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Ein exklusiver Auszug aus dem Buch »Ein verheißenes Land« von Barack Obama

 

In den folgenden zwei Tagen setzten wir den Staatsbesuch weitgehend wie geplant fort, sogar als amerikanische und britische Kriegsschiffe begannen, Tomahawk-Marschflugkörper abzufeuern und libysche Luftabwehrstellungen zu zerstören. Ich traf mich mit einer Gruppe amerikanischer und brasilianischer Firmenchefs, um mit ihnen über Möglichkeiten zur Intensivierung der Handelsbeziehungen zu sprechen. Ich nahm an einem Cocktailempfang mit Regierungsvertretern teil und ließ mich mit amerikanischen Botschaftsmitarbeitern und ihren Familien fotografieren.

In Rio de Janeiro hielt ich vor zweitausend prominenten Brasilianern aus Politik, Zivilgesellschaft und Geschäftswelt eine Rede über die Herausforderungen und Chancen, denen sich unsere Länder als die zwei größten Demokratien Amerikas gegenübersahen. Aber nebenher erkundigte ich mich immer wieder bei Tom (dem Nationalen Sicherheitsberater Thomas Donilon –Red.) nach den neuesten Berichten aus Libyen und stellte mir die Szenen vor, die sich fast neuntausend Kilometer entfernt abspielten: das Rauschen von durch die Luft sausenden Raketen, die Kaskade von Explosionen, Trümmer und Rauch, die Gesichter von Gaddafis Gefolgsleuten, die den Himmel nach Gefahren absuchten und ihre Überlebenschancen einschätzten. Ich war abgelenkt, aber mir war klar, dass meine Anwesenheit in Brasilien wichtig war. Besondere Bedeutung hatte sie für die Afrobrasilianer, die etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes stellten und so wie die Schwarzen in den Vereinigten Staaten unter tief verwurzeltem – und oft geleugnetem – Rassismus litten und überwiegend in Armut lebten. Gemeinsam mit Michelle und den Mädchen besuchte ich eine weitläufige Favela im Westen von Rio, wo wir uns in einem Jugendzentrum den Auftritt einer Capoeira-Truppe ansahen. Danach spielte ich mit einer Handvoll Jugendlichen ein wenig Fußball. Als wir die Einrichtung verließen, waren draußen Hunderte Menschen zusammengeströmt.

Die Leute vom Secret Service ließen nicht zu, dass ich einen Spaziergang durch das Viertel unternahm, aber ich überredete sie, mich durch das Tor hinausgehen zu lassen, damit ich die Menschen begrüßen konnte. Ich stand in einer engen Gasse und winkte den schwarzen, braunen und kupferfarbenen Gesichtern zu. Die Menge drückte gegen die Polizeiabsperrung, auf Dächern und kleinen Balkonen drängten sich Menschen, darunter viele Kinder. Als ich ins Gebäude zurückkehrte, sagte Valerie (Jarrett, eine enge Beraterin und Freundin –Red.), die uns auf dieser Reise begleitete, lächelnd zu mir: »Ich wette, dass dieses Winken das Leben einiger dieser Kinder für immer verändert hat.« Ich fragte mich, ob es wirklich so war. Dasselbe hatte ich am Anfang meiner politischen Reise gedacht, und nicht zuletzt mit diesem Wunsch hatte ich Michelle gegenüber meine Kandidatur für das Präsidentenamt gerechtfertigt: Der Wahlsieg und die Präsidentschaft eines Schwarzen würden die Art und Weise verändern, wie schwarze Kinder und Jugendliche sich selbst und ihre Welt betrachteten.

Und doch war mir bewusst, dass jegliche Wirkung, die meine flüchtige Gegenwart auf diese Kinder in den Favelas haben mochte, selbst wenn sie einige von ihnen veranlasste, selbstbewusster zu sein und größere Träume zu wagen, die zermürbende Armut nicht beheben konnte, die ihr Leben beherrschte – die schlechten Schulen, die ungesunde Luft, das schmutzige Wasser und das Chaos, in dem viele von ihnen ums Überleben kämpfen mussten. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte ich das Leben von Kindern und Familien, die in Armut lebten, bisher praktisch nicht verbessert, nicht einmal in meinem eigenen Land. Ich war schon allein davon in Anspruch genommen, dagegen anzugehen, dass sich die Lebensumstände der Armen in den Vereinigten Staaten und weltweit weiter verschlechterten: Sorge zu tragen, dass eine globale Rezession nicht noch mehr Menschen in die Armut abrutschen ließ oder dass sie deren ohnehin schwache Position auf dem Arbeitsmarkt zerstörte; einen Klimawandel zu verhindern, der womöglich tödliche Flut- und Sturmkatastrophen zur Folge hätte; und im Fall Libyens die Armee eines Verrückten daran zu hindern, die Menschen in den Straßen niederzumähen. Meine Bemühungen waren in meinen Augen nicht wertlos gewesen, aber ich durfte mich nicht der Illusion hingeben, dass ich auch nur annähernd genug getan hatte.

