Ständig bricht auf Fußballplätzen Gewalt aus

Das Spiel ist seit wenigen Minuten vorüber, LisaGlowatzki löst sichausdemKreis der SpielerundTrainer,der sie an der Mittellinie umfangen hat,und geht zu ihrem Vater, der am Spielfeldrand auf sie wartet. „Deine Entscheidungwarmutig“,sagt er. „Was soll ich machen?“, fragt sie und hebt leicht die Schultern. „Ich habe es so gesehen. Dann muss ich es so pfeifen.“

Sie lehnt sich an die Abgrenzung, verschränkt dieArmeauf der Stange.Vonhintennähern sicheinige der SpielerundTrainer, die sie eben an der Mittellinie abgeschüttelt hat.Sie sind nochnicht fertig mit ihr,Glowatzki sieht nicht,wie siekommen. Eine Freundin von ihr,die auf der anderen Seite der Abgrenzung steht, rückt zu ihr. „Du fährst jetzt besser schnell nach Hauseundziehst dichdortum“,sagt sie zu Glowatzki.Man wisse ja nie,was passiere. Lisa Glowatzki ist 23 Jahre alt,eine große schlanke Frau mit langem blondem Haar, die von montags bis freitags und manchmal am Samstag im Bagger- und Fuhrbetrieb ihres Vaters arbeitet und sonntags Fußballspiele in der Gegend zwischen Paderborn und Bielefeld pfeift. Das hört sich harmlos an,ist es aber nicht:Immerwieder kommt es in Amateur-Ligen zu schweren Ausschreitungen, oft sind davon Schiedsrichter betroffen. Eine Auswahl: Am 6. Mai 2018 wird ein Schiedsrichter bei einem Spiel zwischen dem SC Hertha Aisch und der Zweitvertretung der Spielvereinigung Jahn Forchheim so heftig attackiert, dass er bewusstlos zu Boden geht. Am 24. Mai 2018 schlagen bei einem Kreisligaspiel in Gelsenkirchen mehrere Männer auf einen Schiedsrichter ein. Ein Mann trifft den 21-Jährigen mit der Faust am Kopf; während der in die Kabine flüchtet, prasseln weitere Schläge auf ihn ein. Am 26. September 2018 wird ein Schiedsrichter in Rheinberg mit solcher Aggressivität von einem Spieler attackiert, dass er zunächst das Spiel abbricht und dann ins Krankenhaus fährt, um sich dort behan deln zu lassen.

Einen Monat später, am 28. Oktober 2018, treten und schlagen Spieler in einer Kölner Kreisliga auf den am Boden liegenden Schiedsrichter ihres Spiels ein. Auch er muss ins Krankenhaus. Am 10. März 2019 muss die Begegnung zwischen den Kreisligisten SV Rhenania Bottrop und SG Osterfeld III abge brochen werden. Ein Spieler hatte die Rote Karte gesehen, anschließend war der Schiedsrichter angegriffen worden. Diese Liste ist wahllos und bei Weitem nicht vollständig. Und die Angriffe auf die Unparteiischen sind Teil eines größeren Problems. Der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen, in dessen Bereich Lisa Glowatzki als Schiedsrichterin unterwegs ist, meldete, dass allein in Westfalen an jedem Wochenende etwa 80 Spiele wegen Gewalt abgebrochen werden müssen. Schlägereien in Amateur-Ligen und Attacken auf Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen, so der Verband, seien zur Regel geworden. „Obwohl es immer noch Vereine gibt, bei denen man nett empfangen wird, ist es eindeutig schlimmer geworden in den vergangenen Jahren“, sagt Glowatzki. „Da überlegt man schon, ob es einem überhaupt noch Spaß macht.“

Glowatzki steht neben ihren Eltern am Rand eines Kunstrasenplatzes in Steinheim nahe Paderborn, in wenigen Minuten beginnt das Spiel zwischen dem TSC Steinheim und der SV Dringenberg, das Glowatzki pfeifen wird. Der Platz ist leer, die Spieler sind in der Kabine verschwunden, um sich ihre Trikots überzuziehen. Glowatzki unterhält sich mit ihrem Vater, der sie zu jedem Spiel begleitet. Im Notfall, sagt er, könne er dann eingreifen.

Ein Mann stellt sich vor Glowatzki und unterbricht das Gespräch mit ihrem Vater. Er sei Lokalreporter, sagt der Mann, und wolle wissen, mit welchem Respekt Glowatzki in so ein Spiel reingehe. Immerhin sei das ein Derby, zumal noch eins, in dem eine Mannschaft komplett aus Spielern mit türkischem Hintergrund bestehe. Und deren Mentalität kenne man ja. Mit nicht so viel Respekt, sagt Glowatzki, sie habe beide Mannschaften schon mal gepfiffen, das mache es einfacher.

