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Deutschland hat die erste Corona-Phase zwar gut überstanden

Das Problem ist zwischen vier und siebeneinhalb Zentimeter lang, nimmt bis zu 1000 Mikroliter auf und kostet schon mal 18 Cent pro Stück. Es ist eine Pipettenspitze, gebraucht wird sie in Labors, und das Problem ist nicht die Spitze selbst, sondern dass es zurzeit nicht genug davon gibt.

Mit Pipettenspitzen saugen Labormitarbeiter Flüssigkeiten an, die möglicherweise Sars-CoV-2-Viren enthalten. Je mehr auf Corona getestet wird, desto höher ist der Bedarf. Und in diesem Winter wird der Bedarf noch einmal deutlich steigen.Die Frage, wie Deutschland durch die nächsten Wochen und Monate kommt, durch den Herbst und den Winter der Pandemie, hängt also auch an der Pipettenspitze. Der Mangel war absehbar und vermeidbar, wie so vieles von dem, woran es bei der Bekämpfung des Virus gerade hakt. Man hätte nur im Sommer schon handeln müssen. Doch da passierte zu wenig.

Diese Woche stand im Zeichen einer positiven Nachricht und unerwarteter Hoffnung: dass tatsächlich schon bald ein Impfstoff gegen das Virus verfügbar sein könnte. Die Unternehmen Biontech und Pfizer hatten einen Erfolg bei der gemeinsamen Entwicklung des ersehnten Präparats verkündet (siehe Seite 108). Was in der Freude fast unterging: dass die Zeit bis zur massenhaften Impfung der Bevölkerung noch sehr lang und hart wird. Die Neuinfektionen müssen weiter mit den bislang verfügbaren Mitteln eingedämmt werden.

Aus der ersten Corona-Welle ging Deutschland als international bewundertes Vorbild hervor. Es war gelungen, die Zahl der Toten niedriger zu halten als in anderen Ländern, zugleich die wirtschaftAnsteckunlichen Schäden mit milliardenschweren Hilfsprogrammen abzufedern. Nun, in der zweiten Welle, droht manches, wovon man im Frühjahr gerade noch verschont geblieben ist, und es könnten dort, wo zwischen März und Mai noch Disziplin und Vorsicht herrschten, Entwicklungen aus dem Ruder laufen. Die Regierungen von Bund und Ländern wirken in diesen Tagen seltsam schlecht vorbereitet – dabei hatte man das alles eigentlich schon mal hinter sich, hätte also seine Lehren ziehen können. Die Gründe für die Nachlässigkeit liegen im Sommer, der für die meisten Bürger so viel normaler verlief als befürchtet. Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, die Deutschen fuhren in den Urlaub, und die Politik versäumte es, sie auf die Zeit danach einzustimmen.

Es war auch zu verführerisch, endlich mal keine Hiobsbotschaften oder Beschränkungen verkünden zu müssen, selbst Kanzlerin Angela Merkel, sonst eine tief besorgte Mahnerin in der Pandemie, war den Sommer über erstaunlich leise. Die fatale Folge aber war, dass das Land auch dann in diesem Modus der Lockerheit blieb, als die Zahlen schon wieder nach oben gingen. Die Politik hätte früher umschalten müssen, statt später flehentlich an die Vernunft zu appellieren, doch die Regierenden hatten offenbar wenig Lust, die entspannte Stimmung zu zerstören. Dies war das eine große, psychologische, kommunikative Versäumnis. Die anderen Versäumnisse waren praktischer Natur. Die Politik hätte den Sommer besser nutzen müssen, um nachzuarbeiten, wo die erste Welle Schwächen offengelegt hatte. Einiges wurde erfolgreich umgesetzt, aber es blieben auch Dinge liegen, wurden verschleppt, vergessen. Es war ein Sommer der Sorglosigkeit. Nun holt er uns ein.

Und damit noch mal zur Pipettenspitze, die Roger Hillert dieser Tage in Atem hält. Hillert ist Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie im Medizinischen Labor Ostsachsen in Görlitz, und derzeit jagt er im Fachhandel nach Einwegartikeln für den Laboralltag; neben Pipettenspitzen sind das etwa Tupfer oder auch Probenständer. Es fehlt an beinahe allem – und die Anforderungen an Labors, die sogenannte PCR-Tests durchführen, steigen. »Unsere Kapazität liegt eigentlich bei 3000 Tests in der Woche, aktuell machen wir 6000«, sagt Hillert.

Derzeit seien »Bestellungen von mehreren Hunderttausend« Tupfern offen, sagt er. »Gestern kamen 10000 aus Holland, das rettet uns erst mal bis in die nächste Woche.« Doch normale Bestellungen seien nicht mehr möglich, die Lieferanten teilten den einzelnen Labors schon Kontingente zu. »Wir bestellen zehn Kisten und bekommen eine.« Auch die Preise stiegen. Die Kosten für einen guten Abstrichtupfer seien von 50Cent auf 1Euro geklettert. Das nächste Problem sind die Probenständer, mit denen jeweils 96 Patientenproben in den Analyseautomaten bugsiert werden – offenbar hapert es mit der Lieferung von Kunststoff, wie so oft aus China. Auch wenn das Gesundheitsministerium nun mitteilt, es habe »Materialkontingente für die Labors« gesichert, bleibt Hillert besorgt: »Wir wissen manchmal nicht, ob wir morgen noch arbeiten können.« Es herrsche eine brutale Mangelwirtschaft, »das ist teils schlimmer als zu DDR-Zeiten«. Ausgerechnet Tests – sie sind eines der zentralen Instrumente zur Eindämmung der Pandemie. Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt, dass in der kalten Jahreszeit bis zu 3 Millionen Tests pro Woche notwendig sein könnten –machbar seien derzeit maximal 1,96 Millionen.

Das brisante Thema wurde vergangene Woche im Corona-Kabinett beraten. Dabei ging es auch um die Antigentests, die nach der neuen Teststrategie von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für mehr Sicherheit in Kliniken und Altenheimen sorgen sollen. Dafür hat sich das Ministerium bis Jahresende 26,5 Millionen solcher Tests vertraglich gesichert. Doch schon jetzt ist klar, dass diese nicht reichen. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) warnte, dass die Kapazitätsgrenze bei den Schnelltests bald erreicht sei. Ein 200-Millionen- Euro-Programm soll die Produk - tion im Inland nun ankurbeln.

»Das Testen ist grundsätzlich weiter entscheidend, um Infektionen zu identifizieren. Deswegen müssen wir die Kapazitäten erhöhen. Leider ist das bisher nicht in ausreichendem Maße geschehen«, kritisiert Innenminister Horst Seehofer (CSU). Spahn musste sich im Frühjahr schon einmal ähnliche Kritik anhören. Damals waren Masken Mangelware – ein Grund dafür, dass die Regierungen von Bund und Ländern lange zögerten, eine Maskenpflicht auszusprechen. Auf die Knappheit bei den PCR-Tests reagierte das ihm unter - stellte RKI nun, indem es seine Empfehlungen an die Ärzte anpasste. Nun gilt, dass nicht mehr jeder Schnupfenpatient getestet wird. Ärzte sollen sich auf Risikogruppen und besonders Betroffene konzentrieren: Kranke mit eindeutigen Covid-19-Symptomen wie Fieber, schwerem Husten, Atemnot, Geschmacksverlust. Alle anderen müssen sich für mindestens fünf Tage isolieren.

 

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