Operation Ürsoula

Da sitzt sie nun. Ursula von der Leyen hat auf dem Podium im Fraktionssaal der Europäischen Volkspartei EVP in Straßburg Platz genommen, rosafarbener Blazer, festes Lächeln. Als die Kameras den Raum verlassen haben, spricht sie den Mann zu ihrer Linken an, den großen Verlierer im Spiel um die Brüsseler Machtpositionen. »Du bist doch noch jung«, tröstet sie Manfred Weber, den EVP-Spitzenkandidaten. Er wollte als Sieger der Europawahl eigentlich Kommissionspräsident werden. Nun soll es von der Leyen werden, die nie für ein EU-Mandat oder Amt kandidiert hat. »Du hast Größe bewiesen«, habe von der Leyen Weber gedankt, berichten Sitzungsteilnehmer. Dann sei die Kandidatin nahtlos ins Französische gewechselt, habe von ihrer Kindheit in Brüssel erzählt und von ihrem Vater, der damals bei der Kommission arbeitete. Sie kommt darauf zu sprechen, wie sie mit ihrem Mann eine Zeit lang in Kalifornien lebte, jetzt spricht sie Englisch. Es ist ein dringend nötiger Werbeauftritt der deutschen Verteidigungsministerin. Viele Parlamentarier fühlen sich überfallen von ihrer Hauruck-Benennung. Mag die geschliffene, mehrsprachige Rede der Kandidatin, ihr selbstbewusster Blick ins Publikum wie ein Kontrastprogramm zum kreuzbraven Niederbayern Manfred Weber wirken – noch ist ein Wahlerfolg der CDU-Frau im EU-Parlament alles andere als sicher.

Die Abgeordneten haben im Wahlkampf für ihre Spitzenkandidaten gekämpft, den Bürgern erzählt, dass es jetzt demokratischer zugehen werde in Brüssel, dass die Hinterzimmerdiplomatie vorbei sei. Nun sollen sie von der Leyen, die von den Regierungschefs in vertraulichen Runden ausgewählt wurde, auf den wichtigsten Exekutivposten der EU hieven. Warum eigentlich? Ursula von der Leyen – weiblich, 60, leidenschaftliche Europäerin. Erstmals in der Geschichte der EU könnte die Bundesrepublik eine Kommissionspräsidentin stellen, doch in Berlin oder Brüssel feiert niemand. Die Personalie ist kein deutscher Sieg, kein strategischer Geniestreich von Kanzlerin Angela Merkel, die ihre Verteidigungsministerin weder selbst ins Spiel brachte noch in Brüssel für sie stimmen durfte. Von der Leyens Benennung ist eine Lösung in der letzten Sekunde.

Die Abgeordneten haben im Wahlkampf für ihre Spitzenkandidaten gekämpft, den Bürgern erzählt, dass es jetzt demokratischer zugehen werde in Brüssel, dass die Hinterzimmerdiplomatie vorbei sei. Nun sollen sie von der Leyen, die von den Regierungschefs in vertraulichen Runden ausgewählt wurde, auf den wichtigsten Exekutivposten der EU hieven. Warum eigentlich? Ursula von der Leyen – weiblich, 60, leidenschaftliche Europäerin. Erstmals in der Geschichte der EU könnte die Bundesrepublik eine Kommissionspräsidentin stellen, doch in Berlin oder Brüssel feiert niemand. Die Personalie ist kein deutscher Sieg, kein strategischer Geniestreich von Kanzlerin Angela Merkel, die ihre Verteidigungsministerin weder selbst ins Spiel brachte noch in Brüssel für sie stimmen durfte. Von der Leyens Benennung ist eine Lösung in der letzten Sekunde.

