Sophia hat nichtmehr Gefühle als Ihr Toaster

Roboterpsychologin Martina Mara lehrt an der Linzer JohannesKeplerUni, wo heuer ein Studium für Artificial Intelligence startet. Sie erzählt über unsere Beziehung zu Robotern, verrät, wovor wir uns zu Recht fürchten – und warum Roboter Frauennamen haben

Sie sind Roboterpsychologin – legen aber keinen Roboter auf die Couch, oder? Stimmt. Die Arbeitspsychologie kümmert sich ja auch nicht um die Psyche von Schreibtischen. In der Psychologie geht es um menschliches Erleben, Wahrnehmen, Verhalten. In der Roboterpsychologie darum, wie Menschen Roboter erleben, wie sie sich ihnen gegenüber verhalten und wie Bedürfnisse verschiedener Personen gut in der Technologiegestaltung berücksichtigt werden können.

Kann man Roboter und künstliche Intelligenz (KI) trennen? HardcoreRobotiker und HardcoreKIForscher wären wohl der Meinung: Das muss man trennen. Traditionell würde man sagen, ein Roboter muss nicht wahnsinnig intelligent sein. Der steht physisch im Raum und muss sich irgendwie bewegen. KI kann im Gegenzug auch etwas rein Virtuelles sein. So wie Siri oder Alexa, die eigentlich unabhängig von den Kastln sind, in denen sie stecken. Dass die beiden Bereiche aber immer stärker zusammenwachsen, sieht man zum Beispiel an selbstfahrenden Autos. Das sind künstliche Intelligenzen auf vier Rädern.

Den meisten Menschen fallen zwei Bilder zu Robotern ein: R2-D2 oder humanoide Gestalten. Eher C3PO, die Blechmannfigur. Es gibt ja wenige Menschen, die tatsächlich Alltagserfahrung mit Robotern haben und wenn, dann eher mit StaubsaugerRobotern oder Industrierobotern. Aber der menschenähnliche Roboter fällt allen ein.

Warum? Das Motiv des Menschennachbaus ist etwas Archaisches, das gibt es nicht erst seit der Hochblüte der ScienceFiction in den 60erJahren, sondern seit der frühesten Menschheitsgeschichte: den Golem, der aus Lehm gebaut ist, oder die griechischen Mythologie, wo Menschen und Vögel künstlich nachgebaut werden.

Oder Eva aus Adams Rippe … Das wäre dann wohl eher der 3DDruck aus Zellmaterial. Offenbar war das immer schon eine Faszination, verbunden mit ein bisschen Grusel: Können wir den künstlichen Menschen erschaffen? Manche Unternehmen benützen diese Bilder genau deshalb aus Marketinggründen. Die Menschmaschine ist hoch emotional, und man kann damit im Internet Klicks generieren. Aber es ist auch eine grobe Falschdarstellung, weil damit zum Ausdruck gebracht wird, dass die KIForschung oder die Robotik nahe daran wären, den Menschen in seiner Gesamtheit und Komplexität zu reproduzieren oder dass das zumindest das erklärte Ziel wäre. In Wahrheit ist es ein extremer Nischen bereich. Die paar Forscher, die sich damit beschäftigen, kann ich an einer Hand abzählen.

Dennoch bekommen sie Aufmerksamkeit: Sebastian Kurz hat bei seiner Japan-Reise auch Roboter Asimo besucht. Zum Teil fällt so was wohl unter Showrobotik. Ich bekomme immer wieder Anfragen von Unternehmen, die, um Zukunftsorientierung zum Ausdruck zu bringen, einen Roboter auf der Bühne brauchen. Das ist ein Businessmodell. Asimo ist ja zumindest ein jahrzehntelang fundiertes Forschungsprojekt von Honda, aber die Roboterdame Sophia zum Beispiel ist total auf Bühnenshows getrimmt. Ihr wurde die Staatsbürgerschaft von Saudi Arabien verliehen, sie war als Covermodel auf der Elle und sie hat Aussagen programmiert, dass sie heiraten will und sich eine Familie wünscht. Das verzerrt total die Wahrnehmung und befeuert Ängste. Menschen glauben dann, emotionales Erleben oder Bewusstsein wären programmierbar. Dabei hat Sophia natürlich nicht mehr Gefühle als Ihr Toaster, da helfen auch Silikonhaut und künstlicher Wimpernschlag nichts.

