SAUBERER SCHMUCK

Das Gold-Business ist dreckig. Menschen werden ausgebeutet, die Umwelt wird verschmutzt. Immer mehr Designer und Hersteller bieten daher Produkte aus fair gewonnenen und gehandelten Rohstoffen an.

Einfach mal reinkommen und einen Ring kaufen? „Nein, das geht nicht“, sagt Jan Spille. Ein bisschen mehr Zeit sollte man für eine seiner Beratungen schon mitbringen. 90 Minuten etwa. Manchmal dauere es auch zwei Stunden. „Es gibt viel zu besprechen.“ Spille, 43, Goldschmied in Hamburg, steht in dem Verkaufsraum seiner Werkstatt. Hinter ihm gießt eine Kollegin eine erhitzte Legierung für einen 585er-Weißgoldring in eine Sandform. Aus der schallgedämmten Schmiedekammer dringt helles Hämmern.

Die Beratung folgt einer Art Parcours mit festgelegtem Ablauf. Zuerst geht es um Größe, Farbe, Form, Oberfläche. Soll ein Edelstein eingefasst werden? Kommt eine Gravur dazu? Dann steht das „Rohstoffkonzept“ an. Woher soll das verarbeitete Gold stammen: aus einer fair arbeitenden Mine in Peru? Es gibt auch Waschgold aus deutschen Flüssen. Und recycelte Materialien. Immer mehr Käufer wollen so gefordert werden wie Spilles Kundschaft, die zum Teil aus dem Ausland angereist kommt. Die Zahl der Goldschmiede und Schmuckdesigner, die auf soziale und ökologische Kriterien achten, wächst – und auch bekannte Marken stellen ihre Lieferketten um. Chopard kündigte im vergangenen Jahr an, nur noch „ethisches Gold“ einzusetzen. Atelier Swarovski hat eine erste Schmucklinie im Programm, für die ausschließlich Fairtrade-Gold verwendet wird. Gucci will spätestens 2020 nachziehen.

Als Jan Spille nach seiner Ausbildung 2003 erstmals von einer Mine las, die den Abbau ökologischer und den Handel fairer gestaltet, beschloss er, sich mit dieser Idee selbstständig zu machen. Er entwarf Schmuckstücke, merkte aber, dass vor allem Hochzeitspaare zu ihm kamen. Also schmolz er seine Kollektion ein und fing neu an, nur mit Verlobungs- und Trauringen. 2010 stellte er seine erste Goldschmiedin ein, heute hat er 14 Mitarbeiter. „Der allgemeine Trend zur Nachhaltigkeit führt dazu, dass immer mehr Menschen sich auch über die Herkunft ihres Schmucks Gedanken machen“, sagt Jan Spille.

Dass vor allem Männer und Frauen kurz vor ihrer Trauung zu ihm kommen und bereit sind, mehr für ihre Ringe zu bezahlen – 10 Prozent Aufschlag für Fairtrade-, 25 Prozent für regionales Gold –, sei eine logische Folge. „Sie wollen mit gutem Gewissen vor den Altar treten und sichergehen, dass an ihrem Gold kein Blut klebt.“ Wie dreckig das Geschäft mit dem begehrten Metall nach wie vor ist, kann man von Thomas Hentschel erfahren, Geograf in Medellín, Kolumbien, und Geschäftsführer der deutschen Firma Projekt-Consult. Seit 35 Jahren unterstützt er vor allem kleinere Minen in den Andenländern, dämmt die Umweltschäden ein, verbessert die Bedingungen der Arbeiter. Es ist, sagt er, ein Tropfen auf den heißen Stein. „Die Mechanismen des Markts sind nicht so, dass sich im Kleinbergbau flächendeckend etwas Nachhaltiges entwickeln könnte.“ Mehr als 40 000 Dollar kostet derzeit ein Kilo Gold. Wertvoll war es schon immer. Seit Jahrtausenden lockt es Menschen an. Korrupte und gierige Warlords, Militärs, Politiker, Händler und Unternehmer hängen ebenso an dem glänzenden Stoff wie mittellose Arbeiter, die kaum Bildung und keine Alternative haben. Sie steigen ohne Schutzkleidung und für einen kargen Lohn in einsturzgefährdete Schächte, setzen sich Steinsplittern, Staub und der Gefahr einer Kohlenmonoxidvergiftung aus, weil die Leitungen der Dieselgeneratoren, die Wasser aus den Stollen pumpen, oft undicht sind. Flächen werden bis zur Verwüstung entwaldet. Zurück bleibt schlammiger Abraum aus den Minen und Böden, die durch das Auswaschen mit Quecksilber verunreinigt wurden.