Diese Personalie treibt auch die Große Koalition in eine frische Krise: Die Sozialdemokraten arbeiten in Berlin und Brüssel gegen die deutsche Ministerin. Fiele von der Leyen ihretwegen durch, könnte die Regierung vor dem Bruch stehen. Die Fragilität der Personalie von der Leyen rührt daher, wie sie entstanden ist. Die Rekonstruktion der Ereignisse auf Basis vieler Gespräche mit den Akteuren in Brüssel und Berlin zeichnet nicht das Bild von souveränen Entscheidern und klugen Strategen. Eher das von Getriebenen, die Auswege aus einer Zwangslage suchten. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron war es, der von der Leyen als Erster für den Topjob ins Spiel brachte. Am Montagmittag, nachdem die Staats- und Regierungschefs einen Abend, eine Nacht und den Morgen über verhandelt hatten, ohne einer Lösung nahezukommen. Zu diesem Zeitpunkt war Manfred Weber längst aus dem Rennen, und auch das Personalpaket um Frans Timmermans, den sozialdemokratischen Spitzenkandidaten, fand ersichtlich keine Mehrheit. Ratspräsident Donald Tusk wollte den Plan trotzdem zur Abstimmung stellen, doch der niederländische Premier Mark Rutte winkte ab: »Nein, nein.«

Übermüdet und gereizt saßen die Staatsund Regierungschefs um den runden Konferenztisch im elften Stock des Europa – gebäudes. Manche von ihnen, darunter Macron und Merkel, waren gerade erst vom G-20-Gipfel in Osaka zurückgekehrt. Es wurden nur noch wild Namen auf den Tisch geworfen. Einer davon: Ursula von der Leyen. Der war zuvor schon aufgeblitzt, allerdings bei der Suche nach einem EU-Chefdiplomaten. Nicht für den mächtigsten Job der Kommission. Doch im Élysée-Palast hatte man von der Leyen schon länger im Blick. Da Weber für Macron nicht infrage kam, überlegte Paris früh, wen man Merkel für einen Brüsseler Posten präsentieren könnte – man war schließlich nicht gegen Deutsche an sich. Die Personalie »Ürsoula«, so heißt es aus Macrons Entourage, habe der Präsident schon vor der Europawahl Ende Mai mehrfach angesprochen, auch bei einem Besuch von CDU-Chefin Annegret Kramp- Karrenbauer in Paris Anfang Juni. Wirtschaftsminister Peter Altmaier habe er ebenfalls als guten Kandidaten betrachtet. Im Élysée schätzt man von der Leyen als engagierte Europäerin »mit einer sozialen Ader«, die zwar als Verteidigungsministerin nicht geglänzt, dafür aber die konservative deutsche Familienpolitik revolutioniert habe. Die Ministerin hatte den jungen Präsidenten ihrerseits früh umworben: »Macron ist ein überzeugter, engagierter Verfechter der europäischen Idee, der die europäische Familie stärken und in die Moderne führen will«, jubelte sie kurz vor seiner Wahl 2017 im SPIEGEL. Dass von der Leyen auch Französisch spricht und niemals die aus Pariser Sicht ungehörige Forderung nach der Abschaffung des EU-Parlamentssitzes in Straßburg aufstellte, gab weitere Sympathiepunkte. Auch fachlich sah Macron früh, was er an der deutschen Ministerin hatte. Seit 2017 treibt von der Leyen das bisher größte deutsch-französische Rüstungsprojekt, einen neuen europäischen Kampfjet, gegen alle Widerstände voran, verhandelte teils persönlich mit ihrer Kollegin Florence Parly. Zuletzt begegnet waren sich Macron und von der Leyen Mitte Juni bei der Flugzeugschau in Le Bourget, wo das Projekt feierlich unterzeichnet wurde.