Haben sich unsere Gefühle Robotern gegenüber über die Jahre verändert? Sind wir aufgeschlossener als früher? Mein Doktorvater, der deutsche Medienpsychologe Markus Appel, hat dazu gerade eine EU-weite Längsschnittanalyse veröffentlicht: Da zeichnet sich seit dem Jahr 2012 eher steigende Skepsis ab. Besonders groß ist diese gegenüber autonomen Fahrzeugen. Zwar gibt es länderspezifische Unterschiede, Gesellschaften mit höherem Durchschnittsalter sind beispielsweise offener für Assistenzrobotik. Insgesamt kann man aber sagen, die Skepsis gegenüber Robotern hat zugenommen.

Weil uns die Roboter näherrücken? Das könnte gut sein. Seit einigen Jahren werden auch Risiken stärker öffentlich diskutiert: der Arbeitsplatzverlust, das Ersetztwerden. Wobei die allermeisten Menschen Roboter nach wie vor nur aus Medien kennen. Sind sie tatsächlich mit Robotern konfrontiert, flauen Ängste oft ab, weil man dann eben auch sieht, was sie alles nicht können. Damit geht eine Demystifizierung einher. Der Roboter kann mir die Socken aufheben, aber über die Stiege kommt er nicht. Ich kann mit ihm sprechen, aber er hat keinen Humor, kann nicht zwischen den Zeilen lesen. Das ist der Realitycheck, den es braucht, um Ängste abzubauen.

In welchen Bereichen sollten wir uns besser rasch an Roboter gewöhnen? In der Mobilität und im Transportbereich zum Beispiel. Selbstfahrende Fahrzeuge werden in den nächsten 15 Jahren auf die Straße kommen. Auch im Healthcare-Bereich wird intensiv an Robotern gearbeitet, die nicht mehr nur in Lagern und Kellern, sondern neben Patienten und Mitarbeitern agieren.

Menschliche Arbeitskraft wird durch Roboter ersetzt … Damit muss man ehrlich umgehen. Es gibt natürlich Arbeitsbereiche, in denen Jobs ersetzt werden. Was passiert mit Lkw-Fahrern? Oder mit Supermarkt- Kassiererinnen, die dabei zuschauen, wie die Selbstbedienungskassen neben ihnen immer besser werden? Wir müssen jetzt einen Diskurs darüber starten, welche Tätigkeiten wir in Zukunft an Maschinen abgeben möchten, wo wir uns vielleicht sogar gerne Arbeit abnehmen lassen und wo eben nicht.

Der frühere Justizminister Josef Moser liebäugelte mit Digitalisierung und KI in Gefängnissen. (Lacht.) Und es gibt ja immer diese Bugs im System. Ich weiß jetzt nicht, ob man den menschlichen Wärter oder den Roboterwärter eher manipulieren kann.

Dabei geht es bei KI doch auch darum, den Unsicherheitsfaktor Mensch auszuschalten. Bei selbstfahrenden Autos gehen jedenfalls viele davon aus, dass das Fahren im Mittel sicherer wird, weil die einfach ein paar Vorteile mitbringen, die wir Menschen nicht haben: Sie werden nicht müde, spielen nicht Angry Birds oder schreiben Whatsapp-Nachrichten. Sie können in alle Richtungen schauen und sind mit den Fahrzeugen rundherum vernetzt, während wir unsere Gehirne nicht mit anderen Verkehrsteilnehmern vernetzen können. Aber: Der Verkehr wird durch sie langsamer werden. Denn wenn das System auf maximale Sicherheit programmiert ist, wird es die Geschwindigkeit drosseln, bis nichts mehr passieren kann. Man wird da einen Kompromiss zwischen Geschwindigkeit und Sicherheit finden müssen.

Programmieren wir Menschen nicht auch die Fehler, die Roboter oder KI machen? Bei den lernenden, datengetriebenen KI ist das ein bisschen anders. Da ist etwas programmiert, dann lernen sie durch Erfahrungen, die sie sammeln, weiter. Man kann aber nicht abschätzen, wie. Darum gibt es auch eine Verantwortungsdiskussion beim autonomen Fahren, weil die Hersteller sagen: „Wir sind nicht dafür verantwortlich, was das Auto durch das Verhalten anderer im Straßenverkehr lernt.“ Beispiel Rasenmäherroboter mit KI: Wenn der Besitzer den hundert Mal durch ein Blumenbeet fahren lässt, lernt er, dass man Blumen niedermäht. Ähnlich wäre das bei selbstfahrenden Autos.

