Rauchzeichen am Golf

Berlin. Nach den Angriffen vom Wochenende auf die weltweit größte Ölaufbereitungsanlage des saudischen Staatskonzerns Aramco und das Ölfeld Khurais bewegt die Frage nach den Verantwortlichen die internationale Politik. Die jemenitischen Huthi-Rebellen, die von Iran unterstützt werden, bezeichneten ihre Attacken als Vergeltung für den von Riad angeführten Militäreinsatz in Jemen. Die Huthi-Rebellen hatten in den vergangenen Monaten mehrere Raketen- und Drohnenangriffe auf das Nachbarland Saudi-Arabien gestartet und dabei die Energie-Infrastruktur des Königreichs getroffen.

Doch die US-Regierung und das saudische Königshaus sehen in Iran den wahren Schuldigen. Bei der noch laufenden Untersuchung deute alles darauf hin, »dass die Waffen, die bei beiden Angriffen genutzt wurden, aus dem Iran stammten«, sagte der Sprecher der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition, Turki al-Maliki, am Montag vor Journalisten in Riad. Nun werde untersucht, von wo aus die Waffen abgefeuert wurden. Die USA sprachen von einem »beispiellosen Angriff auf die globale Energieversorgung«. Nach Angaben des saudi-arabischen Energieministers Prinz Abdulasis Bin Salman war die Hälfte der gesamten Produktion des Aramco-Konzerns betroffen, fast sechs Prozent der weltweiten Rohölversorgung. Die USA wollen indes, wenn nötig, strategische Reserven freigeben.

Während sich die Auswirkungen auf den Weltölmarkt trotz starker Preissteigerungen am Montag in Grenzen halten dürften, stellt sich die Frage, ob und welche militärischen Konsequenzen auf den Angriff folgen. Das Weiße Haus teilte bereits mit, US-Präsident Donald Trump habe dem saudischen Kronprinzen Mohammad Bin Salman am Telefon »seine Unterstützung für Saudi-Arabiens Selbstverteidigung« angeboten.

US-Satellitenbilder sollen beweisen, dass Iran hinter den Angriffen in Saudi-Arabien steckt. Huthi-Rebellen erklären, die Anschläge als Vergeltung für Angriffe auf jemenitische Zivilisten ausgeübt zu haben.

Es war ein Attacke von bislang unerreichtem Ausmaß: Nach dem Drohnenangriff auf das Herzstück der saudi-arabischen Ölförderung, droht die Lage zu eskalieren. Seit Monaten steigen die Spannungen am Arabischen Golf zwischen Iran und SaudiArabien sowie seinen westlichen Verbündeten, doch der Angriff auf den Kern der saudi-arabischen Ölförderung birgt das Potenzial für eine weitere Eskalation.

Die jemenitischen Huthi-Rebellen hatten sich zu den Angriffen auf die 150 Kilometer voneinander entfernt liegende Ölraffinerie Abqaiq und das Ölfeld Khurais bekannt. »Wir haben das Recht, Saudi-Arabien anzugreifen, als Vergeltung für die Luftangriffe auf jemenitische Zivilsten«, erklärte Yahya Sareer, ein Sprecher der Huthis, in einer Fernsehansprache.

Doch die Regierung in Washington verdächtigte sofort jemanden anderen. US-Außenminister Mike Pompeo forderte alle Nationen auf, die iranischen Angriffe »öffentlich und eindeutig« zu verurteilen. Die USA würden sicherstellen, dass Iran für seine Aggression zur Rechenschaft gezogen werde. Die Huthi-Rebellen kämpfen seit 2014 im JemenKrieg gegen die Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und einer Militärkoalition, angeführt von Saudi-Arabien, zu der unter anderem die Vereinigten Arabischen Emirate und Sudan gehören. Die US-Armee liefert Unterstützung im Bereich Logistik und Geheimdienstinformationen.