Auf dem kurzen Rückflug zum Hotel im Marine-One-Helikopter schwebten wir an den wunderschönen bewaldeten Bergen entlang, die die Küste säumen. Unvermittelt kamen der kegelförmige Gipfel des Corcovado und das Wahrzeichen Rios in Sicht, die dreißig Meter hohe Statue des Cristo Redentor. Wir hatten für denselben Abend einen Besuch dort oben geplant. Ich lehnte mich zu Sasha und Malia hinüber und zeigte auf die weltberühmte Statue: eine in eine Tunika gehüllte Figur mit weit ausgebreiteten Armen, die sich weiß vom blauen Himmel abhob. »Schaut … da fahren wir heute Abend hin.« (...) Als wir später im Garten unseres Hotels beim Abendessen saßen, teilte man uns mit, dass der Corcovado in dichten Nebel gehüllt sei, weshalb der Ausflug zum Cristo Redentor möglicherweise ausfallen werde. Malia und Sasha wirkten nicht allzu enttäuscht. Ich hörte ihnen zu, wie sie sich beim Kellner nach den Desserts erkundigten, und war ein wenig gekränkt durch ihre mangelnde Begeisterung. Da ich die Entwicklung in Libyen verfolgen musste, bekam ich meine Familie bei dieser Reise noch weniger zu Gesicht als daheim in Washington, und diese Situation verstärkte ein Gefühl, das mich in letzter Zeit allzu oft beschlich: Meine Töchter wurden schneller erwachsen, als ich erwartet hatte. Malia war drauf und dran, sich in einen Teenager zu verwandeln: In ihrem Mund schimmerte eine Zahnspange, das Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, ihr Körper wirkte in die Länge gezogen, als wäre er in ein unsichtbares Gestell gespannt worden, sodass sie über Nacht lang und dünn und fast so groß wie ihre Mutter geworden war.

Wenigstens Sasha, mittlerweile neun Jahre alt, sah mit ihrem süßen Lächeln und ihren Grübchen in den Wangen noch wie ein Kind aus, aber in ihrem Verhalten mir gegenüber hatte ich eine Veränderung bemerkt: Sie hatte weniger Vergnügen daran, von mir gekitzelt zu werden, und wirkte oft ungehalten und ein bisschen peinlich berührt, wenn ich in der Öffentlichkeit versuchte, sie an die Hand zu nehmen. Ich wunderte mich immer wieder darüber, wie stabil die beiden waren, wie gut sie sich an die sonderbaren und außergewöhn - lichen Umstände angepasst hatten, unter denen sie aufwuchsen, wie natürlich sie blieben, egal, ob sie an einer Audienz beim Papst teilnahmen oder eine Tour durch die Shoppingmall machten. Vor allem hatten sie eine Abneigung gegen jede besondere Behandlung oder übertriebene Aufmerksamkeit; sie wollten einfach wie die anderen Kinder in der Schule sein. (Als einer von Sashas Klassenkameraden am ersten Tag des vierten Schuljahrs versucht hatte, sie zu fotografieren, hatte sie ihm eigenhändig die Kamera entrissen und ihn gewarnt, er solle das ja nicht noch mal versuchen.) Mit ihren Freunden trafen sich beide Mädchen lieber in deren Häusern, was sicher zum Teil daran lag, dass in diesen Haushalten weniger strenge Regeln dafür galten, welche Süßigkeiten man essen und wie viel Zeit man vor dem Fernseher verbringen durfte, hauptsächlich aber daran, dass sie an diesen Orten eher das Gefühl hatten, normale Kinder sein zu können, selbst wenn vor der Tür ein Wagen des Secret Service wartete. Ihr Verhalten war nachvollziehbar, doch leider war ihr Leben gerade dann, wenn sie mit mir zusammen waren, besonders unnormal. Ich fürchtete, dass ich die kostbare Zeit mit ihnen verpasste, bevor sie das Nest verließen… Marvin (Nicholson, der Verantwortliche für alle Reisen des Präsidenten –Red.) trat an den Tisch. »Alles klar«, sagte er. »Der Nebel hat sich aufgelockert.« Wir stiegen in den SUV und fuhren kurze Zeit später im Dunkeln eine gewundene dreispurige Straße hinauf, bis unser Konvoi plötzlich an einem großen, mit Scheinwerfern ausgeleuchteten Vorplatz zum Stehen kam. Eine massive, schimmernde Gestalt schien uns durch den Dunst zu sich zu winken. Wir gingen die Stufen hinauf und legten die Köpfe in den Nacken, um sie ganz zu sehen. Sasha griff nach meiner Hand, und Malia legte einen Arm um meine Taille.

»Sollen wir beten oder so was?«, fragte Sasha. »Warum nicht?«, antwortete ich. Wir standen Arm in Arm schweigend mit gebeugten Köpfen da, und ich wusste, dass zumindest eines meiner Gebete an diesem Abend schon erhört worden war. Ob unsere kurze Pilgerfahrt auf diesen Berggipfel in Rio de Janeiro dabei half, dass mein anderes Gebet erhört wurde, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich weiß jedoch, dass die ersten Tage des Militäreinsatzes in Libyen so gut wie nur möglich verliefen. Gaddafis Luftabwehr wurde rasch zerschlagen. Die Europäer hatten die versprochenen Kampfflugzeuge entsandt (Sarkozy sorgte dafür, dass ein französisches Flugzeug als erstes in den libyschen Luftraum eindrang), die eine Reihe von Angriffen gegen die auf Bengasi vorrückenden Truppen flogen. Nach wenigen Tagen zogen sich Gaddafis Truppen zurück; in großen Teilen Ostlibyens hatten wir de facto eine Flugverbotszone durchgesetzt, und auch Truppenbewegungen am Boden waren kaum noch möglich.

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