Täglich 40 Kinder Opfer von Missbrauch

Das Bundeskriminalamt verlangt mehr Befugnisse im Kampf gegen Kinderpornografie.

BERLIN (may-) Wenn jeden dritten Tag in Deutschland ein Kind unter sechs Jahren getötet wird und pro Tag 40 Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch werden, dann kann auch ein Polizeiprofi wie der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, bei der Vorlage der jüngsten Jahresstatistik nur von „erschreckenden Zahlen“sprechen. Die Realität ist noch viel schlimmer: Denn die bundesweiten Zahlen decken nur die angezeigten Taten ab. Da sich die meisten aber im persönlichen und familiären Umfeld abspielen, werden die wenigsten angezeigt. Kinderschutzexperten mahnen dringend Konsequenzen an.

So verweist die Kindheits-Forscherin Kathinka Beckmann darauf, dass die Zuständigkeiten für den Kinderschutz vor allem auf den Schultern der Städte und Gemeinden ruhen. In den Jugendämtern fehlten aber Tausende von Stellen. Zudem werde oftmals nicht das Notwendige, sondern das Finanzierbare gemacht. Rainer Becker, der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, rief die Eltern dazu auf, die Kinder vorbeugend zu erziehen. „Wichtig ist, dass die Kinder lernen: Sie haben ein Recht darauf, nein zu sagen.“

Der unabhängige Regierungsbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, appellierte vor allem an die Bundesländer, für einen ausreichend finanziellen Rahmen zu sorgen und Landesmissbrauchsbeauftragte zu berufen. Angesichts der Überforderung von Jugendämtern sei es nicht auszuschließen, dass der Kindesmissbrauch verbreiteter sei als angenommen, wenn er, wie in Lügde, sogar über Jahre hinweg unter den Augen eines ganzen Dorfes stattfinde. In dem Ort im Weserbergland waren über 40 Kinder auf einem Campingplatz über Jahre immer wieder missbraucht und dabei gefilmt worden.

Rund 4000 Verfahren wegen Kinderpornografie mussten eingestellt werden, da die Vorratsdatenspeicherung gesetzlich nicht möglich ist. Deshalb sprach sich BKA-Chef Münch nachdrücklich für die Wiedereinführung einer zehnwöchigen Speicherfrist aus. In jedem fünften Fall sei die IP-Adresse der einzige Ansatzpunkt für Ermittlungen.