Verstöpselt, berieselt, zugedröhnt: Stille wird zu einem raren Gut

Ob aus dem Kopfhörer, in der Ladenpassage oder am Open Air: Klänge sollen uns synchronisieren und auf Konsum einstimmen. Ruhe ist der grösste Luxus unserer Zeit, meint Brigitta Hauser-Schäublin.

Von hinten betrachtet, sehen manche der vor mir im Tram Sitzenden aus, als trügen sie zwei leicht verschobene Scheuklappen: links und rechts je ein Riesending, das an einem den Kopf überspannenden Bügel seitlich befestigt ist. Bei anderen hängt ein kleines Kabel zu beiden Ohren heraus. Ein weiterer Fahrgast – ein Tourist aus Asien – scheint einen Ohrpflock zu tragen. Vielleicht ein Ethnoschmuck? Gelegentlich unterhält er sich mit seinen Mitreisenden, manchmal sinniert er vor sich hin. Als er den Pflock löst, kommt ein kleines Innenohrgewinde zum Vorschein: Es ist ebenfalls ein In-Ear-Kopfhörer, diesmal kabellos.

Eines verbindet die verschiedenen Kopfhörertragenden miteinander: Gelegentlich wippen manche mit ihrem Körper, wie von einem unsichtbaren Choreografen dirigiert; andere verharren fast regungslos und horchen in sich hinein. Wirken sie nur wie ferngesteuert, oder sind sie es? Verkabelte Menschen ähneln Cyborgs, also jenen Wesen, die aus einer Verschmelzung von Mensch und Maschine beziehungsweise Elektronik bestehen. Neil Harbisson, ein in Spanien lebender Künstler und Cyborg-Aktivist, hat das alltäglich gewordene Musikhören auf die Spitze getrieben: Er hat sich eine Antenne in den Schädel einpflanzen lassen, über die er Telefonanrufe entgegennehmen, ganz profan Musik hören sowie Bilder empfangen kann, die in Klänge übersetzt werden. Musik war schon immer ein Medium der Kommunikation; sie ist in unserer Gesellschaft auch eines der Steuerung geworden. Im Unterschied zur Sprache appelliert Musik unwillkürlicher und direkter an Gefühle und kreiert Befindlichkeiten. Musik – von sanften Klängen über durchrüttelnde Rhythmen bis zum buchstäblich ohrenbetäubenden Lärm – ist zu einem ständigen, manchmal selbstgewählten, jedoch oft auch heimlichinvasiven oder sich herrisch aufdrängenden Begleiter des Alltags geworden. «Populäre Musik», wie sie Adorno genannt hat, dient trotz verschiedensten Konsumformen einem besonderen, für unsere Gesellschaft sehr typischen Zweck: dem Einstimmen auf Konsum durch Klänge, die das Wohlbefinden fördern; wenngleich die meisten Menschen, die ihre Ohren mit Schalltrichtern abdecken oder sie zustöpseln, nur das direkte Hörerlebnis zu geniessen glauben. Ob Cyborg- Aktivist oder flott ausgestattete Earphone- Träger: Jeder schafft sich, abgekoppelt von seiner direkten sozialen Umgebung, seine eigene akustische Welt; diese ist jedoch abhängig von dem, was irgendwo weit weg produziert worden ist und den Weg auf den Markt geschafft hat.

Die Beeinflussung zum Konsum funktioniert jedoch keineswegs nur mit Kopfhörern. Fast unbewusst wahrgenommen wird die akustische Berieselung von Shopping-Malls, Boutiquen, Restaurants und manchmal – wie etwa in Ascona – von ganzen Strassenzügen. Die Musik ähnelt oft derjenigen, wie sie viele Kopfhörertragende wählen. Als mehr oder weniger diskrete Hintergrundmusik jedoch kreiert sie ein Ambiente, das Angestellte und Kunden gleichschaltet. Die einen sollen zu mehr Produktivität, die anderen zu mehr Konsum angeregt werden. Die Berieselung lässt dem Publikum keine Wahl im Musikgenre; es kann sich der Invasion von Ambiente-Musik auch nicht entziehen. Man kann wegschauen, aber weghören kann man nicht. Wer eine Tour durch eine Stadt unternimmt und verschiedenste Lokalitäten betritt, wechselt von einer «Soundscape» – einer akustischen Umgebung oder Landschaft – in die nächste. In diesen Soundscapes (die oft ergänzt werden durch «Smellscapes », also versprühte Duftnoten) wird das gewünschte Image des Unternehmens vermittelt und die Besucher auf dessen Produkte eingestimmt.

Andere Events – allen voran Open-Air- Konzerte – sind keine Anlässe der leisen Töne. Musik wird zur Beschallung, nuanciertes Hören ist nicht angesagt. Die Musik – live, aber ähnlich im Stil wie Kopfhörerund Soundscape-Musik – muss, wie ein Veranstalter erklärte, mit dem ganzen Körper gespürt werden, mitvibrieren soll er. Das Gehör wird zugedröhnt, das Publikum rhythmisch synchronisiert. Die Masslosigkeit elektronischer Verstärkungsmöglichkeiten versucht die eidgenössische Schall- und Laserschutzverordnung mit Schallobergrenzen und, ähnlich wie bei Wettschiessen, mit der Verpflichtung zur Abgabe von Gehörschutzstöpseln zu dämpfen. Was für Open-Air-Besucher Musik ist, weil sie freiwillig am Anlass sind, wird für Anwohner zum Lärm, weil sie zum Zuhören gezwungen werden. Stille ist zu einem raren Gut geworden. Man muss weit hinaus in die Bergwelt, um in die Stille zu gelangen. Und auch dort jodelt und brodelt es oft überlaut aus den Lautsprechern der Alpwirtschaft, um Gäste anzuziehen. Dabei wäre es gerade die Stille, die es erlauben würde, etwa über die alltäglichen Schallinvasionen und ihre Hintergründe nachzudenken.