Wie ich ein Teil des Landes wurde

Teil drei unserer Serie von Kontrapunkten zur Sommertour: Erwin Wurm, Weltstar der Kunst mit Wohnsitz Niederösterreich, über sein Land, Erwin Pröll und politische Trottel

Es ist heuer 17 Jahre her, dass ich mich im Weinviertel niedergelassen habe. Das ist eine lange Zeit, und ich bin täglich froher, dass ich mich für dieses Land entschieden habe. Eine Affinität zu diesem alten Kulturland habe ich immer schon verspürt. Man muss sich nur den Dehio vornehmen, das Handbuch der Kunstdenkmäler, und weiß, weshalb: Der Dehio meines steirischen Geburtslandes ist drei Zentimeter, der von Niederösterreich fast zehn Zentimeter dick. Nirgendwo in Österreich gibt es eine solche Dichte an Kunst und ihrer Geschichte. Die Wälle und keltischen Befestigungsanlagen machen einen einzigartigen Kulturraum aus, den ich sehr schätze. Meine persönliche Favoritin inmitten dieser Fülle ist die Venus von Willendorf, womit ich aber ihrer Kollegin vom Galgenberg nicht nahetreten will. Gar nicht zu reden von meiner eigenen liegenden Venus, die ich mir vor mein Haus in die freie Landschaft gebaut habe, einem aufgeschichteten Hügel aus Gras, Erde und Bäumen, elf Meter hoch, 100 Meter lang. An ihrem Fuß steht eines meiner Fetthäuser, und wer die Venus begeht, findet viele meiner Skulpturen. Meine Venus schmiegt sich rundlich in die Landschaft und schließt das Grundstück ab. Jetzt weiden die Schafe auf ihr, und seit diesem Jahr wächst die Wiese erstmals unbeeinträchtigt in den Himmel, und ich staune, was sich in diesem Wildwuchs alles findet. Es ist nur ein kleiner Beitrag, aber wir versuchen es: Um die Natur ist es ja nicht bestens bestellt.

Dazu kommt, dass Niederösterreich im Gegensatz zu anderen Bundesländern nicht verhüttelt ist. Hier darf nur um die Orte herum gebaut werden, und dazwischen ist freier Raum. Ich blicke auf Felder statt auf Häuser, nichts stört die sanfte Weite der Weinviertler Landschaft. Das ist die Art Arbeit außerhalb der Stadt, die ich mir immer gewünscht habe. Nichts lenkt einen ab, man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Ich bin den größten Teil des Jahres unterwegs und fliege ununterbrochen zu Ausstellungen auf der Welt herum. Da sind der Rückzug, das nachdenken Können, der freie Blick in die Natur für mich sehr wichtig.

Mein Anwesen habe ich vom Stift Altenburg gekauft. Es heißt zwar Schloss, war aber ursprünglich ein großer Gutshof, und schon gar nicht habe ich es gekauft, weil es sich Schloss nennt. Es waren die riesigen Wirtschaftsgebäude, die am Ende den Ausschlag gegeben haben. Die habe ich alle zu Ateliers umgebaut. In der riesigen Sommerhalle für die Mähdrescher und im 50 Meter langen Kuhstall stehen jetzt meine großen Skulpturen und in den Schütthäusern die etwas kleineren. Ich habe 1.500 Quadratmeter Arbeitsraum in einer Landschaft, die ich liebe!

Ein Kapitel, das ich nicht vergessen will, betrifft Erwin Pröll, von dem sich viele opportunistisch abgesetzt haben, als er die Macht abgegeben hatte. Er hat Künstler in einem für Österreich einzigartigen Maß angezogen, weil er sie respektiert und willkommen geheißen hat. Das ist für einen Politiker keine Selbstverständlichkeit. Ich habe seit meiner Jugend einen Wohnsitz in Wien, habe dort lang gelebt – aber Michael Häupl habe ich nicht kennengelernt.

Nicht, dass ich das gebraucht hätte. Aber Pröll hat mich gewonnen, weil er sich um mich bemüht hat. Er ist auf mich zugegangen. Er hat mir geschrieben, wie er sich freut, dass ich nach Niederösterreich ziehe. Er würde mich gern kennenlernen. Und so war das mit den vielen, vielen anderen auch, mit Peter Turrini, Michael Haneke, Robert Menasse, denen keine Nähe zur ÖVP unterstellt werden kann. Darum ist er auch mit Hermann Nitsch befreundet, der bestimmt keine Wählerstimmen bringt: Es ist das Gefühl, geschätzt zu sein, obwohl man nicht einmal seine Partei wählt.

Wir brauchen kein Geld. Das Staatskünstlergerede ist unsinnig. Auch Nitsch finanziert sich seine Spiele selbst. Ich selbst habe – den Großen Österreichischen Staatspreis ausgenommen – seit Jahrzehnten nie einen Cent vom Staat genommen. Seit ich Anfang 30 war, habe ich nie um eine Subvention angesucht. Ich will vom Staat nicht abhängig sein. Aber geschätzt statt – wie es einem Künstler leicht passieren kann – schief angeschaut zu werden: Das ist ein gutes Gefühl, genug, um alle Voraussetzungen zu verändern. Unter Johanna Mikl-Leitner hat sich das zumindest nicht verändert, obwohl sie naturgemäß andere Prioritäten hat als der Kunstversteher Pröll. Es ist gut so, wie es ist, und mehr brauche ich nicht, weil ich ja Nähe zur Politik nie gesucht habe. Das war auch besser so, weil es nichts gibt, was in Österreich nicht gern gegen einen Künstler verwendet wird.

Schön ist auch, wie ich ein Teil dieses Landes wurde. Am Anfang hat man mich im Ort misstrauisch betrachtet. Da kommt einer aus der Stadt! Dann habe ich wegen des Lastwagenverkehrs die Mauer, die das Grundstück Jahrhunderte lang umgeben hatte, wieder errichten lassen. Alles war genehmigt, alle Verfahren waren abgeschlossen, die Anrainer hatten zugestimmt, da durfte ich in der lokalen Presse lesen: „Künstler baut sich in Nacht- und Nebelaktion Mauer.“

Da war ich beunruhigt, aber alles hat sich gelegt, und ich komme mit den Menschen hier gut aus und habe sie schätzen gelernt. Sie leben in einer eigenen Welt und schauen die Städter schief an, weil die Städter auch die Landbevölkerung schief ansehen. Es gibt beiderseits genügend Missverständnisse, die alle mit der verschiedenartigen Herangehensweise an die Realität zu tun haben. Zum Beispiel bin ich zu meinem anfänglichen Erstaunen darauf gekommen, dass viele Bauern die Bäume nicht mögen, weil sie Mist machen. Während für den Städter der Baum kultischen Rang einnimmt. So etwas löst sich nicht von selber auf.

Habe ich noch etwas zu Niederösterreich zu bemerken? Ja, die Nachricht der News-Redaktion mahnt mich, die politische Lage nicht zu vergessen – die Wiener Neustädter Kellersänger und wie seitens gewisser Landespolitiker mit Flüchtlingen umgegangen wird. Darf ich ehrlich sein? Die Trottel kenne ich nicht. Aber ich verwahre mich gegen Hysterie im Umgang mit Flüchtlingen. Ein paar aus dem Nachbarort haben übrigens angefragt, ob für ein Fest meine Schafe zu verkaufen sind. Sie waren es nicht, und wir leben alle in Frieden.