Längst nicht alle Minen arbeiten illegal. Aber die Übergänge sind fließend, und die Überwachung ist lückenhaft und sehr schwierig. „Allein in Kolumbien stammt ein Drittel des Golds aus dem kriminellen Bereich“, schätzt Thomas Hentschel. „Es ist sehr schwer zu verhindern, dass es in den legalen Markt sickert.“ Rund 100 Millionen Menschen sind laut Schätzungen direkt oder indirekt vom Kleinbergbau abhängig. Für bessere Bedingungen engagieren sich eine ganze Reihe Initiativen: „Fairtrade Gold“ und „Fairmined“ aus dem NGO-Sektor, die „Better Gold Initiative“ unter Beteiligung der Schweizer Regierung, das „Responsible Jewellery Council“ als Gründung der Industrie. Damit sich eine Mine etwa als Fairtrade-Betrieb bezeichnen darf, muss sie ihre Arbeit professionalisieren und formalisieren, zur Renaturierung beitragen, Arbeitsschutz bieten und ein internes Kontrollsystem aufbauen. Gelingt das und kann sie sich die jährlichen Zertifizierungskosten leisten, erhält sie zusätzlich zum garantierten Mindestpreis eine Prämie von 2000 Euro pro Kilo Gold.

Die Berlinerin Lilian von Trapp setzt trotzdem kein zertifiziertes Gold ein. In ihren Schmuck kommt nur Altgold – weil es bereits genug auf der Welt gibt, wie sie sagt. „Ich möchte nicht zur Minenarbeit beitragen.“ Potsdamer Straße, ein mondäner Hinterhof. Die 31-Jährige sitzt an einer langen Tafel, vor sich ein Glas Wasser und, unter Glashauben, ein paar Exemplare aus ihrer Kollektion, Ringe, Armreife und Ohrringe. Reduziertes, schnörkelloses Design, damit hat sich von Trapp einen Namen gemacht. Auf einer Chaiselongue schnarcht Holly, ihr Mops. Angefangen hat sie vor fünf Jahren mit dem Erbe ihrer Mutter, einer Schmucksammlung, die schon von ihren Großmüttern begonnen wurde Von Trapp hatte sich dafür nie sonderlich interessiert, jetzt aber stand sie vor der Frage, was sie damit tun sollte. Selbst tragen kam für sie nicht infrage. Wieder im Tresor verstecken, wo der Schmuck zuvor gelagert hatte, aber auch nicht. Die studierte Juristin fing an, Entwürfe zu zeichnen; gemalt hatte sie immer schon gern. Damit ging sie zu einem Goldschmied in Berlin, der Teile des Familiennachlasses einschmolz und recycelte. Es war die Geburtsstunde ihres Labels. Ihre Anstellung im Einkauf des KaDeWe gab sie auf.

Inzwischen lässt Lilian von Trapp in Pforzheim fertigen, der deutschen Schmuckhochburg, bei zwei Familienbetrieben. Ihre Anweisung aber ist geblieben: kein neues Gold, auch kein nachhaltig zertifiziertes. „Es ist weltweit theoretisch so viel Gold vorhanden, dass es ausreichen würde, jeden Menschen mit mehreren Ringen zu versorgen“, sagt sie. Wie es vor Ort aussieht, hat sie im vergangenen Sommer gesehen, in der Region Busia im Osten Ugandas. Von Trapp zückt ihr Handy, klickt sich durch Fotos von ihrer Reise. Eins zeigt eine Frau bei der Arbeit. Mit bloßen Händen fasst sie das giftige Quecksilber an, auf dem Rücken trägt sie ihr Kleinkind. Damit das ein Ende nimmt, hat sie zwei Entschlüsse gefasst. Der erste: Aufmerksamkeit schaffen für die Möglichkeit, Altgold und Vintage- Steine zu verwenden. Der zweite: Alternativen entwickeln. Von Trapp engagiert sich für ein Projekt, das Minenarbeiter zu Imkern und Landwirten ausbildet. „Wir wollen sie dabei unterstützen, alternative Einkommensquellen aufzubauen; auch weil die Goldvorräte endlich sind.“ Kann das funktionieren? Lassen sich afrikanische Arbeiter durch junge Europäer und deren Ideen von Honig und Gemüsezucht von ihrem Traum abbringen, irgendwann vielleicht einmal einen Klumpen Gold zu finden? Lilian von Trapp glaubt daran. „Die Menschen wollen doch selbst nicht unter diesen Bedingungen schuften.“ Auch nicht in zertifizierten Betrieben. Sie habe schon welche gesehen, in denen es nicht umweltschonender und fairer zuging als in illegalen, sagt sie.

