Viele Tote bei Raketenangriff auf Flüchtlinge

Bei einem Luftangriff auf das Camp Tadschura bei Tripolis wurden Dutzende Zivilisten getötet und verletzt. Zum wiederholten Mal gerieten Migranten und Flüchtlinge ins Kreuzfeuer.

Ein Luftangriff auf ein Internierungslager für Flüchtlinge und Migranten in Libyen hat international Bestürzung ausgelöst. Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, erklärte am Mittwoch in Genf, Zivilisten dürften niemals ein militärisches Ziel sein. Bei dem Angriff auf das Lager Tadschura östlich der Hauptstadt Tripolis waren in der Nacht zum Mittwoch mindestens 44 Menschen getötet und mehr als 130 verletzt worden. Mehr als 80 Verletzte wurden in verschiedene Krankenhäuser der libyschen Hauptstadt gebracht.

Das in dem östlichen Vorort Tadschura gelegene und zu einem Gefängnis umgebaute Lagerhaus wird von dem libyschen Innenministerium für die Unterbringung von auf dem Mittelmeer geretteten Migranten und besonders gefährdeten Familien genutzt. Vertreter des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen und die private Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen kümmern sich um die medizinische Versorgung der Insassen.

Ein in Tadschura untergebrachter Ghanaer berichtet von einer mitten in der Nacht neben dem Gelände explodierten Rakete. Da am Himmel weiterhin ein Kampfflugzeug zu hören war, gerieten die 616 Gefangenen in Panik und versuchten, aus dem verschlossenen Gebäude zu fliehen. Plötzlich sei ein Geschoss im Dach eingeschlagen, Teile des Gebäudes seien eingestürzt. Der tiefe Krater im Boden lässt auf eine von Kampfflugzeugen oder vom Boden abgeschossene Rakete schließen.

Das Lager in Tadschura liegt rund drei Kilometer von der südöstlichen Frontlinie bei Wadi Rabia entfernt. Dort kämpfen westlibysche Milizen gegen die anrückende »libysch-arabische Armee« von Feldmarschall Khalifa Haftar.

»Alle Flüchtlinge und Migranten müssen sofort aus den Internierungslagern außer Landes gebracht werden.« Prince Afrani, Ärzte ohne Grenzen Libysche Menschenrechtsaktivisten kritisieren, dass die Menschen nicht vorher aus der Nähe des Kampfgebietes evakuiert wurden.

Prince Afrani, der medizinische Koordinator von Ärzte ohne Grenzen, berichtet von Granaten, die bereits vor Wochen auf dem Gelände niedergingen. »Der Luftangriff auf das Internierungslager in Tadschura ist eine schreckliche Tragödie, die leicht zu verhindern gewesen wäre. Unsere Teams haben das Lager erst tags zuvor besucht und 126 Menschen in der Zelle gesehen, die nun getroffen wurde. Alle Flüchtlinge und Migranten müssen sofort aus den Internierungslagern außer Landes gebracht werden. Untätigkeit und Gleichgültigkeit haben erneut Geflüchtete das Leben gekostet.«

Der Bürgerkrieg zwischen Haftars ostlibyscher Armeemiliz und den mit Einheitsregierung in Tripolis verbündeten Gruppen weitet sich zum internationalen Konflikt aus. Der 80-jährige selbst ernannte Feldmarschall erhält Waffen aus Ägypten, den Vereinigten Arabische Emiraten und Russland. Französische Spezialeinheiten nutzen den Schutz der »libyscharabischen Armee« für Angriffe auf Terrorgruppen in der Sahara.