Am Montagmittag des Brüsseler Gipfels aber blieb der Name von der Leyen noch ein Testballon von Macron – kurz darauf schickte Donald Tusk die Ratsmitglieder erst mal in eine Schlafpause. Die hatte vor allem Kanzlerin Merkel dringend nötig, für die der EU-Gipfel zuvor desaströs verlaufen war – wie der gesamte Prozess der Personalfindung seit der Europawahl. Der Idee, Spitzenkandidaten für die EU-Wahl zu nominieren, hatte Merkel sich ohnehin nur zögerlich angeschlossen, sie erschien ihr mangels europaweiter Wahllisten unvollkommen und für die EUPersonalfindung hinderlich. Darin dürfte Merkel sich bestätigt gesehen haben, als nach der Wahl kein Spitzenkandidat in Parlament und Rat mehrheitsfähig war. Am Tag vor der Abreise nach Osaka trommelte Merkel im Kanzleramt die Spitzen der Union zusammen: Weber, Kramp- Karrenbauer, CSU-Chef Markus Söder und dazu den EVP-Vorsitzenden Joseph Daul. In dieser Runde habe Weber seine Chancenlosigkeit eingestanden, so heißt es, und sich mit dem Posten des Parlamentspräsidenten begnügt. So hätte mit Timmermans wenigstens ein Spitzenkandidat Kommissionschef werden können. Mit diesem Konzept reiste Merkel nach Osaka, wo die anwesenden EU-Regierungschefs es absegneten –wenn auch mit Zweifeln, ob dieser Plan für Polen oder Ungarn vermittelbar sein würde. Denn als bisheriger Kommissionsvize hatte Timmermans beide Staaten wegen ihrer rechtsstaatlichen Verstöße oft scharf kritisiert. Spätestens von diesem Moment an habe die Kanzlerin auch Ursula von der Leyen als aussichtsreiche Brüssel-Kandidatin eingeplant, berichten Eingeweihte. Allerdings sei die Niedersächsin in Merkels Gedanken entweder als einfache Kommissarin unter Timmermans vorgesehen gewesen oder, noch besser, womöglich als EU-Außenbeauftragte. An den Chefposten der Kommission dachte wohl noch niemand. Die Zustimmung der SPD für eine Kommissarin von der Leyen habe Merkel ebenfalls in Osaka eingeholt, heißt es in Regierungskreisen. Auch die Verteidigungs – ministerin selbst soll spätestens ab diesem Punkt über ihre Chance informiert gewesen sein. »VdL« selbst äußert sich nicht.

Doch auf dem Brüsseler Gipfel am Sonntag lief alles anders. Als Merkel ihre Parteifreunde beim EVP-Vortreffen im ehrwürdigen Akademiepalast über den Timmermans- Deal unterrichtete, brach ein Scherbengericht über sie herein. Dass ausgerechnet Wahlverlierer Timmermans der EVP den Spitzenposten abjagen sollte, sahen viele Parteifreunde nicht ein. »Ich habe für Manfred Weber als Kommissionspräsident Wahlkampf gemacht«, soll Rumäniens Präsident Klaus Johannis geschimpft haben, sonst ein Merkel-Unterstützer. Bojko Borissow, der bulgarische Premier, warf Merkel vor, sie habe die Interessen der EVP verraten. Ungarns Premier Viktor Orbán hatte schon einen Protestbrief an EVP-Chef Daul geschickt. Offenbar hatten weder Daul noch Weber größere diplomatische Vorarbeit für Timmermans geleistet. Mehrere Regierungschefs klagten, sie hätten die neue Idee erst am Morgen gehört – von den UnUnterhändlern anderer Parteien. So stand Merkel als Überbringerin der schlechten Nachricht im Kreuzfeuer, ohne das nötige Gewicht, um die EVP umzustimmen. Zerstritten ging die konservative Parteien – familie in den Gipfel, wo sich prompt kein Ergebnis fand, auch nicht im nächtlichen »Beichtstuhlverfahren« von Ratspräsident Tusk mit einzelnen Regierungschefs.

Erst ab Montagnachmittag kam durch Macrons Vorschlag Bewegung in die Sache, und spätestens Dienstagmorgen war klar: Deutschland und Frankreich würden mit dem Duo von der Leyen und Christine Lagarde für den EZB-Chefposten ins Rennen gehen. Die Achse Deutschland/Frankreich funktionierte wieder.Ausgerechnet Macron, der sich beim Postenpoker anfangs von seiner destruktiven Seite gezeigt hatte, wies den Ausweg aus der Krise. »Macron hat das Licht wieder angemacht«, sagt ein EU-Diplomat anerkennend. Merkel klopfte die Lösung in pausenlosen Telefonaten in der Heimat ab, konsultierte Söder und Kramp-Karren – bauer, die auf Reisen in Israel war. Auf Anrufe beim Koalitionspartner SPD verzichtete die Kanzlerin vorerst. Um elf Uhr am Dienstag trafen sich Merkel und Macron mit Tusk in dessen Büro, Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez kam später hinzu. Die vier waren sich einig: Das neue Paket könnte funktionieren. Die Zustimmung der vier Visegrád-Staaten, die am Vortag noch alles blockiert hatten, holte offenbar ausgerechnet Viktor Orbán ein. Ihm war vor allem wichtig gewesen, Weber und Timmermans zu verhindern. Stolz präsentierte Ungarns Regierungssprecher den Von-der-Leyen-Plan in einem Tweet als Idee der Visegrád-Gruppe. So war der Weg im Rat für die deutsche Kandidatin frei. Die Rolle von Orbán wird nun zur Hypothek für von der Leyen: Sie ist auch Kandidatin eines Autokraten.