Geograf Thomas Hentschel kann das bestätigen. „Man sollte keinem Siegel blind vertrauen.“ Trotzdem sagt er: „Jeden Versuch, die Zustände zu verbessern, muss man begrüßen.“ Noch ist fair gehandeltes Gold eine sehr kleine Nische. „Ich schätze, dass von der Produktion des kleingewerblichen Goldbergbaus weltweit jährlich weniger als zwei Tonnen aus nachweislich verantwortlichen Quellen stammen.“ Insgesamt wurden 2018 mehr als 3300 Tonnen Gold gefördert. Fair trade Deutschland spricht von einem Marktanteil, der „im Promillebereich“ liegt. Sechs Kilo Fairtrade-Gold haben deutsche Schmuckanbieter im vergangenen Jahr eingekauft; 2017 waren es 19 Kilo. „Der Rückgang lässt sich unter anderem durch mangelnde Verfügbarkeit erklären“, so die Organisation. Heißt: Es gibt zertifizierte Minen, denen es nicht gelingt, die Kriterien dauerhaft zu erfüllen – und die deshalb wieder aus dem System fallen.

Thomas Siepelmeyer, der in Münster ein Büro für Umweltgeologie betreibt, würde es lieber sehen, wenn mehr von dem Gold, das bereits im Umlauf ist, recycelt wird. Ähnlich wie Designerin Lilian von Trapp sagt er: „Ich bin gegen den Goldbergbau, gerade den kleinen Bergbau. Das ist eine menschliche Tätigkeit, die unnötig ist.“ Siepelmeyer hat früh begonnen, mit Bergingenieuren, Edelsteinkundlern und Goldschmieden alternative Lieferketten aufzubauen. Dass die Nachfrage anzieht, spürt auch er. „Das ist eine echte Änderung des Bewusstseins.“ Der Geologe hofft, dass die Diskussion anhält, weil Gold und andere Metalle nicht nur zu Schmuck verarbeitet werden, sondern auch in Smartphones und bei der E-Mobilität eine tragende Rolle spielen. „In diesen Bereichen werden die Vorteile häufig massiv übertrieben und die Nachteile kaum beschrieben“, sagt er.

Was das Engagement der großen Hersteller und Marken von Schmuck und Uhren angeht, ist Siepelmeyer jedoch vorsichtig optimistisch. „Solange sie ihre Zahlen, ihre Produktion und ihre Handelswege nicht offenlegen, glaube ich es nicht. Aber die Tatsache, dass sie sich für mehr Nachhaltigkeit aussprechen, deutet darauf hin, dass man nicht so weitermachen kann wie bisher.“ Jan Spille, der Goldschmied aus Hamburg, kennt die Kritik an neu produziertem Gold. Ausschließlich auf Recycling will er trotzdem nicht setzen. „Damit allein könnte man die Bedingungen des Abbaus vor Ort nicht verändern“, sagt er. Um sich selbst ein Bild zu machen, fährt er einmal im Jahr für mehrere Wochen an den Ursprung seiner Rohstoffe, nach Afrika oder Südamerika. Fotos davon stellt er in seinem Atelier aus und postet sie auf Facebook und Instagram. Im März war er in Ratnapura, Sri Lanka, besuchte Edelsteinwäscher und stieg, mit Helm und Grubenlampe, in die Stollen hinab. Vielleicht, sagt er, könne er von dort künftig Fairtrade-Saphire beziehen. Das ist bislang nicht möglich. Wenn es klappen sollte, müsste er an seine Beratungsgespräche wahrscheinlich noch ein paar Minuten dranhängen.