Zelle des Profits

Weltweit arbeiten Forscher, Konzerne und Start-ups an neuen Krebsmedikamenten. Sie versprechen Patienten Heilung, den Pharmariesen Milliarden – und sie sind so teuer, dass sie das Gesundheitssystem sprengen könnten. Sind bestimmte Therapien bald nur noch was für Reiche?

Der durchsichtige Beutel ist so groß wie ein Trinkpäckchen und mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt. Er liegt in einem Reinraumlabor, auf einer sterilen Werkbank, und eine Laborassistentin, eingehüllt in einen weißen Overall, versehen mit Handschuhen und Mundschutz, nimmt ihn in die Hand – so respektvoll, als handelte es sich um einen Kunstschatz von singulärem Rang. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch. Der Beutel enthält eines der teuersten Medikamente der Welt, hergestellt für einen einzigen Patienten, der in der Uniklinik Köln um sein Leben kämpft. Gerno Schmiedeknecht schaut der Assistentin durch ein versiegeltes Glasfenster bei ihren Handgriffen zu. „Wir haben mit diesem Präparat wahrscheinlich schon Dutzenden Krebspatienten das Leben gerettet“, sagt der Manager am Leipziger Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI). Eine einzige Infusion könne reichen, um schwer Leukämiekranke zu heilen.

Die Forscher produzieren das Mittel mit dem Namen Kymriah seit Herbst 2018 im Auftrag des Schweizer Pharmakonzerns Novartis. Kymriah – dahinter verbirgt sich eine der ersten zugelassenen sogenannten CART- Zelltherapien: Mediziner entnehmen Patienten weiße Blutkörperchen – die Abwehrtruppen des menschlichen Immunsystems – und richten sie mithilfe von Gentechnik gegen die Krebszellen ab.

Solche Therapien, in denen der Arzt als eine Art Waffenexporteur auftritt, der den Körper des Patienten gleichsam aufrüstet, sind eine der großen Hoffnungen der Medizin im Kampf gegen den Krebs. Da sie deutlich besser auf die individuelle genetische Disposition eines Patienten abgestimmt sind als herkömmliche Verfahren wie die Chemotherapie, trauen ihnen Experten deutlich bessere Heilungschancen zu. Mediziner sind optimistisch, während der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ einen großen Schritt nach vorn zu kommen.

Gesundheitsminister Jens Spahn mutmaßte vor ein paar Wochen sogar, die Krankheit sei in 10 bis 20 Jahren womöglich besiegt. Bei Konzernen und Biotech-Start-ups herrscht wegen dieser Perspektiven Goldgräberstimmung. Zuweilen ist die Euphorie allerdings verfrüht, wie der jüngste Skandal in Heidelberg zeigt: An der dortigen Universität feierten Mediziner kürzlich einen Brustkrebs-Test, der, wie sich herausstellte, noch Jahre von der Marktreife entfernt war. Nicht alle neuen Präparate dürften halten, was ihre Entwickler versprechen – teuer sind sie in jedem Fall. Eine einzige Behandlung mit Kymriah etwa kostet 320000 Euro. Auch bei anderen neuen Verfahren sind sechsstellige Summen üblich – auch dann, wenn sie das Leben der Patienten nur um einige Monate verlängern. Jährlich erkranken rund 18 Millionen Menschen an Krebs, in Deutschland sind es 500000. Da die Bevölkerung altert, soll die Zahl in den den kommenden zehn Jahren auf 600 000 steigen.

Deutlich mehr Patienten bei deutlich steigenden Behandlungskosten – das droht die Krankenkassen, das Gesundheits- und Solidarsystem zu überfordern. Neue Preiskonzepte wie Pay for performance, die Medizinunternehmen und ihre Medikamente nach Erfolg bezahlen, dürften den Druck allenfalls lindern. Können sich künftig nur noch Reiche teure medizinische Therapien leisten – und ihre Chancen auf Heilung verbessern? Wer entscheidet nach welchen Kriterien, welche Behandlung welchen Patienten zugutekommt und welche nicht? Jährlich sterben 200000 Deutsche an Krebs. Welcher Krebspatient darf künftig hoffen, dem großen Gleichmacher Tod eine Zeit lang zu entkommen – zu welchem Preis? Schon heute geben Ärzte unter der Hand zu, dass Gesundheit eine Frage des Geldbeutels ist – dass sie aus Kostengründen nicht immer jedem ihrer Patienten das beste Krebspräparat verschreiben.