Manfred Weber, an diesem Punkt noch offizieller EVP-Kandidat, erfuhr von den neuen Plänen erst mit reichlicher Verspätung. Als am Dienstagvormittag die zweite Runde des Gipfels in Brüssel begann, saß der 46-Jährige im Auto nach Straßburg, wo er am Abend in der Fraktion seine Niederlage verkünden musste. »Hier hat im letzten September meine Reise begonnen «, sagte er. »Hier endet sie heute.«Von der Leyens Weg ist nun wieder offen. Die plötzliche Nominierung zur mächtigen Chefin der EU-Kommission ereilte sie am Tiefpunkt ihrer politischen Karriere. Am Abend zuvor hatte die Ministerin noch mit starrem Gesicht auf einem Feld in der Nähe von Hameln gestanden, um sich zum tödlichen Unfall einer jungen Hubschrauberpilotin zu äußern. Es war der zweite tödliche Absturz für die Bundeswehr binnen kurzer Zeit.

Dazu belasteten sie das millionenteure Desaster bei der Sanierung der »Gorch Fock«, die endlose Pannenserie der Regierungsflieger der Luftwaffe, ein Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre um Nepotismus und Mauschelei im engsten Umfeld der Ministerin, und dann war da noch der Wehrbeauftragte, der von der Leyen zuletzt bescheinigte, die »Trendwende« von der Mangelverwaltung zu einer vernünftigen Ausstattung der Armee laufe »sehr zäh«. Im sechsten Jahr ihrer Amtszeit schien die bald dienstälteste Verteidigungsministerin im politischen Treibsand zu ver – sacken. Die Zeiten, in denen sie als potenzielle Kanzlerin gehandelt wurde, sind lange vorbei. In Partei und Fraktion ist sie unbeliebt bis verhasst, bei der nächsten Bundestagswahl hätte sie nicht wieder kandidiert. Manchmal malte sie sich schon eine neue Karriere in der Wirtschaft aus. In der Truppe wird von der Leyen noch immer als Fremdkörper gesehen. Die Männer und Frauen haben nicht vergessen, dass ihre Chefin der Bundeswehr vor zwei Jahren pauschal ein »Haltungsproblem« unterstellte. Sie selbst hält die verunglückte Bemerkung inzwischen für den schwersten Fehler ihrer Amtszeit und hat sich dafür entschuldigt. Geholfen hat es nicht. Erst kürzlich warf ihr Friedrich Merz wenig verklausuliert vor, Soldaten in die Arme der AfD getrieben zu haben.

Doch mangelnden Gestaltungswillen kann der Ministerin niemand vorwerfen. Sie hat der Bundeswehr ihren Stempel aufgedrückt wie kaum ein anderer Ressortchef. Von der Leyen baute einen Cyberbereich für die Zukunftsfähigkeit der Truppe auf, machte die Streitkräfte für Frauen attraktiver, modernisierte die internen Prozesse grundlegend und sorgte dafür, dass der Verteidigungsetat nach jahrelangem Schrumpfkurs in ihrer Amtszeit um fast 30 Prozent erhöht wurde. Doch die Erfolge halfen ihr nicht. Spätestens seit dem vergangenen Jahr lotete die Ministerin dezent ihre Chancen aus, nach Brüssel zu wechseln. Nicht der Posten des Nato-Generalsekretärs hatte sie gereizt, auch wenn ihr das oft unterstellt wurde. Es war das Amt der EU-Außenbeauftragten, das sie reizte. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit schuf sie sich ein feinmaschiges internationales Netzwerk, das ihr in ihrem neuen Job helfen wird. Wie sicher sie auf der ganz großen Bühne agiert, war zuletzt im April in New York zu besichtigen. Kaum hatte Deutschland den temporären Vorsitz im Uno-Sicherheitsrat übernommen, düste die Verteidigungsministerin an den Hudson River, um im wichtigsten Gremium der Weltgemeinschaft über die Rolle von Frauen in Uno-Friedensmissionen zu diskutieren. Wo sich kurz zuvor noch Außenminister Heiko Maas in holprigem Englisch durch sein Manuskript gequält hatte, redete von der Leyen frei und in makellosem Englisch.

