Wir trinken noch immer unser herbes Mohrenbier

Mit dem Romandebüt „Schlafes Bruder“ schrieb der Vorarlberger Robert Schneider ein gewichtiges Stück Literaturgeschichte. Heute lebt er als kluger Beobachter in seinem Elternhaus. Eine Liebeserklärung mit Kanten.

Wie soll ich über das Land schreiben, in dem ich aufgewachsen bin? Wie hätten Sie es gern? Das Folgende kann ich Ihnen – mit Ihnen meine ich übrigens niemand, weil ich davon ausgehen darf, dass niemand diesen Artikel lesen wird – anbieten: Ich könnte in klassischer Bernhard-Manier auf den folgenden drei Seiten alles und jeden beleidigen, das oder der mir gerade zu Vorarlberg einfällt. Den Landeshauptmann, den Zeitungsverleger, die Bregenzer Festspiele, die Immigranten (die aus der EU, vornehmlich die Deutschen), die Luft, die Berge, das Wasser. Ich könnte aber auch den umgekehrten Weg gehen, so à la Stifter, und in geschraubten Sätzen alles über den grünen Klee loben und behübschen. Eine Meditation über die Langeweile sozusagen.

In meiner Kindheit gab es in meinem Dorf zwei Müllhalden. Keine wilden, aber auch keine offiziellen. Einfach Müllhalden. Sie lagen an Felsvorsprüngen, darunter war dichter Wald. Dort kippten wir den Plunder, den wir nicht mehr brauchten, hinunter. Bis in die frühen 80er-Jahre war das so. Durchgelegene Matratzen, Kühlschränke, kaputte Fenster oder Glastüren, Autoreifen, rostige Eisenteile usw. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein Umweltverschmutzer zu sein, weil man bis zuletzt alles reparierte, was noch irgendwie zu reparieren war. Wir lebten allen Ernstes in vollendeter Harmonie mit unserer Umwelt. Die Müllhalden wuchsen auch nicht sonderlich an, weil es wenig Müll gab. Das Moos und der wilde Efeu überzogen alles mit einem wunderschönen Grün, auch die Lachen aus Altöl. Apropos Altöl: Mein Vater fand sogar noch dafür Verwendung, indem er die Bretterwände unseres Bauernhauses damit anstrich. Das sei gut gegen den Holzwurm, behauptete er. Krumme, rostige Nägel klopfte er an Winterabenden zu Tausenden geduldig gerade. Man konnte alles wiederverwenden, und das Klopapier für das stille Örtchen schnitt meine Großmutter mit dem Küchenmesser aus der Tageszeitung zurecht. Ich habe viele Jahre meinen Hintern mit den „Vorarlberger Nachrichten“ gewischt, ohne dieser Zeitung in irgendeiner Weise zu nahe treten zu wollen.

Hole ich diese Erinnerungen herauf, merke ich erst, wie sehr sich das Leben in meinem Land verändert hat. Ganz augenfällig wird es, wenn ich auf die „Egg“ wandere, einem Aussichtspunkt in meinem Dorf, von dem aus ich das gesamte Rheintal – vom Bodensee bis zum Walgau – überblicken kann. Aus klar umrissenen Dörfern sind Großgemeinden geworden. Alles drängt und windet sich in- und gegeneinander. Wen wundert’s, dass sich in Vorarlberg kein Mensch mehr ein Haus leisten kann, geschweige ein Grundstück mit einem Haus drauf. Aber das war schlechthin die Identität des Vorarlbergers, nämlich das eigene Häuschen, erbaut durch eigener Hände Arbeit. Das Bauen erledigen jetzt große Architekturbüros und noch größere Bauträger. Weil man in Vorarlberg die Schuhschachtelbauweise erfunden hat, finden das alle toll. (Der Vorarlberger gehört zur Gattung der Herdentiere.) Jeder will in so einem Betonkasten mit Flachdach und großfassadigen Fenstern ohne Vorhänge wohnen. Wer noch ein Satteldach haben will, gehört zu den Ewiggestrigen. Man ist modern und denkt global, auch wenn das Flachdach nach fünf Jahren bereits undicht ist, weil es eben so viel regnet und wir nicht in Griechenland leben. Die hochgepriesene Schuhschachtelbauweise hat übrigens einem Berufsstand wieder zu Ansehen verholfen, der schon fast ausgestorben war – der Bausachverständige. Was hier in diesem Land wegen verdeckter Baumängel prozessiert wird, geht auf keine Kuhhaut, weshalb Vorarlberg ein trefflicher Ort für Rechtsanwälte ist, eine Kanzlei zu eröffnen.

Wir redeten noch im Dialekt miteinander, grüßten einander mit „Heile!“ oder „Heil!“. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass das politisch unkorrekt ist. Sollten Sie einen Vorarlberger einen anderen Vorarlberger mit diesem Wort sich begrüßen hören, tun Sie ihnen bitte nicht Unrecht. Das hat ganz und gar nichts mit Nazigruß zu tun. Aber wirklich nicht. Wir trinken noch immer unser herbes „Mohrenbier“, das als Logo den Kopf eines Afrikaners mit wulstigen Lippen und krausen Haaren zeigt. Kein Mensch kommt hierzulande auf die Idee, dass die Mohrenbräu rassistisch ist. Als Cliff Richards ein Konzert in Bregenz gab, danach unfassbar Durst hatte, ein Mohrenbier serviert bekam und fürchterlichen Krawall schlug, sich aber heimlich eine ganze Palette nach Amerika schicken ließ, was dummerweise publik wurde, gab es eine kurzzeitige Diskussion über das geliebte Bier. Die Diskussion verebbte rasch. Ein Vorarlberger lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Dass dem Vorarlberger eine gewisse Nekrophilie anhaftet, leugnet er selber nicht. Die Zeitung, die er täglich liest, ist nämlich voll mit großund kleinformatigen Todesanzeigen, Danksagungen, Nachrufen und Jahresgedächtnissen. Ganz unbegreiflich für Zeitungsverleger aus dem Ausland, zumal die Erblichenen im VierFarbenDruck mit rosigen Wangen aus der Todesanzeige heraus den geneigten Leser anlächeln. Allerdings ist dieser Trend im Abnehmen. Die junge Generation liest keine Zeitung mehr. Ich kann mich aber noch gut daran erinnern, als meine Mutter die Zeitung aufschlug und mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Schauder die Todesanzeigen studierte. „Was, die? Die wurde nur 52!“ Es ist ein gutes Land, ein unfasslich schönes Land. Ich habe weder den Bernhard’schen noch den Stifter’schen Zugang zu meinen Landsleuten. Sie sind mundfaul, ja, und, wie ein altes Sprichwort hier besagt, treiben sie einander bis zum Rheinufer, aber nicht in den Rhein hinein.