Der Lokalreporter zieht von dannen, die ganze Wahrheit hat Glowatzki ihm nicht erzählt. Normalerweise, sagt sie wenig später, sei sie keine allzu strenge Schiedsrichterin, mit Verwarnungen warte sie gern lange. Doch heute könne es knallen, heute müsse sie von Anfang an hart durchgreifen. Sie zieht ihre Trainingsjacke aus, ein pinkfarbenes Schiedsrichtertrikot kommt zum Vorschein. Aus einer Box unter der Tribüne – die aus ein paar Betonstufen, einem Dach und einer graffitibesprühten Wand besteht – breitet sich Deutsch-Rap über den Platz aus, ein Mann legt Würste auf den Grill, Rauch steigt auf und sammelt sich unter dem Tribünendach. Die Tribüne hat sich inzwischen gefüllt, die Männer haben sich um den Grill versammelt, die Frauen eine Bierbank geholt und sie auf der obersten Betonstufe abgestellt. „Dann wollen wir mal“, sagt Glowatzki. Sie geht los, es ist 14.57 Uhr.

Glowatzki stammt aus einer Fußballerfamilie, als Elfjährige fing sie selbst zu spielen an, vor acht Jahren begann sie, weil ihre ramponierten Knie das Fußballspielen eine Zeit lang unmöglich machten, das Schiedsrichtern – wie ihre Tante, die, laut Glowatzki, die erste Schiedsrichterin im Kreis Detmold war und bis heute Spiele leitet. Glowatzki absolvierte einen einwöchigen Lehrgang, bestand eine Prüfung, dann wurde sie zu ihren ersten Spielen geschickt. Schnell wurde ihr klar, was sie erwarten würde: Bei ihrem sechsten oder siebten Spiel, einem Pokalspiel bei den C-Junioren, verwies sie einen Torwart mit einer Roten Karte des Feldes. Anschließend, so erinnert sie sich, wurde sie von wütenden Spielern und Trainern der bestraften Mannschaft verfolgt. Von ihrem Vater und Trainern der anderen Mannschaft geschützt musste sie vom Platz begleitet werden.

Glowatzkis Mutter beschloss daraufhin, erst mal keine weiteren von ihrer Tochter geleiteten Spiele anzuschauen. Lisa Glowatzki selbst ließ sich nicht abschrecken. Die Mannschaften laufen jetzt ein, als spielten sie Bundesliga, Glowatzki – pinkfarbenes Trikot, pinkfarbene Nägel, pinkfarbenes Haarband, pinkfarbene Pfeife – vorweg, hinter ihr die Spieler, links die des TSC Steinheim, rechts die der SV Dringenberg. Es ist der zweite Spieltag nach der Winterpause in der Bezirksliga-Staffel 3 des Westfälischen Fußballverbands, der Gastgeber TSC Steinheim, Tabellenzehnter, benötigt dringend Punkte, um den Abstieg abzuwenden, der Gast SV Dringenberg, Tabellenvierter, benötigt auch Punkte, aber nicht so dringend – der Abstieg ist schon lange verhindert, und mit dem Aufstieg wird es wohl auch nichts mehr. Die Mannschaften stellen sich an der Mittellinie auf, klatschen ab, dann: Anstoß. Der Ball landet auf der linken Seite der Steinheimer, der Kapitän nimmt ihn an, dreht sich in einen Gegenspieler, fällt und schreit im Fallen nach einem Freistoß.

Glowatzki entscheidet sich gegen einen Pfiff, der Kapitän läuft auf sie zu. „Eh, eh!“, schreit er und bleibt unmittelbar vor ihr stehen. „Was soll das?“ Glowatzki erklärt ihm etwas, da lacht der Kapitän. Er tätschelt ihren Arm, bevor er davonläuft. Der Ball ist inzwischen auf der anderen Seite des Spielfelds angekommen, Glowatzki dreht sich und sprintet los. In einem Spiel läuft sie schon mal neun oder zehn Kilometer, sagt zumindest die GPS-Uhr, die sie hin und wieder trägt. Glowatzki hat an diesem Morgen schon 90 Minuten für ihre Damenmannschaft gespielt, eigentlich war nur eine Halbzeit geplant, aber dann verletzte sich eine Spielerin. Ihre Beine seien ein wenig müde, hat Glowatzki vor dem Spiel in Steinheim gesagt, aber es nützt ja nichts: Je näher sie an der Situation ist, desto besser kann sie sie bewerten, desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung, desto aussichtsreicher ist es, das Spiel ohne Ärger durchzubringen. Glowatzki versucht, vieles mit Worten zu regeln, sie verteilt hier mal einen Spruch und da einen, und wenn ein Spieler allzu leicht hingefallen ist, verzieht sie schon mal den Mund und macht „Oh“. Mit dieser Stimmung, sagt sie, sei es auf dem Platz oft am einfachsten für sie.

Glowatzki findet sich in einer merkwürdigen Rolle: Sie hat zwar die Kontrolle über das Geschehen, aber nur so lange, wie Spieler und vor allem Zuschauer ihr diese Kontrolle zugestehen. Tun sie das nicht mehr, kann Glowatzki so viele Gelbe und Rote Karten verteilen, wie sie will, das ist dann auch egal: Die Sache läuft aus dem Ruder, und manchmal braucht es die Polizei, um Schlimmeres zu verhindern.