Für das Amt der Kommissionspräsidentin, für das keinerlei Qualifikation, Mindestalter oder überhaupt eine EU-Staatsbürgerschaft vorgeschrieben ist, ist die polyglotte promovierte Ärztin ohne Zweifel qualifiziert. Auch ihr EU-Netzwerk ist eng gespannt. Meist ohne öffentliche Termine reiste die Ministerin zuletzt in die baltischen Staaten und nach Osteuropa. Mal zu einer Cyberkonferenz in Tallinn, dann zum Vieraugengespräch in Polen. Außer Instagram-Filmchen wurde kaum etwas über die Missionen bekannt, im Verborgenen baute sie Vertrauen auf. Keine andere Gruppe in der EU votierte so schnell und klar für von der Leyen wie die Mitgliedsländer im Osten. Fraglich ist, ob die Harmonie von Dauer wäre. Die ideologischen Unterschiede zwischen der Linkskonservativen von der Leyen und den zunehmend autokratischen Rechtsregierungen in Warschau oder Budapest könnte kaum größer sein. In der Flüchtlingspolitik stand die Christdemokratin fest an der Seite der Kanzlerin, setzte auf dem Höhepunkt der Krise 2015 die Bundeswehr ein, um das Chaos unter Kontrolle zu halten. Ihre Familie nahm einen syrischen Flüchtling bei sich auf. »Er hat unser Leben bereichert«, sagte sie damals der »Bild am Sonntag«. 2016 rief von der Leyen zum Kampf gegen den Populismus auf. »Jetzt realisieren wir, dass die Demokratie vor die Hunde gehen kann, wenn wir uns nicht kümmern «, sagte sie im SPIEGEL.

Und schon 2011 hatte die überzeugte Europäerin die »Vereinigten Staaten von Europa, nach dem Muster der föderalen Staaten Schweiz, Deutschland oder USA« als ihr Ziel genannt. Die CDU-Frau positionierte sich entschieden gegen die wachsende Gruppe der EU-Skeptiker in ihrer Partei. Doch seit sich auch die europäische Realität in eine andere Richtung entwickelt, vom Flüchtlingsstreit bis zum Brexit, hat von der Leyen ihren Sound der veränderten Lage angepasst. Sie ist vorsichtiger geworden, fordert etwa keine europäische Armee, sondern eine »Armee der Europäer«. Doch an ihrer Grundausrichtung dürfte sich wenig geändert haben. Gut möglich , dass die Osteuropäer es bald bereuen werden, ihr beim Aufstieg geholfen zu haben. Noch ist von der Leyen das Amt nicht sicher. In Berlin wie Brüssel regt sich Widerstand. Sicherheitshalber hat die Kanzlerin ausdrücklich kein Copyright auf die deutsche Kandidatin beansprucht. Das Letzte, was Merkel gebrauchen kann, ist eine Verschwörungstheorie in SPD oder CSU, sie habe Weber und Timmermans geopfert, um einen Geheimplan von der Leyen durchzusetzen. Merkels Leute streuten beim EU-Gipfel daher mehrfach, wie löwenhaft die Kanzlerin für die Spitzenkandidaten gekämpft habe.

Trotzdem legte die SPD am Dienstag das Veto des Koalitionspartners gegen von der Leyen ein. Und so wurde die erste deutsche Kommissionspräsidentin seit 52 Jahren zwar einstimmig von den Regierungschefs nominiert, aber mit einer Enthaltung ihres Heimatlandes. Doch der SPD-Widerstand fällt in Berlin und Brüssel unterschiedlich stark aus. Daheim zeichnet sich ab, dass die Sozialdemokraten an dieser Personalie nicht die Koalition platzen lassen. Selbst entschiedene Gro- Ko-Gegner kündigten nur an, Merkels Brüsseler Coup werde in jene Bilanz der Regierungsarbeit einfließen, die man zum Jahresende ohnehin ziehen will.