Neben den separatistischen Bestrebungen der Huthi-Rebellen hat der Krieg in Jemen auch eine religiöse Komponente. Die schiitischen Huthis werden durch Iran unterstützt, auch wenn sie dies offiziell bestreiten. Iran bemüht sich seit Jahrzehnten um eine Ausweitung des Einflussbereichs. Dazu gehört die Etablierung eines »schiitischen Halbmonds«. Durch die Erfolge des pro-iranischen Präsidenten Assad im Syrienkrieg und den Ausbau des Einflusses in Irak streckt sich dieser von Libanon bis Iran. In den Golfstaaten sind die Schiiten in der Minderheit. Neben Jemen haben lediglich Bahrain und Saudi-Arabien einne einflussreiche schiitischen Bevölkerungsteil – etwa 15 Prozent. Das ist neben der Konkurrenz um den Ölhandel auch ein Grund für die anhaltenden Spannungen mit Teheran. Die Königsfamilie Saudi-Arabiens unterstellt Iran, die schiitische Minderheit im Land gegen sie aufzuwiegeln. Ein Sieg der Huthis in Jemen würde dies beschleunigen, so die Befürchtung.

Hier setzt die Politik Washingtons in Sachen Jemen an. Sie unterstützen die saudischen Kriegsbemühungen, um langfristig den Einflussbereich Irans einzuschränken. Dass die Angriffe vom Samstag tatsächlich durch Huthis verübt worden sind, wird von der US-Regierung bestritten. Diese hätten nicht die technischen Kapazitäten, einen solchen Militärschlag zu verüben – trotz Unterstützung Irans. Die Huthis selbst haben schon öfters Drohnenangriffe auf die die saudische Infrastruktur verübt. Dazu gehörten Angriffe auf den Flughafen Abha im Juni und eine wichtige inländische Pipeline im Mai. Doch beide Ziele befinden sich deutlich näher an dem Bürgerkriegsland. Tatsächlich liegen die beiden jetzigen Angriffsziele Abqaiq und Khurais etwa etwa 1000 Kilometer von der jemenitischen Grenze entfernt.

Am Sonntag hatte US-Präsident Donald Trump die direkten Anschuldigungen gegen Iran leicht relativiert. Er drohte nicht Iran direkt mit Vergeltung, sondern lediglich »den Verantwortlichen« für die Angriffe. Trump machte auch nur nur vage Angaben dazu, wen die USA für den Urheber halten. Auf Twitter schrieb er: »Es besteht Grund zu der Annahme, dass wir den Täter kennen.« Die USA stünden Gewehr bei Fuß, warteten aber auf eine Bestätigung und auf Angaben der saudischen Führung, wen diese für den Angriff verantwortlich mache und unter welchen Bedingungen vorgegangen werden solle.

Die Luftangriffe auf wichtige Ölanlagen in Saudi-Arabien sind der USRegierung zufolge eher aus Iran oder Irak verübt worden. Auf Satellitenaufnahmen seien mindestens 17 Einschläge zu erkennen, die durch Angriffe aus nördlicher oder nordwestlicher Richtung verursacht worden seien, berichtete die »The New York Times« am Sonntag nach einem Hintergrundgespräch mit US-Regierungsbeamten. Dies passe eher zu Angriffen aus dem nördlichen Persischen Golf, also aus Irak oder Iran, als zu Angriffen aus dem südlich von Saudi-Arabien gelegenen Jemen.

Irans Regierung wies jegliche Vorwürfe an einer Beteiligung an den Angriffen zurück. Zudem erteilte man Spekulationen über ein mögliches Treffen zwischen Präsident Hassan Ruhani und US-Amtskollege Trump erneut eine Absage. Es gebe keine Pläne für ein Treffen der beiden am Rande der bevorstehenden Generaldebatte der UN-Vollversammlung in New York, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Teheran am Montag. Noch am Sonntag hieß es aus Washington, dass ein Zusammentreffen von Trump und Ruhani weiterhin nicht ausgeschlossen sei. Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen nun von den USA gezogen werden, ob man eine Eskalation vermeidet oder die gegenüber Teheran geäußerten Drohungen in die Tat umsetzt.

Das saudische Königshaus unterstellt Iran, die schiitische Minderheit im Land gegen sie aufzuwiegeln. Ein Sieg der Huthis in Jemen würde dies beschleunigen, so die Befürchtung. Hier setzt die Politik Washingtons in Sachen Jemen an.