Syrische Truppen rücken auf den Golan vor

In Idlib sind nun fast alle Regime-Gegner konzentriert. Die Provinz soll das nächste Angriffsziel sein

Syrische Truppen und ihre russischen Unterstützer haben gestern Samstag mit Luft- und Artillerieangriffen ein Gebiet an der Grenze zu den von Israel besetzten Golanhöhen unter Beschuss genommen. Das Gebiet im südwestlichsten Zipfel der Provinz Kuneitra wird vom lokalen Ableger der Extremisten des Islamischen Staats (IS) beherrscht. Gleichzeitig rückten syrische Truppen weiter nördlich in der Provinz in Dutzende von Ortschaften vor, die in den letzten Jahren von gemässigten Rebellen sowie in einigen Fällen von islamistischen Hardlinern kontrolliert wurden. Seit Beginn der Offensive vor gut einem Monat konzentrierten sich die syrischen und russischen Angriffe vor allem auf die gemässigten Rebellen in den beiden Nachbarprovinzen Daraa und Kuneitra. Nachdem ihre einstigen Unterstützer, die Amerikaner und Jordanier, klargemacht hatten, dass diese von ihnen keine Hilfe erwarten können, gaben die Aufständischen in Daraa auf. Eingezwängt zwischen Israel im Westen und dem Regime im Osten, blieb den Rebellen in Kuneitra auch nichts anderes übrig, als zu kapitulieren. Am Donnerstag willigten die meisten in ein «Versöhnungsabkommen » ein.

Ohne Unterstützung von aussen hatten die Aufständischen angesichts der schweren Luftund Artillerieangriffe nur die Wahl: entweder zu sterben oder sich zu beugen. Da die Russen wie die Syrer rücksichtslos jeden bombardierten, hätte dies nur noch mehr Leid unter der Zivilbevölkerung bedeutet, auf deren Unterstützung die Rebellen angewiesen sind. Wer sich nicht beugen will, muss sich dem Treck der Deportierten nach Idlib anschliessen. Bis zum Samstagnachmittag brachen Dutzende Busse mit Kämpfern und ihren Familien in Richtung Norden auf. Nach Angaben der in Grossbritannien ansässigen Beobachtungsstelle für Menschenrechte verliessen mehr als 2800 Personen aus Kuneitra und Daraa die Region, unter ihnen mehr als 900 Kinder.

Die Provinz Idlib im Nordwesten des Landes ist – von einem kleinen, strategisch unbedeutenden Gebiet an der irakischen Grenze abgesehen – die letzte Rebellenhochburg. Der Rest, der sich nicht unter Regimekontrolle befindet, wird von Kurden kontrolliert. Idlib ist auch eine Bastion von Extremisten aller Couleur. In der perfiden Logik des Regimes macht es Sinn, Kämpfer dorthin ziehen lassen. Es konzentriert sämtliche Regimegegner auf einem Fleck. Aus dem Umfeld des Regimes heisst es: Idlib werde das nächste Ziel sein. Die Entscheidung wird am Ende Moskau treffen. Idlib ist Teil der zwischen Russland, der Türkei und Iran vereinbarten Deeskalationszone. Hunderte türkische Soldaten sind in der Region stationiert.

Auch die IS-Extremisten in Kuneitra werden entweder sterben oder die Waffen strecken müssen. Am Freitag startete das Regime die Offensive. Durch einen Bombenangriff sollen laut der Beobachtungsstelle 26 Zivilisten getötet worden sein. Ein Korrespondent der «Jerusalem Post», der das Kampfgeschehen auf der israelischen Seite des Golan verfolgte, berichtete am Samstag von 30 Luft- und Artillerieangriffen innerhalb von drei Stunden. Israel reagierte auf das Vorrücken der Syrer bisher gelassen. Für Jerusalem zählt vor allem, dass es vom Golan keine Angriffe befürchten muss. Das soll der russische Präsident Wladimir Putin dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu zugesichert haben.