen Welt schließen“, sagt Richards – und seine fröhlichen Antworten klingen wie aus einem Brexitsoundbite-katalog, aus dem sich die Hardliner je nach Thema die passenden Sätze herauszusuchen scheinen.

Gerade erst haben wieder die USA ihren Willen bekräftigt, mit Großbritannien eine Freihandelszone zu gründen. Tatsache ist: Wenn im transatlantischen Handel die Trennlinie künftig durch den Ärmelkanal führte, wären die Briten stets als Erste und stets am stärksten betroffen von allen Turbulenzen in möglichen künftigen Handelskriegen: Zollbarrieren, lange Staus, Kontrollen aller Art könnten aus Großbritannien das Gegenteil eines attraktiven Standorts machen.

Die Austrittsbefürworter lachen solche Visionen einfach weg. „Sobald wir erst mal aus der EU sind, werden wir prosperieren“, sagt Brexit-fan Richards. „Wenn ein Produkt gut ist, werden es die Menschen kaufen.“Alles andere sei pure Angstmacherei.

Das Negative ist etwas Erfundenes: Mit diesem Totschlagargument werden seit Jahren alle Hinweise, Berichte und Studien abgeschmettert, die sich kritisch mit dem Brexit und dessen absehbaren Folgen beschäftigen. „Die Idee, dass das ‚Projekt Angst‘ eine erfundene Sache ist, war schon bei der Austrittskampagne vor dem Referendum im Jahr 2016 ein wirkungsmächtiges Narrativ des Brexit-lagers“, sagt Alan Wager, Politikwissenschaftler am Londoner King’s College.

Zwar erkennen laut Wager manche Brexit-wähler an, dass es kurzfristig zu einigen Störungen kommen könnte, aber den meisten Prognosen der Experten und Unternehmern glauben sie nicht.

Tatsächlich hat sich die britische Wirtschaft in den vergangenen Jahren als widerstandsfähig erwiesen. Die Arbeitslosigkeit hat einen historischen Tiefstand erreicht und die zuletzt wieder steigenden Löhne sind laut Johnson der Beweis, wie hervorragend es dem Land gehe.

Die Unsicherheit jedoch hängt derzeit wie ein Damoklesschwert über der Insel. Investitionen werden zurückgehalten und der Dienstleistungssektor, der rund 80 Prozent zur Wirtschaftskraft des Königreichs beiträgt, stagniert praktisch.

Mark Carney, britischer Notenbankchef, warnte jüngst für den Fall eines No-deal-brexits vor einem „sofortigen Schock“für die Wirtschaft, in Form einer scharfen Rezession. Schon am nächsten Morgen schrieb das Eu-kritische Hausblatt von Johnson, „The Telegraph“, Carney müsse mit dem Vorwurf leben, das „Projekt Angst“wiederzubeleben.

So geht das seit Jahren. Realität ist in Großbritannien, was jeder für sich daraus macht.
„Vermutlich muss es erst zu einem ungeordneten Brexit kommen, bevor die Menschen die Konsequenzen glauben“, sagt Politologe Wager. Dabei hätte ein solches Szenario auch Vorteile: Man könne einmal vorführen, wie die globalisierte Wirtschaft von heute in Wirklichkeit funktioniert.