„Großartiges Potenzial“
In den Kalkulationen der Branche spielen ethische Fragen keine Rolle. Die Analysefirma Evaluate Pharma schätzt, das sich der globale Umsatz mit Krebsmedikamenten bis 2024 auf mehr als 200 Milliarden US-Dollar verdoppeln wird. Und Severin Schwan, Chef des Schweizer Pharmagiganten Roche, spricht von einer „faszinierenden Entwicklung mit großartigem Potenzial“ bei den neuen Therapien. Neben Roche und Novartis setzen vor allem die US-Hersteller Bristol-Myers Squibb und Merck & Co. große Hoffnungen in neue Antitumormittel. Das Merck-Präparat Keytruda könnte im kommenden Jahr Erlöse in Höhe von zehn Milliarden US-Dollar einfahren – und zu einem der umsatzstärksten Medikamente überhaupt avancieren. Auch deutsche Gründer sind euphorisch.

Das Mainzer Unternehmen Biontech mit seinen über 1000 Mitarbeitern entwickelt individuelle Impfstoffe gegen Krebs; sie sind, wenn alles glatt läuft, bereits in der ersten Hälfte des kommenden Jahrzehnts verfügbar. Vorstandschef Ugur Sahin hat mit dem deutschen Krebspreis gerade eine der wichtigsten wissenschaftlichen Auszeichnungen erhalten – sehr zur Freude von Milliardär Thomas Strüngmann: „Biontech kann das Amazon der Biotechbranche werden.“ Strüngmann verdankt sein Vermögen der Gründung und dem Verkauf des Generikaherstellers Hexal und ist neben Biontech noch in gut einem Dutzend weiterer Medizin- Start-ups investiert. Auch SAP-Gründer Dietmar Hopp mischt mit.

Im Fokus der Forscher und Gründer steht nicht nur die Therapie von Krebs, sondern auch seine Diagnose. Das hessische Unternehmen Zyagnum hat nach eigenen Angaben einen Test entwickelt, der Tumore rechtzeitig und zuverlässig entdecken kann. Möglich machen sollen es zwei Biomarker, die mithilfe farblich markierter Antikörper in einer Blutprobe nachgewiesen werden. Der erste signalisiert eine Störung im Prozess des geplanten Zelltodes – nur wenn sie vorliegt, entstehen Tumorzellen. Der zweite kennzeichnet ein Gen, das in Tumorzellen aktiviert wird und zur verstärkten Bildung von Milchsäure führt, die das Wachstum von Tumorzellen vorantreibt. Erste Studien haben gezeigt, dass das neue Verfahren Tumore mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 bis 97 Prozent erkennt.

Zyagnum vermarktet den Test über Partner bereits in europäischen und asiatischen Ländern; Deutschland soll möglichst bald folgen. Das Verfahren soll relativ einfach und günstig sein. „Eine Blutentnahme ist ausreichend für die Untersuchung und kann von jedem Hausarzt vorgenommen werden“, verspricht Gründer und Vorstand Ralf Schierl. Die Untersuchung selbst finde in spezialisierten Laboren statt.
Falsche Heilsversprechen

Maren Müller* erhielt die Diagnose spät – aber nicht zu spät. Vor rund fünf Jahren entdeckten Ärzte bei der damals 24-Jährigen einen bösartigen Tumor der Gallengänge. Es folgte eine Chemotherapie, dann eine Operation – doch kurz darauf waren wieder Metastasen gewachsen. Eine weitere Chemotherapie schlug nicht mehr richtig an. Müller erzählt ihre Geschichte mit fester Stimme, von draußen scheint die Sonne in das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg, in dem an diesem Tag Anja Karliczek (CDU) zu Gast ist. Die Forschungsministerin hat am Morgen einen Krebsforschungskongress eröffnet. Nun berichten Wissenschaftler und Patientin, wie erfolgreich eine personalisierte Krebsmedizin wirken kann.

