Wirtschaft leidet unter stark steigenden Strompreisen

Vor gut zwei Jahren erreichten die an den europäischen Börsen bezahlten Strompreise immer neue Rekordtiefen. Die Schweizer Stromproduzenten wehklagten. Die Unternehmen dagegen rieben sich die Hände. Nun hat sich das Blatt gewendet. Laut René Baggenstos vom Energiedienstleister Enerprice hat sich der Börsenpreis von Strom innert der letzten eineinhalb Jahre verdoppelt. Grund sind vor allem steigende Notierungen für Öl, Kohle und Gas.

Das treibt auch die Tarife in die Höhe, welche Unternehmen ihren Lieferanten für den Strombezug bezahlen müssen. «Viele Unternehmen haben mit deutlich tieferen Stromkosten kalkuliert. Jetzt stehen ihre Einkäufer unter Druck», sagt Baggenstos. Ähnlich präsentiert sich die Situation in Deutschland. Dort seien viele Unternehmen angesichts der stetig sinkenden Strompreise träge geworden, schrieb kürzlich das «Handelsblatt». Jetzt sei die Ernüchterung gross. Laut Tomo von Felten vom Beratungsunternehmen Ompex haben viele Schweizer Unternehmen Stromlieferverträge abgeschlossen, die zwei bis drei Jahre lang laufen. Werden solche Verträge jetzt erneuert, geschehe dies zu einem viel höheren Preis, erklärt von Felten.

Bei vielen Schweizer Unternehmen machen die Stromkosten zwar keinen allzu grossen Anteil an den Gesamtkosten aus. Trotzdem kann es rasch um Tausende von Franken gehen, wie Roland Odermatt vom unabhängigen Beratungsunternehmen Swenex erläutert. Eine Pizzeria oder eine Bäckerei muss im Vergleich zu den Zeiten mit den tiefsten Strompreisen im Jahr 2016 heute pro Jahr rund 6000 Fr. mehr bezahlen. Bei einem grösseren Hotel oder einem Warenhaus können schnell einmal 50 000 Fr. oder mehr zusätzlich fällig werden.

Dazu kommt laut Odermatt, dass in den letzten Jahren die Abgaben stiegen. So wurde die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) erhöht, mit der erneuerbare Energien gefördert werden. Vielerorts stiegen die Stromrechnungen auch, weil die Gemeinden höhere Abgaben von den Stromversorgern verlangen. Solche werden zum Beispiel für die Nutzung des Bodens für Stromleitungen fällig. Betroffen vom Anstieg der Strompreise sind auch viele der über 700 Stromversorger. Die meisten besitzen keine Kraftwerke, sondern kaufen den Strom auf dem Markt. Bisher war die Strombeschaffung für viele Versorger kein sehr wichtiges Thema, «da die Preise jedes Jahr etwas gesunken sind und das Budget kontinuierlich unterschritten werden konnte», erklärt Tomo von Felten von Ompex. Nun hat sich die Situation deutlich verändert. Die Versorger wollen nun wissen, «warum der Preis plötzlich so viel höher ist und wie solche Sprünge entstehen können», sagt Tomo von Felten.

Angesichts des zunehmenden Auf und Ab an den Strommärkten treten viele Unternehmen die Strombeschaffung an spezialisierte Dienstleister ab. Gerade für kleinere Firmen ist der Markt zu kompliziert, die Risiken kaum noch seriös abschätzbar. Beratungsunternehmen entwickeln Beschaffungsstrategien, welche die Ausschläge bei den Strompreisen möglichst dämpfen. Dies, indem sie zum Beispiel einen Teil des 2020 oder 2021 benötigten Stroms schon heute einkaufen. Die Preise, die an der deutschen Strombörse für die Jahre 2020 und 2021 bezahlt werden, deuten derzeit zwar auf eine Entspannung der Situation hin. Mittelfristig sieht René Baggenstos von Enerprice trotzdem eher einen weiteren Anstieg der Strompreise. So klettert der Preis für CO2-Zertifikate stetig in die Höhe. Vor einem Jahr lag er noch bei 8 Franken, heute bei 16 Franken. Viele Beobachter erwarten einen weiteren Anstieg. «Das wird den Strom aus Kohlekraftwerken verteuern und den Strompreis insgesamt weiter steigen lassen», erklärt Baggenstos.