Wovor fürchten wir uns noch zu Recht? Einige Angstszenarien, über die sehr viel gesprochen wird – die Maschine mit Bewusstsein, die eigene Ideen entwickelt zum Beispiel –, haben mit dem technischen Status quo kaum was zu tun, während es gleichzeitig Risiken gibt, die schon heute relevant sind, über die aber viel zu wenig gesprochen wird. In den USA entschied etwa KI darüber, wie lange Straftäter ins Gefängnis müssen, und zwar auf Basis von früheren Rechtsentscheidungen. Der Algorithmus hat begonnen, dunkelhäutige Menschen strukturell zu benachteiligen – einfach weil er das aus den bisherigen menschlichen Urteilen so gelernt hat. Oder: Amazon hat für die Personalrekrutierung eine KI programmiert, die entscheiden sollte, wer als Softwareingenieur angestellt wird. Als Datenfutter dienten die Einstellungsmuster der letzten Jahre. Was ist passiert? Der Algorithmus hat systematisch Frauen ausgesiebt. Lässt man KI aus menschgemachten Daten lernen, spiegelt sie natürlich auch Fehler und Stereotype wider, die in den Daten drinstecken.

Wo sind wir zu sorglos beim Umgang mit KI in den eigenen vier Wänden? Man muss sich dessen bewusst sein, dass Amazon und Co. uns nicht grundlos Alexas fast gratis ins Wohnzimmer stellen. Man geht mit diesen Unternehmen den Deal ein, dass man Sprachassistenzsysteme günstig nutzen kann und dafür Daten liefert. Wir Menschen funktionieren eben so, dass der Bequemlichkeitsbenefit, der schnell da ist, stärker wiegt als Risiken, die oftmals abstrakt sind. Ich selbst habe auch eine Alexa, stecke sie aber immer aus, nachdem ich sie zum Musikhören benützt habe. Manchmal vergesse ich, und das ist dann immer so ein kleiner Gruseleffekt, wenn sich Alexa plötzlich in ein Gespräch einmischt. Aber die wirklich schrägen Sachen sieht man oft nur als Prototypen bei Konferenzen …

wie zum Beispiel? In den USA wurde letztes Jahr auf einer Tech-Konferenz ein Roboter für einsame Kinder präsentiert. Zielgruppe waren Schulkinder, deren Eltern berufstätig sind, und die am Nachmittag vom Roboter betreut werden sollen. Zu Recht war die Reaktion darauf, sagen wir mal, ambivalent.

Wie sehr spiegeln Roboter und KI ihre Erfinder wider? Momentan ist ein großes Thema, warum Sprachassistenzsysteme standardmäßig Frauenstimmen haben und ob sich die Art, wie man mit ihnen kommuniziert, zurück auf Mensch-Mensch-Beziehungen überträgt. Man muss ein bisschen aufpassen, wer diese ganzen Gadgets eigentlich entwickelt. Das ist eine relativ hohomogene Gruppe, meist jung, männlich, weiß, deren Blick auf die Welt unbewusst einfließt. Wahrscheinlich kommt es nicht von ungefähr, wenn KI-Assistenten weibliche Namen haben und man im Befehlston mit virtuellen Frauenfiguren umgeht, die rund um die Uhr verfügbar sind. Die Gefahr ist, dass dadurch Schemata eine Renaissance erfahren, die in den letzten Jahrzehnten eigentlich bekämpft wurden.

Roboter sind also eigentlich total retro … Es gibt auch Studien, die zeigen, dass Roboter mit weiblichen Features, die im Handel eingesetzt werden, Männern mehr Geld aus der Tasche ziehen und als sozial kompetenter bewertet werden als solche, die männlich wirken. Man sollte aber schon auch über potenzielle gesellschaftliche Auswirkungen solcher Ansätze nachdenken. Am Gescheitesten wäre doch, dass man Maschinen einfach als Maschinen darstellt. Von mir aus als sympathische Maschinen – aber geschlechtsneutral und ohne allzu menschenähnlichem Design. Das wäre auch deutlich kreativer. Uns Menschen gibt es ja schließlich schon.