Bei der Untersuchung von Müllers Tumor entdeckten die Mediziner eine Genveränderung, die auch bei schwarzem Hautkrebs auftritt. Sie entschieden, eine bislang nur für dessen Behandlung zugelassene Immuntherapie auszuprobieren. Müller erhielt zwei Jahre lang alle drei Wochen eine Infusion des Merck-Präparats Keytruda. Das kostete fast 250000 Euro. Zum Glück, sagt Müller, habe ihre Krankenkasse der Behandlung zugestimmt. Die Therapie sei viel besser zu vertragen gewesen als die Chemotherapie.Die Behandlungstermine hätten statt eines Tages nur eine halbe Stunde gedauert. Vor allem aber wirkte das Präparat: Bei Müller kann der Krebs nicht mehr nachgewiesen werden. Womöglich hätten andere Patienten Tumore mit der gleichen Genveränderung wie sie – ohne es zu wissen. Deshalb „wäre es gut, wenn jeder individuelle Forschung und Behandlung bekommt“.

In Heidelberg wird daran gearbeitet. Der Standort steht für Exzellenz in der deutschen Krebsforschung – und dafür, wie Forscherehrgeiz und Gewinnerwartungen unseriöse Heilsversprechen begünstigen. „Sensation aus Deutschland. Bluttest erkennt Brustkrebs“, titelte die „Bild“-Zeitung am 21. Februar – tatsächlich ist der Test noch mindestens acht Jahre von der Zulassung entfernt.

Die Heidelberger hatten ihre Laborergebnisse noch nicht mal in einem wissenschaftlichen Fachjournal publiziert. Nur einen Monat später entschuldigte sich die Uniklinik dafür, falsche Hoffnungen geweckt zu haben – und setzte eine Kommission zur Aufklärung ein. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt. Sie nimmt Aktienkäufe bei der Firma NKY Medical unter die Lupe, weil sich Insider, die womöglich bereits von der anstehenden Veröffentlichung wussten, frühzeitig mit deren Aktien eingedeckt haben könnten. Das Unternehmen sollte den Test in China vermarkten. Seit der Fakultätsrat am 30. Januar entschieden hatte, mit dem Krebstest an die Öffentlichkeit zu gehen, war sein Aktienkurs um 82 Prozent gestiegen.

Das ist ein klares Indiz für die Krebsbesiegungsfantasie, die von vielen Forschern, Unternehmern und Investoren Besitz ergriffen hat. Fantasie – oder Fantasma? Hoffnung – oder Wahn? „Bei der hochinnovativen CAR-T-Therapie gibt es ganz tolle und auch sehr emotionale Fälle von Heilung“, sagt Karl Nägler, Partner bei der Investmentgesellschaft Gimv, die bei zahlreichen Biotechunternehmen engagiert ist. Das Verfahren sei auch sehr teuer und mit hohem logistischem Aufwand verbunden: „Das wird eine Nische für seltene Krebserkrankungen bleiben.“ Nägler kann sich nicht vorstellen, dass damit etwa Brustkrebs behandelt wird. Auch die Immuntherapie, bei der das Immunsystem gegen den Krebs in Stellung gebracht wird, bringt deutliche Fortschritte, einerseits: „Viele Patienten mit rasch fortschreitendem Krebs sind auf einmal stabil und haben seit Monaten, einige seit Jahren, keinen Rückfall mehr erlitten“, sagt Bernhard Wörmann, Krebsmediziner an der Charité in Berlin. Doch auch hier gibt es immer wieder Rückschläge.

So testet etwa der deutsche Merck-Konzern seinen Wirkstoff Avelumab in mehr als 30 klinischen Studien an mehr als 10000 Patienten mit 15 unterschiedlichen Tumorindikationen. Bislang hat das Unternehmen aber nur Zulassungen für den Einsatz gegen eine seltene Form von Hautkrebs sowie gegen Blasenkrebs erhalten. Studien zu Eierstock-, Magen- und Lungenkrebs brachten nicht die gewünschten Ergebnisse. Wolf-Dieter Ludwig, Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, fürchtet, dass wegen der Aussicht auf hohe Profite auch Kliniken Behandlungen vornehmen, die dafür gar nicht geeignet sind. Er spricht sich für genau vorgegebene Therapieabläufe und eine Mindestinfrastruktur in behandelnden Krankenhäusern aus. Onkologe Ludwig weiß, dass neuartige, individuelle Therapien Patienten etwa beim schwarzen Hautkrebs und bei Lungenkrebs in fortgeschrittenem Stadium helfen können. „Allerdings werden nur sehr wenige geheilt – und das mitunter zu enorm hohen Kosten.“