Wir spielten wie im Traum

Tischtennisweltmeister Steffen Fetzner, 50, über die Sensation im Doppel vor 30 Jahren.

SPIEGEL: Herr Fetzner, 1989 wurden Sie zusammen mit Jörg Roßkopf, dem heutigen Bundestrainer, in Dortmund Weltmeister im Doppel. Zaubern Sie heute noch an der Platte?
Fetzner: Zaubern ist zu viel gesagt, aber ich konnte mit meiner Mannschaft in Oldenburg gerade den Aufstieg in die Oberliga feiern.

SPIEGEL: Sie sind zurzeit bei der WM in Budapest. Was machen Sie da? Fetzner: Ich bin Produktmanager einer Firma für Tischtennisausrüstung, bei mir dreht sich immer noch alles um den kleinen Ball. Die WM ist wie eine große Messe.

SPIEGEL: Vor 30 Jahren gingen Sie als Außenseiter ins Turnier, oder?
Fetzner: Wir hofften auf eine Medaille. An mehr als das Halbfinale war aber überhaupt nicht zu denken, denn wir prallten dort quasi auf die Chinesische Mauer. Chen Longcan und Wei Qingguang waren damals Titelverteidiger und Olympia – sieger – da war eigentlich nichts zu holen.

SPIEGEL: Wie haben Sie die Mauer eingerissen?
Fetzner: Wir konnten frei aufspielen, die waren etwas verunsichert. China hatte den Mannschaftstitel zuvor überraschend an Schweden verloren, und außerdem wurden wir von einer unfassbaren Euphorie getragen. Wir hatten in der Westfalenhalle 10000 Fans im Rücken und spielten wie im Traum.

SPIEGEL: Sie zogen ins Endspiel ein. Dort, gegen Zoran Kalinić und Leszek Kuchar – ski, lief es zunächst nicht optimal für Sie.
Fetzner: Das kann man wohl sagen. Ich ha – be erst bei 8:10 im zweiten Satz meine erste Rückhand getroffen. Aber damit war der Knoten geplatzt. Ich muss gestehen, dass zuvor eine gewisse Nervosität herrschte, die mein Partner schneller ablegen konnte.

SPIEGEL: Letztlich konnte Roßkopf im dritten Satz den vierten Matchball nutzen.
Fetzner: Ich war in unserer Kombination der Vorbereiter – er der Vollstrecker. Beim Matchball hätte er normalerweise eine diagonale Topspin-Vorhand gespielt. Aber er zog parallel zum 21:19 ab. Wenn es drauf ankam, packte Jörg immer die besten Schläge aus.

SPIEGEL: Es blieb bis heute der einzige deutsche WM-Sieg. Welche Folgen hatte Ihr Erfolg für das Tischtennis?
Fetzner: Es brach ein Boom aus, ähnlich wie durch Boris Becker und Steffi Graf im Tennis. Wir bekamen TV-Zeiten, Sponsoren stiegen ein, und die Mitgliederzahlen in den Vereinen schossen nach oben.

SPIEGEL: Kassierten Sie eine Weltmeisterprämie?
Fetzner: Es gab Geld vom Verband, eine Prämie vom Ausrüster, bessere Sponsorenverträge und ein Fahrrad von Kettler. Leider wurde mir dieses von mir gepflegte Er inne – rungsstück bei einem Umzug geklaut.