Achim Post, der Generalsekretär der Sozialdemokratischen Partei Europas, sagt: »Das Verfahren, eine Person zur Kommissionspräsidentin zu machen, die nicht als Spitzenkandidatin angetreten ist, ist aus unserer Sicht inakzeptabel und Wählertäuschung.« Gleichwohl habe »sich Angela Merkel bei der Stimmabgabe im Rat korrekt verhalten, indem sie das Nein der SPD berücksichtigt hat«. Für die Koalition in Berlin habe der Fall daher keine weitere Bedeutung, so Post. »Aber die Stimmen im Europäischen Parlament muss Frau von der Leyen erst mal zusammenbekommen. « Jens Geier, Chef der deutschen Sozialdemokraten im EU-Parlament, droht: »Die SPD wird von der Leyen geschlossen ablehnen.« Unter den deutschen Abgeordneten stehe es insofern »16:0«. Auch die Genossen aus Großbritannien, Österreich, Frankreich und den Benelux-Staaten würden von der Leyen ablehnen, heißt es in der deutschen SPD-Gruppe. Der Union macht auch Sorge, dass die Brüsseler Abstimmung geheim ist. »Anstatt stolz und froh darüber zu sein, dass Deutschland diesen Einfluss gewinnt, auch noch erstmalig mit einer Frau, blockiert die SPD das«, sagt CDU-Vize Julia Klöckner. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Verhalten wirklich mehr Wähler bringt.« Auch CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak kritisiert: »Das parteitaktische Verhalten der SPD schadet gerade nicht nur wieder dem Ansehen der GroKo, sondern unserem ganzen Land.« Von der Leyens größtes Problem sind aber Europas Grüne. Nach der Europawahl, bei der sie insbesondere in Deutschland massiv zulegten, war die Ökopartei geradezu siegestrunken. Umso größer ist die Ernüchterung jetzt – denn die Grünen sind nicht nur beim Postenpoker bisher leer ausgegangen. Sie waren auch die Partei, die am glühendsten das Spitzenkandidatenmodell befürwortete. »Die Stimmung war aggro«, sagt ein Grünenabgeordneter über die erste Fraktionssitzung nach der Europawahl.

»Eine Zustimmung unserer Fraktion bei ihrer Wahl zur Kommissionspräsidentin erscheint mir unwahrscheinlich«, sagt der grüne Spitzenkandidat Sven Giegold. Sein Parteifreund Reinhard Bütikofer, Co-Vorsitzender der Europäischen Grünen, wirft von der Leyen vor, dass sie »nicht mit der Wimper gezuckt« habe, als die Staats- und Regierungschefs ihr die Kommissionsvizes vorgeschrieben hätten. »Damit hat sie sich als Kandidatin präsentiert, die der Europäische Rat in der Tasche hat«, sagt Bütikofer. »Warum sollte ich dieses Schmierentheater mit meiner Stimme ratifizieren?« Auch wenn deutsche Grüne sich hinter vorgehaltener Hand offener für von der Leyen zeigen, heißt es in deren eigener Partei, die Kandidatin müsse so schnell wie möglich einen oder gar mehrere Kommissarsposten den Grünen anbieten – am besten die für Umwelt oder Klima. Die Frage ist, ob das reicht.

In Deutschland interessiert ihre Parteifreunde derweil vor allem, wer die Lücke im Kabinett füllen darf. Es werde mit Sicherheit ein Mann sein, sind Unionsinsider überzeugt. Nach von der Leyen hätte eine Frau es zu schwer. Profilierte Verteidigungspolitiker hätte die CDU zur Genüge – doch da gibt es noch ein Problem: Angela Merkel hatte bei ihrer Kabinettsbildung gelobt, die Hälfte der Ministerposten Frauen zu geben. Das Versprechen gilt sowohl aus Sicht von Merkel, als auch von Kramp-Karrenbauer unverändert: Auch wenn in Brüssel bald eine deutsche Frau mitregieren sollte, werde das Berliner Personal getrennt gezählt, sagen Eingeweihte. Das würde größere Verschiebungen im Kabinett bedeuten, zumal »AKK« fest entschlossen scheint, nicht ins Kabinett zu gehen. Von der Leyen hingegen rüstet sich jetzt für die Endrunde im Brüsseler Machtpoker. Ihr wurde ein »transition team« zur Verfügung gestellt, ähnlich wie amerikanische Präsidenten es nach ihrer Wahl einberufen. Sieben Beamte der EU-Kommission sollen die Kandidatin auf dem Weg zur Wahl am 16. Juli begleiten und helfen, ihre Rede vorzubereiten. Es muss die Rede ihres Lebens werden.